U-Boot Modellbau-   
                                                     Fantasy-Roman   von mir -
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Buch:1

 

Die vergessenen Tore der Atlanter.

 

 

Die vergessenen Tore der Atlanter.

Ich musste unbedingt zurück. Der Schreck saß mir noch in den Knochen, wenn ich an den gestrigen Tag dachte.

Mein Name ist Kristian, ich war jetzt 25 Jahre alt und betreute im Dorf eine Gruppe Jugendlicher und unterrichtete sie einmal in der Woche in Selbstverteidigung und Stockkampf.

Es war mein erster Urlaubstag gewesen. Weil ich mir am Vortag einen alten Ritterfilm angesehen hatte und von vergrabenen Schätzen und Geheimgänge geträumt hatte, war mir unsere alte Burg Falkenhorst eingefallen. Ich war schon eine Weile nicht mehr dort gewesen.

Ich machte mich also auf, der Burg einen Besuch abzustatten.

Dem Namen alle Ehre machend, lag sie auf einen der höchsten Punkte in dieser Gegend. Drei Seiten wurden von sanft abfallenden Felswänden begrenzt. Burg war zuviel gesagt, da nur noch bescheidene Reste von der wohl einstigen Pracht übrig waren. Man konnte noch einzelne Fensternischen erkennen, die Aussparungen im Mauerwerk, wo einmal die Tragebalken für die Decken und Fußböden gelegen hatten. Ein halber Torbogen ragte aus der Mauer hervor und würde sicher bald in sich zusammen fallen.

Da, wo vielleicht einmal eine Zugbrücke den Feinden das Eindringen verwehrt hatte, lag der Rest der Burg jetzt für jeden Besucher frei zugänglich dar. Einen Graben, falls es ihn einmal gegeben hatte, war längst dem Erdboden gleichgemacht worden. Trotzdem ließ sich noch erahnen, wie mächtig einst die Burg ausgesehen haben mochte.

Der best erhaltene Teil der Burg war der Bergfried. Dieser war einmal der höchste Teil der Burg, von der Spitze aus konnte das Umfeld beobachtet werden. Er diente auch als letzte Zufluchtsstätte der Belagerten. Eckig steht er nahe der äußeren Burgmauer, die teilweise nicht mal mehr ihre halbe Höhe hatte.

Eine zweite Mauer, die nur noch hier und da, andeutungsweise zu sehen war, mochte einmal die Burg in einem größeren Ring zusätzlich umschlossen haben. Soweit ich mich erinnern konnte, sprach man dann von einem Zwinger. Hier mussten sich die Kräutergärten befunden haben. Ebenso die Pferdeställe und die Häuser der Diener und Leibeigenen.

Als ich die Burg faßt erreicht hatte, setzte ich mich mit Blick auf die Burg ins Gras. Mein Rücken lehnte gegen einen großen Stein, der sicher noch eine Hinterlassenschaft aus der Eiszeit war.

Ein Blick auf die vorbeiziehenden Wolken, die Burg vor mir, Sonnenschein und Urlaub, was wollte ich mehr. Wie von selbst vielen mir die Augen zu. Ich dachte über das Leben in der Burg nach. Sich vorzustellen wie die Bewohner ausgesehen haben mochten, wie sie gelebt hatten. Eingestimmt vom Leben auf der Burg, öffnete ich die Augen und blickte verklärt zur Burg hinüber.

Zuerst undeutlich und verschwommen, sah ich zwischen dem Bergfried und der Außenmauer, ein seltsames Flimmern. Sicher reflektierte eine zerbrochene Flasche das Sonnenlicht. Neugierig geworden, konzentrierte ich mich und sah genauer hin. Plötzlich wurde mir kalt, eine leichte Gänsehaut kroch über meinen Körper und absolute Stille breitete sich aus. Mein Körper kribbelte wie ich es von der Meditation kannte wenn ich einen bestimmten Zustand erreichte. Ich vergaß Raum und Zeit. So, als schaute man durch ein Guckloch, öffnete sich ein stetig größer werdender runder Ausschnitt, die Konturen des Randes verschmolzen im silbrigen Licht. Eine vollständig erhaltene Burg bot sich meinen Augen dar. Die Burg in alter Pracht. Der Bergfried hatte eine Größe, wie ich ihn mir nicht im Traum vorgestellt hätte. Auf ihn wehte eine Fahne, deren Wappen ich nicht erkennen konnte. Mitten auf dem Burgplatz, sehe ich einen Brunnen mit einem Dach aus Holzschindeln. Plötzlich ließ die Stille nach.  Vogelgezwitscher, wiehern eines Pferdes und der Klang eines Amboss war zu hören. Ehe ich wusste wie mir geschah, begann sich das flimmernde Fenster wieder zu schließen. Ich dachte noch, jetzt fängst du schon am hellen Tag an zu träumen und zu phantasieren, als sich das Fenster gänzlich schloss.

Mit einem Schlag sah ich die traurigen Überreste der Burg wieder vor mir. Etwas war mit mir geschehen. Ich war mir sicher, dass ich nicht geträumt hatte. So sehr ich meine Augen auch anstrengte und zur Burg blickte, es änderte sich nichts mehr. Traurig und verlassen wirkte jetzt das gewohnte Bild der verfallenen Burg.

Es war mir nicht neu, das es schon oft vorgekommen war, hauptsächlich an historischen Orten, dass Personen, die sich gegen altes Gemäuer oder Heiligtümer gelehnt hatten, sich plötzlich in einer anderen Zeitepoche wiederfanden. Dort hatten sie Dinge gesehen, die der heutigen Zeit teilweise noch unbekannt waren. Ich hatte aber nichts dergleichen getan, der Stein hinter mir, gegen den ich lehnte, konnte wohl auch nicht der Auslöser gewesen sein, obwohl er sicher schon so mancherlei gesehen hatte. Vielleicht war ich vorhin in einen ungewollten meditativen Zustand geraten. Kurt lästerte immer wenn ich meditierte und er mich schon mal in einem abwesenden Zustand vorgefunden hatte. Schon seit längerer Zeit hatte ich mich der Meditation verschrieben.

Die Kälte wich langsam aus meinem Körper und machte der wohltuenden Wärme der Sonnenstrahlen Platz. Ich blickte zur Burg.

Mir viel ein, dass ich als Auslöser zuerst ein Flimmern zwischen dem Burgfried und der Außenmauer gesehen hatte. Da ich das Geschehen noch nicht verkraftet hatte und mir der Schreck noch zu schaffen machte, schob ich weitere Überlegungen erst einmal beiseite. Auf jeden Fall wollte ich im Moment nicht mehr zur Burg, weil mir das alles zu unheimlich war.

Unweit der Burg Falkenhorst, am Talrand mit Blick auf die Burg, wohnte mein Freund Kurt mit seiner jüngeren Schwester Jessika, der Großvater und Maria die Haushälterin. Es war das Haus ihrer Eltern, einem alten Anwesen. Es lag wie auf einem Präsentierteller inmitten grüner Wiesen, rundherum hatte man freie Sicht, einen Nachbarn gab es nicht. Wenn ich so darüber nachdenke, das Haus musste bestimmt einige hundert Jahre alt sein. Hinter dem Haus steht ein Stall, der auf uralten Fundamenten erbaut war. In ihm standen drei Reitpferde. Ein schlanker Turm aus Bruchsteine erbaut, streckte sich in die Höhe, und war an einer Seite mit dem Stall verbunden.

 

Ich drehte mich um und sah, dass eine Reiterin in vollem Galopp auf geradem Wege auf mich zu kam. Jessika, Kurts Schwester, wer sollte es anders sein. Ihr enges Reitdress brachten ihren schönen Körper voll zur Geltung und lenkten meine Gedanken in eine andere Richtung. Sie brachte ihr Pferd vor mir zum Stehen und blickte lächelnd auf mich herab. Das lange blonde Haar, welches sie meistens zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte, wurde jetzt durch die Reitkappe gebändigt. Obwohl ich sie schon seit unserer Kindheit kannte, hatte ich eigentlich nie mehr Gefühle für sie empfunden, als einer Schwester gegenüber. Als ich jetzt zu ihr hoch in ihre Augen blickte, wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass sich etwas geändert hatte.

»Störe ich?« fragte Jessika. »Ich wollte dich nicht aus deinen Träumen reißen.«

Bevor ich antworten konnte, sprang sie mit einem Satz vom Rücken ihres Pferdes.

»Was ist passiert, du siehst so blass aus?«

»Was ich gesehen habe glaubt mir sowieso keiner« sagte ich, »ich kann es ja selbst nicht glauben.«

»Erzähl schon.«

Sie setzte sich zu mir, in einer Hand hielt sie die Zügel. Unsere Blicke trafen sich, mir wurde zum ersten Mal richtig bewusst, wie schön sie war. Ich atmete den Duft ihres Parfüms ein.

Jessika wusste dass ich meditierte. Ich hatte schon mal versucht ihr die Vorzüge zu erklären und sie darin einzuweisen, sie hatte einfach kein Interesse. Ich war damals froh, dass sie mich nicht ausgelacht hatte. Da der Stein nicht viel Platz bot, saßen wir bald eng beieinander, was mir sehr geviel. Ich wollte gerade meinen Arm um ihre Schulter legen, da sprang sie auf. »Was ist denn jetzt, willst du mich nicht in deine Geheimnisse einweihen?«

»Das werde ich tun,« sagte ich, »aber lass mich eine Nacht darüber schlafen.«

»Wie du willst, wann lässt du dich mal wieder bei uns sehen, wir könnten zusammen ausreiten?«. Eine Antwort nicht abwartend, schwang sie sich auf ihr Pferd und galoppierte heimwärts. Auch ich beschloss nach Hause zu gehen.

Mein Zuhause, welches abseits am Dorfrand stand, kam einem kleinen Knusperhäuschen gleich. Ich hatte es günstig erwerben können, als die vorherige Besitzerin in hohem Alter starb. Ich kannte sie noch aus meiner Jugendzeit. Oft hatten wir in ihrem Garten Kirschen und Äpfel gepflückt. Jetzt war es mein Zuhause.

Ich machte mir einen Kaffee und setzte mich nach draußen. Die Obstbäume hingen voll. Leider wusste ich mit dem Obst nichts anzufangen. Ich hatte schon überlegt mir ein paar Ziegen anzuschaffen, die das Obst verwerten und den Rasen kurz halten sollten. Darum würde ich mich später kümmern. Morgen in der Frühe wollte ich mich erneut zur Burg begeben, danach würde ich weiter entscheiden.

Ich stand früh auf, weil ich keine Zuschauer wollte, wenn ich mir die Stelle, von der das Flimmern ausgegangen war, anschaute. Voller Ungeduld wäre ich am liebsten den ganzen Weg gerannt, meine schweren Wanderschuhe machten mir dies aber unmöglich. Angekommen, schaute ich mich im Burghof um. Links das ehemalige Wohnhaus, leere Fensterhöhlen, auf der rechten Seite der Bergfried, an dem die Burgmauer lehnte. Nichts deutete auf den gestrigen Vorfall hin. Ich war mir sicher, dass hier am Bergfried die richtige Stelle war. Vielleicht hatte ich doch alles nur geträumt. Solange ich die Stelle auch anstarrte, es passierte nichts. Oder doch? Ich hörte Stimmen. Auch das noch, die ersten Touristen waren schon angekommen.

Ich zog mich auf die andere Seite zurück. So schnell wollte ich nicht aufgeben. Mir viel ein, dass ich bei meiner Meditation die Visualisierung zu Hilfe genommen hatte. Dies ist eine Technik, die sich der Vorstellungskraft bedient, um geistige Bilder des jeweils erstrebten Gegenstandes oder Zustandes zu erzeugen. Je aktiver die Phantasie arbeitet sich ihrer zu bedienen, desto kraftgeladener wird sie. So wird eine Tür zwischen der Welt, der gewöhnlichen Wirklichkeit und der geistigen Welt geöffnet. Was würde passieren, wenn ich diese Technik jetzt und hier anwende? Würden die Touristen etwas mitbekommen? Wahrscheinlich, denn dieses spielte sich ja nicht nur in meinem Kopf ab. Ich habe das Flimmern nicht in Gedanken, sondern mit eigenen Augen gesehen. Um Klarheit zu bekommen, musste ich einen Versuch wagen. Ich schaute mich um, die Luft war rein. Ich fixierte die vermeintliche Stelle am Bergfried an. In Gedanken stellte ich mir das Flimmern vor, ähnlich der Spitzen eines lodernden Feuers oder der Fata Morgana in der Wüste. Ich hatte die Öffnung ja schon gesehen und konnte sie deshalb vor meinem geistigen Auge entstehen lassen. Zunächst passierte nichts. Ich verstärkte meine Konzentration und spürte plötzlich ein leichtes Kribbeln auf meiner Kopfhaut, das sich über den ganzen Körper ausbreitete, je mehr ich mich konzentrierte. Als sich auch noch eine leichte Gänsehaut einstellte, wusste ich dass etwas passieren würde. Plötzlich sah ich das Flimmern. Es war fast durchsichtig und stieg vom Boden empor. Ein angstvolles Kreischen ließ mich hochfahren, mit der Konzentration war es vorbei, das Flimmern erlosch.

Ein kleines Mädchen stand rechts hinter mir. Ich hatte sie nicht kommen gehört. Es weinte und zeigte auf die Stelle, auf die ich mich gerade noch konzentriert hatte.

Schnell schaute ich mich um. Es war sonst keiner in meiner Nähe, der vielleicht auch etwas gesehen haben könnte. Da kam auch schon der Vater des Kindes, durch die Schreie seines Kindes alarmiert, angerannt. Sein Gesicht verdüsterte sich, als er nur sein Kind und mich wahrnahm. Das Kind wollte sich nicht beruhigen und zeigte immer wieder auf die Stelle, die zu meinem Glück, nicht in meiner direkten Nähe war. Als der Vater mich wieder anschaute, zeigte ich ein unschuldiges Gesicht und zuckte nur mit den Schultern. Der Vater nahm seine Tochter an die Hand und beide verließen den Burghof. Endlich war die Ruhe wieder hergestellt. Das wäre beinah schief gegangen. Trotzdem hatte sich der Morgen gelohnt. Ich wusste wie ich die Öffnung ins Mittelalter aktivieren konnte, und dass auch andere diese sahen, und wahrscheinlich auch hindurch gehen konnten, wenn sie geöffnet war.

Für heute war der Tag gelaufen. Der nächste Besuch hier musste abends, besser nachts stattfinden. Zum einen weil ich dann sicher sein konnte dass mir keine Touristen in die Quere kamen, zum anderen konnte ich nur im Dunkeln durch das Tor in die Vergangenheit gehen, da ich nicht wusste was mich auf der anderen Seite erwartete. Ziemlich aufgeregt wäre ich am liebsten zu Jessika gerannt um ihr alles zu erzählen. Irgendwann würde ich sowieso nicht mehr daran vorbei kommen. Vielleicht hatte sie den Zwischenfall vom Vortag, als wir uns am Stein trafen, auch schon vergessen. Anderseits war es vielleicht sinnvoll, wenn jemand wusste was ich vorhatte. Was wäre, wenn ich es nicht schaffen würde aus der anderen Welt zurückzukommen. An diese Möglichkeit mochte ich gar nicht denken. Bevor ich mich auf das Abenteuer einlassen würde, musste ich zumindest eine Nachricht hinterlassen und Jessika oder jemand anderes, so weit wie nötig einweihen. Ich drehte mich um und machte mich auf den Heimweg. Noch ganz gefangen vom Geschehenen schaute ich rechts auf die andere Seite ins Tal hinunter zum Haus von Jessika. Sicher war sie jetzt zu Hause. Da ich sonst nichts vorhatte, konnte ich sie genau so gut besuchen. Vielleicht traf ich auch Kurt an, den ich schon länger nicht mehr gesehen hatte. Kurt war Immobilien-Makler und deshalb viel unterwegs, ebenso wie seine Eltern. Von Kurt hatte ich auch den Tipp erhalten über den Verkauf meines späteren Hauses.

Kurts Haus war von einem hohen schmiedeeisernen Zaun umgeben. Vom Eingangstor aus, durch eine kleine Parkanlage getrennt, lag das Haus etwas höher.

»Warum kommst du nicht herein,« tönte es hinter einen Bambusstrauch hervor, »warst lange nicht hier.« Eine Harke in der Hand und eine Zigarre im Mund kam mir Kurts Großvater John entgegen. Wir sagten alle nur Großvater zu ihm, was ihn nicht im Geringsten störte. Er hatte ein freundliches Gesicht, das von einem Bart eingerahmt war. Trotz seines hohen Alters von über achtzig Jahren, war er noch gut beisammen. Ich konnte mir gar nicht vorstellen dass er jemals anders ausgesehen hätte. Schnuppernd hebt er seine Nase. »Riechst du es auch? Maria hat einen Kuchen gebacken.« Maria war die Köchin und Haushälterin in einem. Hungrig wie ich war ließ ich es mir nicht zweimal sagen. Eine breite hohe Treppe führte zu einer zweiflügeligen Eingangstür, umgeben von wildem Wein. Jessika hatte uns durch das Fenster gesehen und kam uns durch die Tür entgegen. Wie nicht anders zu erwarten mit ihrem lustig tanzenden Pferdeschwanz, ihrer weißen Bluse und der engen Jeans. Es war schon ein erfreulicher Anblick. Ich lachte sie an, »ich war oben auf der Burg, als ich an deine Einladung dachte.«

»Seit wann brauchst du eine Einladung, du weist dass du immer willkommen bist.« Großvater grinste, nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarre, und verschwand hinter einer grauen Wolke. »Nun kommt schon herein.«

Jessika packte meine Hand und zog mich hinter sich her. »Bist du immer so stürmisch?« fragte ich, hielt aber weiter ihre Hand fest umschlossen. Mir geviel es ihre Hand zu halten. Wir durchquerten die hohe holzgetäfelte Eingangshalle. Das verblichene Holz schaffte eine dunkle Atmosphäre. Fasst wie in einer Burg, waren die Wände mit mittelalterlichen Gegenständen dekoriert. Selbst eine Ritterrüstung fehlte nicht. Ich weiß noch, dass Kurt und ich früher versucht hatten diese Rüstung anzulegen. Wir hatten erfahren, dass ein neuer Briefträger seinen Dienst antrat. Kurt hatte eine Stunde in der Rüstung verharrt, ehe sich sein Opfer näherte. Er war neu hier, stand in der Halle und schaute sich um. Natürlich interessierte ihn der einsame Ritter. Die Hände auf das Schwert gestützt, stand Kurt jetzt hier, immer mit der Erwartung ein Opfer möge endlich erscheinen. Er tat einen schweren Seufzer. Der Postbote zuckte zusammen, schaute zuerst den Ritter an, dann hinter sich. Er näherte sich wieder dem Ritter. Ein breites Visier und der Helm verdeckten Kurts Gesicht.

Der Postbote ging auf Nasenlänge an das Visier heran, und schaute durch den schmalen Schlitz, der die Augen bedeckte. Als er die Bewegung und das Weiße in Kurts Augen sah, erschrak er so, dass seine Hände vorschnellten als wolle er ein Gespenst von sich wegstoßen. Kurt, durch das lange Stehen geschwächt, hob das Schwert um die Balance zu halten. Er trat einen Schritt zurück, die Schwertspitze zeigte auf die Brust des Postboten. Um das Gleichgewicht zu halten, hob Kurt das Schwert mit beiden Händen als wollte er ihm den Kopf abschlagen. Mit weit aufgerissenen Augen floh der Postbote schreiend aus dem Haus und ward nicht mehr gesehen. Dieses war wörtlich zu nehmen, da beim nächsten Mal ein anderer Postbote erschien.

Mittlerweile waren wir in der Küche angekommen. Jessika versuchte meine Hand los zu lassen. Ich lachte sie an, zog sie zu näher an mich heran. Sie blickte mich überrascht an, wusste nicht was sie davon halten sollte. »Kinder,« sagte Großvater, »nun setzt euch doch endlich an den Tisch.« Der Tisch war groß, auf der langen Seite hätten je sechs Personen Platz gehabt. Jessikas Eltern hatte nie viel Wert auf Etikette gelegt. Solange keine Gäste im Hause waren, aß man lieber in der Küche als im Esszimmer. Sie reisten viel und waren deshalb zurzeit nicht anwesend.

»Maria,« sagte Großvater, »wir alle haben den lieblichen Duft deines Kuchens gerochen, jetzt zeige uns dass er auch so gut schmeckt.« Maria schüttelte den Kopf.

»Großvater,« sagte ich, »wo ist der Brunnen geblieben der mitten im Burghof stand?«

»Woher weißt du das da einer gestanden hat?« fragte er.

»Soviel ich weiß, hat es da nie einen gegeben aber es gibt hier irgend wo einen alten Stich, vielleicht findest du da was du suchst.«

»Den meine ich nicht,« sagte ich, »darauf ist kein Brunnen zu sehen.«

»Vielleicht steht etwas in dem uralten Buch, dass in der Truhe der Bibliothek liegt« sagte Jessika.

»Hast recht,« sagte Großvater, »in dem alten Buch.« In der Zwischenzeit war Jessika schon aufgestanden um das Buch zu holen. Sie sah wirklich alt und vergriffen aus. Vielleicht gehörte sie von Anfang an zum Haus. Vorsichtig wurde die erste Seite aufgeschlagen. In Ermangelung von Papier, hatte jemand die Ansicht des Burghofs auf die zweite Seite gemalt. Ein Blick genügte, um den Brunnen zu erkennen. Jessika und Großvater blickten mich ungläubig an.

»Mein Junge,« sagte er, »hast du das Buch schon mal in deine Hand gehabt?«

Was sollte ich sagen, wenn ich mein Geheimnis noch nicht preisgeben wollte?

»Bestimmt nicht,« sagte ich, »das Buch sehe ich heute zum ersten Mal. Ich war heute im Burghof, und mir war, als hätte dort ein Brunnen gestanden.«

»Wie kommst du darauf?« fragte Großvater, »ich habe dort noch nie einen Brunnen gesehen.« Maria hatte schweigend zugehört.

»Erinnerst du dich,« sagte ich zu Jessika, »gestern als wir uns trafen fragtest du, warum ich so blass ausgesehen habe, da ist es passiert, ich habe den Brunnen in der Burg gesehen.« »Vielleicht war es ein Traum,« schwächte ich ab, obwohl ich es besser wusste, »aber den Brunnen habe ich gesehen.«

»Lernt man das in der Meditation?« fragte Jessika, »wann kannst du mir das beibringen, ich will den Brunnen auch sehen.«

»So schnell geht das nicht, außerdem wolltest du nie etwas davon hören.« Ich hoffte dass ich ihr damit erst mal die Luft aus den Segeln genommen hatte. »So leicht kommst du mir nicht davon,« sagte sie, »du verschweigst mir etwas.«

Ich stand auf und kam ihr ziemlich nah. Mein Blick in ihre Augen ließ sie verstummen.

»Was soll das denn, willst du mich hypnotisieren

Verunsichert ging sie einen Schritt zurück.

»Ich muss jetzt gehen,« sagte ich. »Maria, vielen Dank, der Kuchen hat wirklich gut geschmeckt.«

Großvater hatte es plötzlich eilig.

»Kinder,« sagte er, nachdem er seine Kaffeetasse mit einem Schluck leerte, »ich muss jetzt mein Mittagsschläfchen halten, wir sehen uns.«

»Was soll denn dass?« fragte Jessika, »gerade wo es spannend wird verkrümelt ihr euch.«

Jessika sagte nichts, als ich sie verließ und durch die Halle nach draußen ging. Nicht mehr an den Großvater denkend, zog dieser mich plötzlich zur Seite als ich durch das Tor gehen wollte.

»Mein Junge, egal was du vor hast, ich bin dabei.« Vielleicht ist es besser wir reden jetzt darüber, dachte ich, wer weiß was noch passiert.

»Komm, wir gehen zu den Pferdeställen, dort können wir in Ruhe reden.«

Großvater machte große Augen, als ich ihm meine Geschichte erzählte.

»Was willst du als nächstes machen?« fragte er.

»Ich werde heute Nacht durch das Tor gehen,« antwortete ich, »falls ich nicht wieder zurückkomme, weißt du dass etwas passiert ist. Erzähl keinem etwas.«

Wie man das Tor öffnete verschwieg ich vorsichtshalber. Großvater brachte es fertig und marschierte durchs Tor hinter mir her.

»Wenn alles gut geht, komme ich morgen wieder vorbei.«

»Endlich ist mal wieder etwas los,« sagte er, »ich drück dir die Daumen.«

Es war jetzt später Nachmittag. Einige Dinge musste ich mir noch kaufen. Ich überlegte, frische Batterien plus Reservepack, etwas zu essen und zu trinken, für alle Fälle falls ich einen Tag länger bleiben musste, zu kaufen.

Ein Hupen hinter mir ließ mich erschreckt zusammenfahren und zur Seite springen. Jessika drehte das Fenster von ihrem Geländewagen herunter.

»Ich muss sowieso ins Dorf, da habe ich mir gedacht das du sicher froh bist wenn du nicht zu Fuß gehen musst.« Ich stieg in ihr Auto und wollte ihr gerade danken als sie sagte: »meint ihr vielleicht, ich sei blöd und habe nicht gesehen, wie ihr beide noch zu den Pferdeställen geschlichen seid. Großvater ist wie verwandelt, er strahlt über das ganze Gesicht. Das müssen ja sehr wichtige Geheimnisse sein, die ihr vor mir verbergen wollt.«

»Beruhige dich,« sagte ich, »Großvater wollte dass ich ihm etwas besorge, und ich habe ihm versprochen mit keinem darüber zu reden.« Nach fünf Minuten Fahrt sagte ich: »du kannst mich hier rauslassen, ich muss noch ein paar Dinge einkaufen.«

Wütend darüber nichts Neues erfahren zu haben, trat Jessika auf die Bremse.

»Vielleicht schaue ich morgen wieder bei euch vorbei.« Ich stieg aus und bevor ich noch etwas sagen konnte, gab sie Gas. Statt noch Einkäufe zu erledigen, wendete sie und fuhr den gleichen Weg zurück. So ein Luder dachte ich, sie wollte mich nur aushorchen. Die Einkäufe hatte ich schnell hinter mich gebracht. Wer weiß was mich erwartete. Zu Hause angekommen, packte ich alles in meinen Rucksack und machte mir etwas zu essen. Ich stelle den Wecker auf dreiundzwanzig Uhr und legte mich angezogen auf mein Bett, worauf ich auch sofort einschlief. Das laute Schrillen des Weckers ließen mich hochfahren.

Ich merkte, wie ich zunehmend nervöser wurde. Jetzt zu kneifen kam für mich nicht in Frage. In einer dreiviertel Stunde würde ich den Tatsachen ins Auge sehen müssen.

Das Auto zu nehmen schien mir zu verdächtig. Zu dieser Zeit würden die Autoscheinwerfer auf den Weg zur Burg eventuell jemand neugierig machen. Die Zeit war ja auch so eingeplant, dass ich kurz vor vierundzwanzig Uhr durch das Tor gehen würde. Es war frisch und ich war froh, dass ich meinen dicken Pullover angezogen hatte. Der Mond hatte ein Einsehen mit mir, so dass ich die Batterien der Lampe schonen konnte.

Ein wenig unheimlich ragten die Umrisse der Burg schon bald vor mir auf. Nachts war ich noch nie hier gewesen, alles wirkte so bedrohlich.

Im Burghof angelangt, stellte ich mich sogleich auf die Stelle, wo ich gestern das Flimmern gesehen hatte. Ehe ich es mir anders überlegen konnte, setzte ich mit aller Kraft die Öffnungszeremonie in Gang. Das Flimmern zu meinen Füßen breitete sich aus, silbriges Licht erhellte die Stelle. Ein leichtes Frösteln stellte sich ein, es formte sich ein wabernder flimmernder pulsierender Ring. Um mich tat sich eine Öffnung auf die immer größer wurde. Auf der anderen Seite der Öffnung war es genau so dunkel wie vor der Öffnung. Abrupt wurde mir klar, dass sich etwas verändert hatte. Ich blickte an mir herunter. Kein Flimmern, es war sehr dunkel, der Mond schien hinter einer Wolke verschwunden zu sein. Ich sah das Tor nicht mehr und wollte schon zur Taschenlampe greifen, als ich neben mir ein lautes Schnaufen vernahm. Erschrocken trat ich einen Schritt zurück, stieß dabei gegen einen Holzeimer, der umkippte. Ein Pferd wieherte laut und schlug nach hinten gegen die Stallwand. Mir war inzwischen klar, dass mir der Übergang ins Mittelalter gelungen war. Das Geräusch eines zurückgleitenden Riegels, brachte mich auf den Boden der Wirklichkeit zurück.

»He, ganz ruhig,« tönte es von vorne, eine hölzerne Lampe in der eine Kerze brannte, schlurfte ein älterer Mann die Pferdeboxen entlang. Gerade noch rechtzeitig ging ich mich bückend hinter einen Heuhaufen in Deckung. Jetzt erst viel mir auf, dass der Dialekt des Mannes schon etwas merkwürdig klang. Die älteren Leute in meinem Dorf sprachen auch noch einen Dialekt, den ich wohl verstand. Dieser hier klang aber wieder anders, aber doch irgendwie noch verständlich. Da die Pferde sich beruhigt hatten, schlurfte der, ich nehme mal an, dass es ein Wächter war, wieder heraus. Aufatmend erhob ich mich und ging auf die Tür zu. Ein Schiebebalken, der von beiden Seiten bewegt werden konnte, verschloss die Tür. Ich schaute mich um. Um was sehen zu können, musste ich meine Lampe einschalten. Wohlweislich hatte ich eine Lampe aus Bundeswehrbeständen mitgenommen, weil man hier einen roten oder grünen Filter vor den Reflektor schieben konnte. Im grünen Licht, zählte ich 8 Pferdeboxen. Eine Leiter führte nach oben. Ich stieg hoch, mehrere kleine Verschläge lagen in einer Reihe. So leise wie möglich, öffnete ich eine Tür nach der anderen. Rechts und links lagen Strohhaufen aufgeschichtet, teilweise mit einer Decke abgedeckt. An der Stirnwand, das musste die Burgmauer sein, war ein doppeltes Regal angebracht. Für einen Tisch war kein Platz mehr. Den letzten Verschlag wollte ich mir schon ersparen, als ich Atemzüge hörte. Vorsichtig machte ich die Tür auf. Ich sah einen Jungen von vielleicht 16 Jahren. In ärmlicher Kleidung lag er auf seinem Strohlager. Ich schloss die Tür leise und stieg die Leiter wieder herunter. Da ich ein sicheres Versteck brauchte, schaute ich mich weiter um. Der linke hintere Teil war abgetrennt für Heu und Stroh. Da der Stall sonst kein Versteck zu bieten hatte, wühlte ich im Strohlager einen Gang bis zur äußeren Stallwand. Mit dem Rücken drückte ich so lange das Stroh zur Seite, bis sich eine Höhle gebildet hatte. Durch die seitliche Bretterwand, hatte ich einen eingeschränkten Ausblick auf den Hof. Da ich wegen der Dunkelheit nichts Genaues sehen konnte, beschloss ich mich draußen umzusehen. Die Außentür war durch den hölzernen Holzriegel geschlossen. Leise schob ich den Riegel zurück. Draußen herrschte absolute Stille, kein Feuerschein erhellte die Fensteröffnungen. Links von mir musste das Burgtor sein, auf das ich mich leise zu bewegte. Die Stille wurde jäh durch laute Schnarchtöne unterbrochen. Ein Schatten draußen an der Wand, verriet mir die Stelle, an der ein Wächter hockte. Ein Schwert lag neben ihm. An dem Wächter vorbeiblickend, sah ich, dass das Fallgitter heruntergelassen war. Dass ich durch das Fallgitter hindurch blicken konnte, sagte mir, dass die Zugbrücke nicht hochgezogen war, was wiederum bedeutete, dass friedliche Zeiten herrschen mussten. Es wäre ja zu schön gewesen, wenn ich einfach durch das Tor hätte gehen können. Erst beim Zurückgehen entdeckte ich das zweiflügelige Burgtor, welches ebenfalls offen stand. Ein Flügel hatte auf der einen Seite noch einen kleinen mannshohen Durchgang, der mit einer Tür geschlossen werden konnte.

Eigentlich hätte ich mich mit der ersten Erkundung zufrieden geben können. Ich überlegte, ein zweiter Erkundungstag würde mich auch nicht weiter bringen. Um die Burg verlassen zu können, brauchte ich Hilfe von Innen. Ich konnte schließlich nicht einfach durch das geöffnete Tor spazieren falls es geöffnet würde. Der schlafende Junge im Stall war meine einzigste Möglichkeit, wenn ich die Burg nicht über die Burgmauer verlassen wollte. Leise ging ich wieder in den Stall und stieg die Leiter nach oben. Der Junge lag auf dem Rücken in tiefem Schlaf. Gleichzeitig drückte ich eine Hand auf seinem Mund, während die Andere seinen Brustkorb nach unten drückte. Erschreckt durch das wenig freundliche Aufwecken fuhr der Junge hoch. Meine Lampe, die mit einem Clip an meiner Brust geheftet war, verbreitete ein rötliches Licht. Erschreckte weit aufgerissene Augen blickten mich an. Rotes Licht musste für ihn Feuer bedeuten, die Hand auf seinen Mund bedeutete sicher ein Überfall. Ich musste meine ganze Kraft einsetzen um den in Panik geratenen Jungen unten zu halten.

»Ruhig, ruhig,« sagte ich mehrmals, nicht wissend ob er mich überhaupt verstand. Als er merkte, dass langsam der Druck auf seiner Brust nachließ, entspannte er sich merklich. Schließlich gab ich seine Brust frei und hielt einen Finger auf meinen Mund. Nickend gab er zu verstehen, dass er mich verstanden hatte. Langsam nahm ich meine Hand von seinem Mund.

Abwartend blickte er mich an. Um keine weitere Panik aufkommen zu lassen, wühlte ich in meinen Taschen. Ein paar Kekse, noch verpackt, hielt ich ihm hin. Sicherlich konnte er sich nicht im Entferntesten vorstellen was ich ihm da hin hielt. Ich entfernte also die Verpackung und biss in einen Keks. Ich hatte den Bissen noch nicht heruntergeschluckt, als mir schon die Kekse aus der Hand gerissen wurden. Beide Hände zu Hilfe nehmend, verschwanden die Kekse nacheinander in seinen Mund. Auf jeden Fall schmeckte ihm mein Versöhnungsgeschenk.

»Ich heiße Kristian,« sagte ich, und zeigte auf meine Brust. Mit seinem Finger auf sich deutend sagte er nur: »Johannes.«

Froh über die schnelle Verständigung zog ich nochmals Kekse aus meiner Tasche und hielt sie ihm hin. Im nu hatte er die Verpackung aufgerissen und den Inhalt in seinen Mund geschoben. Ich hatte jetzt „Gelegenheit, mir den Jungen näher anzuschauen“. Er schien eher fünfzehn wie sechzehn Jahre alt zu sein und hungrig dazu.  Ich hatte mich geschichtlich nicht auf meinen Ausflug vorbereitet, deshalb wusste ich eigentlich nichts über das Mittelalter.

»Wo kommst du eigentlich her?« fragte mich jetzt der Junge in einem seltsamen Dialekt. Ich konnte ihn gut verstehen. Erfreut darüber, dass es keine großen Verständigungsprobleme geben würde, viel mir ein Stein vom Herzen und ich wich seiner Frage aus.

»Kannst du mir helfen aus dem Burghof heraus zu kommen?« fragte ich ihn stattdessen.

»Das geht jetzt nicht, das Fallgitter ist unten, vor morgen Früh kann keiner die Burg verlassen.« Er blickte mich von oben bis unten an, und mir wurde bewusst, dass ich sofort auffallen würde. Johannes hatte einen mit Ärmel versehenen Rock an, der vorne geschlossen war, mit einem Schlitz, der nur so groß war, dass der Rock über den Kopf gezogen werden konnte. Die Hose war eine Art Kniehose. Mehrfach geflickt schien sie ihn durch die Hälfte seines eben begleitet zu haben. Zwei strumpfartige Unterteile hatte er bis über die Knie gezogen. Vor seinem Bett standen seine Schuhe. Sie waren aus einem Stück Leder geschnitten. Durch Löcher am Rand des Leders konnte das Leder um den Fuß geklappt und wie normale Schuhe geschnürt werden.

»Kannst du mir Sachen zum Anziehen besorgen, damit ich nicht auffalle? Du bekommst sie bestimmt wieder.« Die Stirn in Falten gelegt, schien er zu überlegen. Johannes stand schließlich auf und ging zu einer Kiste, die neben seinem Bett stand. Er hob den Deckel und holte mehrere Teile heraus, die etwas besser aussahen als die, die er gerade anhatte.

»Pass auf die Sachen auf,« sagte er, »dass sind meine Besten, ich will sie wiederhaben.«

»Johannes,« sagte ich während ich mich umzog, »vorerst darfst du keinem etwas von mir erzählen. Ich bringe dir auch etwas zu Essen mit.«

»Ist gut,« antwortete er. »Morgen Früh werde ich dich aus der Burg bringen.«

»Moment, nicht so schnell,« sagte ich, »ich möchte mich nur draußen umsehen, abends musst du mich wieder hierher zurück bringen. Sollte etwas dazwischen kommen, versuchst du es am nächsten Tag.«

»Schon gut,« sagte er, »heute früh versteckst du dich in meinem Karren mit dem ich den Pferdemist nach unten bringe. Abends hole ich frisches Heu damit nach oben.« Unter Mist begraben zu sein geviel mir überhaupt nicht, eine andere Möglichkeit schien es aber wohl nicht zu geben. Da ich zu nervös war um noch etwas bis zum Morgengrauen zu schlafen, fragte ich Johannes: »wieso schläfst du hier alleine, es gibt doch noch mehr Kammern?«

»Die Ställe sind nicht alle belegt. Unten in der Vorburg gibt es noch einen größeren Stall. Hier stehen nur die Lieblingspferde der Grafen und ein Arbeitspferd. Im Winter, wenn hier mehr Pferde stehen, sind auch mehr Kammern belegt.«

»Wo wohnen deine Eltern?« fragte ich weiter.

»Meine Mutter ist letztes Jahr im Kindbett gestorben.«

»Und dein Vater?«

»Meine Mutter sagte mir, dass der Graf mein Vater ist. Sie hat als Magd auf der Burg gearbeitet, nach ihrem Tod hat der Burgvogt mich auf die Burg geholt.«

Mittlerweile wurde es draußen heller, als lautes Getöse einsetzte. Johannes sah mein erschrockenes Gesicht und lachte laut.

»Das Fallgitter wird gerade hoch gezogen,« sagte er. Dieses Geräusch schien eine ähnliche Funktion zu haben wie ein Wecker bei uns. Nach einiger Zeit war es mit der Stille im Burghof vorbei. Die Kette des Brunnens klirrte, als der Wassereimer runter gelassen wurde. Das Knarren der Kettentrommel hielt lange an, was darauf deutete, dass der Brunnen sehr tief sein musste. Nach etwa einer halben Stunde stand Johannes auf, stieg die Leiter herunter schob den Riegel zur Seite und ging über den Hof. Nach einer Weile kam er mit einer Schüssel Brei und einem Stück Brot wieder. Sich auf die Futterkiste setzend, schlang er sein Essen hinunter. Nach seinem Gesicht zu urteilen schien er davon nicht satt geworden zu sein.

Als sich die Morgendämmerung verzogen hatte, schirrte Johannes das Arbeitspferd an und spannte es vor einen Karren. Zuerst der Mist, dann eine Lage sauberes Stroh auf das ich mich legte und wieder eine Lage sauberes Stroh über mich, auf das dann zur Tarnung etwas Mist verteilt wurde. Luft bekam ich genug, durch einen Schlitz der Bretter konnte ich nach vorn sehen. Es rumpelte, als der Karren an die Wache vorbei über die Zugbrücke fuhr.

Es ging abwärts. Auf der rechten Seite sah ich auf halber Strecke große Stallungen. Auf einer Koppel davor standen etliche Pferde. Auch hier hatte es die Stalljungen aus ihren Betten getrieben. Johannes winkte ihnen zu. Links von mir gab es zwei Teiche, auf einem schwammen Enten und Gänse, wehrend der andere Teich durch einen Reisigzaun geschützt war. Viele Gartenfelder durch Natursteine eingegrenzt, reihten sich aneinander. Jetzt erst wurde mir bewusst, dass alles von einer hohen Mauer mit einem hölzernen Wehrgang und einigen eingelassenen Wehrtürmen umgeben war. Das also war die Vorburg. Johannes hielt geradewegs auf den einzigen Durchlass in der Mauer zu. In das einflügelige aber große Tor, welches schon offen stand, war eine mannshohe Tür eingelassen. Dahinter  ein Fallgitter und die schon heruntergelassene Zugbrücke. Zwei Wachen grüßten als der Wagen das Tor passierte.

Johannes setzte mich hinter der ersten Abbiegung, vor den Blicken der Wachen geschützt, ab.

»Denke dran,« sagte ich, »heute Abend musst du mich hier wieder abholen, sollte ich nicht da sein, versuche es am nächsten oder übernächsten Abend.«

»Schon gut,« sagte er, »ich vergesse dich schon nicht.« Ich schulterte meinen Rucksack und ging den Weg zum Tal hinunter. Der Weg kam mit vertraut vor, obwohl doch alles anders war. Zu meiner Zeit hätte ich von hier aus ins nächst Tal sehen können. Wiesen und Kühe beherrschten dort das Bild. Hier war alles bewaldet und versperrte mir die Sicht. Eins war sicher, dieser Weg führte auf jeden Fall ins Tal. Tiefe Furchen zeugten davon, dass hier schwere Wagen zur Versorgung der Burg entlang gefahren waren. Nach einer halben Stunde Marsch hatte ich die Orientierung verloren. In der Annahme den Weg zu kennen hatte ich eine Abkürzung nehmen wollen und wusste jetzt nicht mehr wo ich war. Beim Überspringen eines Baches rutschte ich aus. Ich versuchte mit den Armen rudernd, das Gleichgewicht wieder zu erlangen. Vergeblich, ich sah den Waldboden auf mich zukommen. Dass mein Kopf auf einen vorstehenden Stein aufschlug, bekam ich nicht mehr mit.

Würziger Duft des Waldbodens war das erste was ich wahrnahm, als ich wieder zu mir kam. Verwundert öffnete ich die Augen. Was war passiert? Wieso lag ich hier? Eine Eidechse huschte an meinem Gesicht vorbei, blickte mich mit großen Augen an, und verschwand aus meinem Gesichtsfeld.

Lang ausgestreckt lag ich da. Mein Kopf war auf einem Polster aus Moos gebettet. Langsam kehrte die Erinnerung zurück. Wieso lag ich jetzt hier? Ich hatte mich noch nicht bewegt, als sich seitlich von mir etwas regte. Erschrocken wollte ich aufspringen. Der Schmerz in meinem linken Fuß zwang mich wieder nieder.

Eine Frau, vielleicht vierzig Jahre alt oder weniger, saß gegen einen Baum gelehnt und blickte zu mir herüber. Ihr langes rötliches Haar reichte ihr bis zu den Schultern. Eine Weile blickten wir uns an, als sie lächelnd aufstand und zu mir herüber kam. Sie kniete sich zu meinen Füßen nieder und öffnete meinen Schuh. Ihre Nähe und die zarten Berührungen ließen mich fast den Schmerz vergessen. Sie war schön. Ihr Kleid einfach, mit aufgenähte Borden verziert, zeugten von besseren Tagen. Wir blickten uns an.

»Du bist nicht von hier,« sagte sie nur und musterte mich weiter. Wie sie nur darauf kam, ich hatte doch Johannes Sachen an. Ihre Hände tasteten meinen Fuß ab und bewegten ihn. Entspannt legte ich mich zurück und überlegte ob das alles ein Traum war. Mit den Worten, »du kannst aufstehen,« riss sie mich aus meinen Überlegungen.

»Du hast Glück gehabt, es ist nichts gebrochen.«Schade, die Massage hätte ruhig noch etwas länger dauern können.“

Ich versucht aufzustehen. Der erwartete Schmerz war zu ertragen.

»In deinen Händen steckt eine große Kraft,« sagte ich. Als Antwort lächelte sie mich nur an. Dann sagte sie: »komm, du darfst mich begleiten, ich wohne nicht weit.«

„Warum nicht, dachte ich, so lerne ich die Menschen hier schneller kennen.“ Es war wirklich nicht weit. Der Wald tat sich auf. Wir traten in eine große Lichtung. Ein Bach plätscherte über eine mit Steine ausgelegte Vertiefung talabwärts. Steine, die sich dem Wasser entgegenstemmten, erzeugten gurgelnde Geräusche und Wirbel, in denen sich kreisende Blätter fingen.

Ein kleiner Steg zeugte davon, dass hier Wasser geschöpft wurde. Am Rande der Lichtung gab es mit Reisig eingezäunte Beete. Erst von der Mitte der Lichtung aus, sah ich rechts ein kleines mit Schilf gedecktes Häuschen. In lehmverputzte Reisigwände waren zwei offene Fensteröffnungen eingelassen. Das Meckern einer Ziege lenkte meinen Blick auf einen Pferch links des Hauses, der am Haus angebaut war. Die Haustür war aus groben Brettern zusammengefügt und wurde durch breite Lederscharniere gehalten. Ein Holzschieber verschloss die Tür. Sie öffnete die Tür, und ließ mich eintreten. Das Innere bestand nur aus einem Raum, wenn man von einer mit einem Vorhang abgetrennten Ecke absah. Der Fußboden bestand aus festgestampften Ton. Links war ein kleiner Teil des Zimmers durch einen Zaun abgetrennt. Der Boden dahinter mit sauberem Laub bedeckt. Die Antwort auf meine noch nicht gestellte Frage kam auch gleich durch ein Loch in der Außenwand. Meckernd kam die Ziege hereinspaziert.

»Schon gut,« sagte die Frau, »ich habe einen Gast mitgebracht.« Als hätte sie es verstanden, trottete die Ziege wieder nach draußen. Ich ließ meinen Blick weiter wandern. An der Rückseite stand ein Bett aus faustdicken entrindeten Stämmen, zusammengehalten durch stramm gebundene Lederriemen. Die Liegefläche war dick mit Farnblättern gepolstert. Diese waren trotz einer Leinendecke zu sehen, die darüber lag.

Die zwei schmalen Fensteröffnungen ließen genug Licht herein und im Winter sicher auch die Kälte. Unter jedem Fenster stand eine Holztruhe. In der Mitte des Raumes gab es eine offene Feuerstelle. Mein Blick nach oben lässt mich erahnen, dass das Loch im Dach der Abzug sein musste. Ein Tisch und zwei Stühle machten das Zimmer komplett und auch voll. Abwesend durch die neuen Eindrücke, merkte ich nicht, wie mich die Frau beobachtete.

»Du scheinst wirklich aus einer anderen Welt zu kommen«, sagte sie, »du schaust dir alles so genau an, als wenn du so etwas noch nicht gesehen hast?«

Es war jetzt später Nachmittag. Einige Dinge musste ich mir noch kaufen. Ich überlegte, frische Batterien plus Reservepack, etwas zu essen und zu trinken für alle Fälle falls ich einen Tag länger bleiben musste. Ein Hupen hinter mir ließ mich erschreckt zusammenfahren und zur Seite springen. Jessika drehte das Fenster von ihrem Geländewagen herunter. »Ich muss sowieso ins Dorf, da habe ich mir gedacht das du sicher froh bist wenn du nicht zu Fuß gehen musst.« Ich stieg in ihr Auto und wollte ihr gerade danken, als sie sagte, »meint ihr vielleicht ich sei blöd und habe nicht gesehen, wie ihr beide noch zu den Pferdeställen geschlichen seid. Großvater ist wie verwandelt, er strahlt über das ganze Gesicht. Das müssen ja sehr wichtige Geheimnisse sein, die ihr vor mir verbergen wollt.« »Beruhige dich,« sagte ich, »Großvater wollte dass ich ihm etwas besorge, und ich habe ihm versprochen mit keinem darüber zu reden.« Nach fünf Minuten Fahrt sagte ich, »du kannst mich hier rauslassen ich muss noch ein paar Dinge einkaufen.« Wütend darüber nichts Neues erfahren zu haben, trat Jessika auf die Bremse. »Vielleicht schaue ich morgen wieder bei euch vorbei.« Ich stieg aus und bevor ich noch etwas sagen konnte gab sie Gas. Statt noch Einkäufe zu erledigen, wendete sie und fuhr den gleichen Weg zurück. So ein Luder dachte ich, sie wollte mich nur aushorchen. Die Einkäufe hatte ich schnell hinter mich gebracht. Wer weiß was mich erwartete. Zu Hause angekommen packte ich alles in meinen Rucksack und machte mir etwas zu essen. Ich stelle den Wecker auf dreiundzwanzig Uhr und legte mich angezogen auf mein Bett worauf ich auch sofort einschlief. Das laute Schrillen des Weckers ließen mich hochfahren.

 

 

     

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