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Die Tore der Atlanter   Fantasy-Abenteuer
Buch:1 von 4  377 Seiten               
Seiten:           377
Absätze:        2867
Zeilen:           11197
Wörter:         95328
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    Dem Namen alle Ehre machend, lag die Burgruine auf einen der höchsten  Punkte in dieser Gegend. Burg war zu viel gesagt, da nur noch bescheidene Reste von der wohl einstigen Pracht übrig waren. Man konnte noch einzelne Fensternischen erkennen, und die Aussparungen im Mauerwerk, wo einmal die Tragebalken für die Decken und Fußböden gelegen hatten. Ein halber Torbogen ragte aus einer Mauer hervor und würde sicher auch bald in sich zusammenfallen.
Da, wo vielleicht einmal eine Zugbrücke den Feinden das Eindringen verwehrt hatte, lag der Rest der Burg jetzt für jeden Besucher frei zugänglich dar. Einen Graben, falls es ihn einmal gegeben hatte, war längst dem Erdboden gleichgemacht worden. Trotzdem ließ sich noch erahnen, wie mächtig einst die Burg ausgesehen haben mochte.
Als Kristian die Burg fast erreicht hatte, setzte er sich mit Blick auf die Burg ins Gras. Sein Rücken lehnte entspannt gegen einen großen Stein, der aussah, als würde er seit Anbeginn der Zeit an dieser Stelle verharren und die vor ihm liegende Burg bewachen.
Ein Blick auf die vorbeiziehenden Wolken, die Burg vor ihm, Sonnenschein und Urlaub, was wollte er mehr. Wie von selbst fielen ihm die Augen zu. Er dachte über das Leben in der Burg nach, wie sie gelebt hatten.                         
Eingestimmt vom Leben auf der Burg, öffnete er die Augen und blickte verklärt zur Burg hinüber.
Zuerst undeutlich und verschwommen, sah er zwischen dem Bergfried und der Außenmauer, ein seltsames Flimmern. Sicher reflektierte eine zerbrochene Flasche das Sonnenlicht. Neugierig geworden, konzentrierte er sich, und sah genauer hin. Plötzlich wurde ihm kalt, Gänsehaut breitete sich über seinen Körper aus. So, als schaute man durch ein Guckloch, öffnete sich ein stetig größer werdender runder Ausschnitt, die Konturen des Randes verschmolzen im silbrigen Licht. Eine vollständig erhaltene Burg bot sich seinen Augen dar. Er wollte es nicht glauben, so musste die Burg vor langer Zeit ausgesehen haben. Der Bergfried hatte eine Größe, wie er ihn sich im Traum nicht vorgestellt hätte. Auf ihn wehte eine Fahne, deren Wappen er nicht erkennen konnte. Mitten auf dem Platz sieht er einen Brunnen mit einem Dach aus Holzschindeln. Das Wiehern eines Pferdes und das Hämmern auf einem Amboss war zu hören. Ehe er wusste, wie ihm geschah, begann sich das flimmernde Fenster wieder zu schließen. Er dachte noch, jetzt fängst du schon am hellen Tag an zu träumen und zu fantasieren, als sich das Fenster gänzlich schloss.
Mit einem Schlag sah er die traurigen Überreste der Burg wieder vor sich. Etwas war mit ihm geschehen. Er war sich sicher, dass er nicht geträumt hatte. So sehr er seine Augen auch anstrengte und zur Burg blickte, es änderte sich nichts mehr. Traurig und verlassen wirkte jetzt das gewohnte Bild der verfallenen Burg.
Es war ihm nicht neu, das es schon oft vorgekommen war, hauptsächlich an historischen Orten, dass Personen, die sich gegen altes Gemäuer oder Heiligtümer gelehnt hatten, sich plötzlich in einer anderen Zeitepoche wiederfanden. Dort hatten sie Dinge gesehen, die der heutigen Zeit teilweise noch unbekannt waren. Er hatte aber nichts dergleichen getan, der Stein hinter ihm, gegen den er sich lehnte, konnte wohl auch nicht der Auslöser gewesen sein, obwohl er sicher schon so mancherlei gesehen hatte.
Die Kälte wich langsam aus seinem Körper und machte der wohltuenden Wärme der Sonnenstrahlen Platz. Er blickte zur Burg.
Ihm fiel ein, dass er als Auslöser zuerst ein Flimmern zwischen dem Burgfried und der Außenmauer gesehen hatte. Da er das Geschehen noch nicht verkraftet hatte und ihm der Schreck noch zu schaffen machte, schob er weitere Überlegungen erst einmal beiseite. Auf jeden Fall wollte er im Moment nicht mehr zur Burg, weil ihm das Erlebnis noch zu schaffen machte.
Unweit der Burg Falkenhorst, am Talrand mit Blick auf die Burg, wohnte sein Freund Kurt mit seiner jüngeren Schwester Jessika, der Großvater und Maria die Haushälterin. Es ist das Haus ihrer Eltern, ein altes Anwesen. Es liegt wie auf einem Präsentierteller inmitten grüner Wiesen, rundherum hatte man freie Sicht, einen Nachbarn gab es nicht. Wenn er so darüber nachdachte, das Haus musste bestimmt einige Hundert Jahre alt sein. Hinter dem Haus steht ein Stall, der auf uralten Fundamenten erbaut war. In ihm standen, als er Kurt das letzte Mal besucht hatte, drei Reitpferde. Ein schlanker Turm aus Bruchsteinen erbaut, streckte sich in die Höhe, und war an einer Seite mit dem Stall verbunden.
Kristian drehte sich um und sah, wie eine Reiterin in vollem Galopp auf ihn zukam. Jessika, Kurts Schwester, wer sollte es anders sein. Ihre enge Reithose brachte ihren schönen Körper voll zur Geltung und lenkte seine Gedanken in eine andere Richtung. Sie brachte ihr Pferd vor ihm zum Stehen und blickte lächelnd auf ihn herab. Das lange blonde Haar, welches sie meistens zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte, wurde jetzt durch die Reitkappe gebändigt. Obwohl er sie schon seit ihrer Kindheit kannte, hatte er eigentlich nie mehr Gefühle für sie empfunden, als einer Schwester gegenüber. Als er jetzt in ihre Augen blickte, wurde ihm zum ersten Mal bewusst, dass sich etwas geändert hatte.
»Störe ich«? fragte sie, »ich wollte dich nicht aus deinen Träumen reißen.« Was sollte er erwidern, vielleicht hatte er doch geträumt?
Bevor er antworten konnte, sprang sie mit einem Satz vom Rücken ihres Pferdes.
»Was ist passiert, du siehst so blass aus?«
»Was ich gesehen habe, glaubt mir sowieso keiner, ich kann es ja selbst nicht glauben.«
»Erzähl schon.«
Sie setzte sich zu ihm, in einer Hand hielt sie die Zügel. Ihre Blicke trafen sich, ihm wurde zum ersten Mal richtig bewusst, wie schön sie war. Er atmete den Duft ihres Parfüms ein.
Da der Stein nicht viel Platz bot, saßen sie bald eng beieinander, was ihm sehr gefiel. Er wollte gerade seinen Arm um ihre Schulter legen, da sprang sie auf.
»Was ist denn jetzt, willst du mich nicht in deine Geheimnisse einweihen?«
»Das werde ich tun, aber lass mich eine Nacht darüber schlafen.«
»Wie du willst, wann lässt du dich mal wieder bei uns sehen, wir könnten zusammen ausreiten?« Eine Antwort nicht abwartend, schwang sie sich auf ihr Pferd und galoppierte winkend heimwärts. Auch er beschloss, nach Hause zu gehen.
Sein Zuhause, welches abseits am Dorfrand stand, kam einem kleinen Knusperhäuschen gleich. Es war alt und die Zimmer waren klein. Günstig hatte er es erwerben können, als die vorherige Besitzerin in hohem Alter starb. Er kannte sie noch aus seiner Jugendzeit. Oft hatten sie in ihrem Garten Kirschen und Äpfel gepflückt. Jetzt war es sein Zuhause.
Kristian ist dreiundzwanzig Jahre alt, einmeterachtzig groß, und betreute im Dorf eine Jugendgruppe in Selbstverteidigung und Stockkampf. Heute war sein erster Urlaubstag.
Er machte sich einen Kaffee und setzte sich draußen auf seine Bank. Die Obstbäume hingen voll. Leider wusste er mit dem Obst nichts anzufangen und hatte sich schon überlegt, sich ein paar Ziegen anzuschaffen, die das Obst verwerten und den Rasen kurz halten sollten. Darum würde er sich später kümmern. Morgen in der Frühe wollte er sich erneut zur Burg aufmachen, danach würde er weiter entscheiden.
Kristian stand früh auf, weil er keine Zuschauer wollte, wenn er die Stelle, von der das Flimmern ausgegangen war, näher in Augenschein nehmen wollte.
Voller Ungeduld wäre er am liebsten den ganzen Weg gerannt, seine schweren Wanderschuhe ließen dieses aber nicht zu. Angekommen schaute er sich im Burghof um. Links das ehemalige Wohnhaus mit leeren Fensterhöhlen, auf der rechten Seite der Bergfried, an dem die Burgmauer lehnte. Nichts deutete auf den gestrigen Vorfall hin. Er war sich sicher, dass hier am Bergfried die richtige Stelle war. Vielleicht hatte er doch alles nur geträumt? Solange er die Stelle auch anstarrte, es passierte nichts. Oder doch? Er hörte Stimmen. Auch das noch, die ersten Touristen waren schon angekommen.
Er zog sich auf die andere Seite zurück. So schnell wollte er nicht aufgeben. Ihm fiel ein, dass er, wenn er meditierte, die Visualisierung zu Hilfe genommen hatte. Dies ist eine Technik, die sich der Vorstellungskraft bedient, um geistige Bilder des jeweils erstrebten Gegenstandes oder Zustandes zu erzeugen. Je aktiver die Fantasie arbeitet sich ihrer zu bedienen, desto kraftgeladener wird sie. So wird eine Tür zwischen der Welt, der gewöhnlichen Wirklichkeit und der geistigen Welt geöffnet. Was würde passieren, wenn er diese Technik jetzt und hier anwendete? Würden die Touristen etwas mitbekommen? Wahrscheinlich, denn dieses spielte sich ja nicht nur in seinem Kopf ab. Er hatte das Flimmern nicht in Gedanken, sondern mit eigenen Augen gesehen. Um Klarheit zu bekommen, musste er einen Versuch wagen. Kristian schaute sich um, die Luft war rein, als er sich auf die vermeintliche Stelle am Bergfried konzentrierte. In Gedanken stellte er sich das Flimmern vor, ähnlich der Spitzen eines lodernden Feuers oder der Fata Morgana in der Wüste. Er hatte die Öffnung ja schon gesehen und konnte sie deshalb vor seinem geistigen Auge entstehen lassen. Zunächst passierte nichts. Seine Konzentration verstärkend, spürte er plötzlich ein leichtes Kribbeln auf seiner Kopfhaut, das sich über den ganzen Körper ausbreitete, je mehr er sich konzentrierte. Als sich auch noch eine leichte Gänsehaut einstellte, wusste er, dass etwas passieren würde. Plötzlich sah er das Flimmern. Es war fast durchsichtig und stieg vom Boden empor. Ein angstvolles Kreischen ließ ihn hochfahren, mit der Konzentration war es vorbei, das Flimmern erlosch.
Ein kleines Mädchen stand rechts hinter Kristian. Er hatte sie nicht kommen gehört. Es weinte und zeigte auf die Stelle, auf die er sich gerade noch konzentriert hatte.
Schnell schaute er sich um. Es war sonst keiner in seiner Nähe, der vielleicht auch etwas gesehen haben könnte. Da kam auch schon der Vater des Kindes, durch die Schreie seines Kindes alarmiert, angerannt. Sein Gesicht verdüsterte sich, als er nur sein Kind und Kristian wahrnahm. Das Kind wollte sich nicht beruhigen und zeigte immer wieder auf die Stelle, die zu seinem Glück, nicht in seiner direkten Nähe war. Als der Vater Kristian wieder anschaute, zeigte dieser ein unschuldiges Gesicht und zuckte nur mit den Schultern. Der Vater nahm seine Tochter an die Hand und beide verließen den Burghof. Endlich war die Ruhe wieder hergestellt. Das wäre beinah schief gegangen. Trotzdem hatte sich der Morgen gelohnt. Kristian wusste, wie er die Öffnung ins Mittelalter aktivieren konnte, und dass auch andere diese sahen, und wahrscheinlich auch hindurch gehen konnten, wenn sie geöffnet war.
Für heute war der Tag gelaufen. Der nächste Besuch hier musste abends, besser nachts stattfinden. Zum einen, weil er dann sicher sein konnte, dass ihm keine Touristen in die Quere kamen, zum Anderen konnte er nur im Dunkeln durch das Tor in die Vergangenheit gehen, da er nicht wusste, was ihn auf der anderen Seite erwartete. Ziemlich aufgeregt wäre er am liebsten zu Jessika gerannt, um ihr alles zu erzählen. Irgendwann würde er sowieso nicht mehr daran vorbeikommen. Vielleicht hatte sie den Zwischenfall vom Vortag, als sie sich am Stein getroffen hatten, auch schon vergessen. Anderseits war es vielleicht sinnvoll, wenn jemand wusste, was er vorhatte. Was wäre, wenn er es nicht schaffen würde, aus der anderen Welt zurückzukommen. Hilfe von außen konnte er nicht erwarten. An diese Möglichkeit mochte er gar nicht denken. Bevor er sich auf das Abenteuer einlassen würde, musste er zumindest eine Nachricht hinterlassen und Jessika oder jemand anderes, so weit wie nötig einweihen. Kristian drehte sich um und machte sich auf den Heimweg. Noch ganz gefangen vom Geschehenen, schaute er rechts auf die andere Seite ins Tal hinunter zum Haus von Jessika. Sicher war sie jetzt zu Hause. Da er sonst nichts vorhatte, konnte er sie genausogut besuchen. Vielleicht traf er auch Kurt an, den er schon länger nicht mehr gesehen hatte. Kurt war Immobilienmakler und deshalb viel unterwegs, ebenso wie seine Eltern. Von Kurt hatte er auch den Tipp erhalten über den Kauf seines späteren Hauses.
Kurts Haus war von einem hohen schmiedeeisernen Zaun umgeben. Vom Eingangstor aus, durch eine kleine Parkanlage getrennt, lag das Haus etwas höher.
»Warum kommst du nicht herein«, tönte es hinter einem Bambusstrauch hervor, »warst lange, nicht hier.« Eine Harke in der Hand und eine Zigarre im Mund kam ihm Kurts Großvater John entgegen. Sie sagten alle nur Großvater zu ihm, was ihn nicht im Geringsten störte. Er hatte ein freundliches Gesicht, das von einem Bart eingerahmt war. Trotz seines hohen Alters von über achtzig Jahren, war er noch gut beisammen. Kristian konnte sich gar nicht vorstellen, dass er jemals anders ausgesehen hätte. Schnuppernd hebt Großvater seine Nase. »Riechst du es auch? Maria hat einen Kuchen gebacken.« Maria war gleichzeitig die Köchin und Haushälterin in einer Person. Hungrig wie Kristian war, wollte er sich die Gelegenheit ein Stück Kuchen zu bekommen, nicht entgehen lassen. Eine breite hohe Treppe, von wildem Wein umgeben, führte zu einer zweiflügeligen Eingangstür. Jessika hatte sie durch das Fenster gesehen und kam ihnen durch die Tür entgegen. Wie nicht anders zu erwarten mit ihrem lustig tanzenden Pferdeschwanz, ihrer weißen Bluse und einer engen Jeans. Es war schon ein erfreulicher Anblick. Kristian lachte sie an, »ich war oben auf der Burg, als ich an deine Einladung dachte.«
»Seit wann brauchst du eine Einladung, du weißt, dass du immer willkommen bist.« Großvater grinste, nahm einen tiefen Zug aus seiner Zigarre, und sein Gesicht verschwand hinter einer grauen Wolke. »Nun kommt schon herein.«
Jessika packte seine Hand und zog ihn hinter sich her. »Bist du immer so stürmisch«? fragte er, hielt aber weiter ihre Hand fest umschlossen, weil es ihm gefiel, ihre Hand zu halten. Sie durchquerten die hohe holzgetäfelte Eingangshalle. Das verblichene Holz schaffte eine dunkle Atmosphäre. Fasst wie in einer Burg waren die Wände mit mittelalterlichen Gegenständen dekoriert. Selbst eine Ritterrüstung fehlte nicht. Kristian erinnerte sich, dass Kurt und er früher versucht hatten, diese Rüstung anzulegen. Sie hatten erfahren, dass ein neuer Briefträger seinen Dienst antreten wollte. Kurt hatte eine Stunde in der Rüstung verharrt, ehe sich sein Opfer näherte. Da für diesen alles neu war, stand er bald in der Halle und schaute sich neugierig um. Natürlich interessierte ihn auch der einsame Ritter. Die Hände auf das Schwert gestützt, stand Kurt jetzt hier, immer mit der Erwartung, ein Opfer möge endlich erscheinen. Er tat einen schweren Seufzer. Der Postbote zuckte zusammen, schaute zuerst den Ritter an, dann hinter sich. Er näherte sich vorsichtig wieder dem Ritter. Ein breites Visier und der Helm verdeckten Kurts Gesicht.
Der Postbote ging auf Nasenlänge an das Visier heran und schaute durch den schmalen Schlitz, der die Augen bedeckte. Als er die Bewegung und das Weiße in Kurts Augen sah, erschrak er so, dass seine Hände vorschnellten, als wolle er ein Gespenst von sich wegstoßen. Kurt, durch das lange Stehen geschwächt, hob das Schwert, um die Balance zu halten. Er trat einen Schritt zurück, die Schwertspitze zeigte auf die Brust des Postboten. Um das Gleichgewicht zu halten, hob Kurt das Schwert mit beiden Händen, was aussah, als wollte er ihm den Kopf abschlagen. Mit weit aufgerissenen Augen floh der Postbote schreiend aus dem Haus und wurde nicht mehr gesehen. Dieses war wörtlich zu nehmen, da beim nächsten Mal ein anderer Postbote erschien.
Mittlerweile waren sie in der Küche angekommen. Jessika versuchte, sich aus Kristians Hand zu lösen. Er lachte sie an, zog sie näher an sich heran. Sie blickte ihn überrascht an, wusste nicht, was sie davon halten sollte.
»Kinder«, sagte Großvater, »nun setzt euch doch endlich an den Tisch.« Der Tisch war groß, auf der langen Seite hätten je fünf Personen Platz gehabt. Jessikas Eltern hatte nie viel Wert auf Etikette gelegt. Solange keine Gäste im Hause waren, aß man lieber in der Küche als im Esszimmer. Die Eltern reisten viel und waren deshalb zurzeit nicht anwesend.
»Maria«, sagte Großvater, »wir alle haben den lieblichen Duft deines Kuchens gerochen, jetzt zeige uns, dass er auch so gut schmeckt.« Maria schüttelte nur den Kopf.
»Großvater«, sagte Kristian, »was ist eigentlich mit dem Brunnen passiert, der mitten im Burghof stand?«
»Woher weißt du, dass da einer gestanden hat«? fragte er.
»Soviel ich weiß, hat es da nie einen gegeben, aber es gibt hier irgendwo einen alten Stich, vielleicht findest du da, was du suchst.«
»Den meine ich nicht«, sagte Kristian, »darauf ist kein Brunnen zu sehen.«
»Vielleicht steht etwas in dem uralten Buch, das in der Truhe der Bibliothek liegt«, sagte Jessika.
»Hast recht,« meinte Großvater, »in dem alten Buch.«
In der Zwischenzeit war Jessika schon aufgestanden, um das Buch zu holen. Es sah wirklich alt und vergriffen aus. Vielleicht gehörte sie von Anfang an zum Haus. Vorsichtig wurde die erste Seite aufgeschlagen. In Ermangelung von Papier hatte jemand die Ansicht des Burghofs auf die Seite gemalt. Ein Blick genügte, um den Brunnen zu erkennen. Jessika und Großvater blickten Kristian ungläubig an.
»Mein Junge«, sagte er, »bist du ein Spökenkieker, oder hast du das Buch schon mal in deine Hand gehabt?«
Was sollte er sagen, wenn er sein Geheimnis noch nicht preisgeben wollte?
»Bestimmt nicht,« sagte er, »das Buch sehe ich heute zum ersten Mal. Ich war heute im Burghof, und mir war, als hätte dort ein Brunnen gestanden.«
»Wie kommst du darauf«? fragte Großvater, »ich habe dort noch nie einen Brunnen gesehen.« Maria hatte schweigend zugehört.
»Erinnerst du dich«, sagte Kristian zu Jessika, »gestern, als wir uns trafen. Du fragtest, warum ich so blass ausgesehen habe, da ist es passiert, ich habe den Brunnen in der Burg gesehen. Vielleicht war es ein Traum«, schwächte er ab, obwohl er es besser wusste, »aber den Brunnen habe ich gesehen.«
»Lernt man das in der Meditation«? fragte Jessika, »wann kannst du mir das beibringen, ich will den Brunnen auch sehen.«
»So schnell geht das nicht, außerdem wolltest du nie etwas davon hören.« Er hoffte, dass er ihr damit erst mal die Luft aus den Segeln genommen hatte.
»So leicht kommst du mir nicht davon«, sagte sie, »du verschweigst uns etwas.«
Kristian stand auf und kam ihr ziemlich nah. Sein Blick in ihre Augen ließ sie verstummen.
»Was soll das, willst du mich hypnotisieren?«
Verunsichert ging sie einen Schritt zurück.
»Ich muss jetzt gehen«, sagte er. »Maria, vielen Dank, der Kuchen hat wirklich gut geschmeckt.«
Großvater hatte es plötzlich auch eilig.
»Kinder«, sagte er, nachdem er seine Kaffeetasse mit einem Schluck leerte, »ich muss jetzt mein Mittagsschläfchen halten, wir sehen uns.«
»Was soll denn das«? fragte Jessika, »gerade, wo es spannend wird, verkrümelt ihr euch.«
Jessika sagte nichts, als Kristian sie verließ und durch die Halle nach draußen ging. Nicht mehr an Großvater denkend, zog dieser ihn plötzlich zur Seite, als er durch das Tor gehen wollte.
»Mein Junge, egal was du vorhast, ich bin dabei.« „Vielleicht ist es besser wir reden jetzt darüber,“ dachte Kristian, wer weiß, was sonst noch alles passiert.
»Komm, wir gehen zu den Pferdeställen, dort können wir in Ruhe reden.«
Großvater machte große Augen, als er ihm seine Geschichte erzählte.
»Was willst du als Nächstes machen«? fragte er aufgeregt.
»Ich werde heute Nacht durch das Tor gehen, falls ich nicht wieder zurückkomme, weißt du, dass etwas passiert ist. Erzähle keinem etwas.«
Wie man das Tor öffnete, verschwieg er vorsichtshalber. Großvater brachte es fertig und marschierte durchs Tor hinter ihm her.
»Wenn alles gut geht, komme ich morgen wieder vorbei.«
»Endlich ist mal wieder etwas los«, freute sich Großvater, »ich drück dir die Daumen.«
Es war jetzt später Nachmittag. Einige Dinge musste Kristian sich noch kaufen. Er überlegte, frische Batterien für seine Taschenlampe, etwas zu essen und zu trinken, falls er einen Tag länger bleiben musste.
Ein Hupen hinter ihm ließ ihn erschreckt zusammenfahren und zur Seite springen. Jessika drehte das Fenster ihres kleinen Geländewagen herunter.
»Ich muss sowieso ins Dorf, da habe ich mir gedacht, dass du sicher froh bist, wenn du nicht zu Fuß gehen musst.« Er stieg in ihr Auto und wollte ihr gerade danken, als sie sagte: »Meint ihr vielleicht, ich sei blöd und habe nicht gesehen, wie ihr beide noch zu den Pferdeställen geschlichen seid. Großvater ist wie verwandelt, er strahlt über das ganze Gesicht. Das müssen ja sehr wichtige Geheimnisse sein, die ihr vor mir verbergen wollt.«
»Beruhige dich, Großvater wollte, dass ich ihm etwas besorge, und ich habe ihm versprochen, mit keinem darüber zu reden.« Nach fünf Minuten Fahrt sagte Kristian: »Du kannst mich hier rauslassen, ich muss noch ein paar Dinge einkaufen.«
Wütend darüber, nichts Neues erfahren zu haben, trat Jessika auf die Bremse.
»Vielleicht schaue ich morgen wieder bei euch vorbei.« Er stieg aus, und bevor er noch etwas sagen konnte, gab sie Gas. Statt noch Einkäufe zu erledigen, wendete sie und fuhr den gleichen Weg zurück. So ein Luder dachte er, sie wollte mich nur aushorchen. Die Einkäufe hatte er schnell hinter sich gebracht. Wer weiß, was ihn erwartete. Zuhause angekommen packte er alles in seinen Rucksack und machte sich etwas zu essen. Den Wecker stellte er auf dreiundzwanzig Uhr und legte sich angezogen auf sein Bett, worauf er auch bald einschlief. Das laute Schrillen des Weckers ließ ihn erschreckt hochfahren.
Kristian merkte, wie er zunehmend nervöser wurde. Jetzt zu kneifen kam für ihn nicht infrage. In einer dreiviertel Stunde würde er den Tatsachen ins Auge sehen müssen.
Das Auto zu nehmen schien ihm zu verdächtig. Zu dieser Zeit würden die Autoscheinwerfer auf den Weg zur Burg eventuell jemand neugierig machen. Die Zeit war ja auch so eingeplant, dass er kurz vor vierundzwanzig Uhr durch das Tor gehen würde. Es war frisch und er war froh, dass er seinen dicken Pullover angezogen hatte. Der Mond hatte ein Einsehen mit ihm, sodass er die Batterien der Lampe schonen konnte.
Ein wenig unheimlich ragten die Umrisse der Burg bald vor ihm auf. Nachts war er noch nie hier gewesen, alles wirkte so bedrohlich.
 
Im Burghof angelangt, stellte er sich sogleich auf die Stelle, wo er gestern das Flimmern gesehen hatte. Ehe er es sich anders überlegen konnte, setzte er mit aller Kraft die Öffnungszeremonie in Gang. Das Flimmern zu seinen Füßen breitete sich aus, silbriges Licht erhellte die Stelle. Ein leichtes Frösteln stellte sich ein, es formte sich ein wabernder flimmernder pulsierender Ring. Um ihn tat sich eine Öffnung auf, die immer größer wurde. Auf der anderen Seite der Öffnung war es genau so dunkel wie vor der Öffnung. Abrupt wurde ihm klar, dass sich etwas verändert hatte, als er einen Schritt vortrat. Kristian blickte an sich herunter. Kein Flimmern, es war sehr dunkel, der Mond schien hinter einer Wolke verschwunden zu sein. Er sah das Tor nicht mehr und wollte schon zur Taschenlampe greifen, als er neben sich ein lautes Schnaufen vernahm. Erschrocken trat er einen Schritt zurück, stieß dabei gegen einen Holzeimer, der umkippte. Ein Pferd wieherte laut und schlug nach hinten aus gegen die Stallwand. Kristian war inzwischen klar, dass ihm der Übergang ins Mittelalter gelungen war. Das Geräusch eines zurückgleitenden Riegels erinnerte ihn, wo er war.
»He, ganz ruhig«, tönte es von vorne, mit einer hölzernen Lampe, in der eine Kerze brannte, schlurfte ein älterer Mann die Pferdeboxen entlang. Gerade noch rechtzeitig, ging Kristian sich bückend, hinter einen Heuhaufen in Deckung. Jetzt erst fiel ihm auf, dass der Dialekt des Mannes schon etwas merkwürdig klang. Die älteren Leute in seinem Dorf sprachen auch noch einen Dialekt, den er wohl verstand. Dieser hier klang wieder anders, aber doch irgendwie noch verständlich. Da die Pferde sich beruhigt hatten, schlurfte ein Mann, Kristian nahm mal an, dass es ein Wächter war, wieder heraus. Aufatmend erhob Kristian sich und ging auf die Tür zu. Ein Schiebebalken, der von beiden Seiten bewegt werden konnte, verschloss die Tür. Er schaute sich um. Um was sehen zu können, musste er seine Lampe einschalten. Wohlweislich hatte er eine Lampe aus Bundeswehrbeständen mitgenommen, weil man hier einen roten oder grünen Filter vor den Reflektor schieben konnte. Im grünen Licht zählte er acht Pferdeboxen. Eine Leiter führte nach oben auf den Dachboden. Er stieg hoch, und erkannte mehrere kleine Verschläge mit Türen. So leise wie möglich öffnete er eine Tür nach der anderen. Rechts und links der Kammern lagen Strohhaufen aufgeschichtet, teilweise mit einer Decke abgedeckt. An der Stirnwand, das musste die Burgmauer sein, war ein doppeltes Regal angebracht. Für einen Tisch war kein Platz mehr. Den letzten Verschlag wollte er sich schon ersparen, als er Atemzüge hörte. Vorsichtig machte er die Tür ganz auf und sah einen Jungen von vielleicht sechzehn Jahren. In ärmlicher Kleidung lag er auf seinem Strohlager. Leise schloss Kristian die Tür und stieg die Leiter wieder herunter. Da er ein sicheres Versteck brauchte, schaute er sich weiter um. Der linke hintere Teil war abgetrennt für Heu und Stroh. Da der Stall sonst kein Versteck zu bieten hatte, drückte er mit dem Rücken so lange das Stroh zur Seite, bis sich eine Höhle gebildet hatte. Durch die seitliche Bretterwand hatte er einen eingeschränkten Ausblick auf den Hof. Da Kristian wegen der Dunkelheit nichts Genaues sehen konnte, beschloss er, sich draußen umzusehen. Die Außentür war durch den hölzernen Holzriegel verschlossen. Leise schob er den Riegel zurück. Draußen herrschte absolute Stille, kein Feuerschein erhellte die Fensteröffnungen der Burg. Links von ihm musste das Burgtor sein, auf das er sich leise zubewegte. Die Stille wurde jäh durch laute Schnarchtöne unterbrochen. Ein Schatten draußen an der Wand verriet ihm die Stelle, an der ein Wächter hockte. Ein Schwert lag neben ihm. An dem Wächter vorbeiblickend, sah Kristian, dass das Fallgitter heruntergelassen war. Dass er durch das Fallgitter hindurchblicken konnte, sagte ihm, dass die Zugbrücke nicht hochgezogen war, was wiederum bedeutete, dass halbwegs friedliche Zeiten herrschen mussten. Es wäre ja zu einfach gewesen, wenn er einfach durch das Tor hätte gehen können. Erst beim Zurückgehen entdeckte er das zweiflügelige Burgtor, welches ebenfalls offen stand. Ein Flügel hatte auf der einen Seite noch einen kleinen mannshohen Durchgang, der mit einer Tür geschlossen werden konnte.
Eigentlich hätte er sich mit der ersten Erkundung zufriedengeben können und überlegte, ein zweiter Erkundungstag würde ihn auch nicht weiter bringen. Um die Burg verlassen zu können, brauchte er Hilfe von innen. Er konnte schließlich nicht einfach durch das geöffnete Tor spazieren, falls es geöffnet wurde. Der schlafende Junge im Stall war seine einzige Möglichkeit, wenn er die Burg nicht über die Burgmauer verlassen wollte. Leise ging er wieder in den Stall und stieg die Leiter nach oben. Der Junge lag auf dem Rücken in tiefem Schlaf. Gleichzeitig drückte Kristian eine Hand auf seinem Mund, während die Andere seinen Brustkorb nach unten drückte. Erschreckt durch das wenig freundliche Aufwecken, fuhr der Junge hoch. Kristians Lampe, die mit einem Clip an seine Brust geheftet war, verbreitete ein rötliches Licht. Erschreckte weit aufgerissene Augen blickten ihn an. Rotes Licht musste für ihn Feuer bedeuten, die Hand auf seinen Mund bedeutete sicher ein Überfall. Kristian musste seine ganze Kraft einsetzen, um den in Panik geratenen Jungen unten zu halten.
»Ruhig, ruhig«, sagte er mehrmals, nicht wissend, ob er ihn überhaupt verstand. Als der Junge merkte, dass langsam der Druck auf seine Brust nachließ, entspannte er sich merklich. Schließlich gab Kristian seine Brust frei und hielt einen Finger auf seinen Mund. Nickend gab der Junge zu verstehen, dass er ihn verstanden hatte. Langsam nahm Kristian seine Hand von seinem Mund.
Abwartend blickte der Junge ihn an. Um keine weitere Panik aufkommen zu lassen, wühlte Kristian in seine Taschen. Ein paar Kekse, noch verpackt, hielt er ihm hin. Sicherlich konnte er sich nicht im Entferntesten vorstellen, was Kristian ihm da hinhielt. Er entfernte also die Verpackung und biss in einen Keks. Der Bissen war noch nicht heruntergeschluckt, als ihm schon die Kekse aus der Hand gerissen wurden. Beide Hände zu Hilfe nehmend, verschwanden die Kekse nacheinander in den Mund des Jungen. Auf jeden Fall schien ihm Kristians Versöhnungsgeschenk zu schmecken.
»Ich heiße Kristian«, sagte er, und zeigte auf seine Brust. Mit seinem Finger auf sich deutend sagte der Junge nur: »Johannes.«
Froh über die schnelle Verständigung, zog Kristian nochmals Kekse aus seiner Tasche und hielt sie ihm hin. Im Nu hatte er die Verpackung aufgerissen und den Inhalt in seinen Mund geschoben. Kristian hatte jetzt Gelegenheit, sich den Jungen näher anzuschauen. Er schien fünfzehn bis  sechzehn Jahre alt zu sein und hungrig dazu. Geschichtlich hatte er sich nicht auf seinen Ausflug vorbereitet, deshalb wusste er eigentlich nichts über das Mittelalter.
»Wo kommst du her«? fragte ihn jetzt der Junge in einem eigentümlichen Dialekt. Kristian konnte ihn gut verstehen. Erfreut darüber, dass es keine großen Verständigungsprobleme geben würde, fiel ihm ein Stein vom Herzen und er wich seiner Frage aus.
»Kannst du mir helfen aus dem Burghof heraus zu kommen«? fragte er ihn stattdessen.
»Das geht jetzt nicht, das Fallgitter ist unten, vor morgen Früh kann keiner die Burg verlassen.« Kristian blickte ihn von oben bis unten an, und ihm wurde bewusst, dass er selber sofort auffallen würde. Johannes hatte ein mit Ärmel versehenes Oberteil an, welches vorne geschlossen war, mit einem Schlitz, der nur so groß war, dass das Oberteil über den Kopf gezogen werden konnte. Die Hose war eine Art Kniehose. Mehrfach geflickt, schien sie ihn durch die Hälfte seines Lebens begleitet zu haben. Zwei strumpfartige Teile hatte er bis über die Knie hochgezogen. Vor seinem Bett standen seine Schuhe. Sie waren aus einem Stück Leder geschnitten. Durch Löcher am Rand des Leders konnte das Leder mit Riemen um den Fuß geschnürt werden.
»Kannst du mir Sachen zum Anziehen besorgen, damit ich nicht auffalle? Du bekommst sie bestimmt wieder.« Die Stirn in Falten gelegt, schien der Junge zu überlegen. Johannes stand schließlich auf und ging zu einer Kiste, die neben seinem Bett stand. Er hob den Deckel und holte mehrere Teile heraus, die etwas besser aussahen als die, die er gerade anhatte.
»Pass auf die Sachen auf«, sagte er, »das sind meine Besten, ich will sie wiederhaben.«
»Johannes«, sagte Kristian, während er sich umzog, »vorerst darfst du keinem etwas von mir erzählen, ich bringe dir auch etwas zu essen mit.«
»Ist gut«, antwortete er. »Morgen früh werde ich dich aus der Burg bringen. Aber ich verstehe nicht, wie bist du überhaupt in die Burg gekommen, das wäre doch aufgefallen?«
»Das erzähle ich dir später, ich möchte mich draußen nur etwas umsehen, abends musst du mich wieder hierher zurückbringen. Sollte etwas dazwischen kommen oder ich bin nicht am Treffpunkt, dann musst du es am nächsten Tag noch mal versuchen.«
»Schon gut«, sagte er, »heute früh verstecke ich dich in meinem Karren, mit dem ich den Pferdemist nach unten bringe. Abends hole ich frisches Heu damit nach oben.
»Unter Mist begraben zu sein gefiel Kristian überhaupt nicht, eine andere Möglichkeit schien es aber wohl nicht zu geben. Da er zu nervös war, um noch etwas bis zum Morgengrauen zu schlafen, fragte er Johannes: »Wieso schläfst du hier alleine, es gibt doch noch mehr Kammern?«
»Die Ställe sind nicht alle belegt. Unten in der Vorburg gibt es noch einen größeren Stall. Hier stehen nur die Gebrauchspferde der Grafen. Im Winter, wenn hier mehr Pferde stehen, sind auch mehr Kammern belegt.«
»Wo wohnen deine Eltern«? fragte Kristian weiter.
»Meine Mutter ist letztes Jahr im Kindbett gestorben.«
»Und dein Vater?«
»Meine Mutter sagte mir, dass der Graf mein Vater ist. Sie hat als Magd auf der Burg gearbeitet, nach ihrem Tod hat der Burgvogt mich auf die Burg geholt.«
Mittlerweile wurde es draußen heller, als lautes Getöse einsetzte. Johannes sah sein erschrockenes Gesicht und lachte laut.
»Das Fallgitter wird gerade hochgezogen«, erklärte er. Dieses Geräusch schien eine ähnliche Funktion zu haben wie ein Wecker bei sich. Nach einiger Zeit war es mit der Stille im Burghof vorbei. Die Kette des Brunnens klirrte, als der Wassereimer runter gelassen wurde. Das Knarren der Kettentrommel hielt lange an, was darauf deutete, dass der Brunnen sehr tief sein musste. Nach etwa einer halben Stunde stand Johannes auf, stieg die Leiter herunter, schob den Riegel zur Seite und ging über den Hof. Nach einer Weile kam er mit einer Schüssel Brei und einem Stück Brot wieder. Sich auf die Futterkiste setzend, schlang er sein Essen hinunter. Seinem Gesicht nach zu urteilen, schien er davon nicht satt geworden zu sein. Mit dem letzten Stück Brot putzte er seine Schüssel sauber.
Als sich die Morgendämmerung verzogen hatte, schirrte Johannes das Arbeitspferd an und spannte es vor einen Karren. Zuerst der Mist, dann eine Lage sauberes Stroh, auf das Kristian sich legte. Dann wieder eine Lage sauberes Stroh über ihn, auf das dann zur Tarnung wieder etwas Mist verteilt wurde. Luft bekam er genug, durch einen Schlitz in den seitenrettern hatte er freie Sicht nach vorne. Es rumpelte, als der Karren an der Wache vorbei über die Zugbrücke fuhr.
Es ging abwärts. Auf der rechten Seite sah er durch einen Schlitz auf halber Strecke große Stallungen. Auf einer Koppel davor, standen etliche Pferde. Auch hier hatte es die Stalljungen aus ihren Betten getrieben. Johannes winkte ihnen zu. Links von Kristian gab es zwei Teiche, auf einem schwammen Enten und Gänse, während der andere Teich durch einen Reisigzaun eingegrenzt war. Viele Gartenfelder, mit Natursteinen eingegrenzt, reihten sich aneinander. Jetzt erst wurde Kristian bewusst, dass alles von einer hohen Mauer mit einem hölzernen Wehrgang und einigen eingelassenen Wehrtürmen umgeben war. Das also war die Vorburg. Johannes hielt geradewegs auf den einzigen Durchlass in der Mauer zu. In das einflügelige aber große Tor, welches schon offen stand, war eine mannshohe Tür eingelassen. Dahinter das hochgezogene Fallgitter und die schon heruntergelassene Zugbrücke. Zwei Wachen grüßten, als der Wagen das Tor passierte.
Johannes setzte ihn hinter der ersten Abbiegung, vor den Blicken der Wachen geschützt, ab.
»Denke dran«, sagte Kristian, »heute Abend musst du mich hier wieder abholen, sollte ich nicht da sein, versuche es am nächsten oder übernächsten Abend.«
»Schon gut, ich vergesse dich schon nicht.« Kristian schulterte seinen Rucksack und ging den Weg zum Tal hinunter. Der Weg kam ihm vertraut vor, obwohl doch alles anders war. Zu seiner Zeit hätte er von hier aus ins nächste Tal sehen können. Wiesen und Kühe beherrschten dort jetzt das Bild. Hier war jetzt alles bewaldet und versperrte ihm die Sicht. Eins war sicher, dieser Weg führte auf jeden Fall ins Tal. Tiefe Furchen zeugten davon, dass hier schwere Wagen zur Versorgung der Burg entlang gefahren waren. Nach einer halben Stunde Marsch hatte er die Orientierung verloren. In der Annahme den Weg zu kennen, hatte er eine Abkürzung nehmen wollen und wusste jetzt nicht mehr, wo er sich befand. Beim Überspringen eines Baches rutschte er aus und versuchte mit den Armen rudernd, das Gleichgewicht wieder zu erlangen. Vergeblich, er sah den Waldboden auf sich zukommen. Dass sein Kopf auf einen vorstehenden Stein aufschlug, bekam er nicht mehr mit.
Würziger Duft des Waldbodens war das Erste, was er wahrnahm, als er wieder zu sich kam. Verwundert öffnete er die Augen. Was war passiert? Wieso lag er hier? Eine Eidechse huschte an seinem Gesicht vorbei, blickte ihn mit großen Augen an, und verschwand aus seinem Gesichtsfeld.
Lang ausgestreckt,lag Kristian da. Sein Kopf war auf einem Polster aus Moos gebettet. Langsam kehrte die Erinnerung zurück. Er hatte sich noch nicht bewegt, als sich seitlich von ihm etwas regte. Erschrocken wollte er aufspringen. Der Schmerz in seinem linken Fuß zwang ihn wieder nieder.
Eine Frau, vielleicht vierzig Jahre alt oder weniger, saß gegen einen Baum gelehnt und blickte zu ihm herüber. Ihr langes rötliches Haar reichte ihr bis zu den Schultern. Eine Weile blickten sie sich an, bis sie lächelnd aufstand und zu ihm herüber kam. Sie kniete sich zu seinen Füßen nieder und öffnete seinen Schuh. Ihre Nähe und die zarten Berührungen ließen ihn fast den Schmerz vergessen. Sie war schön. Ihr Kleid war einfach, mit aufgenähten Borden verziert, zeugte es von besseren Tagen. Sie blickten sich an.
»Du bist nicht von hier«, sagte sie nur und musterte ihn weiter. Wie sie nur darauf kam, er hatte doch Johannes Sachen an. Ihre Hände tasteten seinen Fuß ab und bewegten ihn. Entspannt legte Kristian sich zurück und überlegte, ob das alles ein Traum war. Mit den Worten, »du kannst aufstehen«, riss sie ihn aus seinen Überlegungen.
»Du hast Glück gehabt, es ist nichts gebrochen.« „Schade, die Massage hätte ruhig noch etwas länger dauern können.“
Er versuchte, aufzustehen. Der erwartete Schmerz war zu ertragen.
»In deinen Händen steckt eine große Kraft«, sagte er. Als Antwort lächelte sie ihn nur an. Dann sagte sie: »Komm, du darfst mich begleiten, ich wohne nicht weit.«
„Warum nicht, dachte er, so lerne ich die Menschen hier schneller kennen.“ Es war wirklich nicht weit. Der Wald tat sich auf. Sie traten in eine große Lichtung. Ein Bach plätscherte über eine mit Steinen ausgelegte Vertiefung talabwärts. Steine, die sich dem Wasser entgegenstemmten, erzeugten gurgelnde Geräusche und Wirbel, in denen sich kreisende Blätter fingen.
Ein kleiner Steg zeugte davon, dass hier Wasser geschöpft wurde. Am Rande der Lichtung gab es mit Reisig eingezäunte Beete. Erst von der Mitte der Lichtung aus, sah er rechts ein kleines mit Schilf gedecktes Häuschen. In lehmverputzte Reisigwände, waren zwei offene Fensteröffnungen eingelassen. Das Meckern einer Ziege lenkte seinen Blick auf einen Pferch, der am Haus angebaut war. Die Haustür war aus groben Brettern zusammengefügt und wurde durch breite Lederscharniere gehalten. Ein Holzschieber verschloss die Tür. Sie öffnete die Tür und ließ ihn eintreten. Das Innere bestand nur aus einem Raum, wenn man von einer mit einem Vorhang abgetrennten Ecke absah. Der Fußboden bestand aus festgestampftem Lehm. Links führte ein Durchbruch, der durch ein Weidengitter geschlossen war, durch die Seitenwand nach draußen, der Boden dahinter war mit sauberem Laub bedeckt. Die Antwort auf seine noch nicht gestellte Frage bekam er, als eine Ziege meckernd vor dem Gitter stand und in den Raum schaute.
»Schon gut«, sagte die Frau, »ich habe einen Gast mitgebracht.« Als hätte sie es verstanden, trottete die Ziege wieder nach draußen. Sein Blick wanderte im Zimmer umher. An der Rückseite stand ein Bett aus faustdicken entrindeten Stämmen, zusammengehalten durch stramm gebundene Lederriemen. Die Liegefläche war dick mit Farnblätter gepolstert. Diese waren trotz einer Leinendecke, die darüber lag, zu sehen.
Die zwei schmalen Fensteröffnungen ließen genug Licht herein und im Winter sicher auch die Kälte. Unter jedem Fenster stand eine Holztruhe. In der Mitte des Raumes gab es eine offene Feuerstelle. Sein Blick nach oben lässt ihn erahnen, dass das Loch im Dach der Abzug sein musste. Ein Tisch und zwei Stühle machten das Zimmer komplett. Abwesend durch die neuen Eindrücke, merkte er nicht, wie ihn die Frau beobachtete.
»Du scheinst wirklich aus einer anderen Welt zu kommen«, sagte sie, »du schaust dir alles so genau an, als wenn du so etwas noch nicht gesehen hast?«
»Du hast recht«, antwortete er, »ich komme aus einer anderen Welt.«
»Ich heiße Hanna«, sagte sie, »man nennt mich die Heilerin.«
»Mein Name ist Kristian.«
»Kristian lege dich auf das Bett und schone deinen Fuß.«
Mit einem Holzeimer ging sie nach draußen. Als sie wiederkam, hatte er es sich schon bequem gemacht. Sie füllte zwei Holzbecher mit Ziegenmilch aus dem Eimer.
»Ich habe nur noch ein Stück Brot, das ich gerne mit dir teile«, sagte sie und hielt ein Stück dunkles Brot in die Höhe. Rechtzeitig fiel Kristian ein, dass er noch zwei Brötchen in seinem Rucksack hatte und langte nach ihnen. Hanna schaute ihm zu, wie er die Brötchen auspackte. Sie waren großzügig mit Schinken belegt, der jetzt an den Seiten herunterhing.
»Dir muss es sehr gut gehen«, sagte sie, »wenn du dir so etwas kaufen kannst, solch helles Brot gibt es nur auf der Burg.«
»Ist das alles, was du im Haus hast, nur ein Stück Brot«? fragte er.
»Ich muss nicht hungern, wenn du das meinst, in meinem Erdkeller hinter dem Haus habe ich einige Vorräte gelagert.«
»Und was ist das?«
»Honig von wilden Bienen, eingepökelter Fisch und Fleisch. Mitunter bekomme ich von den Bauern für meine Geburtshilfe und Versorgung ihrer Wunden, auf einmal so viel zu essen, dass ich dagegen nicht ankomme. Den Honig tausche ich ein.«
»Warum ist der Honig so wertvoll«? fragte er.
»Man merkt, dass du keine Ahnung hast, mit Honig wird alles gesüßt.«
»Warum nehmt ihr keinen Zucker der süßt doch viel besser?« Er hatte es gerade ausgesprochen, da wurde ihm bewusst, wie blöd seine Frage war.
»Zucker, was ist das, wir haben nur Honig zum Süßen.«
»Wenn ich das nächste Mal komme, bringe ich dir Zucker mit, aber komm jetzt und iss dein Brot.«
Sie klappte das Brötchen auf und zog den Duft des Schinkens tief in sich hinein. Dann klappte sie es wieder zu, ein Blick zu ihm, dann ein herzhafter Biss. Obwohl das Brötchen nicht mehr knusperig war, schien es ihr sehr zu schmecken.
»So etwas Gutes habe ich schon lange nicht mehr gegessen«, meinte sie und leckte sich die Finger sauber.
»Du darfst mich ruhig öfter besuchen, wenn du mir solche Köstlichkeiten mitbringst.« Sie gab ihm einen Schubs, sodass er nach hinten auf ihr Bett fiel. Unter dem groben Leinen war das Bett weich gepolstert. Ein würziger Duft von Heu und Wiesenkräutern stieg ihm in die Nase. Ganz entspannt lag er da, als Hanna begann, seinen Fuß zu massieren. Sie fing bei den Zehen an und arbeitete sich stetig höher. Er genoss es und vergaß alles um sich herum. Nichts schien es ihm wert, aus diesem Zustand des Wohlbefindens geweckt zu werden.
Er richtete sich auf. »Hast du zwei saubere Schüsseln«? fragte er mit Blick auf die Ziegenmilch.
»Nein«, antwortete sie, »ich mache sie schnell sauber«, und lief nach draußen. Bald war sie wieder da und stellte die Schüsseln auf den Tisch. Er zog seine Flasche Cola aus dem Rucksack und füllte die Schüsseln damit. Hanna griff danach und erschrak, als ihr die Kohlensäure entgegen sprang.
»Hui, was ist denn das für ein Teufelszeug«, trank dann aber vorsichtig weiter, als sie sah, dass Kristian seine Schüssel fast geleert hatte.
»Hui«, sagte sie abermals, »das ist aber gut.« Dann hielt sie inne, blickte die fast leere Colaflasche an, und dann ihn. »Wer bist du?« Sie nahm die Flasche vorsichtig in die Hand und merkte, wie sie sich leicht verformte.
»So etwas gibt es nicht bei uns.
Jetzt sagst du mir zuerst, wer du bist, und woher du kommst.« Um sie nicht zu erschrecken, fing er vorsichtig an.
»Kannst du dir vorstellen, dass es vor einhundert oder mehr Jahren hier auch schon Leben gab?« Sie nickte und er fuhr fort. »Jetzt denke mal nicht zurück, sondern weiter, wie es hier in einhundert oder mehr Jahren aussehen könnte.« Wieder nickte sie.
»Wenn jetzt siebenhundertfünfzig weitere Jahre verstreichen würden, dann wärst du in der Zeit, wo ich gerade herkomme.« Ungläubig, die Zusammenhänge nicht begreifend, schaute Hanna ihn an.
»Heißt das, dass du ein Zauberer und mindestens siebenhundertfünfzig Jahre alt bist?«
»Nein, das heißt nur, dass es ein Tor gibt von meiner Welt zu deiner. Jeder der einen Schlüssel hat, kann durch das Tor gehen. Ich habe den Schlüssel für das Tor auch nur zufällig gefunden und jetzt bin ich hier. Das Problem ist, das Tor befindet sich auf der Burg und ich muss wieder dorthin zurück, wenn ich in meine Welt will. Johannes, der Pferdeknecht hat mir rausgeholfen und bringt mich heute Abend wieder in die Burg.«
»Du willst also wieder gehen«? stellte Hanna fest. Tröstend nahm er sie in den Arm.
»Ich wusste doch nicht, was mich hier erwartet.«
»Du hast eine Frau in deiner Welt«? fragte Hanna.
»Eine Frau nicht, aber jemand, die  es werden könnte.« Vor seinen Augen tauchte das Bild von Jessika mit ihrem lustig wippenden Pferdeschwanz auf.
»Du liebst sie«, stellte Hanna fest, als sie seinen Gesichtsausdruck sah.
»Ja, ich liebe sie.«
»Kommst du wieder«? fragte Hanna.
»Sicher komme ich wieder, ich habe dir doch versprochen, Zucker mitzubringen.« Da verlor sich ihr trauriger Blick. Sie hatten sich viel zu erzählen. Hanna erzählte von sich, den Menschen, denen sie helfen konnte, und den Bewohnern der Burg. Die Zeit verging wie im Flug.
»Ich muss jetzt gehen, Johannes wartet auf mich, und falls es Schwierigkeiten gibt, möchte ich, dass du sagst, dass ich ein Verwandter von dir bin.« Hanna blickte ihn ernst an, dann lachte sie und versuchte ihn mit dem Rücken auf das Bett zu werfen.
»Und was ist, wenn ich dich gar nicht mehr gehen lasse?« Sie balgten noch eine Weile herum, ehe er aufstand und zur Tür ging.
»Bevor du dich wieder verläufst, erkläre ich dir lieber den Weg«, sagte Hanna. »Die letzten Tage hat es viel geregnet. Der Weg führt an einen Steilhang vorbei, der bei nassem Wetter leicht ins Tal abrutscht, pass also auf.«
Kristian schaute sich erst wieder um, als er den Rand der Lichtung erreicht hatte. Hanna stand noch vor der Tür und hob die Hand, als er sich umdrehte. Ein wenig traurig machte er sich auf den Rückweg. Nach ungefähr einer halben Stunde hatte er den Steilhang erreicht. Beängstigend steil ging es hier bergab.
Er ging zum Rand des Hangs. Entwurzelte Bäume zeugten von einem kürzlich erfolgten Erdrutsch. Vorsichtig ging er zum Weg zurück, als es anfing zu poltern. Dort wo er eben noch gestanden hatte, brach der Hang einen halben Meter ab und rutschte ins Tal. Ein lauter Schrei übertönte für eine kurze Zeit das ins Tal rutschende Geröll. Darauf hoffend, dass ein weiterer Schrei ihm den Standort des Schreienden verraten würde, horchte er, aber es blieb still. Ein paar Meter weiter schien der Hang noch gefestigt zu sein. Vorsichtig blickte er zu der vermeintlichen Stelle, von der aus der Schrei gekommen sein konnte. Der Erdrutsch war zur Ruhe gekommen, unter dem Hang sah es wüst aus. Bäume lagen kreuz und quer übereinander. Von einem Menschen keine Spur, was aber nicht besagte, dass dort keiner auf Hilfe angewiesen war. Vorsichtig kletterte er den Hang von der gefestigten Seite aus, herunter und sprang von Baumstamm zu Baumstamm. Wohl war ihm nicht, da jederzeit ein neuer Erdrutsch von oben herunterkommen konnte. Zum Glück war die Schneise der Verwüstung nicht sehr breit. Kristian arbeitete sich nach unten. Am Ende angekommen, schaute er nach oben.
Ein Haarschopf, in der Mitte des Erdrutsches, schaute aus dem Astgewirre, also wieder nach oben. Da er jetzt wusste, wo er zu suchen hatte, ließ er den Haarschopf nicht aus den Augen und arbeitete sich zur Mitte des Erdrutsches vor. Er erkannte, dass der Haarschopf einem Mann gehören musste, der nicht sehr groß sein konnte. Wie gekreuzigt wurden seine Arme von dickem Astwerk niedergedrückt.
Durchdringende Augen blickten Kristian an. Der Mann stellte die vergeblichen Versuche sich zu befreien ein, ließ Kristian aber nicht aus den Augen. Seitlich neben seiner Brust, in einer Astgabel verfangen, hing an einer, scheinbar aus Gold gefertigten Kette, ein handtellergroßes Medaillon. In der Mitte ein halbrunder, grünlich schimmernder Stein, umsäumt von einem etwa einem Zentimeter breiten, flachen Rand, auf dem sich für Kristian unbekannte Zeichen befanden.
Immer den Steilhang vor Augen, hatte er sich nah an ihn herangearbeitet. Schnell erkannte er, dass es mehrerer Männer bedurft hätte, die Äste anzuheben. Ihm fiel sein Messer mit Säge ein, das sich in einer seiner Taschen befand. Als er es aufklappte und auf den Eingeklemmten zuging, fauchte dieser ihn an. Erschrocken sprang Kristian zurück.
»Du brauchst keine Angst haben, ich will nur den Ast durchsägen.« Abwartend blickte Kristian ihn an, während der Blick des Mannes durch Kristian hindurchzugehen schien. Kristian deutete ein leichtes Nicken seinerseits als Aufforderung, seine Arbeit zu beginnen. Ein Vergnügen ist es nicht, mit einer Taschensäge einen faustdicken Ast durchzusägen. Schon bald bildeten sich die ersten Blasen an seiner Hand und Blut machte den Griff des Messers rutschig. Zudem verkeilte sich die Säge immer öfter im Holz, was seine Arbeit zusätzlich erschwerte.
»Ja mein Freund«, sagte er zu dem schweigsamen, ihn nicht aus den Augen lassenden Mann, »und du fauchst mich zum Dank noch an.« Als der Ast schließlich kippte, griff der kleine Mann mit der freien Hand zu seinem Medaillon, legte seine Hand darauf, blickte Kristian kurz an und weg war er. Erschrocken wich Kristian zurück.
Als wenn nichts geschehen wäre, stand er alleine inmitten der umgefallenen Bäume. Nur seine blutende Hand zeugte davon, dass er alles nicht geträumt hatte. Nachrutschendes Erdreich erinnerte ihn daran, den gefährlichen Ort schnellstens zu verlassen. Er kletterte wieder zurück.
Oben angekommen machte er sich auf den Weg zu ihrem Treffpunkt. Schon bald sah er die Burg in einiger Entfernung. Johannes wartete schon ungeduldig.
»Wo bleibst du denn, ich wollte gerade ohne dich losfahren.« »Johannes warte, ich muss dich erst etwas fragen. Ist dir schon einmal ein kleiner Mann begegnet?« Kristian zeigte mit der Hand wie groß. Johannes zuckte zusammen.
»Bist du verrückt, so laut über das gute Volk zu reden. Man darf nicht schlecht über sie reden, und wenn man sie beleidigt, kommen sie des nachts und machen das Vieh krank. Wer aber gut zu ihnen ist, der wird belohnt. Ich könnte dir viele Geschichten über das gute Volk erzählen. Eins muss ich dir aber noch sagen, wenn dir ein Elfe etwas zu essen anbietet, dann darfst du es unter keinen Umständen annehmen. Tust du es trotzdem, gehörst du zum Elfenreich und kannst nicht mehr nach Hause zurück.«
»Keine Sorge«, meinte Kristian rasch und hob beschwichtigend die Hände. Ich frage dich nur, weil der Mann ein wenig seltsam war und sich einfach in Luft aufgelöst hat.«
»Es ist besser, wenn du nicht über sie redest«, entgegnete Johannes ängstlich und schaute zu seinem Wagen, auf den er frisches Heu geladen hatte.
Sich nervös umschauend, schob er Kristian dann zum Wagen und sah zu, wie dieser unter das Heu kroch. Schnell sprang er selber auf den Wagen. Mit der Peitsche trieb er sein Pferd an, sodass dieses erschreckt über die ungewohnt ruppige Behandlung, im Galopp den Weg zur Burg einschlug. Das Tor der Vorburg war offen, im Galopp ging es über die Zugbrücke. Die zwei Wachposten hatten gerade noch Zeit, zur Seite zu springen. Eine Spur wehenden Heus hinter sich lassend, hatten sie bald die Zugbrücke der Burg erreicht. Die Wachen, durch den Lärm aufmerksam geworden, stellten sich dem Wagen in den Weg. Nur mit Mühe gelang es Johannes, das Pferd zum Stehen zu veranlassen. Nach einer Ausrede suchend, erzählte Johannes der Wache, dass sich sein Pferd erschreckt hätte. Sie gaben sich mit der Erklärung zufrieden und machten den Weg frei. Kristian hatte Angst, dass man ihn sehen konnte, da ein großer Teil des Heus vom Wagen geweht war. Doch zu seinem Glück war dies scheinbar nicht der Fall.
Johannes setzte den Wagen rückwärts vor die Stalltür. Er schaute sich nach allen Seiten um und gab Kristian dann ein Zeichen, dass er den Wagen verlassen könne. Johannes machte hinter sich die Tür zu. Erschöpft setzte er sich auf die Futterkiste.
»Was sollte das«? fragte Kristian. »Es hat nicht viel gefehlt und man hätte mich entdeckt.«
»Warum erzählst du mir auch was vom kleinen Mann. Ich bekomme Angst, wenn ich davon höre.«
»Du hast doch gesagt, dass es das gute Volk genannt wird, wieso hast du dann Angst?«
»Letztes Jahr haben sie einen Arbeiter gelähmt«, erzählte Johannes stockend.
»Und warum?«
»Der Arbeiter war betrunken und hat mit einem Stein nach einem Elfen geworfen, aber nicht getroffen. Der Elf hat ihn angeschaut und den Arm gehoben. Im selben Augenblick fiel der Arbeiter um und konnte seine Beine nicht mehr bewegen. Anschließend löste sich der Elf in Luft auf.« Jetzt war es Kristian, der zusammenzuckte. Genau wie bei ihm, löste sich ein Mensch in Nichts auf. Nach Johannes Reaktion zu urteilen, war das eine unumstößliche Tatsache.
»Wieso hast du nach dem Mann gefragt. Es gibt nicht viele hier, die jemals einen zu Gesicht bekommen haben. Du bist gerade mal einen Tag hier und fragst nach ihnen?«
»Das ist ganz einfach«, sagte Kristian, »ich habe einem in Not geratenem Mann geholfen und als Dank hat er sich einfach in Luft aufgelöst.«
»Warte ab«, sagte Johannes, »er wird dich dafür belohnen.« Nicht vertraut mit den Gewohnheiten der Elfen, war Kristian eher skeptisch.
Es war noch früher Abend, deshalb konnte er noch nicht in seine Zeit zurückkehren. Johannes schaute nach draußen und suchte nach Anzeichen, ob die Küche das Abendessen fertig hatte. Als er sah, dass ein Zustrom in Richtung Küche einsetzte, war er nicht mehr zu halten. Mit zwei dampfenden Schüsseln und einem Stück Brot unter dem Arm kam er zurück. Die Schüsseln waren mit Suppe gefüllt. An der Oberfläche schwammen dicke Fettaugen. Aus seiner Hosentasche holte Johannes zwei Holzlöffel. So eine fettige Suppe nicht gewohnt, versuchte Kristian den Inhalt zu ergründen. Fettstücke, und kleine Fleischbrocken, die aussahen wie klein geschnittener Darm.
»Was machst du denn für ein Gesicht«? fragte Johannes, »hast wohl noch nie so eine gute Suppe gegessen?«
„Darm besteht aus zartem Fleisch dachte Kristian, und wenn er gesäubert ist, wird er schon schmecken.“
Das Geklapper vieler Pferdehufe ließ sie beide aufhorchen.
»Der Graf kommt zurück«, erklärte Johannes. »Ich glaube, sie waren auf der Burg Rabenfels eingeladen.«
Neugierig schaute Kristian durch einen Türspalt nach draußen. Das erste Pferd kam um die Ecke auf den Stall zu. Die Reiterin mochte zwanzig Jahre zählen. Der nächste Reiter schien ein wenig älter zu sein. Er sprang aus dem Sattel. Vorne und hinten wies der Sattel hohe Wülste auf. Mit der heutigen Reitkunst hatte dieses wenig zu tun. Er konnte sich aber vorstellen, dass man im Mittelalter mit angelegter Rüstung, mehr Halt brauchte.
»Ich muss jetzt raus«, sagte Johannes, und stellte seine Schüssel zur Seite, »lass dich nicht sehen, und erschreck mich nicht, wenn du das nächste Mal kommst.« Auf Kristians Uhr wurde es zehn Uhr. Da er die Zeit hier nicht vertrödeln wollte, stieg er die Leiter nach oben und zog seine Sachen wieder an.
Der Lärm unten nahm zusehend ab, er wollte nicht auf Johannes warten und stieg also die Leiter wieder herunter. Vorsichtig schlich er die Stallgasse entlang, darauf bedacht, möglichst ungesehen sein Tor zu erreichen. Als er Öffnungszeremonie in Gang setzte, und er auf einen schnellen Wechsel hoffte, kam der jüngere Mann, der als Zweiter das Burgtor passiert hatte, auf ihn zu. An seiner Hose nestelnd, konnte Kristian sich schon denken, weswegen er hier war. Es war für beide ein Schreck. Der Mann blickte Kristian an, zog sein Schwert und rannte die Stallgasse entlang auf Kristian zu. Für diesen gab es kein zurück. Gerade noch rechtzeitig, setzte das Flimmern ein. Grüßend die Hand hebend, verschwand er aus seinem Blickfeld. Wohltuende Stille empfing ihn, trotzdem immer noch damit rechnend, dass ihm ein Schwert folgen könnte. Er musste lachen, als er an das verdatterte Gesicht des Mannes denken musste, der vielleicht gerade an der gleichen Stelle stand wie er und einem Geist nachjagte.
»Hallo Junge«, dröhnte es aus einer Ecke. Der unverkennbare Zigarrenrauch hatte Kristian schon verraten, wer da auf ihn wartete. »Ich wollte dich nicht erschrecken«, sagte Großvater, »ich konnte einfach nicht einschlafen, und da fiel mir ein, dass du heute wieder zurückkommen wolltest. Sicher bist du müde und da habe ich mir gedacht, ich hole dich ab und fahre dich nach Hause.«
»Großvater, ich danke dir dafür, aber ich kenne dich genau, du kannst nicht abwarten und willst wissen, wie es mir in der anderen Zeit ergangen ist. Ich bin zu müde und will nur noch ins Bett.« Ein wenig enttäuscht drehte sich Großvater um und Kristian folgte ihm zu seinem Wagen, der nicht weit entfernt stand.
Ohne weitere Worte zu wechseln, fuhr Großvater ihn nach Hause. Als sie endlich vor seinem kleinen Haus angekommen waren, brach Kristian das erdrückende Schweigen.
»Tut mir leid«, sagte er, als er Großvaters enttäuschtes Gesicht sah, nur um kurz darauf, ohne eine Antwort abwartend, auszusteigen und die Autotür zufallen zu lassen. Jetzt zählte nur noch sein Bett. Die Haustür fiel hinter ihm zu, er zog sich aus und kurze Zeit später war er auch schon eingeschlafen.
Die ersten Sonnenstrahlen machten sich in seinem Zimmer breit. Bewusst, dass er sicher in seinem eigenen Bett lag, verleitete ihn, die Augen noch mal zu schließen.
Eigentlich hätte er darauf gefasst sein müssen, dass Großvater nicht so schnell klein beigeben würde. Tassengeklirr riss ihn wieder aus seinem Schlaf. Kristian hatte keine Zweifel, wer die Geräusche verursachte. Der Wecker verriet ihm, dass es kurz vor zehn Uhr war. Ihm fiel ein, dass er sich gestern Abend nicht die Zeit genommen hatte, seine Haustür abzuschließen. Er ging ins Badezimmer und zog sich an. Ein Blick in die Küche zeigte ihm einen Großvater von einer Seite, die er noch nicht kannte. Großvater sah ihn kommen und strahlte ihn an.
»Großvater, kochst du zuhause für die anderen auch Kaffee?«
»Es ist doch selbstverständlich, dass ich für unseren Heimkehrer etwas vorbereite, zumal man beim Frühstück so richtig entspannt plaudern kann.« Kristian sah ein, dass es für Großvater ein ebenso großes Abenteuer war wie für ihn. Er erzählte ihm, was er im Mittelalter erlebt hatte.
Ihn nicht aus den Augen lassend, hingen seine Augen auf Kristians Lippen, um ja nichts zu verpassen. Die Zeit verging, er wollte alles wissen.
»Was ist mit unserem Haus, hast du es gesehen?«
»Großvater, ich war doch nur kurz weg, so schnell kann man doch die Gegend nicht erkundigen.«
Beim nächsten Besuch wollte er haltbare Lebensmittel in Dosen mitnehmen und hatte dabei speziell an Hanna gedacht, aber auch Johannes sollte nicht zu kurz kommen. In Silberfolie eingeschweißte Notrationen waren um ein Vielfaches besser, als das trockene Brot. Großvater druckste herum, »Junge, was meinst du, nimmst du mich irgendwann mal mit?«
»Du weißt«, sagte Kristian, »dass das Tor meine Schwachstelle ist. Ich muss jedes Mal erst in die Burg und dann sehen, wie ich wieder heraus und hereinkomme. Ich glaube nicht, dass du dich gerne unter eine Fuhre Mist verstecken willst.« Um ihn abzulenken, fragte er deshalb: »Was weißt du über Elfen?« Erstaunt schaute Großvater ihn an. »Begegnet ist mir noch keiner.« Nicht wissend, ob er ihn auf den Arm nehmen wollte, blickte Kristian ihn kurz an. Großvaters Lachfalten um die Augen blinzelten verräterisch, beide lachten sie laut auf. Die Spatzen in den Obstbäumen, suchten jetzt bestimmt erschreckt das Weite. Sie konnten sich nur langsam beruhigen. »Großvater, ich muss erst in die Stadt zum Einkaufen. Wenn ich alles beisammenhabe, wäre ich dir dankbar, wenn du mich mit meinen Sachen heute Abend zum Tor hochfährst.«
»Das mache ich gerne«, sagte er. »Sag nur Bescheid, wenn du so weit bist, ich komme dann.« Bald saß Kristian alleine am Frühstückstisch. Schnell hatte er aufgeräumt, sodass er sich seine Einkaufsliste vornehmen konnte. Das Wichtigste schienen ihm haltbare Lebensmittel zu sein. Wenn er Hanna besuchte, musste doch etwas Essbares im Hause sein.
Er fuhr in die Stadt. Hier hatte er mehr Auswahl, wie in seinem Dorf. Schnell war der Einkaufswagen voll. Zum Schluss noch zwei Dosenöffner und zwei zusammensteckbare Bundeswehrbestecke. In zwei Seesäcke hatte er alles verstaut. Im normalen Einkaufszentrum holte er noch duftende Seife, Butter, Zucker wie versprochen, Salz und einige Gewürze. Vakuumverpackte Hühnersuppen durften nicht fehlen.
Er dachte darüber nach, was passieren würde, wenn nicht Eingeweihte diese Verpackungen im Mittelalter finden würden?
Hannas Haus stand unter Elfenschutz, ungebetene Besucher waren kaum zu erwarten. Trotzdem würde er Hanna bitten, den Abfall aus seiner Zeit zu sammeln, damit er ihn mit zurücknehmen konnte.
Da seine Brötchen das letzte Mal so gut angekommen waren, deckte er sich reichlich damit ein.
Nachdem seine Einkäufe im Auto verstaut waren, ging er nochmals zurück. Ihm fiel ein, dass er Hanna noch eine Freude machen wollte. Er wusste, dass es um die Ecke einen Secondhandshop gab. Es sollte ein Kleid sein, das bis zu ihren Füßen reichte. Schnell war das Richtige gefunden. Es schien eine Art Trachtenkleid aus seiner Gegend zu sein. Zumindest hatte es etliche Borden und Rüschen. An Schuhe wagte er sich nicht ran, da er ihre Größe nicht kannte.
Am späten Nachmittag machte er mit Großvater einen Termin für den nächsten Übergang aus.
Um nicht wieder bei Johannes die Kleider wechseln zu müssen, versuchte er sich den Umständen entsprechend, annähernd anzuziehen. Schwarze Lederhose und Weste schien ihm ein Kompromiss zu sein. Pünktlich fuhr Großvater vor, sie verstauten die Einkäufe, die er in zwei Seesäcke aufgeteilt hatte in den Kofferraum, und ab ging es. Angekommen trugen sie alles den Rest des Weges in den Burghof. Die Sachen um Kristian verteilt, stand er schließlich auf der Stelle, die in eine andere Welt führte. Ein komisches Gefühl hatte er schon, da er nicht wusste, was sein letzter Abgang für einen Wirbel verursacht hatte. Er blickte sich um. Großvater stand abseits und ließ ihn nicht aus den Augen. Sicher wollte er sehen, wie Kristian das Tor öffnete. Zum Glück wusste er nicht, wie einfach die Sache in Wirklichkeit war. Um das Ganze noch ein wenig auf die Spitze zu treiben, winkte Kristian ihm nochmals zu, hob seine Arme über den Kopf. Schon der Gedanke an das sich öffnende Tor brachte ihn ohne Übergang ins Mittelalter zurück. Zum Glück geschah das ohne den geringsten Laut und man erhielt auch keine Bestätigung über den gelungenen Zeitwechsel. Der Stallgeruch der Pferde bestätigte ihm jedoch, wo er war. Soweit schien alles in Ordnung zu sein. Vorsichtig hievte er sein Gepäck über die Leiter nach oben. Einen Seesack versteckte er am Ende des Heubodens, ohne zu wissen, ob Johannes überhaupt hier war. Erleichtert vernahm er die Schlafgeräusche, die aus seiner Kammer kamen. Johannes hatte einen festen Schlaf. Um ihn nicht unnötig zu erschrecken, rief er leise seinen Namen. Johannes öffnete seine Augen und horchte ins Dunkle. Kristian stand hinter ihm, weswegen er ihn nicht sah.
»Ich bin's, Kristian«, sagte er.
»Mensch Kristian«, stieß Johannes hervor, sprang aus seinem Bett und fiel ihm um den Hals. Einen so herzlichen Empfang hatte Kristian nicht erwartet.
»Komm setz dich«, sagte er. Da er sich die Frage sparen konnte, ob er Hunger hatte, packte er die Brötchen aus. Nach dem dritten Brötchen war Johannes Hunger gestillt. Dann packte Kristian ihm mehrere Packungen Notration auf sein Bett.
»Hör zu, solange du die Verpackung nicht beschädigst, bleibt der Inhalt frisch. Mach also nicht den Fehler, und schau in jede Verpackung rein und esse nicht alles gleich auf einmal auf. Die leere Verpackung musst du unbedingt vergraben, damit man uns nicht auf die Spur kommt. Johannes, ich konnte mich vorgestern nicht von dir verabschieden, ist noch irgendetwas vorgefallen?«
»Das kann man wohl sagen. Ich habe den jungen Herrn Grafen unten im Stall angetroffen. Er hieb mit seinem Schwert um sich. Als er mich sah, steckte er es ein. Er fragte mich, ob ich etwas Verdächtiges gesehen hätte. Ich sagte nein, obwohl mir klar war, dass nur du etwas damit zu tun haben konntest. Bleich ging er schließlich aus dem Stall und verbot mir, über die Sache zu reden. Er war seitdem nicht mehr hier.«
»Johannes, morgen in der Frühe muss ich nach Hanna, geht das klar?«
»Kein Problem«, sagte er nur.
»Dann schlaf weiter, ich lege mich in eine andere Kammer aufs Ohr.« Nachdem die Ruhe wieder eingekehrt war, war Kristian schnell eingeschlafen. Zur gewohnten Zeit riss ihn das Treiben der Küchenmägde aus dem Schlaf.
Da er wusste, dass Johannes gleich erst sein Essen holen würde, hatte er es mit dem Aufstehen nicht eilig und war schon bald wieder eingeschlafen, bis Johannes ihn weckte.
»Es ist alles vorbereitet«, sagte er. Kristian nahm sich einen Seesack, seinen Rucksack und kletterte nach unten in die Stallgasse. Draußen war alles ruhig. Johannes hatte sich etwas Neues einfallen lassen. Mit Brettern hatte er im Karren einen zweiten Boden geschaffen, auf dem der Mist lag. Er verstaute seine Sachen und sich in den Zwischenraum.
Johannes deckte die Klappe mit Mist ab. Obwohl er sauberes Stroh auf den unteren Boden gestreut hatte, spürte Kristian jede Bodenwelle, über die er fuhr. Gleichzeitig fielen Strohschnitzel von oben herunter in seinen Nacken.
Sie passierten das erste und das zweite Fallgitter. Johannes fuhr ihn so nah wie möglich in die Nähe von Hannas Haus und Kristian war froh, als der Karren endlich anhielt.
Sie verabschiedeten sich, Kristian erinnerte ihn daran, dass er ihn in zwei Tagen wieder abholen sollte. Er sah noch zu, wie Johannes den Wagen wendete und schulterte dann sein Gepäck. Der Weg kam ihm jetzt viel weiter vor und wollte kein Ende nehmen. Die Dosen in seinem Gepäck drückten gegen seine Schulter.
Endlich die Lichtung. Er war froh, als er Hannas Haus erblickte.
Sein Gepäck ließ er zu Boden fallen. Gerade als er an Hannas Tür klopfen wollte, ließ ihn ein Geräusch herumfahren. Außer Hannas Ziege war nichts zu sehen. Sein Gefühl sagte ihm, dass irgendetwas in seiner Nähe vor sich ging. Er konzentrierte sich auf diesen Bereich, der nur ein paar Meter von ihm entfernt war.
Dunkle Schatten tauchten aus dem Nichts auf und formten sich um in kleine Gestalten. Sechs Elfen standen um ihn herum und schauten zu ihm herüber. Als ihnen bewusst wurde, dass er sie sehen konnte, verblassten ihre Umrisse auf einen Schlag und alle waren endgültig unsichtbar oder verschwunden.
Nach eine kurze Zeit, blieb Kristian ein wenig verwirrt vor Hannas Haus stehen und starrte zu der Stelle, an der die Elfen sich soeben in Luft aufgelöst hatten. Da sie jedoch nicht wieder auftauchten und auch sonst kein ungewöhnliches Geräusch zu vernehmen war, drehte er sich wieder um und klopfte an Hannas Tür.
Es schien niemand da zu sein.
Er griff nach seinem Seesack, trat ein, und stapelte die Vorräte zu einer Pyramide auf Hannas Tisch. Ab und zu schaute er durchs Fenster, ob die Elfen wieder zurückgekommen waren. Sein Gefühl sagte ihm, dass sie noch da waren. Er machte sich keine Sorge, da er an Johannes Worte denken musste: „Wer einem Elfen hilft, wird belohnt.“
Kristian ging nach draußen.
Ein leichtes Flackern neben ihm zeigte, dass jemand seine Unsichtbarkeit stabilisieren musste. Vielleicht war er über sein plötzliches Erscheinen auch nur erschrocken.
»Warum versteckt ihr euch, wenn ihr mir etwas zu sagen habt, dann sagt es.« Wie auf ein geheimes Kommando standen sie plötzlich vor ihm. Sechs Männer im grünlichen Filzanzug mit roter Kappe, was ihnen ein militärisches Aussehen gab. Auf ihrer Brust hing ein runder Gegenstand, den Kristian schon von der ersten Kontaktaufnahme her kannte. Ähnlich wie Orden unterschieden sie sich in der Größe und ihrer Farbe. Der Mann neben ihm setzte zum Sprechen an. Klar und deutlich in seiner Sprache sagte er: »Mein König Omi gab mir den Auftrag, dich als seinen Freund und Lebensretter in seinem Reich willkommen zu heißen. Heute Abend wird er mit seinem Gefolge hier erscheinen, um dir persönlich seinen Dank auszusprechen. Die Heilerin Hanna ist ebenfalls eingeladen.« Er verneigte sich und plötzlich war Kristian wieder alleine. Da wird Hanna aber Augen machen dachte er, als er sie auf der Lichtung auftauchen sah. Er winkte in ihre Richtung, und als sie ihn sah, fing sie an zu rennen.
»Hallo Kristian«, sagte sie, als sie bei ihm war.
»Es ist viel passiert in der Zeit, wo du weg warst. Das kleine Volk ist total aus dem Häuschen. Ein Erdenmensch hat den König vor dem sicheren Tod bewahrt. Mehr weiß ich aber auch nicht.«
»Hanna, wieso hast du mir nicht erzählt, dass du von dem Elfenvolk weißt?«
»Ich habe bisher noch keinem von den Elfen erzählt. Ich kenne sie, weil ich ab und zu als Geburtshelferin von ihnen gerufen werde.«
»Erschrecke nicht«, sagte er, »ich hatte vorhin Besuch von den Elfen. Wir beide sind heute zu einer Feier eingeladen, die hier bei dir stattfinden soll. Der König und die Königin werden erscheinen.« Er musste an ihr Kleid denken, welches noch nicht ausgepackt war. Sogleich fing sie an zu jammern.
»Ich hab doch nichts Gescheites anzuziehen. Wieso ist die Feier bei mir, ich verstehe das alles nicht.«
»Komm rein, wir werden es schon früh genug erfahren.« Als sie die Dosenpyramide sah, blickte sie ihn hilflos an.
»Da ist Essen für dich drin. Solange die Dosen geschlossen bleiben, sind sie mindestens zwei Jahre haltbar.«
»Schau«, sagte er, nahm den Dosenöffner, und begann, eine Dose mit Erbsensuppe zu öffnen. Der Deckel war zur Hälfte geöffnet, als sie ihn beiseiteschob und den Deckel anhob. Hannas Augen strahlten, als sie den Duft in sich hineinsog.
»Schnell, mach Feuer«, sagte Kristian, »warm schmeckt die Suppe besser.« Das Herdfeuer war schon vorbereitet. Mit dem Feuerzeug zündete er zum Schrecken Hannas, das Feuer an.
Kristian hatte schon wieder ein schlechtes Gewissen, Hanna ohne Vorwarnung mit der Technik des einundzwanzigsten Jahrhunderts überfallen zu haben. Er hielt ihr das Feuerzeug hin. Um dem Feuerzeug den Mythos der Zauberei zu nehmen, erklärte er ihr die Funktion. Erst scheu, dann aber mit viel Spaß, ließ sie die Flamme immer wieder aufleuchten. Er überließ es ihr.
Schließlich holte sie einen Kupferkessel, den sie an eine Kette über das Feuer aufhängte und die Suppe hinein schüttete. Dem Rucksack entnahm Kristian zwei Nirostaschüsseln und das Besteck. Schnell verbreitete sich der Duft der Suppe im Raum. Mit einer Holzkelle füllte Hanna die Suppe in die Schüsseln. Da er nicht so hungrig war, ließ er sich Zeit. Hanna dagegen hatte ihre Schüssel ruck zuck leer und blickte zum Topf.
»Mach ruhig den Topf leer, ich habe genug«, sagte er, was sie sich nicht zweimal sagen ließ. Der Topf war schließlich leer, Hanna satt und er zufrieden, dass es Hanna geschmeckt hatte. Hanna ging mit dem Geschirr nach draußen und wusch es ab.
»Hanna«, fragte er, als sie wieder beisammensaßen, »hast du schon mal an einem Elfenfest teilgenommen?«
»Ja«, sagte sie. »Deshalb verstehe ich ja auch nicht, wieso sie hier bei mir feiern wollen.«
»Stimmt es, wenn man von ihnen Essen angeboten bekommt und es annimmt, dass man ihnen dann ausgeliefert ist?«
»Da ist was Wahres dran, aber auch nur dann, wenn die Elfen wollen, dass jemand bei ihnen bleibt. Das kommt vor, wenn sie junge Frauen entführen, damit diese ihre Kinder gebären. Kristian, du musst keine Angst haben, dass die Elfen versuchen könnten, dich in ihren Bann zuschließen. Das haben sie bei mir auch noch nie versucht.«
»Hanna, du sagst, du hättest für heute Abend nichts anzuziehen. Der König wird sich sicher wundern, wenn du beim Fest kein Kleid anhast.«
»Lass deine Späße, ich behalte mein altes Kleid an.« Kristian fand, dass er Hanna genug gequält hatte, und sagte deshalb, »willst du nicht mal in meinen Rucksack schauen, ich habe eine Überraschung für dich mitgebracht.«
»Für mich?«, fragte sie. Als er nickte, packte sie den Rucksack und schüttete ihn aus. Noch verpackt, fiel das Kleid heraus. Sie blickte ihn an.
»Es gehört dir, mach es auf«. Vorsichtig faltete sie das Papier auseinander. Als sie das Kleid sah, schlug sie die Hände vor ihrem Gesicht zusammen und weinte.
»Warum machst du das, ich habe nichts, was ich dir schenken kann.« Er ging zu ihr herüber und nahm sie in den Arm.
»Du musst mir nichts schenken, wenn du dich freust, freue ich mich auch.« Ganz entrückt starrte sie das Kleid an.
»Meinst du nicht, du solltest das Kleid einmal anprobieren?«, fragte er.
Schnell und ohne näher nachzudenken, wechselte sie die Kleider.
Es schien wie für sie gemacht. Der Saum erreichte gerade den Boden.
»Du bist die Schönste im ganzen Land«, sagte er und küsste sie auf den Mund. Sie zog dann ihre Schuhe an und tanzte durch den Raum.
Es wurde langsam dunkel, als draußen ein reges Treiben einsetzte. Ein Blick durch das Fenster ließ Kristian schwebende Tische und Bänke erkennen. Lampions, die wie von Zauberhand plötzlich an Ort und Stelle standen, erhellten schwach die Dunkelheit der einsetzenden Dämmerung. Die Tafel begann sich zu biegen, je mehr Köstlichkeiten, die wie durch Zauberhand erschienen, aufgetischt wurden. Dann geschah eine Weile nichts mehr.
»Ich glaube, gleich geht es los«, sagte Kristian. Glöckchengeläute kündeten das Herannahen der königlichen Gesellschaft an. Eine schwebende Sänfte, auf der die Königin und der König thronten, schwebte heran. Der Hofstaat, in bunten Gewändern, schloss sich an. Der König hatte einen grünen Anzug an. Die Königin trug ein langes in Gelb gehaltenes Kleid.
Kristian stieß Hanna an, »komm, wir müssen nach draußen den König begrüßen.« Das königliche Gefährt schwebte heran und senkte sich auf den Boden. Hanna als Hausherrin verbeugte sich vor dem Königspaar und hieß es willkommen. Kristian beeilte sich, es ihr gleich zu tun. Damit war dem offiziellen Teil genüge getan. Der König hob die Hand, und sogleich erschallte ein Trompetensolo, das den Beginn des Festes verkündete. Die anfängliche Stille verwandelte sich in ein lebhaftes Treiben vieler königlicher Untertanen. Nachdem von den ersten Köstlichkeiten gekostet wurde, ertönte auf Veranlassung des Königs erneut ein Trompetensignal. Alle erhoben sich.
»Ich möchte mich bei der Hausherrin, unserer Freundin Hanna bedanken«, sagte der König, »dass sie diesem Treffen zugestimmt hat.« „Das stimmt ja wohl so nicht,“ dachte Kristian. »Der eigentliche Anlass dieses Besuches«, fuhr der König fort, »gilt ihrem Besuch.« Hanna schaute Kristian erschrocken an.
»Warum hast du mir nichts gesagt?«, flüsterte Hanna ihm zu, doch er tat, als hätte er es überhört. Der König fuhr fort.
»Sein Name ist Kristian.« Kristian musste daran denken, wie einfach es für die Elfen gewesen sein musste, seinen Namen herauszubekommen.
»Unter Einsatz seines eigenen Lebens, hat er mich aus einer tödlichen Gefahr befreit. Wie wir alle wissen, kann man bei den einheimischen Dörflern nicht immer sicher sein, ob sie solch eine Situation nicht dazu benutzt hätten, einen der unseren zu töten. Auch ich schloss anfangs diese Möglichkeit nicht aus. Da der Dank unter gegebenen Umständen nicht möglich war, möchte ich dieses hiermit nachholen. Wir wissen, dass unser Freund Kristian ein Zeitreisender ist. Wir wissen auch um die Umstände, die mit einem Gang durch das Tor verbunden sind. Als Dank für meine Rettung erhält er ein Medaillon, das es ihm ermöglicht, sich unsichtbar zu machen. Weiter könnte es dazu verwendet werden, beim Gang durch das Tor, an eine andere Stelle weitergeleitet zu werden, also direkt nach hier. Sollte sich unser Freund Kristian als würdig erweisen, so kann die Verwendbarkeit des Gerätes erweitert werden.«
Der König kam zu ihm herüber. In der Hand ein Medaillon, deutlich kleiner, wie Kristian es schon kannte. An dem Medaillon war eine dünne Lederschnur befestigt, die er Kristian um den Hals legte. Sie blickten sich in die Augen. Im Gegensatz zur ersten Begegnung war von einer Gefährlichkeit keine Spur mehr zu sehen. Er nahm Kristian zur Seite.
»Mein Freund Kristian, sage Omi zu mir, deine Feinde sind jetzt auch meine Feinde. Wenn du in meinem Reich irgendwelche Probleme hast, gib mir ein Zeichen. Wenn du an dieses Symbol denkst«, er deutete darauf, »denke gleichzeitig an dein Problem. Mit diesem Symbol leitest du die Unsichtbarkeit ein. Gleichzeitig stellst du dir vor, wie dein Körper unsichtbar wird. Mit diesem Symbol kannst du dich an andere Orte begeben, denke nur daran, wo du hin willst.«
»Darf ich es mal ausprobieren«? fragte er.
»Sicher«, antwortete der König. Kristian dachte an das Symbol für die Unsichtbarkeit und stellte sich vor, wie sich sein Körper in nichts auflöste. Er blickte an sich herunter, seine Schuhe und alles andere sah er nicht mehr. Als er ein paar Schritte zur Seite ging, sah er, wie der König sich konzentrierte und ihn mit seinen Augen folgte. Das war der Beweis, dass seine Unsichtbarkeit nicht vollständig war. Das gleiche Phänomen hatte er bei der Begegnung mit den sechs Elfen erlebt. Er dachte an das Symbol für einen Ortswechsel und gleichzeitig an die Lichtung vor Hannas Haus. Schon stand er in der Lichtung vor Hannas Haus. Von einem Fest keine Spur. Er versetzte sich zurück, und hob die Unsichtbarkeit auf. Der König lächelte ihn an, »du hast schnell gelernt«.
»Hast du das Fest vor ungebetenen Blicken geschützt«? fragte Kristian.«
»Die Gefahr ist zu groß, dass ein Dörfler uns sieht. Sie wissen zwar, dass es uns gibt, aber mehr auch nicht.«
»Wie erkenne ich einen Schutzschirm und wie mache ich ihn für mich durchschaubar?«
»Mit diesem Symbol und deiner Vorstellungskraft«, sagte der König und deutete auf das Symbol.
»Komm, wir gehen zurück«, sagte er, und deutete lächelnd zu den anderen Festteilnehmern. Die Königin war in einem Gespräch mit Hanna vertieft.
Beide blickten auf, als sie sie kommen sahen. Hanna sah betörend aus. Sie hatte dem in Alkohol eingelegtem Obst nicht widerstehen können. Es herrschte eine ausgelassene Stimmung. So nach und nach lernte Kristian auch die Mitglieder des Königsrates kennen. Diese waren nicht militärisch gekleidet und alle männlich. Ihm fiel ein junger Mann auf, der ihn beobachtete. Sobald dieser merkte, dass Kristian in seine Richtung schaute, blickte er in eine andere Richtung. Kristian wandte sich dem König zu.
»Omi, wer ist der junge Mann dort drüben, ich glaube er möchte mir vorgestellt werden.« Der König blickte in die angegebene Richtung und lachte dann.
»Du hast recht, es war mein Fehler, dass ich es versäumt habe, euch miteinander bekannt zu machen.« Er winkte dem jungen Mann zu, der sogleich auf sie zu kam.
»Darf ich vorstellen, das ist Hera, der Bruder der Königin, meine Frau.« Dieser verbeugte sich leicht und Kristian machte es ihm nach.
»Hera«, sagte der König, »ist ein Rebell und allem Neuen aufgeschlossen.« Hera lächelte Kristian an und fragte ihn: »Wie hast du den Zugang zu uns gefunden?«
»Das war nur ein Zufall, ähnlich wie ihr mit der Vorstellungskraft arbeitet, habe ich das Tor in eure Welt aktiviert. Meine Neugierde hat mich dann hierher gebracht.«
»Das Tor gibt es schon lange, wir wissen nicht, wer es geschaffen hat«, meinte Hera, »ich selbst habe es noch nie benutzt.«
»Wenn du Lust hast, können wir das nächste Mal gemeinsam durch das Tor gehen«? fragte Kristian. Als wenn er noch nicht an diese Möglichkeit gedacht hatte, zuckte Hera merklich zusammen.
»Du meinst mit in deine Welt«? fragte er und blickte dabei den König an.
»Da du mir jetzt sowieso keine Ruhe mehr lässt, habe ich nichts dagegen«, sagte der König. Hera konnte seine Freude nicht mehr zurückhalten und stieß einen Freudenschrei aus.
»Wann gehen wir«? fragte er.
»Vielleicht in zwei Tagen«, schlug Kristian vor. Die Königin, mit der er noch kein Wort geredet hatte, kam auf ihn zu.
»Kristian, Hera ist ein ungeduldiger Mann, achte auf ihn. Ich hoffe, dass er nach dem Besuch in deiner Welt etwas ruhiger wird.«
Die Feier ging schließlich zu Ende. Der König und sein Gefolge verabschiedeten sich. Kristian und Hanna waren so müde, dass sie sich gleich ins Bett legten und kurz darauf einschliefen.
Am anderen Morgen wachte er zuerst auf, stand auf und schaute durch das Fenster. Nichts deutete auf den gestrigen Abend hin. Er überlegte, was sie zum Frühstück essen sollten. Es gab Dosenbrot, Marmelade, Butter, Kaffee und Tee. Er nahm den Kessel, holte aus dem Bach frisches Wasser und hängte ihn über die Feuerstelle auf. Das Feuer war schnell entfacht, der Tisch gedeckt. Ein Blick zum Bett, zeigte ihm, dass Hanna noch schlief. Ein Kuss auf ihren Mund ließ sie aufwachen. Sich die Augen ausreibend, schien sie zu überlegen, wo sie war. Ihre Augen öffneten sich, ihre Blicke trafen sich.
Sie stand auf, nahm ihren Eimer und ging zum Bach. Es folgte das Waschritual.
Inzwischen hatte Kristian die Teebeutel in die Becher gehängt und mit heißem Wasser gefüllt. Hanna kam wieder, trocknete sich ab. Erstaunt blickte sie auf den Tisch. Für sie waren das alles unbekannte Dinge.
Kristian öffnete eine Dose mit Brot und die Dose mit Butter, entnahm eine Scheibe Brot und verteilte die Butter darauf. Aus der Tube kam noch Marmelade hinzu. Hanna schaute ihm mit großen Augen zu.
»Jetzt du«, sagte er und reichte ihr das Brot. Als sie schließlich den ersten Biss tat, verharrte sie und ließ den Biss auf ihre Zunge zergehen.
»Das ist gut«, sagte sie. Wenn er an Johannes Frühstück dachte, konnte er ihr nur recht geben. Hanna probierte den Tee und fand, dass er bitter schmeckte. Den Zucker hatte Kristian total vergessen. Er stellte ihn auf den Tisch.
»Hier, das ist der Süßstoff, den wir statt Honig verwenden.« Sie steckte ihren Löffel hinein und ließ den Zucker wieder in die Tüte rieseln.
»Du musst einen Löffel voll in deinen Becher tun«, erklärte er, »du wirst sehen, dass der Tee dann besser schmeckt.«
»Du hast recht«, sagte sie, nachdem sie umgerührt und einen Schluck genommen hatte.
»Hanna es geht nicht, dass ich bei dir wohne und es nur ein Bett gibt. Da könnten die Leute auf dumme Gedanken kommen. Es wäre gut, wenn du noch ein zweites Bett machen lässt.«
»Ganz wie du willst, ich muss sowieso heute ins Dorf.«
»Wir könnten ein Stück zusammengehen«, schlug er vor, »ich muss Johannes besuchen.«
»In Ordnung, ich räume nur noch etwas auf.« Ganz in Gedanken ging er nach draußen zum Gatter. Hier hatte er etliche Rundhölzer und Stangen gesehen. Ohne eine Waffe zur Selbstverteidigung wollte er nicht durch die Gegend wandern, auch wenn er jetzt jederzeit verschwinden konnte. Draußen fand er schnell einen passenden Stock aus Eiche von etwa zwei Meter Länge. Mit dem Messer glättete er die Oberfläche.
»Ich bin fertig«, rief Hanna.
»Komm bitte mal her«, sagte er, »ich möchte etwas ausprobieren, gib mir deine Hand.« Kristian dachte an das passende Symbol und versetzte sich an den Rand der Lichtung. Hanna wurde blass, als sie ihr Haus plötzlich so weit unten sah.
»Es klappt«, freute er sich, »komm lass uns gehen.« Nur langsam beruhigte sich Hanna. An der Wegkreuzung trennten sie sich. Hanna schlug den Weg zum Dorf ein. Er folgte den Wagenspuren aufwärts. Schon bald sah er die vorgelagerte Burgmauer, die Zugbrücke war heruntergelassen, das Fallgitter hochgezogen. Er ging auf das Tor zu. Die Mauern waren doch mächtiger, wie er sie in Erinnerung hatte. Die zwei Wachen schauten verblüfft, als er zügig das Tor passieren wollte. Sie hatten Helme auf und trugen ein Kettenhemd. Um die Hüfte einen Ledergürtel, an dem ein Schwert hing.
»Halt stehen bleiben«, rief einer. Kristian blieb stehen, weil er sie nicht verärgern wollte.
»Wohin des Weges«? fragte der Andere.
»Ich will Johannes den Pferdeknecht besuchen.« Die Wachen blickten sich an und überlegten, ob etwas dagegen sprach. Sicher machte seine Kleidung ihnen die Entscheidung auch nicht leichter. Er bemerkte ihre Unentschlossenheit, nahm seinen Rucksack ab und wühlte mit einer Hand nach den Plätzchen. Die andere Hand zu Hilfe nehmend, riss er im Schutz des Rucksacks die Folienverpackung herunter. Dann hielt er der Wache die Plätzchen hin. Langsam kamen diese näher und griffen zu. Nachdem die Riechprobe gut ausgefallen war, verschwand das erste Plätzchen in ihren Mund. Damit beschäftigt, sich die Plätzchen schmecken zu lassen, hatten sie nichts dagegen, als er sich umdrehte und seinen Weg fortsetzte. Die Hälfte des Weges war geschafft, als ihm vier Reiter entgegen kamen. Kristian erkannte den jungen Grafen und seine Schwester. Der dritte Reiter war älter und schien der Vater zu sein.
»Wohin des Weges«? fragte der vierte Reiter. Der junge Graf schaute Kristian aufmerksam an, dieser hielt seinem Blick stand. Er hatte Kristian im Stall gesehen. Entweder war er sich nicht sicher, oder er zweifelte, ob diese Begegnung überhaupt stattgefunden hatte. Der Schwester lächelte Kristian zu und deutete eine Verbeugung an, was sie mit einem Kopfnicken quittierte.
»Ich möchte euren Knecht Johannes besuchen«, erklärte er. Seine ungewohnte Sprechweise schien sie zu verwirren. Der vierte Reiter ritt um Kristian herum.
»Was hast du in deinem Sack«? fragte er.
»Ich wüsste nicht, was euch das angeht«, erwiderte Kristian.
»Du bist ein vorlautes Bürschchen.« Er versuchte, ihn mit seinem Pferd beiseite zu drücken. Kristian blieb nichts anderes übrig, als seinen Stock in die Seite des Pferdes zu stoßen. Nicht darauf vorbereitet, hatte der Mann mühe, im Sattel zu bleiben, als sein Pferd in die Höhe stieg. Die drei anderen Reiter blickten der Auseinandersetzung interessiert zu.
»Was bildest du dir eigentlich ein«, ließ der Reiter nicht locker, »mach endlich deinen Sack auf.«
»Wenn ihr euch traut, macht ihn doch selber auf.« Unentschlossen blickte der Reiter rüber zu den anderen Reitern. Diese sahen den Zwischenfall als eine schöne Ablenkung an.
»Ja, was ist, nun schaut doch endlich in den Sack,« drängte der Graf den Reiter. Wohl oder übel stieg dieser von seinem Pferd. Kristian rührte sich nicht vom Fleck und grinste den Reiter an. Er kam auf ihn zu, eine Hand am Schwert, das noch in der Scheide steckte. Kristian beobachtend, griff er mit der anderen Hand nach seinen Rucksack.
»Halt, ich werde nicht zulassen, dass ihr euch an meinem Eigentum vergreift.« Ehe der Mann sich versah, schlug Kristian mit seinem Stock zu. Verblüfft schaute der Mann auf seine schmerzende Hand. Sich bewusst, dass Kristian es ernst meinte, zog er sein Schwert. Um sich nicht lächerlich zu machen, wollte er die Sache schnell zu Ende bringen. Durch Stechbewegungen versuchte er, Kristian von seinem Rucksack zu trennen. Kristian war von Anfang an bewusst, auf was er sich einlassen hatte. Er wusste, dass man mit einem Stock durchaus gegen einen Schwertkämpfer bestehen konnte, wusste aber nicht, wie ernst er die Sache hier nehmen sollte. Was der Schwertkämpfer vor ihm nicht wusste, war, dass er sich im Stockkampf auskannte. Mit dem Stock hat man den Vorteil, dass der Gegner nicht wusste, mit welcher Seite zugeschlagen wurde.
Kristian stand immer noch ruhig da.
Mutig geworden, hielt der Kämpfer das Schwert in seine Richtung und griff mit der anderen Hand nach dem Rucksack. Mit voller Wucht schlug Kristian seinen Stock auf seine Schwerthand. Das ging so schnell, dass der Gegner keine Möglichkeit hatte, dieses vorauszusehen. Vor Schreck und Schmerz ließ er das Schwert fallen. Kristian nutzte die Gelegenheit nicht, weiter gegen den Gegner vorzugehen. Es war still um sie. Der Gegner blickte auf sein Schwert, nicht wissend, wie Kristian reagieren würde, wenn er versuchte, es aufzuheben. Kristian senkte den Stock und hielt ihm seine ausgestreckte Hand hin.
»Frieden und Freundschaft«, sagte er, »es lohnt nicht, aus diesem Zwischenfall eine Feindschaft werden zu lassen.« Der Mann überlegte, wie er ohne Gesichtsverlust aus der Sache heraus kam. Schließlich nahm er die Hand an.
»Es ist besser einen Freund zu haben, als einen Feind. Ich bin der Waffenmeister Robert. Ihr könnt natürlich gehen, wohin ihr wollt.«
»Mein Name ist Kristian, ich bin Händler und mit der Heilerin Hanna verwandt.« Er hoffte, damit alle Feindseligkeiten ausgeräumt zu haben. Wieder suchte er in seinen Rucksack und brachte ein Stück wohlriechende Seife ohne Verpackung ans Tageslicht, ging auf des Grafen Tochter zu, und hielt ihr die Seife hin.
»Als Zeichen meiner Bewunderung bitte ich euch, dieses bescheidene Geschenk anzunehmen. Eure Haut wird duften, wenn ihr euch damit wascht.«
Sie nahm die Seife an, roch daran und ließ auch ihren Bruder riechen. »Ich danke euch«, sagte sie. »Es würde uns freuen, wenn wir euch bei nächster Gelegenheit unter besseren Umständen wiedersehen könnten.« Kristian verbeugte sich, schulterte seinen Rucksack und ging der Burg entgegen. Ein Blick zurück zeigte ihm, dass alle, bis auf dem jungen Grafen, ihren Weg fortsetzten. Das Pferd des Grafen hatte sich noch nicht gerührt, er sah zu ihm herüber. Als er keine Anstalten machte, den anderen Reitern zu folgen, drehte Kristian sich um und ging weiter.
Die Wachen der Burg standen vor dem offenen Burgtor. Ihnen war das Geplänkel mit dem Waffenmeister nicht entgangen. Als er durch das Tor ging, sagten sie nichts. Kristian öffnete leise die Stalltür. Hinten im Stall war Johannes damit beschäftigt, frisches Stroh zu verteilen. Mit seinem Stock tippte er leicht gegen Johannes Schulter und rief: »Geld oder dein Leben.« Vor Schreck fuhr er zusammen und drehte sich um.
»Mensch Kristian, musst du mich so erschrecken?« Es war ihm anzusehen, dass er sich freute, Kristian zu sehen.
»Wo kommst du her«? fragte er.
»Dort durch die Tür.«
»Du meinst du bist durch das Burgtor gekommen?« Ungläubig schaute er ihn an.
»Ich bin den Weg von Hanna bis hierher gelaufen. Unterwegs habe ich den Grafen getroffen. Mit dem Waffenmeister hatte ich eine kleine Auseinandersetzung.« Johannes blickte ihn mit großen Augen an.
»Du kannst beruhigt sein, der Waffenmeister lebt noch. Ich habe ihnen gesagt, dass ich dich besuche.«
»Kristian«, sagte Johannes, »du machst Sachen.« Inzwischen hatte Kristian ein paar Plätzchen aus seinem Rucksack geholt. Johannes Augen strahlten ihn an.
»Eigentlich bin ich nur hier, um dir zu sagen, dass du mich nicht mehr abholen musst.« Um seiner Frage zuvor zu kommen, sagte er, »ich habe einen anderen Weg gefunden.« Johannes nickte nur, fragte nicht weiter nach.
»Machs gut«, sagte Kristian, verließ den Stall, ging zum Brunnen und schaute hinein. Der Wasserspiegel war gerade noch zu erkennen. Steigeisen führten bis unten. Eine Magd überquerte den Burghof. Als sie ihn sah, blieb sie stehen, rannte dann schnell zur nächsten Tür. Kurze Zeit später schauten mehrere Köpfe durch die Tür. Als er darauf zuging, verschwanden sie wieder.
Dann eben nicht.
Die Wachen am Burgtor schauten ihm entgegen als er kam, sagten aber nichts, als er das Tor passierte. Vor ihm lag die vorgelagerte Befestigungsmauer der Vorburg von enormen Ausmaßen. Die Mauer selbst war seiner Meinung nach nicht so hoch wie die eigentliche Burgmauer, sie würde einer Belagerung nicht ewig standhalten. Die Gärten- und Teichanlagen auf der linken Seite, die Ställe und Vorratshäuser auf der rechten Seite.
Alle Häuser waren aus Holz und standen auf gemauerten Potesten, die Dächer mit Holzschindeln gedeckt. Der Pferdestall ist ein lang gestrecktes Gebäude mit Platz für viele Pferde. Knechte waren damit beschäftigt, aus dem seitlich stehendem Futterhaus Stroh auf eine Schubkarre zu laden. Sie unterbrachen ihre Arbeit, als sie ihn sahen. Die Hand zum Gruß erhoben, kam er an der Pferdekoppel vorbei, die bis ans Ende der Mauer reichte. Etliche Fohlen sprangen übermütig herum. Die Wachen am zweiten Tor sahen ihn kommen, sagten nichts, als er das Tor passierte. Er ging zur nächsten Biegung, bis er nicht mehr den Blicken der ihm nachschauenden Wachen ausgesetzt war, machte sich unsichtbar und versetzte sich wieder in den Stall. Dort nahm er den zweiten Seesack und sprang damit direkt vor Hannas Haus. Hanna schrie auf, als Kristian so plötzlich dastand. Sie war gerade damit beschäftigt gewesen, der Ziege frisches Grün vorzuwerfen.
»Ich hab noch ein paar Vorräte mitgebracht«, sagte er, »wo soll ich sie hinstellen?«
»Bring sie in den Keller zu den anderen Sachen.« Der Keller war ein Erdloch mit einer Klappe und Stufen, die hinunter führten. Die Decke war aus Baumstämmen, die Wände und der Fußboden aus Lehm. In Vertiefungen der Seitenwände lag Obst, auf der Erde standen einige hohe Tontöpfe.
»Hanna was ist in den Töpfen?« Hanna kam herunter. Sie nahm den Deckel des ersten Topfes ab. Essiggeruch kam ihm entgegen.
»Hier sind Fische eingelegt, für den Winter.« Der nächste Topf war auch mit Essig und mit Fleisch gefüllt.
»Komm«, sagte Kristian, »lass uns nach oben gehen. Damit kommst du aber nicht weit«, stellte er fest.
»Du hast Recht, die Bauern stehen in meiner Schuld, ich hole mir dann, was ich brauche.«
Es war jetzt Kaffeezeit.
Kristian entfachte das Feuer und hängte den Kessel mit Wasser auf. Hanna hatte die Vorräte für den täglichen Gebrauch auf ein Regal gestellt. Dort stand auch das Glas mit löslichem Kaffee. Als das Wasser heiß war, füllte er die Becher und gab einen Löffel Kaffee und Zucker hinzu. Hanna hatte ihn die ganze Zeit beobachtet, sicher konnte sie immer noch nicht begreifen, dass sich einiges in ihrem Leben geändert hatte. Aus dem Rucksack holte er Plätzchen. Hanna schien der Kaffee zu schmecken. Sie sagten beide eine Weile nichts, jeder hing seine Gedanken nach.
»Ich werde morgen wieder durch das Tor gehen«, sagte er, »Hera wird mich begleiten.« Sie blickte ihn fragend an, sagte aber nichts.
»Was ist«? fragte er, »möchtest du auch mal mit?« Kristian sah, wie es in ihrem Kopf arbeitete.
»Ist schon gut, du kannst es dir ja noch überlegen.«
Dieses Mal übernahm er den Abwasch. Im Bach säuberte er die Becher. Hanna saß immer noch stumm da, als er zurückkam.
»Ich möchte schon mal mit dir gehen«, sagte sie. Erleichtert, dass sie es ausgesprochen hatte, fiel sie ihm um den Hals.
»Ich werde vorher mit jemand reden müssen«, und er dachte dabei an Jessika. Hanna brauchte Sachen zum Anziehen, um nicht aufzufallen. Das wiederum bedeutete, dass er Jessika einweihen musste.
»Morgen kommt jemand und baut dir dein Bett,« unterbrach Hanna seine Gedanken.
»Dann kannst du gleichzeitig eine Bank für vorne vor dem Haus machen lassen«, schlug er vor. Immer im Haus zu sitzen gefiel ihm gar nicht.
»Ich werde mit dem Mann reden«, versprach Hanna.
»Komm, setz dich zu mir aufs Bett,« sagte er. Hanna kam, er ließ sich aufs Bett fallen und zog sie mit. Sie kuschelte sich in seinen Arm, er strich über ihre Haare. Nach einer Weile merkte er an Hannas Atemzügen, dass sie eingeschlafen war. Irgendwann übermannte auch ihn der Schlaf. Am Abend wurde er wach. Vorsichtig entzog er sich ihr und zog sich aus. Hanna wurde wach und sah, dass es draußen dunkel wurde, und streifte ebenfalls ihr Kleid ab. Kristian nahm den Eimer und ging nach draußen. Als er im Bach stand, gesellte sich Hanna zu ihm. Gemeinsam wuschen sie sich.
»Halt, warte«, rief er, rannte zur Hütte zurück und holte ein Stück Seife aus seinen Rucksack. Schnell war er wieder bei ihr. Das Papier hatte er unterwegs schon abgerissen. Langsam seifte sie ihren Körper ein. Hanna wollte unbedingt das Gleiche mit ihm machen. Er musste daran denken, wie viele unsichtbare Beobachter jetzt vielleicht zuschauten. Sie spülten den Schaum ab und trockneten sich anschließend gegenseitig ab. Hanna roch an ihrem Arm und war über den Duft begeistert. Sie gingen zur Hütte zurück. So wie sie waren, deckten sie sich zu, und ließen sich vom Schlaf in eine andere Welt entführen. Überrascht war Kristian am anderen Morgen Hanna nicht mehr im Bett vorzufinden. Er richtete sich auf und sah, dass das Feuer schon brannte. Hanna hatte den Tisch gedeckt. Sie kam von draußen rein und sah, dass Kristian wach war.
Eine Weile lag dieser noch träumend da und sah ihr zu. Hanna goss Wasser in die Becher und tat jeweils einen Löffel Kaffee und Zucker in die Becher. Er zog sich an, ging nach draußen und wusch sich, dann setzte er sich an den Tisch. Hanna lächelte ihn an. »Ich könnte mich an dieses Frühstück gewöhnen«, meinte sie. Kristian dachte an die vielen Dosen Brot, und dass diese eine Weile reichen würden. Er konnte sie verstehen, wenn er an das Frühstück aus dem Mittelalter dachte. Gerste und Haferbrei war nicht jedermanns Sache.
»Was hast du heute vor«? fragte er.
»Eigentlich nichts«, antwortete sie, »ich muss hierbleiben, weil heute der Zimmermann kommt, um dein Bett zu machen, und vielleicht auch noch die Bank.«
»Ich werde versuchen Hera zu erreichen«, sagte er, wusste aber noch nicht, wie er das anstellen sollte.
Er erinnerte sich an das, was ihm der König gesagt hatte. Das Symbol drücken und an das denken, was man wünscht. Er versuchte es und dachte an Hera. Nichts passierte. Jetzt wusste er auch nicht weiter. Plötzlich klopfte es an der Tür und Hera kam herein.
»Komm, und setz dich«, schlug Kristian vor. Hera setzte sich und blickte ihn fragend an.
»Ich gehe gleich durch das Tor, wenn du willst, nehme ich dich mit, oder weißt du, wie es auf der anderen Seite aussieht?« Hera schüttelte seinen Kopf. »Dann erschrecke nicht, wenn du die Burg siehst, es ist nicht mehr viel davon übrig. Bist du bereit, sofort mit mir zu gehen?«
»Natürlich gehe ich mit«, sagte er.
»Hanna wir gehen jetzt.«
»Passt auf euch auf.«
Zu Hera sagte er, »wir machen uns unsichtbar, ich fass dich an, dass Weitere überlass mir.« Hera lächelte. Zum ersten Mal erfolgte der Sprung direkt ohne Umwege durch das Tor. Eigentlich wollte er zu Großvaters Haus, vorher aber Hera zeigen, wie die Burg jetzt aussah. Er blickte sich um. Es waren keine Besucher in der Nähe, als er die Unsichtbarkeit für sie aufhob. Hera war ziemlich geschockt, als er die Burg so sah. Kristian setzte sich, während Hera einen Rundgang machte. Nachdem er alles gesehen hatte, viel war ja nicht mehr da, machten sie sich unsichtbar und sprangen zum Haus von Großvater. Noch unsichtbar, waren sie vor dem Gartentor angekommen. Sie hoben die Unsichtbarkeit auf, nachdem sie sicher waren, dass keiner in der Nähe war, und gingen durch das Tor. Der Zigarrengeruch verriet Großvaters Anwesenheit. Er saß auf seine Gartenbank, die Zigarre qualmte im Aschenbecher. Er hatte die Augen geschlossen. »Großvater«, sagte Kristian leise. Erschrocken fuhr er hoch, sah sie entgeistert an. Er wusste, woher sie kamen und sein Blick fiel auf Hera.
»Ha«, ertönte Jessikas Stimme, »hab ich euch bei eurer Geheimniskrämerei erwischt?« Jessika kam hinter dem Bambusstrauch hervor, wie lange mochte sie da schon gelauert haben? Hera, über das plötzliche Auftauchen von Jessika erschrocken, sah nur einen Weg, er machte sich unsichtbar. Das wiederum ließ Jessika und Großvater erbleichen.
»Du hast meinen Freund erschreckt«, sagte Kristian vorwurfsvoll.
»Wo ist dein Freund jetzt«? fragte Jessika.
»Er steht direkt hinter dir.«
Schreiend sprang sie zur Seite. Zu Hera gewand sagte Kristian, »es ist alles in Ordnung.« Daraufhin wurde Hera sichtbar.
»Darf ich vorstellen, das ist Hera, der Bruder der Königin vom Volk der Elfen.« Zu Großvater gewand, »das ist Großvater und seine Enkelin Jessika.« Beide staunten nicht schlecht.
»Ich wusste, dass ihr ein Geheimnis habt«, frohlockte Jessika. »Wenn du hier hoch und heilig versprichst, dieses Geheimnis zu wahren, werden wir dich einweihen«, versprach Kristian.
»Ich verspreche es«, sagte Jessika feierlich.
»Du verstehst doch Spaß«? fragte er sie.
»Ja, warum fragst du?«
»Hera wird dir zeigen, wie mächtig er ist, erschrecke deshalb nicht.« Jessika ahnte plötzlich, dass der Spaß ihr gelten sollte.
»Hera wird dich auf den Turm tragen.« Kristian nickte Hera zu. Plötzlich verschwanden beide und Jessikas Schreie kamen aus der Richtung des Turms. Sie sprangen auf und gingen zum Ende des Gartens, um von hier aus einen Blick zum Turm werfen zu können. Oben auf dem Turm stand Jessika, sie schrie und winkte.
»Es reicht,« sagte Kristian zu Hera, der wieder neben ihm stand. Plötzlich stand Jessika wieder bei ihnen. Mit zitternder Stimme fragte sie »kannst du das auch«? Er nickte.
»Wo lernt man das, ich möchte das auch können?«
»Das ist eine lange Geschichte«, hielt er sie hin.
»Erzähl sie mir,« ließ sie nicht locker.
»Wenn du Kaffee und Kuchen für uns hast, können wir darüber reden.« Jessika war nicht mehr zu bremsen.
»Kommt, wir gehen ins Haus.« Maria die Köchin, war einkaufen gefahren, hatte aber vorher Kuchen gebacken. Jessika stellte den Kuchen auf den Tisch und machte Kaffee. Bald saßen sie zusammen, Jessika blickte sie erwartungsvoll an. In aller Ruhe aß Kristian seinen Kuchen. Auch Hera schien der Kuchen zu schmecken. In Kurzfassung erzählte er von dem Tor und die Rettung des Elfenkönigs. Von Hanna erzählte er nur das Nötigste und sagte ihr, dass sie älter ist, was Jessika zu beruhigen schien. Unter seinem Hemd zog er das Medaillon hervor. Hera hatte sich derweil still und heimlich verdrückt und streifte durchs Haus. Jessika starrte das Medaillon an, sich vorstellend, was sie damit alles machen könnte. Währenddessen dachte Kristian an ein Symbol und verschwand vor allen Augen. Jessika aus ihren Träumereien gerissen, schrie auf. Kristian stellte sich hinter Großvater und legte ihm seine Hände auf die Schulter, sodass er auch vor den Augen Jessikas verschwand. Jessika wurde es unheimlich. Sie überlegte, ob sie aus dem Zimmer rennen sollte. Kristian ließ Großvater los, sodass er wieder sichtbar wurde. Jessika war erleichtert, als Kristian ebenfalls wieder zu sehen war.
»Wenn du lange Kleider hast, die du nicht mehr anziehst«, wandte er sich an Jessika, »dann würde Hanna sich darüber freuen.«
»Ich habe so etwas nicht, aber von der letzten Theateraufführung liegen noch Kleider hier.« Da Kristian diese Gelegenheit nicht verstreichen lassen wollte, ließ er sich den Weg erklären. Unterwegs traf er auf Hera.
»Wie findest du es hier«? fragte er ihn.
»Äußerst lehrreich«, antwortete er und ging weiter. Kristian fand die Kleider. Mehrere kamen infrage. Drei Stück suchte er aus. Wieder bei Jessika, sagte er, »falls du für die anderen Kleider keine Verwendung mehr hast, dann sage mir Bescheid.«
Großvater war eingeschlafen und Kristian fragte sich, was dieser überhaupt mitbekommen hatte. Jessika blickte ihn an.
»Kristian, wenn du durch das Tor darfst, darf ich es dann auch?«
»Das Gleiche hat mich dein Großvater auch gefragt. Du könntest schon, aber das Leben im Mittelalter ist rau. Ich könnte nicht für deine Sicherheit garantieren.«
»Schade, ich hätte dich gerne einmal begleitet. Wenn ich dich schon nicht begleiten darf, warum machst du nicht ein paar Fotos?« Er hatte selber schon daran gedacht, sagte ihr das aber nicht.
»Ich habe eine Digitalkamera«, schlug Jessika vor.
»Ich bestimme, was mit den Fotos geschieht«, wand er ein, »wenn diese in die falschen Hände gelangen, ist der Teufel los. Also gut, gib mir die Kamera.« Jessika ging und holte sie.
»Ist der Accu voll?« Sie nickte. Kristian rief nach Hera. Dieser kam und drängte Kristian zur Seite.
»Wissen die Menschen hier, dass es einen geheimen Gang gibt, der zur Burg führt?«
»Nein, das wissen sie nicht«, sagte Kristian und rief nach Großvater. Erschrocken fuhr dieser hoch.
»Hera hat einen Geheimgang entdeckt.«
»Was für einen Geheimgang?« Auch Jessika war ganz aufgeregt. Sie folgten Hera in die große Halle.
»Der Kamin«? rief Kristian.
Hera schüttelte den Kopf.
»Nun sag schon.«
Die Holzvertäfelung reichte bis zur Decke. Hera ging auf sie zu, drückte gegen eine Leiste. Es klickte und ein Teil der Vertäfelung sprang krächzend nach vorne auf. Wie eine Tür ließ sie sich öffnen. Muffige Luft schlug ihnen entgegen, als Hera die Tür ganz aufzog. Ein gemauerter Gang führte nach unten. »Wir brauchen Taschenlampen, wenn wir den Gang erkundigen wollen.« Jessika starrte abwesend in den Gang.
»Jessika«, rief Kristian, erschrocken fuhr sie hoch. »Wir brauchen Taschenlampen.«
»Schrei mich nicht noch mal so an, ich hätte einen Herzschlag bekommen können.« Sie lief los, und kam mit zwei Taschenlampen wieder. »Das muss reichen, zur Sicherheit können wir noch ein paar Kerzen mitnehmen.«
Jessika ging noch mal los und brachte Kerzen und Streichhölzer mit. Hera ging als Erster, dann Kristian, den Schluss bildeten Jessika und Großvater. Dieser hatte Probleme, ihnen in gebückter Haltung zu folgen. Kristian blickte zurück. »Großvater, meinst du nicht, es wäre besser, wenn einer den Eingang bewacht?« Schneller als erwarte,t stimmte er zu und ging zurück. Sie gingen weiter. Der gemauerte Gang endete nach ca. dreihundert Meter. Der weiterführende Gang war aus massivem Felsgestein, an einigen Stellen behauen. Ansonsten schien er natürlichen Ursprungs zu sein. Sie folgten dem Gang. Nach weiteren einhundert Metern mündete er in eine große Felsenhalle. Halle deswegen, weil Teile der Decke herunter gefallen waren. Mit gemischten Gefühlen stiegen sie über das Geröll hinweg und folgten weiter dem Weg. Hera war wie ein Fährtenhund und bestimmte das Tempo. Kristian sah, dass Jessika fror, und beschloss deshalb, die Erkundung abzubrechen. Ihm war es recht, da ihm die Feuchte und Kälte auch zusetzte. Sie gingen zurück, Hera wieder an der Spitze.
»Na, habt ihr was gefunden«? rief Großvater ihnen entgegen.
»Nein, wir haben die Erkundung abgebrochen.« Großvater fragte nicht weiter nach. Hera schloss die Geheimtür. Befreites aufatmen überall, denn es tat gut, der feuchten Kälte entronnen zu sein. In der Küche setzten sie sich wieder zusammen. »Die Erkundung des Ganges verschieben wir erst einmal«, schlug Kristian vor. Seltsamerweise, schien keiner etwas dagegen zu haben.
»Ich werde Hera mit zu mir nehmen, und mich auf jeden Fall wieder bei euch melden. Erschreckt gleich nicht, wenn wir plötzlich verschwunden sind.«
Mit Hannas Kleidern in der Hand, kamen sie bei Kristian an. Hera blickte sich neugierig um.
»Hier wohnst du«, stellte er fest. Kristian nickte und zeigte ihm seinen Garten. Ein rotbackiger Apfel erweckte sein Interesse. Er nahm den Apfel in die Hand und blickte Kristian an. Dieser nahm auch einen Apfel vom Boden auf, putzte ihn ab und biss hinein. Hera machte es ihm nach. Kristian musste lachen, als nach kurzer Zeit von seinem Apfel nur noch der Kern übrig war.
»Warum liegen die Äpfel auf der Erde«? fragte Hera.
»Ich weiß nicht, was ich damit machen soll.«
»Meinst du damit, wenn ich wollte, könnte ich die Äpfel mitnehmen?«
»Sicher.« Sie beließen es dabei.
»Was hältst du davon, wenn wir an einen Ort gehen, wo viele Menschen eng beieinander wohnen?« Hera nickte.
An die Wortkargheit von Hera gewöhnt, fasste Kristian dies als Zustimmung auf. Sie konnten jetzt den einfachen Weg gehen und dort hinspringen, wohin sie wollten, aber Kristian wollte, dass Hera etwas mehr zu sehen bekam. Sie setzten sich deshalb ins Auto und fuhren los. Hera schien das Autofahren zu gefallen. Ansonsten konnte man seinem Gesicht nicht entnehmen, wie er darüber dachte. Kristian hatte den Verdacht, dass Hera im Stillen über ihn und ihre Technik lachte. Wenn er an die Möglichkeiten des Medaillons dachte, würden sie auf ein Auto nicht angewiesen sein. Sie fuhren los, ihr Dorf lag schon eine Weile hinter ihnen, als die ersten Häuser der Vorstadt sichtbar wurden. Die Hochhäuser flößten Hera doch Respekt ein. Vor dem nächsten Kaufhaus stellten sie das Auto ab. Kristian wollte noch verschiedene Sachen einkaufen, wie Kaffeetassen, Teller, Besteck, Hand und Trockentücher und Schmierseife zum Waschen der Wäsche.
Er drehte sich um. Hera hatte sich wie gewohnt aufgemacht, sein Umfeld zu erkundigen. Nach einer Stunde suchen, hatte Kristian ihn in dem mehrstöckigen Warenhaus endlich wieder gefunden. Sich keiner Schuld bewusst, blickte Hera ihn an.
»Was hättest du gemacht, wenn ich dich nicht gefunden hätte«? fragte Kristian.
»Das, was du Medaillon nennst, ist mit anderen Medaillons verbunden. Ich wäre einfach zum nächsten Medaillon gesprungen.« »Und warum sagt mir das keiner«? fragte Kristian sauer, »ich hätte mich in das Kaffee gesetzt und dort auf dich gewartet.«
»Du weißt noch vieles nicht«, meinte Hera.
Sie packten die Einkaufstüten in den Wagen und gingen zu Fuß in die City. Es war ungewohnt, die vielen Blicke zu spüren, die man ihnen, speziell Hera zuwarf. Mit seiner Größe musste er einfach die Blicke auf sich ziehen. Von Weitem sah Kristian Ärger auf sie zukommen, in Form von Springerstiefel tragende Jugendliche. Zu verschwinden war nicht mehr möglich, denn man hatten sie bereits als willkommene Opfer anvisiert. Zu Hera sagte er deshalb, »die da vorne auf uns zukommen, wollen uns ärgern, also halte dich hinter mir.«
Schon kamen sie heran.
»Wen haben wir denn da, einen zu kurz Geratenen.«
Kristian wollte schon eingreifen als Hera ihn zur Seite schob. Er zeigte auf eine Straßenbeleuchtung. Automatisch schauten alle dort hin.
»He Zwerg, willst du uns verarschen?« Ehe sie wussten, wie es geschah, erhob sich vor den Augen aller ein Mann aus der Gruppe in die Höhe. Er hatte den Boden unter seinen Füßen verloren und strampelte mit seinen Füßen in der Luft. Hera war es nicht anzusehen, dass dieses von ihm ausging, er stand ganz ruhig da. Die jungen Männer wussten deshalb nicht, wem sie diese unglaublichen Dinge anlasten sollten. Der Mann schwebte schreiend und trampelnd weiter, bis er sich sitzend auf der Straßenbeleuchtung wiederfand, wo er sich krampfhaft festhielt. Verblüfftes Staunen auf allen Gesichtern.
»Holt mich hier runter«, schrie er.
Einfach herunter springen konnte er nicht, dafür war die Höhe zu groß. Unsicher geworden, blickten die Springerstiefelträger sich nach einem Schuldigen um. Kristian wollte dieses Durcheinander nutzen, um sich zu verdrücken. Er sah, dass Hera von einem gepackt wurde. Entweder hatte der Mann vorhin nicht alles mitbekommen, oder er wollte nicht wahrhaben, was geschehen war. Ehe er sich versah, schwebte er zwei Meter über den Boden, alle viere von sich gestreckt. Hera ließ ihn aus der Höhe fallen, um ihn zehn Zentimeter über dem Boden wieder abzufangen. Diese Nutzung des Medaillons war Kristian noch nicht bekannt, er wollte Hera nachher fragen, wie er das gemacht hat. Erschrecktes Aufschreien auf Seiten der Springerstiefelträger. Passanten blieben stehen. Hera spielte sein Spiel weiter und ließ den Schwebenden wie einen Gummiball auf und ab und im Kreis um seine Kameraden schweben. Schon lange hatten die Anderen begriffen, dass sie ein Spielball unsichtbarer Mächte geworden waren. Am liebsten wären sie weggerannt, wollten aber ihre Freunde nicht im Stich lassen. Hera ließ den schwebenden Mann zu Boden gleiten. Diesen Augenblick, indem sich alle um diesen Mann kümmerten, nutzten sie, um zu verschwinden. Der Mann auf der Straßenbeleuchtung sollte sehen, wie er runter kam. Sie gingen die Einkaufsstraße entlang. Sirenengeheul in ihrer Nähe ließ nichts Gutes erahnen. Zuschauer drängten an eine Absperrung. Alle blickten nach oben. Auf dem Ausleger eines Baukrans hockte eine junge Frau. Die Feuerwehr hatte ein Sprungtuch gespannt. Kristian blickte zu Hera und wusste nicht, ob dieser verstand, was sich hier abspielte. Er sagte deshalb zu ihm: »Die Frau will ihr Leben wegwerfen.«
Die Menge schrie auf. Die junge Frau war aufgestanden. Kristian wollte nicht länger warten. Selbst wenn die Frau in das Sprungtuch sprang, würden Verletzungen nicht ausbleiben, da die Höhe einfach zu groß war. Unsichtbar sprang er zu ihr auf den Ausleger. Noch hatte die Frau nicht mitbekommen, dass er bei ihr war. Sie erschrak, als er zu ihr sprach. »Erschrecke nicht, ich möchte dir helfen. Wenn du dort herunterspringst, wirst du dir eine Menge Knochen brechen, aber nicht tot sein.«
»Ich habe Angst, ich kann nicht zurück«, jammerte sie. Vielleicht dachte sie, dass sie mit ihrem Schutzengel sprach, da sie ihn nicht sah.
»Ich helfe dir«, sagte er. »Habe keine Angst, wenn du langsam herunterschwebst. Eins musst du mir vorher versprechen, dass du nicht noch einmal versuchst, dir dein Leben zu nehmen, es gibt für alles einen Ausweg.«
»Ich verspreche es«, sagte sie schluchzend.
Damit sie nicht unsichtbar wurde, wenn er sie berührte, musste er seine Vorstellung dahin gehend ändern, sich die Unsichtbarkeit nur für sich vorstellen. Er berührte die Frau, und langsam schwebten sie nach unten. Kristian wusste, dass dieses für einige Aufregung sorgen würde. Neben dem Sprungtuch stellte er sie ab. »Leb wohl«, sagte er.
Es war total still. Unbegreifliches war geschehen.
»Was ist dort oben passiert«? fragte man die Frau.
»Mein Engel hat mich heruntergetragen.«
Dieses trug natürlich nicht zu Klärung bei, da wie jeder wusste, es natürlich keine Engel gab, oder doch? Weiteren Fragen entzogen, wurde die Frau in den Krankenwagen gebracht. Hera stand noch an der gleichen Stelle. Kristian stellte sich sichtbar werdend zu ihm.
»Willst du noch was sehen«? fragte er ihn, »sonst gehen wir zu mir nach Hause zurück.«
»Ich habe genug gesehen«, meinte er.
Unterwegs kaufte er ihr Abendessen ein. Zu Hause angekommen deckte er den Tisch. Brötchen, Milch, Käse und Schinken. Kristian wusste nicht, was Hera sonst aß. Jedenfalls aß er mit gutem Appetit.
»Hera«, fragte er, »warum sieht man so wenig von eurem Königreich.« Hera blickte Kristian an.
»Wir leben nicht wirklich in eure Welt, sondern in eine Welt, die parallel zu der euren verläuft. Die Meisten von uns leben dort.«
»Und wie kommt ihr von der einen in die andere Welt?«
»Ganz einfach, du hast es selbst schon mal gemacht, indem du dich von einem Ort zum anderen versetzt.«
»Du meinst, jeder der ein Medaillon besitzt, kann mit der Vorstellungskraft die Welten wechseln, also auch ich?«
»Du noch nicht, da du noch nicht in unsere Welt warst und du sie dir deshalb nicht vorstellen kannst.«
»Nimmst du mich einmal mit in deine Welt«? fragte er? «
»Da müsste ich vorher den König um Erlaubnis fragen.«
»Hanna war schon in eure Welt«? fragte Kristian.
»Ja«, bestätigte er. »Unser Volk besteht aus vielen Stämmen in anderen Ländern, die wir regelmäßig besuchen.«
»Beim letzten Fest mir zu Ehren, war die Festtafel reichlich mit Köstlichkeiten bedeckt. Das heißt also, ihr habt diese aus anderen Ländern herbeigeholt?«
»So ist es«, sagte er. »Wir leben auf einer Ebene mit den Menschen, da lässt es sich nicht vermeiden, dass wir uns gelegentlich begegnen. Kristian schaltete den regionalen Fernsehsender ein. Nach den Nachrichten berichtete der Sender über Vorkommnisse aus ihrem Bereich. Der Sprecher sagte: »Etwas Unglaubliches scheint passiert zu sein, und das an zwei Stellen. Vor den Augen der Schaulustigen schwebte eine junge Frau, die sich das Leben nehmen wollte, von dem Ausleger eines Baukrans langsam nach unten. Sofort befragt, sagte die Frau, dass ihr Schutzengel sie heruntergetragen hätte. Bei dem anderen Fall nicht weit von diesem Geschehen entfernt, legten Skinheads ein seltsames Verhalten an den Tag. Wie verlautet, hat eine unsichtbare Kraft einen von ihnen auf einen Beleuchtungsmast schweben lassen. Ein Zweiter soll auch ein Spielball dieser unheimlichen Macht geworden sein. Aufgefallen ist bei diesem Zwischenfall ein kleiner Mann, der leider nicht mehr auffindbar war.«
Das reichte, Kristian machte den Fernseher aus. Für heute haben wir ein wenig zu viel Aufmerksamkeit erregt. Lass uns schlafen gehen.«
Hera legte sich in Kristians Bett, während Kristian versuchte, es sich auf dem Sofa gemütlich zu machen.
Es war schon acht Uhr am anderen Morgen, als er aufwachte. Alles war ruhig. Hera schien noch zu schlafen. Kristian machte Frühstück und wollte Hera wecken, als dieser von draußen hereinkam.
»Schon lange wach«? fragte Kristian.
»Ich hab mich ein wenig umgesehen.«
»Komm, setz dich an den Tisch und lass es dir schmecken.« Als zum Schluss noch Brötchen übrig waren, schmierte und belegte Kristian sie, und legte sie in die Tüte zurück. Zusammen mit seinen Einkäufen und Hannas Kleider, kam alles in seinen Rucksack. Sie gingen nach draußen, er schloss ab. Hera hätte alleine nach Hanna gefunden, Kristian wollte aber, dass sie zusammen gingen. »Alles bereit«? fragte er.
»Warte,« sagte Hera und zauberte einen vollen Sack Äpfel herbei. Kristian blickte ihn fragend an.
»Darin sind Äpfel, die keiner will«, sagte er. Woher er den leeren Kartoffelsack hatte, war ihm ein Rätsel. Kristian berührte Hera, und in einem Rutsch ging es nach Hanna. Langsam wurde es zu einer Routine. Hanna saß draußen auf der neuen Bank, als sie ankamen, und erschrak. »Ich gehe«, sagte Hera, nahm seinen Sack und verschwand.
»Hast du schon gegessen«? fragte Kristian Hanna. Sie schüttelte den Kopf. Sie kochte Tee und aß mit Genuss die Brötchen. Während dessen packte er seinen Rucksack weiter aus. Die Hand und Trockentücher gefielen ihr.
»Das ist Seife, mit der du deine Wäsche waschen kannst. Hier sind noch Tassen, Teller und das Besteck. Du wirst sehen, der Kaffee und Tee wird aus den Tassen noch mal so gut schmecken.«
Vorsichtig bestaunte sie das Porzellan. Zum Schluss packte er die Kleider aus. Hanna hörte auf zu kauen, als sie sah, was er da auspackte. Sie sprang auf. »Ein Kleid schöner als das Andere«, rief sie, und fiel ihm um den Hals.
Sie suchte sich eins aus und wechselte sofort die Kleider. Während sie die restlichen Kleider zusammenpackte und in die Truhe legte, fragte er sie, »wie hältst du es im Winter hier eigentlich warm?«
Er dachte an die Fensteröffnungen und das Loch in der Decke. »Ich verbringe viel Zeit im Bett, um mich warm zu halten.«
So etwas Ähnliches hatte er sich schon gedacht. Das nächste Mal musste er einen Zollstock zum Ausmessen der Fenster mitbringen. Erst hatte er vorgehabt, ihr einen Kamin zu mauern, als ihm einfiel, dass er als er in seinem Haus eingezogen war, dort ein Kanonenofen gestanden hatte. Er hatte ihn ebenso wie die Kaminrohre, hinten in den Anbau gestellt. Seine Idee ließ ihn nicht mehr los und er beschloss, die Sachen sofort zu holen. Vorher wollte er das Innere der Hütte als Dokumentation mit der Kamera festhalten, ebenso die Hütte von außen und ein Rundblick von der Lichtung aus. Danach konnte er daran denken, die Sachen von sich zu holen.
Ein Gedanke und er war zu Hause. Als Erstes steckte er sich einen Zollstock ein, für den Wanddurchbruch brauchte er noch Hammer und Meißel. Einen Topf und eine Pfanne musste er auch mitnehmen, da Hanna bestimmt so etwas nicht hatte. Im Anbau standen der Ofen und die Rohre. Er platzierte sie um sich und sprang damit nach Hanna. Diese war erstaunt, weil er schon wieder da war. Kristian stellte den Ofen an die Rückwand. Mit Hammer und Meißel schlug er ein Loch in die Wand. Wegen der Strahlungswärme durfte der Ofen nicht zu nah an der Wand stehen, da sonst das Reisiggeflecht in der Wand zu brennen anfing. Er steckte die Rohre zusammen. Mit Lehm, den er aus dem Keller holte, schmierte er das Loch um das Ofenrohr zu. Schließlich holte er Brennholz und machte den Ofen an. Die Flamme brannte sauber und schon bald strahlte der Ofen eine wohlige Wärme aus. Hanna sah seinem Treiben ungläubig zu.
»Wir könnten das Loch im Dach jetzt schließen«, schlug er vor. »Du musst nur jemand kommen lassen, der das Dach richtig dicht macht, du kannst ihm dafür eine Dose Suppe geben.«
Als Nächstes musste er die Fensteröffnungen ausmessen.
»Was hältst du davon, wenn ich die alte Feuerstelle abreiße«? fragte er. Sie nickte nur. Es dauerte nicht lange und die alte Feuerstelle lag hinter der Hütte. Die unebenen Stellen am Boden schlug er weg, verputzte die Flächen mit Lehm und strich sie mit seinen Händen glatt. Der Raum wirkte jetzt viel größer. Mit der Kamera hielt er diese Veränderung fest. Hanna wusste nicht, was es bedeutete, als er die Kamera auf sie richtete.
Da Kristian sonst nichts vorhatte, wollte er auch die Burg und das Haus von Jessika mit der Kamera festhalten. Kristian fragte Hanna, ob sie ihm den Weg zu diesem Haus mit Turm beschreiben könnte. Sie brauchte nicht lange zu überlegen.
»Das ist das Haus des Burgvogts Ludwig, er züchtet neben der Arbeit für den Grafen Pferde. Der Graf ist sein bester Kunde. Du gehst bis zu Kreuzung, die zur Burg führt. Dann folgst du einfach dem Weg, der nach unten führt. Irgendwann siehst du das Haus auf der linken Seite liegen.«
Hanna war damit beschäftigt sich mit den Veränderungen anzufreunden, als er sich verabschiedete. Kristian nahm seinen Stock und versteckte sein Medaillon unter seinem Hemd. An der Kreuzung hielt er sich links. Der Weg kam ihm bekannt vor, nur dass rechts und links jetzt Wald war. Ein Schrei ließ ihn aufhorchen. Dann völlige Stille, nur das Rauschen des Waldes war zu hören. Der Schrei war aus dem Wald gekommen. In diese Richtung gehend, achtete er darauf, möglichst leise aufzutreten. Wie ein anschleichender Fuchs vermied er es, auf trockene Äste zu treten.
Dann hörte er Stimmen. Vorsichtig ging er weiter. Zwei Männer saßen auf dem Boden. Sie sahen abgerissen aus. Ihre Bündel lagen bei ihnen. Als Waffen konnte Kristian nur zwei lange Messer ausmachen, die an ihren Gürteln befestigt waren.
»Wir müssen weiter in den Wald«, hörte er einen sagen.
»Was ist, wenn sie das Töchterlein jetzt schon vermissen?« Töchterlein fragte Kristian sich? Die Sicht war durch den Baum, hinter dem er stand, eingeschränkt. Er sah auf dem Boden die Tochter des Grafen liegen. Sie war gefesselt, der Mund war mit einem Tuch verschlossen.
»Du weißt was sie mit uns machen, wenn sie uns erwischen?«
»Mach dir keine Sorge«, sagte der Andere.
»Wie willst du die Lösegeldforderung überbringen«? fragte der Ängstliche.
»Wir haben ihr Pferd, es wird die Botschaft direkt zum Grafen bringen.«
»Ich habe gar nicht gewusst, dass du schreiben kannst?«
»Kann ich auch nicht, die Botschaft habe ich mir im Wirtshaus schreiben lassen.«
»Bist du verrückt, was ist, wenn sie uns schon suchen?«
»Hör endlich auf zu jammern, in der Botschaft steht nur der Name Töchterlein. Außerdem habe ich dem Schreiber mein letztes Geld gegeben.«
Kristian blickte sich weiter um. Ihr Pferd stand etwas abseits. Die Gelegenheit war günstig. Er nahm die Kamera und filmte das Geschehen. Irgendwann hatte er sich zu weit vorgewagt. Im Display sah er, dass beide Männer in seine Richtung blickten. Erschrocken setzte Kristian die Kamera ab und hatte gerade noch Zeit, sie in den Rucksack zu werfen. Die Beiden waren ebenso erschrocken. Der Ängstliche wollte das Weite suchen, wurde von dem Anderen aber festgehalten.
»Warum rennst du weg, er ist allein und hat nur einen Stock.«
Er schupste den Ängstlichen in Kristians Richtung. Dieser sprang zur Seite, sodass die Tochter des Grafen hinter ihm lag. Der Ängstliche kam, sein Messer vor sich haltend, langsam auf Kristian zu. Als er in Reichweite von Kristians Stock war, machte Kristian eine Drehung und traf ihn am Kopf. Überrascht ging der Mann sofort zu Boden. Der Andere blieb stehen und schien zu überlegen. Dann machte er einen Satz zu seinem Bündel, rannte in die Richtung des Pferdes, sprang in den Sattel und galoppierte bald darauf davon. Kristian hatte keine Lust hinterher zu rennen, sondern kümmerte sich um die Entführte. Er legte seinen Stock zur Seite und kniete sich neben sie. Als Erstes befreite er sie von dem dreckigen Tuch um ihren Mund. Erleichtert über ihre Befreiung, fing sie an zu weinen. Bald waren die anderen Fesseln entfernt.
»Könnt ihr aufstehen«? fragte Kristian. Sie nickte und versuchte aufzustehen, knickte aber sofort wieder um. Kristian kniete sich wieder hin, zog ihr die Schuhe aus, um ihre eingeschlafenen Füße zu massieren. Verwundert sah sie ihm dabei zu. Vorsichtig massierte er erst ihre Fußsohlen dann die Zehen. Das anfängliche Sträuben legte sich, sie ließ sich nach hinten fallen. Dann der andere Fuß. Die Füße mussten schon lange ausgeschlafen haben, aber sie rührte sich nicht. Also tat er ihr den Gefallen und massierte die Füße weiter. Alles Schöne hat mal ein Ende. Er zog ihr die Schuhe wieder an, und half ihr beim Aufstehen.
»Könnt ihr laufen, oder soll ich Hilfe holen?«
»Wir könnten zum Burgvogt gehen, der wohnt nicht weit«, meinte sie. Gemeinsam gingen sie bis zum Weg. Dann ließ er sie los. »Ich heiße Isabel«, sagte sie.
»Meinen Namen kennt ihr ja«, sagte er. Schweigend gingen sie den Weg hinunter, bis zu einer Abzweigung. Sie folgten der linken Abzweigung. Nach ca. dreihundert Meter hörte der Wald auf. Kristian blickte auf eine hohe Mauer, hinter der das Haus von Jessika sein musste.
»Da vorne ist das Tor«, unterbrach Isabel seine Gedanken.
Das Tor war nicht so mächtig wie das auf der Burg, aber trotzdem aus dicken Bohlen gefertigt. In einem Seitenflügel war eine kleine Tür eingelassen, die mit Eisenplatten beschlagen war. Beides, Tor und Tür waren geschlossen. Ein Klopfer hing neben der kleinen Tür. Für Isabel war dieses nicht neu. Sie nahm ihn und schlug damit gegen die Tür. Die Schläge waren nicht sehr laut, reichten aber aus, damit man auf sie aufmerksam wurde. Nach einer Weile fragte eine Stimme von oben über die Mauer blickend, was sie wollten.
»Hier ist Isabel die Tochter des Grafen, wir möchten zum Vogt.« Die kleine Tür öffnete sich, sie gingen hindurch. Das Haus lag vor ihm. Es waren vielleicht dreißig Meter bis zum Haus. Hinter dem Haus schien die Mauer nur wenige Meter am Haus vorbei zu verlaufen. Ein hölzerner Wehrgang führte an der ganzen Mauer entlang. Wachen waren nicht zu sehen. Auf der rechten Seite, auf dem gleichen Fundament wie bei Jessika, stand ein Stall. Er war ganz aus Holz. Hinter dem Stall, an der Mauer, stand der Turm. Eine überdachte Holztreppe führte zum Eingang des Turms in vielleicht vier Meter Höhe. Dort, wo bei Jessika eine Gartenanlage ist, war hier ein großer Platz mit einem Brunnen. Isabel ging voraus, sodass sie nicht sah, wie er mit der Kamera eine Rundumaufnahme machte. Die Haustür öffnete sich, der Burgvogt Ludwig erschien. Mit ausgestreckter Hand ging er Isabel entgegen.
»Isabel, ihr seid zu Fuß«, stellte er verwundert fest und warf einen Blick in Kristians Richtung.
»Ich bin überfallen worden, Kristian hat mich befreit.«
»Kommt erst mal herein.« Der Eingang, die Treppe und die Tür waren Kristian vertraut. In der Eingangshalle schien die Zeit stehen geblieben zu sein. Alles war so wie bei Jessika. Unbewusst ging sein Blick zur Wand mit der Geheimtür. Ludwig führte sie in den Raum, den Kristian als Küche kannte. Ein offener Kamin bedeckte fasst die ganze linke Seite. Ein großer Tisch steht in der Mitte. Einige Wandteppiche verzieren die Wände. Zwei leere Fensteröffnungen mit außen angebrachten Holzläden ließen Licht in den Raum.
»Setzt euch, ich hole etwas zu trinken.« Isabel setzte sich.
Er nutzte die Gelegenheit, Aufnahmen mit der Kamera zu machen. Ludwig kam wieder, hinter ihm eine Frau, die ein Tablett mit Gläser und eine Karaffe mit Wein trug. Sie füllte die Gläser. Dann zog sie sich zurück. »Auf eure Rettung und Dank dem Retter.« Sie hoben die Gläser und prosteten sich zu.
»Eure Tat verdient eine Belohnung«, sagte Ludwig. »Sagt mir, was ihr euch wünscht?«
»Wenn ich mir ab und zu ein Pferd aus eurem Stall ausleihen darf, ist mir das Belohnung genug.«
»Ihr seid zu bescheiden«, sagte Ludwig, »wenn das aber euer Wunsch ist, so sei er erfüllt. Wir gehen nachher zu den Ställen.«
»Ihr habt eine schöne Halle«, sagte Kristian, »darf ich sie mir einmal ansehen?«
»Fühlt euch wie zu Hause«, erwiderte er.
Kristian hatte schon eine Weile beobachtet, wie verliebt Ludwig Isabel anschaute. Diesem war es nur recht, wenn er mit Isabell alleine sein konnte.
Kristian ging in die Halle, vor sich die Kamera. Ihn zog es zum Geheimgang. Die Vertäfelung schien die Gleiche zu sein. Er zog an der Leiste, es machte Klick und ein Teil der Vertäfelung ließ sich aufziehen. Es hatte auch hier schon lange keiner mehr den Gang benutzt. Spinnengewebe versperrten den Eingang. Er machte Aufnahmen und drückte die Tür dann wieder zu. Isabel und Ludwig lagen sich in den Armen, als er zurückkam.
»Wann ist die Hochzeit«? fragte er.
Erschreckt fuhren sie auseinander. Beiden war es sichtlich unangenehm, dass er ihr Geheimnis kannte.
»Ihr habt nichts zu befürchten, euer Geheimnis ist bei mir gut aufgehoben.«
»Wir danken euch«, sagte Ludwig erleichtert.
»Lasst uns nach draußen gehen, ich zeige euch den Stall.«
Isabel und Kristian gingen hinter ihm her. Ganz so verlassen, wie er anfangs dachte, war es hier nicht. Knechte eilten umher. Der Stall schien größer zu sein wie in seine Zeit. Sie gingen in den Stall. »Hier vorne stehen meine Zuchthengste. Falls ihr ein Pferd ausleihen wollt, nehmt eines von hier hinten«, sagte er und zeigte dabei in den hinteren Stall.
Ein Pferd fiel sofort auf. Ein kleiner Kopf und feurige Augen. Es hatte eindeutig arabisches Blut in sich.
»Was ist, wenn ich mir dieses aussuchen würde«? fragte er.
»Ihr habt einen guten Geschmack«, meinte Ludwig, »ihr könnt es nehmen.«
»Und wenn ich sofort ausreiten möchte?« Ludwig hob die Hand. Ein Stallknecht kam angelaufen.
»Sattele das Pferd.« An den Sattel würde er sich erst gewöhnen müssen. Das Pferd wurde aus dem Stall geführt. Kristian stellte seinen Stock in eine Ecke und schwang sich in den Sattel. Leicht tänzelnd bewegte sich das Pferd unter ihm, er sah, wie Ludwig ihn beobachtete. Einen Runterschmiss konnte er sich jetzt nicht leisten. Er ließ das Pferd ein paar Runden um den Brunnen laufen, bis es sich an ihn gewöhnt hatte, und machte ein Zeichen zum Tor. Ludwig verstand und gab den Befehl, das Tor zu öffnen. Kristian winkte zurück, als er durch das Tor ritt. Das Pferd tänzelte, als er es den Weg zurückführte, den sie gekommen waren. Man merkte, dass das Pferd lange keinen Auslauf gehabt hatte. Trab schien nicht sein Ding zu sein, erst im Galopp war er in seinem Element. Übermütig schmiss er seine Hinterbeine hoch, er hatte Mühe im Sattel zu bleiben und lenkte es auf den Weg zur Burg. Die Kamera vor seine Brust haltend, ab und zu ein Blick auf das Display werfend, ritt er durchs erste, dann durch das zweite Tor.
Die Wachen schauten erstaunt, als sie ihn sahen. Als er durch das Burgtor ritt, erkannte er sogleich die Hektik, die hier herrschte. Alle Augen waren auf ein Pferd gerichtet, es schien Isabels Pferd zu sein. Anscheinend hatte sich der Räuber nicht lange im Sattel halten können. Das Pferd war ohne ihn nach Hause gelaufen. Das Fell dampfte. Der Graf und sein Sohn sahen Kristian kommen.
»Das Pferd von meiner Tochter Isabel ist alleine zurückgekommen«, sagte der Graf. »Wir wollen losreiten und sie suchen.«
»Die Mühe könnt ihr euch sparen, sie ist bei Ludwig, ich komme gerade von dort, jemand hat versucht, eure Tochter zu entführen. Es ist alles gut.«
»Sattelt unsere Pferde«, rief der Graf.« Johannes stand vor dem Stall und beeilte sich die Pferde zu satteln.
»Du wirst immer besser«, meinte er, nachdem die Grafen losgeritten waren. »Jetzt hast du schon ein Pferd.«
»Ich will es dir sagen, ich war es der Isabel gerettet hat.« »Dann muss ich wohl stolz auf dich sein«? fragte Johannes.
»Nein, musst du nicht, nur durch dich war es mir möglich, dieses zu tun. Wie du siehst, war es auch dein Verdienst.«
Sichtlich beeindruckt fiel Johannes dazu nichts ein.
»Ich muss weiter«, verabschiedete Kristian sich, »bis zum nächsten Mal.« Er ritt um den Brunnen, dann über den Hof zum Tor hinaus. Ein kurzer Galopp, er passierte das letzte Tor, und er schaltete die Kamera aus. Wieder auf dem Weg ließ er sein Pferd nach Hanna laufen. An der Lichtung angekommen, zügelte er das Pferd. Langsam ritt er Hannas Haus entgegen. Geräusche von Pferdehufen nicht gewohnt, kam Hanna vor die Tür. Sie staunte nicht schlecht, als sie ihn erkannte.
»Was hast du denn jetzt schon wieder angestellt«? fragte sie. »Nicht viel, ich habe nur Isabel aus den Händen böser Räuber befreit.«
»Ja, ja schon gut«, sagte sie. Er merkte, dass sie ihm nicht glaubte. »Das Pferd habe ich mir vom Vogt ausgeliehen. Ich reite zurück und komme dann wieder.«
Im Galopp ging es zurück. Er ritt durch das offene Tor, es war keiner zu sehen. Die Pferde vom Grafen standen angebunden vor dem Stall. Er ritt hinüber. Der Stallknecht nahm ihm das Pferd ab. Er hatte keine Lust ins Haus zu gehen, nahm seinen Stock und ging stattdessen durchs Tor hinaus. Von hier aus versetzte er sich direkt nach Hanna.
»Schon zurück«? staunte Hanna.
»Ich mach Kaffee«, bot er an, holte Brennholz von draußen und machte den Ofen an.
Das Brennholz würde im Winter nicht lange halten. Ihm fiel ein, dass der Graf in seiner Schuld stand. Mit Brennholz für Hanna sollte er sich bedanken. Das Wasser kochte bald, er schüttete es in die Tassen auf das Kaffeepulver.
»Oder willst du lieber, dass ich eine Dose aufmache«? fragte er.
»Das können wir heute Abend machen«, meinte Hanna.
Kristian holte Brot, Butter und Marmelade. Ihr Essen wurde gestört durch das Geklapper von Pferdehufen. Der junge Graf stand vor der Tür. »Kommt herein«, sagte Hanna. Er sah sofort die Veränderung in diesem Raum. Die typische Feuerstelle fehlte, dafür stand eine runde Feuerstelle an der Wand. Er konnte sehen, dass darin Feuer brannte.
»Setzt euch und trinkt einen Kaffee mit uns«, sagte Kristian und machte seinen Platz frei. Der junge Graf setzte sich und schaute auf die geschmierten Brote vor sich auf dem Tisch. Vorsichtig nahm er ein Brot. Währenddessen holte Hanna eine Tasse und machte für den Grafen neuen Kaffee.
»Ihr müsst hiervon in euren Kaffee tun«, sagte Kristian und zeigte auf den Zucker. Mechanisch tat er auch das. Hanna nahm den Löffel und rührte den Kaffee um. Sie nickte dem Grafen aufmunternd zu und führte ihre Tasse an den Mund. Der Graf machte es ihr nach und ließ den Geschmack auf seine Zunge zergehen.
»Ein seltsamer Geschmack«, sagte er, »aber nicht schlecht.«
Dann nahm er das Brot und biss hinein.
»Euer Essen ist neu für mich, aber gut. Wenn ihr erlaubt, komme ich gerne noch mal wieder. Ich bin gekommen um euch Kristian, und natürlich auch euch Hanna, zur Rettung meiner Schwester für heute Abend einzuladen. Wir schicken einen Wagen.« Danach trank er einen letzten Schluck Kaffee. Den Rest seines Brotes in den Mund schiebend, schaute er Hanna zu, die sich beeilte ein neues Brot zu schmieren und ihm hinschob.
»Danke«, sagte er, und nahm es.
»Kristian, ihr seid uns ein Rätsel. Seitdem ihr aufgetaucht seid, hat sich einiges verändert«, dabei blickte er durch das Zimmer. Auf das zweite Bett blieb sein Blick hängen.
»Ich bin nur ein Händler«, tat Kristian bescheiden. »Bei mir bekommt ihr Sachen, die ihr woanders nicht bekommt. Meine Handelswege führen durch mehrere Länder.«
»Wo habt ihr Johannes kennengelernt«? fragte er unerwartet. »Das war vor der Burg, als er mit seinem Karren unterwegs war.«
Die Begegnung im Stall machte ihm also noch zu schaffen. Er hatte ihn erkannt, konnte sich sein plötzliches Verschwinden aber nicht erklären. Der Graf stand auf.
»Wenn ihr heute Abend kommt, würdet ihr von dem schwarzen Getränk etwas mitbringen, damit auch mein Vater es kennenlernt?«
»Wir werden es mitbringen«, versprach Kristian. Der Graf nickte, ging nach draußen, stieg auf sein Pferd und ritt zurück.
»Wenn das so weiter geht, müssen wir noch einen Balken zum Anbinden der Pferde aufstellen«, sagte Kristian.
»Der Graf kommt bestimmt wieder.«
Sie waren wieder alleine, ihnen gefiel die Ruhe.
»Freust du dich auf heute Abend«? fragte er.
»Ja sicher, es gibt gutes Essen und ich kann mein neues Kleid vorführen. Ich werde zum Bach gehen und mich mit deiner duftenden Seife waschen.«
Plötzlich hatte Kristian eine Idee. Warum gab er Hanna nicht die Möglichkeit, sich in duftendes warmes Wasser zu waschen,    
und dachte dabei an seine Badewanne.
»Hanna warte, möchtest du dich nicht mal mit warmem Wasser waschen?«
»Und wie soll das gehen«? fragte sie.
»Ich nehme dich mit zu mir, heute Abend sind wir wieder hier.« Hanna blickte ihn ungläubig an.
»Komm, gib mir deine Hand.«
Ehe sie sich versah, standen sie in seine Küche. Hanna schaute sich um. Er ging inzwischen in das Badezimmer und ließ das Badewasser ein. Wieder zurück, fragte Hanna, »hier lebst du?« Er nickte, und führte sie durchs Haus und ins Schlafzimmer. Sie setzte sich auf das Bett, befühlte das Oberbett.
»Komm«, sagte er, »dein Badewasser ist gleich fertig.«
Sie folgte ihm ins Badezimmer. Ein Schuss Badewasserzusatz in das Wasser und wohlige Düfte füllten das Badezimmer.Er stellte das Wasser ab.
»Komm, zieh dich aus und setz dich rein.« Zögernd zog sie ihr Kleid aus und stieg in die Wanne.
»Ah«, sagte sie und tauchte ihren Körper ganz unter Wasser. Als sie mit einer Haube aus Schaum wieder auftauchte, musste er lachen.
»Diese Flasche ist zum Haarewaschen.« Er schüttete etwas auf ihr Haar. Als sich beim Waschen eine Menge Schaum bildete, freute sie sich wie ein Kind.
»Halt still«, sagte er und spülte ihre Haare sauber. Er zeigte dann auf eine Flasche und sagte, »damit kannst du deinen Körper waschen, ich komme dann später wieder oder du kannst mich auch rufen.«
In der Küche zurück, überlegte er, dass dieses eine gute Gelegenheit war, Hanna mit Jessika bekanntzumachen. Er rief sie an.
»Hier Kristian, hast du Lust Hanna kennen zulernen?«
»Und wie soll das gehen?«
»Hanna ist hier bei mir«, sagte er. Keine Antwort. »Hallo bist du noch da?«
»Ja, ja, ich bin noch da.«
»Hanna und ich sind heute Abend beim Grafen eingeladen, und da habe ich mir gedacht, dass Hanna sich freuen würde, wenn sie sich mal in eine Badewanne setzen kann. Jetzt planscht sie wie ein Kind darin. Also, wenn du willst, hole ich dich ab?« Wieder eine Pause, dann »ja, du kannst mich abholen.«
»Und noch was, du hast doch sicher etwas Modeschmuck, eine Halskette und ein Armband wären schön, Hanna soll heute Abend gut aussehen.«
»Hast du sonst noch Wünsche?«
»Nein.«
Er sprang zu Jessika in die Halle. Großvater saß in der Küche und las in der Zeitung.
»Hallo Junge«, sagte er, »hab dich nicht kommen gehört.«
Jessika kam herein, erschrak, weil er schon da war. In der Hand hielt sie eine Plastiktüte.
»Können wir«? fragte er.
»Können wir was?« fragte Großvater.
»Hanna ist bei mir und Jessika will sie kennenlernen.«
»Ich auch«, sagte Großvater.
»Dann kommt.« Sie stellten sich zusammen. Ungläubig blickten sich beide an, als sie in Kristians Zimmer standen.
»Willkommen bei mir zu Hause.«
Großvater fand als Erster seine Sprache wieder.
»Junge, damit kannst du im Zirkus auftreten.«
Jessikas Gesicht bekam langsam wieder Farbe. Sie hielt ihm die Tüte hin. Er kippte sie aus. Ein Kästchen fiel heraus. Er öffnete es. Eine goldig glänzende Kette mit Steinen, ein Armband und ein Ring lagen darin. Die gräfliche Gesellschaft würde nicht merken, dass der Schmuck nicht echt war. Er ging ins Badezimmer. »Hanna, wir haben Besuch, es sind Freunde von mir, sie wohnen in dem Haus, wo jetzt Ludwig wohnt. Sie haben dir ein Geschenk mitgebracht. Trocknetest du dich ab und kommst dann?«
Hanna nickte. Wieder in der Küche sah er Jessika an.
»Ich möchte mich bedanken für die Sachen, die du für Hanna mitgebracht hast.«
»Und, wie willst du das machen?«
Er ging zu ihr, nahm sie in den Arm und küsste sie auf den Mund. Anfangs hielt sie still, drückte ihn dann aber von sich.
»Das reicht«, sagte sie.
»Läuft da mit euch was«? fragte sie plötzlich.
»Rein brüderlich«, sagte er.
»Wer glaubt, wird selig.«
»Im Mittelalter ist alles viel freier. Hanna zieht ihr Kleid aus und geht nackt zum Bach, um sich zu waschen. Sie denkt sich nichts dabei.«
»Und was denkst du dir dabei«? fragte Jessika.
»Ich denke mir auch nichts dabei«, und konnte ein Grinsen nicht unterdrücken.
Hanna kam in die Küche. Beide Frauen blickten sich abschätzend an. »Hanna, Jessika und ihr Großvater«, stellte er sie vor.
Um das Eis zu brechen, sagte er zu Hanna,
»Jessika hat dir für heute Abend etwas Schmuck mitgebracht.« Jessika legte Hanna die Kette um. Er nahm das Armband und befestigte es um ihren Arm. So ausgestattet sah Hanna umwerfend aus. Die gräfliche Gesellschaft würde Augen machen. Die Frauen hatten sich sonst nichts zu sagen.
Er hatte eine Idee und fragte Jessika, »hat Maria Kuchen gebacken?«
»Ja, ich glaube schon.«
»Warum gehen wir dann nicht alle nach euch?«
»Ich habe nichts dagegen«, sagte sie.
»Dann los, packt euch an.« Sie kamen in der Halle an. Hanna blickte sich um. Als Heilerin war sie schon beim Burgvogt im Haus gewesen. Sie war sich jetzt nicht sicher, wo sie war. Kristian bemerkte das und sagte deshalb zu Jessika: »Kochst du schon mal Kaffee?«
Zu Hanna sagte er: »Du kannst dich gerne etwas umsehen.«
»Komm«, sagte Großvater und nahm Hannas Hand, »ich werde dich etwas herumführen.«
Kristian ging zu Jessika in die Küche.
»Wie findest du sie«? fragte er.
»Ganz nett«, war die Antwort. Er fühlte, dass sie ihn was fragen wollte, was sie dann aber nicht tat.
»Willst du wissen, warum wir beim Grafen eingeladen sind«? fragte er. Sie nickte, während sie den Kuchen aufteilte.
»Die Tochter des Grafen wurde entführt und ich habe sie befreit.«
»Schlaft ihr in einem Bett«? fragte sie ganz nebenbei, als sie den Kuchen verteilte. Das war es also, was sie ihn eben fragen wollte.
»Ich habe mein eigenes Bett«, sagte er. »Gib mir deine Hand.«
Nichts ahnend tat sie es, als sie auch schon in Hannas Hütte standen. Erstaunt sah Jessika sich um.
»Das kleine Bett gehört mir«, sagte er.
»Es gibt ja noch nicht mal Fensterscheiben!«
»Schau hinaus, dann siehst du den Bach als einzige Möglichkeit, sich zu waschen. Komm, ich zeige dir die Burg.«
Sie standen unsichtbar mitten im Vorhof und hatten einen guten Blick auf die Burg. Jessika schaute sich sprachlos um.
»Komm, jetzt besuchen wir euer Haus.«
Sie standen bald unsichtbar auf dem gepflasterten Vorhof des Vogts, umgeben von der hohen Mauer.
»Ich bring dich jetzt zurück.«
Gesagt getan. Keiner hatte mitbekommen, dass sie weggewesen waren. Jessika fing plötzlich zu weinen an. Kristian ging zu ihr und nahm sie in den Arm. Erneut wurde ihr Körper geschüttelt. So auf die Schnelle mit einem anderen Zeitalter konfrontiert zu werden, war zu viel für sie. Hanna und Großvater kamen herein. Jessika löste sich von ihm und trocknete ihre Tränen ab. Großvater tat so, als wenn er nichts gesehen hatte. Hanna sagte auch nichts. Jessika schüttete den Kaffee ein.
»Hast du schon die Zeitung gelesen«? fragte Großvater.
»Da steht eine tolle Geschichte von einem Engel und einer unsichtbaren Kraft drin, und wie Leute auf einen Beleuchtungsmast abgelegt wurden. »Warst du das?«
»Mein Freund Hera und ich.«
»Ich hab's gewusst«, freute sich Großvater.
Jessika blickte verstohlen über den Rand ihrer Tasse zu Hanna. Beide Frauen sahen die Andere als ihre Rivalin. Der Kuchen musste trotz alledem dran glauben. Jessika schüttete nochmals Kaffee nach. »Wir können nicht mehr lange bleiben«, sagte Kristian, »wir werden auf der Burg erwartet.«
Hanna hatte bis jetzt noch kein Wort gesagt. Dann sagte sie mehr zu Jessika als zu Großvater: »Ich danke euch für die vielen Geschenke. Leider habe ich nichts, womit ich euch eine Freude machen kann.« Jessika war gerührt und ging um den Tisch herum und nahm Hanna in den Arm.
»Wir wollen Freundinnen sein. Du kannst uns ja öfter besuchen.« Hanna hatte Tränen in den Augen. Sie standen auf und er fasste Hanna an.
»Halt,« rief Jessika, »ich muss noch schnell etwas holen.«
Sie kam zurück und hielt einen kleinen Wandspiegel in der Hand. »Soviel ich noch aus der Schule weiß, gab es so was in dieser Qualität noch nicht im Mittelalter.«
Kristian überlegte, zur Befestigung brauchte er einen Nagel.
»Großvater hast du einen Nagel für mich?«
Großvater ging und kam mit ein paar Nägeln zurück.
»So, jetzt müssen wir aber«, sagte Kristian. »Bis zum nächsten Mal.«
Bei Hanna angekommen, fragte er sie. »Wie hat es dir gefallen?«
»Gut«, sagte sie. »Ist Jessika die Frau, die du dir als deine Frau vorstellen könntest«? fragte sie.
»Ja, das ist sie.« Hanna hatte noch keine Gelegenheit gehabt, in den Spiegel zu schauen.
»Wo soll ich ihn hinhängen?«
»Neben dem Bett«, antwortete sie.
Er holte den Hammer und schlug den Nagel in die Lehmwand. Im Mittelalter gab es Spiegel, aber nicht von dieser Qualität. Das Spiegelbild dort war verzerrt oder unscharf. Hanna schaute noch mal in den Spiegel. Eine andere Frau schien ihr entgegen zu blicken. Hannas einziger Spiegel war bisher das Spiegelbild in einem stehenden Gewässer. Langsam gewöhnte sie sich an das Bild.
»Das bin ich«, sagte sie laut.
»Ja, das bist du«, bestätigte er. Jetzt sah sie auch den Schmuck um ihren Hals so deutlich, als wenn sie ihn in der Hand halten würde.
»Ich bin ja so glücklich«, sagte sie.
Von draußen hörten sie das Wiehern eines Pferdes. Ein zweirädriger Wagen stand draußen, um sie abzuholen. Sie stiegen hinten ein. Die Menschen schauten auf, als sie durch die Vorburg fuhren. Im Burghof angekommen, sah er Johannes vor seinem Stall sitzen. Kristian hob die Hand zum Gruß. Johannes erwiderte ihn. Sie stiegen von dem Wagen runter, der Kutscher führte sie die Treppe hoch. Jemand öffnete die Tür. Sie gingen durch einen Flur und dann durch eine Tür, die in einen Saal führte. Die Grafenfamilie war schon anwesend. Kristians Blick ging in die Runde. Teppiche verzierten die Wände. In dem Kamin an der rechten Seite brannte ein Feuer, ein kühler Luftzug wehte durch die offenen Fensteröffnungen. Diese waren in Nischen angebracht. Um sie zu erreichen, muss man ein paar Stufen hochsteigen. Auf beide Seiten der Nischen befanden sich Steinbänke. Im Sommer war das sicher ein beliebter Platz.
Fensterscheiben gab es nicht, was einen Aufenthalt im Winter wenig angenehm machte, obwohl man von außen die Fensteröffnungen mit Blendläden verschließen konnte. Ein langer Tisch war vor dem Kamin aufgestellt worden, dahinter mit dem Rücken zum offenen Feuer saßen der Graf, seine Tochter und sein Sohn. Alle erhoben sich, als Hanna und Kristian eintraten. Es folgte die Begrüßung.
Der Graf führte Hanna an den Tisch ihm gegenüber. Bevor sie sich setzen konnten, kamen zwei Mägde mit einer Kanne Wasser und einer Schüssel. Hanna wusste anscheinend, was es damit auf sich hatte. Sie hielt ihre Hände über die Schüssel, die Magd schüttete Wasser zum Händewaschen über Ihre Hände. Mit einem Tuch, das eine Magd über den Arm trug, trocknete sie ihre Hände ab. Dann kam Kristian dran.
Er setzte sich Isabel gegenüber. Der Graf klatschte in die Hände, und eine Magd kam mit einer Kanne Wein an ihren Tisch. Die reichlich verzierten Becher aus Zinn wurden gefüllt. Der Graf stand auf und hob seinen Becher, »auf die Rettung meiner Tochter.«
Sie tranken und setzten die Becher ab. Der Wein war nicht nach Kristians Geschmack, er war sehr bitter. Da er nicht wusste, worüber er sich mit Isabel unterhalten sollte, war er froh, als der Burgvogt Ludwig und der Waffenmeister Robert erschienen.
»Entschuldigt unser Zuspätkommen.« Ihre Becher wurden gefüllt, nachdem sie sich die Hände gewaschen hatten. Der Waffenmeister saß links neben Kristian, dem Sohn des Grafen gegenüber.
»Ihr seid ein ernst zu nehmender Gegner. Erzählt, wie ihr mit den zwei Räubern fertig wurdet.«
Kristian wiegelte ab. »Das waren nur zwei waffenungeübte Wegelagerer. Nachdem ich einen niedergeschlagen hatte, gab der Andere Fersengeld.«
»Ihr habt Erfahrung mit eurer Waffe?«
»Als Händler muss man schon mal sein Hab und Gut verteidigen.« Kristian wandte sich Isabel zu. Diese blickte zu Ludwig herüber. Hanna und der Graf führten eine angeregte Unterhaltung. Ihr Kleid und Schmuck ließ vergessen, dass sie nur aus einfachem Stand kam. Albert und Ludwig schienen sich auch gut zu verstehen. Isabel riss ihn aus seinen Beobachtungen.
»Kristian, ihr seid doch bestimmt ein guter Reiter, habt ihr nicht Lust, mal mit mir auszureiten? Mit euch an meiner Seite, muss ich keine Angst vor einer weiteren Entführung haben.«
»Gerne, sagt nur wann.«
»Ist das euer Verdienst, das die Heilerin Hanna so gut aussieht«? fragte sie weiter.
»Na ja, ich habe etwas nachgeholfen. Was könnt ihr mir über die Elfen oder das gute Volk sagen«? fragte er sie.
»Ich hab noch keine gesehen, aber die Dörfler erzählen viel darüber.«
Der Waffenmeister beugt sich interessiert zu Kristian herüber. »Sie sollen klein und hässlich sein?«
»Nein, das stimmt nicht. Klein mag stimmen, aber sonst sehen sie so aus wie wir.«
»Was macht euch so sicher,« fragte Grafensohn Albert.
»Hanna und ich haben schon welche gesehen.«
»Wieso das«? fragte Albert.
»Ich habe einem Elfen aus einer bedrohlichen Lage helfen können. Später stellte sich heraus, dass ich den König gerettet hatte. Uns zu Ehren wurde bei Hanna ein Fest abgehalten.«
»Sie sollen gefährlich sein«? sagte der Waffenmeister.
»Auch das stimmt nicht. Sie verteidigen sich nur, wenn sie angegriffen werden.«
Gespannt hörten alle zu. »Seht ihr sie oft«? fragte Albert.
»Wenn ich sie brauche, rufe ich sie, oder sie stehen plötzlich da. Ihr könnt nicht mal sicher sein, dass sie sich im Augenblick nicht in diesem Raum befinden. Sie können sich unsichtbar machen.«
Verstohlene Blicke in den Raum zeigten, dass sie es zumindest für möglich hielten.
Holzteller wurden verteilt, auf jedem lag eine Scheibe Brot. Anschließend wurden Fleischplatten und Schüsseln mit Soßen hereingetragen. Der Braten war teilweise schon in Portionen zugeschnitten. Das Geflügel, wahrscheinlich Fasane, wurden am Spieß aufgetragen. Messer zum Zerschneiden gab es anscheinend nicht. Kristian sah, dass der Graf mit seinem Messer, welches er am Gürtel trug, ein Stück aus dem Geflügel herausschnitt und es Hanna auf ihren Teller legte. Das Messer putzte er an seine Scheibe Brot ab. Auch die Anderen nahmen ihre eigenen Messer zur Hilfe. Der Waffenmeister Robert schaute erstaunt zu, wie Kristian sein Schweizer Messer aufklappte.
»Ihr habt ein seltsames Messer«, stellte er fest.
Kristian schnitt ein Stück Brustfleisch ab und hielt Robert das Messer hin. Er nahm es, klappte es zu, wieder auf und sah, dass noch andere Teile im Griff steckten. Kristian ließ sich inzwischen den Fasan schmecken. Der Wein wurde reichlich nachgeschenkt.
»Wollt ihr nicht mal das Geflügel probieren«? fragte Kristian den Waffenmeister. Sein Stück Braten lag noch unberührt vor ihm auf dem Teller.
Auch Ludwig zeigte Interesse an Kristians Messer. Dieser legte sich ein Stück Braten auf seinen Teller. Isabel blickte ihn an.
»Ihr seid ein geheimnisvoller Mann, der Dinge hat, die den Waffenmeister und Vogt das Essen vergessen lassen. Aus der Heilerin habt ihr eine begehrenswerte Frau gemacht. Mein Vater hat nur noch Augen für Sie. Außerdem seid ihr ein Freund des guten Volkes.«
»Wie findet ihr meine Seife«? fragte er, um von sich abzulenken. »Wenn sie alle ist, sagt mir Bescheid.«
»Da ihr gerade davon anfangt, die Seife ist mir auch ein Rätsel. Bei uns gibt es so etwas nicht. Sie duftet und meine Haut fühlt sich weich an.«
»Hat Ludwig das auch schon bemerkt«? fragte er sie leise.
Mit einem Blick zu ihrem Vater legte sie den Zeigefinger auf ihren Mund. In verschwörerischen Ton sagte sie leise. »Mein Vater weiß es noch nicht, und was Ludwig betrifft, ist er von dem Duft auf meiner Haut angetan.«
Der Sohn des Grafen aß mit bedacht. Sicher bekam er alles mit, was sie sich sagten. Zu Kristian sagte er: »Am besten ihr nehmt euer Messer zurück, sonst bekommen die Beiden nichts in ihren Bauch, ich würde mir das Messer auch gerne ansehen.«
Robert hatte zugehört und gab das Messer zurück. Kristian zerschnitt ein Stück Braten und reichte das Messer über den Tisch. Jetzt war auch er eine Weile beschäftigt. Isabel war noch nicht fertig mit Kristian.
»Sagt mir, woher ihr kommt?«
»Das soll noch eine Weile mein Geheimnis bleiben.«
»Wie findet ihr Hanna«? fragte er Isabel leise, damit Hanna nichts mitbekam.
»Soviel ich weiß, habt ihr keine Freundin. Könnt ihr euch nicht vorstellen, in Hanna eine Freundin gefunden zu haben? Sie könnte euch sicher eine Menge Geschichten über die Elfen erzählen und ihr könntet auch sonst viel von ihr lernen. Außerdem würdet ihr eurem Vater einen Gefallen tun.«
»Ihr habt recht, Hanna ist eine interessante Frau, ich werde sie mal besuchen. Mein Bruder sagt, euer Essen ist anders, aber gut.«
Kristian schaute zu Hanna, diese schien alles um sich vergessen zu haben, das Gleiche konnte man vom Grafen sagen. Es war an der Zeit allen seinen Kaffee probieren zu lassen.
»Ihr wolltet, dass alle mein Getränk probieren sollen«, sagte er zu Albert. »Würdet ihr veranlassen, dass heißes Wasser gebracht wird?«
Kristian holte Kaffee und Zucker aus seinem Rucksack, den er neben der Tür abgelegt hatte.
»Hört zu«, sagte Albert, »ich hatte unseren Gast Kristian gebeten, dass er uns von seinem Getränk kosten lässt. Trinkt eure Becher leer.« Selbst der Graf und Hanna hatten das mitbekommen und tranken ihre Becher leer.
»Stellt eure Becher hierher«, sagte Kristian.
In jedem Becher tat er Kaffee und Zucker. In der Zwischenzeit wurde heißes Wasser hereingetragen. Er nahm die Kanne Wasser und füllte die Becher. Kleine Löffel gab es nicht. Kristian putzte sein Messer so gut es ging an seine Scheibe Brot ab. Danach rührte er damit den Kaffee um. Allgemeine Spannung, jeder nahm seinen Becher und kostete vorsichtig.
»Nicht schlecht«, meinte Isabel, die Anderen pflichteten ihr bei.
»Könnt ihr uns damit versorgen«? fragte der Graf.
»Das könnte schon sein«, sagte er. Der Graf erhob sich.
»Der Anlass, der uns hier zusammengeführt hat, ist die Rettung meiner Tochter. Dem Retter gebührt Dank und Anerkennung. Ich frage euch Kristian, welchen Wunsch ich euch erfüllen soll?«
Kristian erhob sich. Alle blickten ihn gespannt an. Um die Sache spannend zu machen, blickte er sie alle nacheinander an. »Mein Wunsch ist, dass ihr Hanna mit ausreichend Brennholz versorgt, sodass sie im Winter nicht zu frieren braucht. Ab und zu ein Stück geräucherten Schinken wäre auch nicht schlecht. Ihr wisst, dass Hanna selbst den Ärmsten im Dorf ihr Wissen der Heilung zukommen lässt. Von diesen, die selbst nicht genug zum Überleben haben, kann sie keinen Lohn erwarten.«
Er setzte sich.
»Euer Wunsch ist bescheiden. Er soll erfüllt werden. Ich hätte auch einen Wunsch«, fuhr er fort. »Wenn ihr es ermöglichen könntet, möchte ich die Bekanntschaft eines Elfen machen.«
»Ich weiß nicht, ob sie dazu bereit sind«? sagte Kristian, »aber ich will es versuchen.«
Er dachte an das passende Symbol auf seinem Medaillon, dass er unter seinem Hemd trug, und an Hera. Er rechnete damit, dass er unsichtbar erscheinen würde, um sich die Sache erst anzusehen. Kristians konzentrierter Blick kreiste umher. Hera stand vor der Tafel beim Grafen und Hanna.
»Du kannst erscheinen«, sagte er in seine Richtung, »wir sind hier unter Freunde.« Alle blickten gespannt in die gleiche Richtung. Trotzdem erschraken sie, als Hera plötzlich sichtbar wurde. »Darf ich vorstellen, das ist Hera, der Bruder der Königin.« Nacheinander stellte er die Anwesenden vor.
»Einen Stuhl bitte«, sagte Kristian. Die Magd beeilte sich, einen Stuhl an die Stirnseite der Tafel zu stellen.
»Falls du Hunger hast, greife zu«, ermunterte er Hera.
Dieser blickte auf das Geflügel. Kristian reichte ihm sein Messer, mit dem er sich ein Stück abschnitt. Alle blickten ihn gespannt an. Hera ließ sich beim Essen nicht stören, sondern blickte nacheinander jeden durchdringend an, als wollte er ihre Gedanken lesen. Die so mit seiner Aufmerksamkeit bedachten, fühlten sich unwohl und senkten den Blick. Hera machte dem Spiel ein Ende, indem er sagte: »Euer Geflügel schmeckt gut, mir fehlt nur noch ein Becher von Kristians Getränk.«
Die Dienerschaft hatte zugehört und beeilten sich dem Wunsch nachzukommen. Kristian füllte Kaffee und Zucker in den gereichten Becher, die Magd füllte den Becher mit heißem Wasser. Wieder musste sein Messer als Löffel herhalten.
Hera hob den Becher, »ich trinke auf Kristian den mutigen Retter.« Dabei grinste er Kristian an.
»Ich freue mich, euch kennengelernt zu haben. Zu lange haben wir nebeneinander gelebt. Ich hoffe, dieses ist der Beginn einer neuen Freundschaft.«
Alle hatten das für unmöglich gehaltene Erscheinen Heras noch nicht verarbeitet.
»Wir wollen uns verabschieden«, sagte Kristian, nachdem alle gegessen hatten, und nahm seinen Rucksack. »Hera wird uns zu Hannas Haus bringen. Erschreckt deshalb nicht, wenn wir plötzlich nicht mehr da sind.«
Hanna stand auf, obwohl sie noch gerne geblieben wäre. Sie stellten eine Verbindung her.
»Lebt wohl«, konnte Kristian noch sagen, als sie schon bei Hanna ankamen. Hera schaute sich um sagte aber nichts.
»Hera habt ihr auch einen Winter und müsst ihr eure Häuser beheizen?« Hera nickte. »Du siehst, dass wir Holz verbrennen, damit es warm wird. Wie heizt ihr?« Hera verschwand für kurze Zeit und kam dann mit einem Würfel wieder. Er ging zum Ofen, nahm die Ofenringe ab und legte seinen Würfel in den Ofen. Dann legte er die Ringe wieder auf den Ofen. Kurze Zeit später strahlte der Ofen enorme Hitze aus. Hanna und Kristian blickten sich an. Sie waren schon einiges gewohnt, an so etwas hatten sie jedoch nicht gedacht.
»Wie schaltet man das aus«? fragte er Hera?
»Konzentriert euch auf den Ofen und denkt aus oder an.«
»Hanna«, sagte Kristian, »versuche du es.« Schon bald strahlte der Ofen weniger Hitze aus, weil Hanna den Ofen oder den Würfel abgeschaltet hatte.
»Weniger und mehr Hitze versteht er auch«? fragte Kristian. Hera nickte. Kristian blickte ihn an.
»Hera, ich will nicht unverschämt sein, könnte ich für meine Wohnung auch so etwas haben?« Hera nickte.
»Was meinst du, was hier noch fehlt«? fragte Kristian ihn. Hera verschwand abermals und kam mit einem Ständer wieder, auf den eine runde fast durchsichtige Kugel befestigt war. Hanna war die Erste, die das Licht mit ihrer Gedankenkraft einschaltete. Sie hatte dieses unbewusst getan. Der ganze Raum wurde erhellt. »Hera, wir danken dir, wenn du mal einen Wunsch hast, dann melde dich.«
»Kristian, ich muss jetzt gehen«, sagte er, und schon war er weg.
»Hanna komm, es ist schon spät, lass uns schlafen gehen.«
Am nächsten Morgen wachte er zuerst auf.
Aus dem Bach holte er Wasser, füllte es in den Topf, und stellte es auf den Ofen. Er erinnerte sich rechtzeitig, dass sie zum Heizen kein Brennholz mehr brauchten. Er gab dem Ofen bzw. dem Würfel zu verstehen, dass er anfangen sollte zu heizen. Eins machte ihm jedoch Sorgen. Es würde auffallen, wenn ihr noch nicht gelieferter Holzvorrat auf Dauer nicht weniger wurde. Die gräfliche Holzlieferung würde regelmäßig kommen. Hanna kannte sicher genug arme Leute, die im Winter frieren mussten. In einer Nacht und Nebelaktion musste das Holz dann verteilt werden. Holz zu schlagen war nur dem Grafen erlaubt. Erlaubt war nur, das Aufsammeln von trockenen Ästen, die von den Bäumen fielen. Der Heizwert war daher nur gering. Brennholz kaufen, dafür hatten die wenigsten Geld übrig. Hanna wurde wach.
»Ist das Frühstück fertig«? fragte sie, »sonst stehe ich nicht auf.«
»Ich bin gleich so weit.« Schließlich stand sie doch auf und ging zum Waschen an den Bach. Der Tisch war gedeckt, als den Geräuschen nach zu urteilen, sich ein Reiter näherte. Kristian blickte durch das Fenster. Der Reiter wurde langsamer. Kristian sah, dass der Blick des Mannes auf den Waschplatz am Bach gerichtet war. Hanna würde das nicht stören. Der Reiter kam näher, am Sattel hing ein Sack. Der Reiter band sein Pferd an die Bank. Es klopfte, Kristian machte ihm die Tür auf. Dem Mann war nicht wohl in seiner Haut. Sicherlich hatte es sich schon herumgesprochen, dass sie mit den Elfen im Bunde standen. Da war Vorsicht geboten.
»Der Graf schickt euch dieses Essen.« Kristian nahm den Sack und holte zwei helle Brote und einen halben Schinken heraus.
»Seid ihr hungrig«? fragte er den Boten.
Dieser blickte zu Boden und druckste herum. Wenn Kristian an Johannes dachte, hatte dieser hier sicher auch immer Hunger.
»Ja«, sagte er schließlich. Na also. Kristian schnitt einige Schnitten ab. Auch der Schinken musste ein paar Scheiben lassen. Er nahm zwei Schnitten und legte den Schinken großzügig dazwischen. Das machte er noch einmal.
»Nehmt«, sagte er und reichte ihm das Brot. Man sah dem Mann an, dass sein Hunger gewachsen war. Deshalb packte er ohne zu zögern zu.
»Diese anderen Schnitten bringt ihr Johannes. Ihr wisst, wen ich meine?« Ein Nicken war die Antwort. »Dann geht.«
Das ließ der Mann sich nicht zweimal sagen. Bevor er in den Sattel stieg, riskierte er noch einen Blick in Hannas Richtung. Dann galoppierte er davon. Hanna kam herein.
»Der Graf hat uns ein Frühstück geschickt. Ich möchte wissen, an wen er dabei wohl gedacht hat?« Hanna wurde rot und zog sich an. Egal, Hauptsache, sie schicken überhaupt etwas. Hanna ging zum Ofen und schüttete heißes Wasser in die Tassen mit Kaffee. Frisches Brot mit Butter und Schinken war eine willkommene Abwechselung. Auch Hanna war begeistert. Nachdem sie gegessen hatten, fragte er: »Hanna, ich will den Durchgang zur Ziege zumachen. Im Winter geht hier zu viel Wärme verloren. Hast du etwas dagegen?«
»Mach nur, du machst das schon richtig.«
»Also gut, ich hole das nötige Werkzeug und fang dann an.«
Ein Rutsch zu ihm nach Hause, um das Werkzeug zu holen, dann in den Wald zurück, um dünne biegsame Äste zu schneiden. Sicher war das eine strafbare Handlung. Aber wer will es sich mit jemand verderben, der gute Beziehungen zum guten Volk hat.
Im Unterholz fand er schnell, was er brauchte. Dort, wo die Wand stehen sollte, schlug er eine Rinne in den Boden des Zimmers, stellte die Äste hinein und flochte eine Wand. Den Lehm holte er aus einer Grube, die er hinter der Hütte gegraben hatte. Auf beide Seiten der Flechtwand häufte er den Lehm auf.
»Hanna kannst du mir helfen, wir müssen gleichzeitig von beiden Seiten den Lehm in das Flechtwerk drücken?«
Sie nickte und ging auf die andere Seite in den Stall. Sie drückten den Lehm ins Flechtwerk und versuchten, die Seiten glatt zu streichen. Gegen Mittag hatten sie die Wand zu dreiviertel fertig. Auf halber Höhe hatten sie schon Querstäbe mit eingearbeitet, auf denen später Bretter für ein Regal gelegt werden konnten. Ihre Arme schmerzten, da kam die Mittagspause gerade recht.
Hanna machte sich Brote mit Schinken. Kristian strich Marmelade aufs Brot. Nach dem Essen setzte sich Hanna auf das Bett. Irgendwann ließ sie sich hinten rüber fallen. Kurze Zeit später war sie eingeschlafen. Er hatte eine Idee, wie er sein Obst vor dem Verrotten schützen konnte. In der Mittagszeit, während Hanna ein Schläfchen hielt, sprang er zu sich, sammelte das gute Obst auf und tat es in einen Sack. Hanna schlief noch, als er zurück war. Viele Äpfel hatte sie bestimmt noch nicht gegessen. Er überlegte, dass er einen Teil in die Burg bringen konnte. Zuerst musste die Mauer stehen, dann wollte er die Äpfel rüber bringen. Hanna wachte auf.
»Was machst du«? fragte sie.
»Was ich mache? Schau mal, was ich dir mitgebracht habe?«
»Nun sag schon«, fragte sie neugierig.
»Schau selber nach.« Endlich stand sie auf und schaute in den Sack.
»Das sind Äpfel«, stellte sie fest. »Ich habe schon mal welche gegessen, aber die waren viel kleiner.«
»Hast Recht, bei euch sind die Äpfel kleiner, diese sind aus meiner Zeit.« Hanna suchte sich einen rotbäckigen Apfel heraus und biss hinein. »Hm, das schmeckt, was hast du damit vor?«
»Ich hatte gedacht, dass wir einen Teil behalten, einen Teil zur Burg bringen, und den Rest kannst du verschenken. Sicher kennst du genug arme Leute. Bei der Gelegenheit kannst du dafür sorgen, dass dein Dach dichtgemacht wird.«
»Das erledige ich alles morgen.«
»Dann lass uns jetzt die Wand fertigmachen«, schlug er vor und merkte, dass Hanna nicht viel Lust dazu hatte. Trotzdem ging es dann zügig dem Ende entgegen. Nachdem sie aufgeräumt und sich gewaschen hatten, standen sie vor der Mauer. Ein verärgertes Gemecker schallte von der anderen Seite herüber. Hanna machte ein trauriges Gesicht.
»Deine Ziege wird sich schon daran gewöhnen.«
Es war jetzt später Nachmittag.
»Hast du Hunger«? fragte er, »wir könnten eine Dose aufmachen?«
»Ein Schinkenbrot und Kaffee reicht mir«, sagte Hanna. Richtigen Hunger hatte auch er nicht, und deckte den Tisch. Das Kaffeewasser kochte bald, ohne großen Hunger aßen sie ihr Brot. Nach dem Essen hatten sie keine Lust, noch irgendetwas zu tun und gingen deshalb früh schlafen. Geweckt wurden sie am anderen Morgen durch Klopfgeräusche gegen die Tür. Kristian schaute durch das Fenster. Es war der Bote von gestern. So weit er sehen konnte, hatte er keinen Sack dabei.
»Was gibt es«? fragte er.
»Isabel die Tochter des Grafen bittet euch, sich für einen morgendlichen Ausritt bereit zu machen. Ich soll euch mit auf die Burg bringen.« Kristian beugte sich weiter aus dem Fenster, tatsächlich hatte der Bote ein zweites Pferd mitgebracht. »Wartet einen Augenblick, wir ziehen uns schnell an.«
Hanna hatte zugehört und bereits ihr Kleid übergestreift. Kristian zog sich an und ließ den Boten rein. Neugierig blickte dieser sich um. Er nahm die Veränderungen interessiert wahr. Hanna und Kristian gingen nach draußen und machten eine Katzenwäsche. Wieder zurück, stand der Bote vor Hannas Spiegel und betrachtete sich ausgiebig.
Kristian machte den Ofen an, mit der Hoffnung, dass der Bote nicht mitbekam, dass kein Holzfeuer im Ofen brannte. Im Topf war noch genug Wasser für ihren Kaffee.
»Wollt ihr ein Brot«? fragte er den Boten. Dieses Mal nicht mehr so schüchtern, sagte er sofort ja. Hanna hatte den Tisch gedeckt und das Brot geschnitten. Der Bote erhielt sein Schinkenbrot und Kaffee. Misstrauisch betrachtete er das schwarze Getränk. Als er sah, dass sie es auch tranken, setzte er die Tasse zögernd an den Mund, machte einen Schluck und dann noch einen.
Heute nahmen sie sich nicht so viel Zeit für das Frühstück. Sie brachen danach auf. Hanna hatte den größten Teil der Äpfel aus dem Sack genommen. Die noch Verbliebenen band Kristian am Sattel fest. Hanna reichte dem Boten zum Abschied einen Apfel.
»Gehst du ins Dorf«? fragte Kristian. Sie nickte.
»Bis dann«, sagte er.
Sie kamen in der Burg an. Kristian schaute nach Johannes. Dieser schien heute nicht neugierig zu sein. Kristian klopfte gegen die Stalltür. Die Tür öffnete sich.
»Hallo Johannes.«
»Hallo Kristian.« Dieser nahm zwei Äpfel aus dem Sack und reichte sie ihm. Kristian band sein Pferd an. Der Bote hatte seinem Pferd schon den Sattel abgenommen und führte es in den Stall. Johannes schien zu wissen, weshalb Kristian hier war. Er folgte dem Boten in den Stall.
»Johannes, was ist, du warst schon mal besser drauf.«
»Ich habe Bauchschmerzen«, klagte er. »Warum gehst du nicht nach Hanna, die kann dir vielleicht helfen.«
Er blickte sich um. Der Bote hatte den Stall schon wieder verlassen. »Komm, wir erledigen das am besten gleich.«
Er fasste Johannes an, schon waren sie bei Hanna. Diese blickte erstaunt auf und wollte gerade das Haus verlassen. Johannes war nicht weniger erstaunt.
»Was ist passiert, träume ich«? fragte er.
Hanna lachte, führte ihn zu ihrem Bett, und veranlasste ihn, sich zu setzen.
»Hanna, wir haben nicht viel Zeit, Johannes hat Bauchschmerzen, kannst du dir das mal ansehen?«
»Leg dich hin«, sagte Hanna zu Johannes. Lass es bloß kein Blinddarm sein dachte Kristian, dass würde seinen Tod bedeuten. Hanna betastete den Bauch von Johannes.
»Du hast dich schon ein paar Tage nicht mehr entleert«? fragte sie. Johannes nickte. »Warte, ich gebe dir ein Mittel.« Hanna ging nach draußen. Unter dem Überstand des Daches hingen Kräuter. Sie kam zurück, zerrieb ein paar Kräuter und fügte Wasser hinzu. »Trink«, sagte sie.
»Dieses wird dir helfen, deinen Bauch zu leeren. Wenn es nicht reicht, musst du wiederkommen.«
Johannes hatte gerade noch Zeit sich zu bedanken, als sie schon wieder im Stall standen. Isabel stand hinten im Stall und rief nach Johannes.
Sie drehte sich um und sah sie. Der Schreck verschloss ihr den Mund. Sie kam näher.
»Johannes, wo warst du, ich suche schon die ganze Zeit nach dir.«
Johannes blickte Kristian hilflos an. Er hatte das Erlebte noch nicht verarbeitet.
»Wir waren dort hinten im Stall«, sagte Kristian.
»Das kann nicht sein«, sagte Isabel, »dort habe ich auch nachgeschaut.« Sie stutzte, ihr fiel ein, wie Hanna und er nach dem Essen abends verschwunden waren. Ähnliches musste hier geschehen sein.
»Ist hier die Macht der Elfen im Spiel«? fragte sie. Kristian schüttelte den Kopf.
»Ihr ward aber vorhin nicht da.«
»Das kann nicht sein«, sagte er und grinste. Er sah, dass sie ihm kein Wort glaubte. »Johannes sattle mein Pferd. Euer Pferd steht schon draußen«, sagte sie zu Kristian.
Johannes beeilte sich, ihren Befehl auszuführen und führte ihr Pferd nach draußen. Sie saß auf und galoppierte sofort los. Kristian gab Johannes den Sack mit den Äpfeln, »pass auf ihn auf«, er nahm gleichzeitig noch zwei Äpfel aus dem Sack und steckte sie hinter seine Weste. Isabel war schon weit vorausgeritten. Wenn sie jetzt dachte, er würde versuchen sie einzuholen, dann hatte sie falsch gedacht. Im Schritttempo folgte er ihr. Am letzten Tor hielt sie an und drehte ihr Pferd in seine Richtung. Sicherlich kochte sie vor Wut, und tatsächlich gab sie ihrem Pferd die Sporen und kam zurück. Vor seinem Pferd zügelte sie ihr Pferd.
»Was ist«? fragte sie, »lahmt euer Pferd oder könnt ihr nicht reiten?« Er lachte.
»Was gibt es da zu lachen«?
»Kann es sein, dass ihr heute Morgen mit dem falschen Bein aufgestanden seid, oder hat euch jemand geärgert«? fragte er.
»Ja, ihr«, sagte sie. »Und wie habe ich euch verärgert?«
»Ihr seid anders und geheimnisvoll, ich werd einfach nicht schlau aus euch.«
»Das müsst ihr auch nicht. Es mag stimmen, dass ich anders bin, ich gebe auch zu, dass mir hier einiges fremd ist, das sollte aber kein Grund sein, auf mich böse zu sein.«
Sie hatte ihm stumm zugehört. Sie überdachte ihr Verhalten und kam zu dem Schluss, dass er recht hatte.
»Verzeiht mir, euer Verhalten im Stall hat mich wütend gemacht, und dass Johannes euer Vertrauen genießt.«
»Über Johannes müssen wir mal reden«, sagte er.
»Was soll das denn schon wieder.«
»Kommt, lasst uns erst mal die Burg verlassen.« Einträglich nebeneinander, verließen sie die Vorburg. Isabel wollte gerade anfangen weiter zu bohren, da drückte er seinem Pferd die Hacken in die Seite und es galoppierte los. Erschreckt fuhr Isabels Pferd hoch, was ihm einen weiteren Vorsprung verschaffte. Da er die Strecke vorgab, musste sie ihm wohl oder übel folgen. Isabels Pferd war schneller wie seins, deshalb hatte sie ihn bald eingeholt.
»Ich finde es nicht gut, dass ihr mir ein langsames Pferd gebt, nur damit ihr einen Vorteil habt.« Jetzt lachte sie.
»Das mach ich immer so, wenn ich mit jemand zum ersten Mal ausreite.«
Im Augenblick schien sie ihren Ärger vergessen zu haben.
»Isabel, wir wollten über Johannes reden.«
»Ja genau, das wollten wir.«
»Es könnte sein, dass Johannes euer Halbbruder ist.«
Sie zügelte ihr Pferd. »Da könnte was dran sein«, sagte sie nicht einmal erstaunt.
»Ihr habt das gewusst«? fragte er.
»Gewusst nicht, ich habe mal mitbekommen, wie sich Vater und Albert vor langer Zeit unterhalten haben. Da war von Johannes und Bruder die Rede.«
»Eigentlich müsst ihr die Mutter gekannt haben, bis letztes Jahr hat sie als Magd bei euch gearbeitet, und ist dann im Kindbett gestorben. Der Vogt hat Johannes dann nach hier geholt.«
»Das ist ja eine riesige Verschwörung, alle wissen Bescheid, nur ich nicht«, empörte sie sich.
»Meint ihr, wir könnten diese Sache für eine Weile vergessen«? fragte Kristian.
»Wir haben uns für einen Ausritt getroffen.«
»Ihr habt recht«, sagte Isabel. Eine Weile ritten sie stumm nebeneinander her. Er holte die Äpfel hervor und gab ihr einen.
»Ist das ein Elfengeschenk?«
»Nein, ist es nicht«, sagte er. Der erste Biss wurde kauend geprüft, »hm«, sagte sie, »nicht schlecht.«
Sie ritten Hügel rauf und Hügel runter. Isabel stellte keine weiteren Fragen mehr. Sie waren mehr oder weniger im Kreis geritten, also nicht weit vom Ausgangspunkt entfernt, als der Hunger sich meldete. »Was gibt es bei euch zu essen«? fragte er, »oder wollt ihr, dass wir nach Hannas Haus reiten?«
Er wusste, wie sie sich entscheiden würde, war deshalb nicht erstaunt, als sie nach Hanna wollte.
Sie hatten seit geraumer Zeit so viel Gesprächsstoff geliefert, dass sie neugierig war, wie Hanna lebte. Hanna war nicht da, als sie ankamen. Sie banden die Pferde am Ziegenstall an. Isabel schaute sich in der Hütte um.
»Die Wand haben wir gestern gesetzt«, erklärte er. Der Spiegel hatte es ihr angetan. Sie stand davor und schnitt Grimassen, merkte deshalb nicht, dass der Ofen an war, obwohl er kein Holz hineingeworfen hatte. Kristian machte eine Dose Erbsensuppe auf und schüttete sie in den Topf. Schon bald war die Suppe heiß. Er füllte die Suppe in die Nirostaschüsseln und legte die Löffel daneben. Isabel hatte ihren Rundgang beendet und setzte sich an den Tisch. Sie roch an der Suppe und probierte sie.
»Könnt ihr immer so schnell kochen«? fragte sie.
»Immer nicht«, sagte er. Sie löffelte mit behagen ihre Suppe in sich hinein. »Es ist noch etwas da«, sagte er, »wenn ihr den Rest wollt?«
»Ich habe heute Morgen nicht viel gegessen«, versuchte sie ihren Hunger zu erklären. Nachdem der Topf und alle Schüsseln leer waren, machte sie einen zufriedenen Eindruck.
»Ist so ein Spiegel teuer«? fragte sie.
»Es geht.« »Habt ihr Geld dabei?« Sie holte einen Beutel hervor und schüttete einige Münzen auf den Tisch. Er nahm einige an sich. »Ich werde meine Handelspartner fragen, was für einen Wert sie für ihn haben. Einverstanden?« Sie nickte.
»Was meint ihr, sollen wir langsam zurückreiten?«
Sie erhob sich, er folgte ihr nach draußen. Die Ziege hatte in der Zwischenzeit mit den Pferden Freundschaft geschlossen. Sie saßen auf und ritten den Weg zur Burg zurück. Johannes hatte schon gehört, dass sie kamen. Er wartete schon vor dem Stall auf sie.
»Johannes komm mal her«, sagte Isabel. »Kennst du jemand, der deine Arbeit übernehmen will?« Johannes Gesichtsfarbe veränderte sich. Er warf Kristian einen hilfesuchenden Blick zu. Dieser zuckte mit den Schultern.
»Also, was ist«, fragte Isabel noch mal.
»Warum wollt ihr mir meine Arbeit wegnehmen, was habe ich falsch gemacht?«
»Deine Arbeit ist eines Grafensohns nicht würdig.«
Auch Kristian stockte der Atem. Dass Isabel die Sache so schnell richtigstellen würde, hätte er nicht gedacht. Johannes stand sprachlos da. »Ja, was ist«? fragte Isabel, »willst du deine Schwester nicht umarmen?«
Zögernd ging Johannes auf Isabel zu, darauf wartend, dass sich alles als ein Traum herausstellte. Als Isabel ihn in den Arm nahm, wusste er, dass es kein Traum war. Dann kam Johannes auf Kristian zu, erst zögernd, dann mit schnellen Schritten warf er sich in seine Arme und fing jämmerlich an zu weinen.
»Dass alles habe ich nur dir zu verdanken, ich danke dir.«
Kristian konnte nicht verhindern, dass ihm ebenfalls vor Rührung Tränen in die Augen schossen.
»Was geht denn da unten vor sich«, rief Albert von oben aus einem Fenster.
»Wie wäre es, wenn du von oben runterkommst und deinen Bruder begrüßen würdest«, rief Isabel. Lange Zeit kam keine Antwort.
Dann, »Es ist wohl besser, ihr kommt erst mal hoch.« Das war jetzt nicht mehr Kristians Sache.
»Isabel, ich gehe, Hanna wartet auf mich.«
»wartet, ich lass euch zu ihr bringen.«
»Darf ich das«? fragte Johannes.
»Nimm mein Pferd,« sagte Isabel. Ihr war es recht, dass Johannes nicht zugegen war, falls es mit ihrem Bruder zu einer Auseinandersetzung kam. Also ritten sie aus dem Burghof. »Komm, wir reiten bei den anderen Ställen vorbei«, sagte Johannes. Kristian verstand ihn. Alle sollten sehen, dass sich für ihn einiges geändert hatte. Seine Freunde verstanden nicht, warum er so stolz auf Isabels Pferd an ihnen vorbei ritt. Keiner stellte eine Frage. Dann ging es im Galopp zum Tor hinaus. Die Hufe ließen die Zugbrücke erdröhnen. Sie kamen bei Hanna an, sie war nicht da. Johannes betrat die Hütte. Interessiert blickte er sich um. Auch ihn zog es zum Spiegel. Erschrocken blickte er sich an.
»Sehe ich gut aus«? fragte er. »Wie ein Graf«, sagte Kristian.
Johannes grinste sich im Spiegel an. »Ich muss zurück.«
Sie gingen vor die Tür, er saß auf, Kristian reichte ihm die Zügel seines Pferdes.
»Vergesse nicht, Isabel die Äpfel zu geben.« Johannes nickte und ritt davon.
Auch er wollte nach Hause. In seiner Welt warteten bestimmt einige auf seine Rückkehr. Erst am späten Nachmittag kam Hanna wieder. Er erklärte ihr, dass er zu sich nach Hause wollte. »Ich komme aber bald wieder.«
Zu Hause angekommen fuhr er mit dem Auto in das Dorf, um die nötigen Lebensmittel einzukaufen.
Im Kaufhaus kaufte er zwei billige Service und zwei Satz Kaffeelöffel. Wichtig war Toilettenpapier, er war es leid, sich mit Moos behelfen zu müssen. Zwei Gläser Kaffee und Zucker vervollständigten seinen Bedarf. Vor einem Buchladen blieb er stehen. Als wenn es jemand für ihn dorthin gelegt hatte, fiel sein Blick auf ein Buch. Begegnungen mit Außerirdische. Er kaufte es. In einem Baugeschäft erstand er Bauholz und hatte Mühe alles in seinem Auto unterzubringen. Zu Hause angekommen brachte er das Bauholz hinter das Haus. Die anderen Einkäufe lud er in der Küche ab. Ziemlich geschafft stellte er die Kaffeemaschine an und blätterte das Buch durch. In dem Buch ging man davon aus, dass Elfen für Erscheinungen schon vor eintausend Jahren verantwortlich waren. Sie wurden als menschenfreundlich beschrieben. Ihre Technik hoch entwickelt, sie waren in der Lage sich unsichtbar zu machen und in verschiedene Gestalten aufzutreten. Im Mittelalter noch häufig vertreten, werden sie heute für Sichtungen in Verbindungen mit UFOs verantwortlich gemacht. Dieses alles könnte auch auf seine Elfen aus dem Mittelalter zutreffen. Einige Fähigkeiten hatte er selber schon kennengelernt. Die Möglichkeit, seine Gestalt zu verändern, war ihm allerdings neu. Wenn Hera ihm sagen würde, dass er das auch kann, würden die Sagen und Erzählungen damit bestätigt.
Plötzlich fühlte er, dass jemand hinter ihm stand. Er bekam eine Gänsehaut. Langsam drehte er sich um und blickt in das grinsende Gesicht Heras.
»Mensch Hera, musst du mich so erschrecken. Ich habe eben an dich gedacht, nicht aber nach dir gerufen. Hat es sich im Elfenland herumgesprochen, dass ich ihr Land verlassen habe?«
»Nein, so wichtig bist du uns nicht. Mir hat es das letzte Mal so gut bei dir gefallen. Außerdem habe ich dir etwas mitgebracht.« Zu seinen Füßen stand eine Eisenkassette. »Du wolltest einen Wärmespender haben.«
»Ja richtig, ich danke dir. Könnte ich ihn jetzt einschalten, ohne dass etwas passiert?«
»Sicher, die Wärme wird nach oben abgestrahlt.«
Kristian nahm die Kassette und stellte sie zur Seite.
Zu Hera sagte er, »in der Stadt habe ich ein interessantes Buch über euch gefunden. Stimmt es, dass du deine Gestalt verändern kannst? In dem Buch steht auch, dass ihr öfter mit Luftschiffe in Verbindung gebracht wurdet.«
Erwartungsvoll blickte er ihn an. »Es trifft beides zu. Mit Letzterem machten wir vor langer Zeit die Menschheit langsam mit unserer Anwesenheit und Technik vertraut. Das war in der Zeit des Mittelalters. In deinem Zeitalter würden wir nicht mehr mit einem Luftschiff auf uns aufmerksam machen.«
»Kann ich meine Gestalt auch verändern«? fragte Kristian.
»Du kannst das, wenn die Funktion deines Steines erweitert wird.«
»Und wer ist dafür zuständig?«
»In deinem Fall der König, gib mir dein Medaillon.« Hera hielt die Hand auf. Kristian gab ihm sein Medaillon. Hera verschwand. Mit ihm das Buch. War Hera vielleicht ein Spion. Was Besseres konnte ihnen nicht passieren, durch Kristian konnten sie erfahren, wie die Menschheit über sie und die Sichtungen dachte. Kurze Zeit später war er wieder da. »Der König hat der Erweiterung zugestimmt. Ausschlaggebend war deine gute Tat. Du hast jemand zu seinem rechtmäßigen Stand verholfen.«
Das kam einem Eingeständnis gleich, dass die Elfen unsichtbar unter ihnen weilten. Am liebsten hätte er es sofort ausprobiert. »Weshalb hast du mein Buch mitgenommen?«
»Der König möchte es lesen. Es ist wichtig, zu wissen, was die Menschen über uns denken.
»Wenn du Hunger hast, dann greif zu.« Hera schaute was auf dem Tisch war. Dann nahm er sich Kristians beide schon belegten Schinkenbrötchen. Grinsend biss er in eines rein. Ganz schön frech. Kristian begann, sich ein neues Brötchen zu schmieren.
»Willst du eine Weile hier bleiben«? fragte er ihn.
»Nein, ich werde dich gleich wieder verlassen.« Kristian räumte den Tisch ab. Hera verabschiedete sich. Er richtete seinen Computer her, um einige Bilder aus der Kamera ausdrucken zu können. Die markantesten Fotos druckte er aus. Dann rief er Jessika an. »Ich habe Bilder aus deiner Kamera ausgedruckt, willst du sie sehen?«
»Wenn du mich holst?«
»Sicher.« Er sprang zu ihr. Wie zu erwarten, fand er sie in der Küche, wie eh und je sah sie zum Anbeißen aus.
»Siehst gut aus«, stellte er fest.
Irritiert blickte sie ihn an. »Bist du bereit«? fragte er und hielt ihr seine Hand hin. Er nahm ihre Hand und zog sie nahe zu sich. Abwartend schaute sie ihn an, als er versuchte, sie näher an sich ran zu ziehen. Einen vorsichtigen Kuss ließ sie zu. Er las in ihren Augen eine innere Abwehrbereitschaft.
»Irgendetwas scheint dich zu bedrücken«? fragte er.
»Ist es Hanna?«
Jessika senkte den Blick. »Du kannst beruhigt sein, zwischen dem Grafen und Hanna bahnt sich was an.«
»Du kannst mir viel erzählen, immer wieder gehst du zu ihr zurück und schläfst bei ihr.«
»Du hast Recht, wir warten einfach so lange, bis der Graf Hanna heiratet, in ein oder zwei Jahren.«
»Das ist gemein.«
»Komm«, sagte er, »wir gehen zu mir«, und hielt ihr wieder die Hand hin. Bei ihm angekommen, führte er sie zu den Bildern. Sie sah die Bilder von der Entführung und der gefesselten Isabel auf dem Bildschirm. Dann die Bilder im Burghof, der Aufbruch, um Isabel zu suchen, der Burghof von allen Seiten. Auf einem Bild war Johannes zu sehen.
»Das ist der uneheliche Sohn des Grafen als Stalljunge. Er wird jetzt als Grafensohn anerkannt.«
Dann die Bilder von Hannas Haus. Verstohlen blickte Jessika von den Bildern zu ihm. »Kristian verzeihe mir, ich kann nicht anders, ich bin eifersüchtig auf Hanna.«
Er zog sie zu sich herüber und nahm sie in den Arm. Es war ein wunderbares Gefühl ihre Wärme zu spüren. Sie hatte nur eine dünne Bluse an. Er streichelte ihren Rücken. Sie ließ es geschehen. Es folgte der erste richtige Kuss. Gerne hätte er mehr getan, wollte die Stimmung aber nicht ausnutzen, dass sie etwas tat, was sie später bereute. Doch spürte er, dass sie dazu bereit war, »willst du es wirklich«? fragte er. »Hast recht«, sagte sie, »es ist noch zu früh.«
»Bekomme ich denn wenigsten noch einen Kuss?« Sie warf ihre Arme um ihn und küsste ihn wild. Er hatte Mühe, seine Hände bei sich zu halten. Sie trennten sich.
»Was hast du jetzt vor«? fragte Jessika.
»Ich habe Bauholz gekauft. Hanna braucht zwei Fensterscheiben und ein Klohäuschen.«
»Mit Herz oder ohne«? fragte Jessika.
»Ohne geht schneller. Soll ich dich zurückbringen?«
»Darf ich mir die anderen Fotos im Computer auch mal ansehen?«
»Sicher. Wenn du mich suchst, ich bin hinten im Anbau.«
Die Fenster sollten zum Öffnen sein. Für jedes Fenster also einen Rahmen, dann noch einen Rahmen, der in den Ersten passte. Beide Rahmen werden mit Scharnieren verbunden und erhalten noch einen Riegel. Der mittige Rahmen erhält Leisten, die die Scheibe halten. Das hört sich nicht nur einfach an, das ist es auch, wenn man das richtige Werkzeug hat. Die Scheiben werden mit Kitt von draußen eingesetzt. Nach zwei Stunden hatte er die Fenster zusammengeschraubt. Jessika, er hatte sie total vergessen. Er ging zum Computer, Jessika war nicht da. Kristian schaute in den anderen Räumen nach. Im Schlafzimmer fand er sie. Sie hatte sich auf sein Bett gelegt und schlief. Leise holte Kristian eine Decke und deckte sie damit zu, ohne dass sie etwas merkte. Er blickte nach draußen. Es dämmerte schon. Mit dem Klohäuschen würde er morgen anfangen. Er schaltete den Computer aus. Die Frage war, wo er schlafen sollte? Auf seinem Sofa konnte man nicht besonders gut schlafen. Sein Bett dagegen war breitgenug für zwei. Er schlich auf Strümpfe ins Schlafzimmer und suchte seinen Schlafanzug. Normalerweise schlief er nackt. Jessika lag auf dem Oberbett, und er versuchte unter das Oberbett zu gelangen,um sich damit zuzudecken.
»Bist du bald fertig«? fragte Jessika von der anderen Seite. »Ich wollte dich nicht aufwecken. Warum musst du dich auch auf das Oberbett legen?«
Jessika stand auf, er zog das Oberbett weg.
»Und jetzt«? fragte sie?«
»Jetzt kannst du dich wieder hinlegen. Es sei denn, ich bring dich so wie ich bin im Schlafanzug zurück.«
Sie schien zu überlegen, drehte sich um und begann sich auszuziehen. Nur mit Hemd und Höschen sprang sie ins Bett und drehte ihm den Rücken zu. Kristian wollte schon die Augen zumachen, als Jessika sich umdrehte. Sie blickten sich an. Keiner wollte den ersten Schritt tun. Ihre Hände trafen sich in der Mitte. Er schob sich in ihre Nähe und nahm sie in den Arm. Eng aneinandergeschmiegt genossen sie ihr beieinander.
Am anderen Morgen wurde Kristian wach, als die Zeitung durch den Briefkastenschlitz geschoben wurde. Leise nahm er seine Sachen und zog sich in der Küche an. Frische Brötchen wären angebracht, also sprang er zu seinem Bäcker. Mit der Brottüte in der Hand ging es auf die gleiche Weise zurück. Er bereitete das Frühstück vor und ging dann ins Schlafzimmer. Jessika schlief noch. Er setzte sich auf den Bettrand, wovon sie aufwachte. Sie fuhr erschrocken hoch.
»Was ist passiert?«
»Nichts ist passiert, nur das Frühstück ist fertig«, sagte er und beugte sich zu ihr herunter. Sie legte beide Arme um seinen Nacken, zog ihn herunter und küsste ihn ausgiebig.
»Willst du jetzt weitermachen, oder stehst du jetzt auf«? fragte er.
»Ich komme«, sagte sie. Kristian ging in die Küche zurück. Erfrischt und guter Laune kam Jessika aus dem Badezimmer und setzte sich an den Tisch.
»Was liegt heute an«? fragte sie, »vielleicht kann ich dir helfen?«
»Wenn du unbedingt willst, kannst du die Fenster anstreichen, zieh dir aber vorher Gummihandschuhe an, ich mache dann das Toilettenhäuschen.« Sie räumten den Tisch gemeinsam ab und gingen in seine Werkstatt. Die Bretter für das Toilettenhäuschen waren schon vorgeschnitten und mussten nur noch mit den vier Eckbalken verbunden werden. Obendrauf war ein Flachdach mit Gefälle nach hinten vorgesehen. Die Arbeiten zogen sich hin. Zu guter Letzt wurde das Häuschen mit Holzschutzfarbe gestrichen. Kristian ging ins Haus und stellte sich unter die Dusche und merkte, dass schon jemand vor ihm geduscht hatte. In der Küche wollte Jessika gerade den Tisch decken.
»Ich habe keinen Kuchen«, sagte er, »warum gehen wir nicht zu dir? Großvater wird sich über die Bilder freuen.«
»Du hast recht, meinst du wir gehen, oder Beamen wir uns nach uns zu Hause?«
»Nenn es, wie du willst, ich pack dich unter meinen Arm und schon sind wir bei dir.« Gesagt getan. Großvater erschrak, als sie in der Halle auftauchten. Er kam von draußen und wollte gerade in die Küche gehen.
»Ich dachte schon, ich müsste alleine Kaffee trinken. Jessika, du warst heute Nacht nicht zu Haus«, stellte Großvater fest.
»Nein, ich hab in Kristians Bett geschlafen.«
»So etwas habe ich mir schon gedacht«, meinte Großvater, »gab ja auch langsam Zeit.«
Sie setzten sich in die Küche und zeigten Großvater die Bilder.
»Oh«, sagte er, »die sind aber gut geworden. Übrigens, Kurt hat angerufen, er kommt über das Wochenende zu uns.«
»Das ist schön«, freute sich Jessika und beeilte sich Kaffee zu kochen. Maria hatte keinen Kuchen gebacken, die Plätzchendose war aber voll.
»Ihr beiden habt doch bestimmt heute Nachmittag noch etwas vor«? fragte Großvater und zwinkerte mit einem Auge. Sie mussten beide lachen.
»Ja«, sagte Kristian, »wir wollen noch in die Stadt.«
Er sammelte die Bilder ein. Als er Großvaters fragenden Blick sah, erklärte er ihm, »es ist zu gefährlich, wenn ein Fremder die Bilder sieht.«
»Hast recht.«
Sie verschwanden, wie sie gekommen waren.
»Wir nehmen das Auto«, schlug Kristian vor.
Auf halbem Weg vor der Stadt wurden sie von Polizei und Krankenwagen überholt. Der Verkehr stockte. Nur langsam ging es weiter. Dann sahen sie das Unglück. Zwei entgegenkommende Lkws, waren ineinander gefahren. Kristian lenkte sein Auto auf den Grünstreifen. »Ich schau mal nach, vielleicht kann ich helfen«, sagte er zu Jessika. Da man ihn nicht an den Unglücksort heranlassen würde, machte er sich unsichtbar. Hilflos standen die Helfer vor einer Lkw-Kabine. Das Fahrerhaus war stark eingedrückt. Benzingeruch überall.
»Wir können nichts machen, solange der Bergungskran nicht da ist«, hörte er jemand sagen.
»Hoffentlich entzündet sich das auslaufende Benzin nicht.« Die Schreie des Eingeklemmten, der wohl wusste, in welcher Gefahr er war, hallten herüber. Da ein Schrei, erst eine kleine Flamme, die dann größer und schneller wurde, kroch auf das Fahrerhaus zu. Panik rundherum.
»Weg hier, der Tank wird gleich explodieren.«
Für Kristian war es Zeit, einzugreifen. Er dachte daran, wie der König sich befreit hatte, obwohl er eingeklemmt war. Er rannte zum Fahrerhaus, der Fahrer blickte blutüberströmt in seine Richtung. Was musste er denken, als die Helfer wegrannten? Kristian fasste ihn an, »nicht erschrecken, es ist alles in Ordnung«, sagte er zu dem Mann, »es wird alles wieder gut.« Keiner bekam mit, wie der Mann unsichtbar wurde und aus seiner Kabine herausgezogen wurde.
Kristian blickte sich um und sah einen Krankenwagen mit geöffneter Tür. Den Verletzten legte er auf die Trage. Dann folgte eine gewaltige Explosion. Allgemeines Entsetzen. Kristian ging zum Fahrer des Krankenwagens, der sich hinter der Tür geduckt hatte.
»Alles ist gut«, sagte er zu ihm, »bringe den Verletzten ins Krankenhaus.«
Der Angesprochene drehte sich verwirrt um, es war keiner in seine Nähe, »schau in deinen Wagen«, sagte Kristian. Obwohl der Mann nichts verstand, ging er zum Wagen und schaute hinein. Das, was er sah, war zu viel für ihn, er musste sich an der Tür festhalten, sonst wäre er umgefallen. Ein Arzt in seiner Nähe, der das sah, rannte herbei und stützte ihn.
»Der Verletzte aus dem LKW«, stammelte der Fahrer, »er liegt auf der Liege.« Unwillkürlich blickte der Arzt in den Wagen und handelte schnell. »Kannst du fahren«? fragte er den Fahrer, als dieser nickte, warf er die Türen zu und sprang durch die Seitentür in den Wagen. Keiner verstand, als der Krankenwagen mit Martinshorn in voller Fahrt den Unglücksort verließ. Die Feuerwehr hatte damit begonnen, das Feuer zu löschen. Kristian ging sichtbar werdend zu seinem Wagen und setzte sich hinein.
»Was war«? fragte Jessika.
»Ich habe einen Eingeklemmten befreien können.«
»Dann steht morgen sicher wieder etwas von einem hilfreichen Engel in der Zeitung.«
»Das wird wohl so sein«, sagte er und fuhr wieder auf die Straße. Langsam ging es an der Unglücksstelle vorbei. Als Erstes wollte Kristian sich die zwei Scheiben zuschneiden lassen und hatte überlegt, wie er die Rahmen befestigte, und entschied sich dann für den Bauschaum. Fensterkitt brauchte er auch noch. Die neue Wand in Hannas Haus wollte er mit ungelöschtem Kalk streichen, das hielt das Ungeziefer im Zaum. Sie kamen in der Stadt an, stellten den Wagen ab und bummelten durch die Einkaufsstraßen.
»Hast du Lust auf einen Kaffee«? fragte er. Sie setzten sich draußen vor ein Kaffee und er erzählte Jessika, was am Unglücksort passiert war.
»Ohne deine Hilfe wäre der Mann verbrannt«, stellte Jessika fest. Er nickte. Kristian war dankbar, dass er die Möglichkeit hatte, helfen zu können. Ihm war klar, dass diese Vorkommnisse die Spione der verschiedensten Staaten auf den Plan rufen würden. Die Möglichkeiten, die er hatte, könnten einen Krieg entscheidend beeinflussen. Seine Überlegungen teilte er Jessika mit.
»Achte auf Großvater«, sagte er, »dass er sich nicht verplappert.« Er sah, dass Jessika Angst bekam, als er sie über die Gefahr seiner Macht und das Wissen darüber aufklärte. Die Sonne schien wärmend auf sie herab. Wie bei Verliebte üblich, hielten sie sich an der Hand. Sie tranken ihren Kaffee aus und bezahlten.
»Ich möchte Hanna eine Freude machen«, sagte Jessika, »fällt dir was ein?«
»Wenn ich ehrlich sein soll, ich weiß es nicht.«
»Vielleicht eine Kette mit einem Stein, Modeschmuck natürlich.«
Jessika fand die Idee gut und konnte es nicht abwarten, in ein Geschäft zu kommen. Sie entschied sich dann für eine silberne Kette mit einem feuerroten Stein. »Hannas Augen möchte ich sehen, wenn sie die Kette sieht«, meinte Jessika. Kristian überlegte, es sprach nichts dagegen, wenn Jessika mitkam.
»Was hältst du davon, wenn wir ihr die Kette heute noch oder morgen bringen?«
Überrascht, über ein solches Angebot, fiel sie ihm um den Hals. Er hatte sich immer noch nicht daran gewöhnt, dass Entfernungen für ihn keine Rolle mehr spielten.
»Komm, wir kaufen noch Obst ein und besuchen dann Hanna.« Begeistert füllte Jessika die Tüte mit Obst. Zu Hause angekommen, konnte es Jessika nicht schnell genug gehen. Kristian musste lachen, und konnte Jessika verstehen.
»Wenn du alles beisammenhast, kann es losgehen.«
Er fasste sie an, vor Hannas Hütte kamen sie an.
»Jemand zu Hause rief er?« Hannas lachendes Gesicht schaute durchs Fenster. Keine Regung verriet, was sie dachte, als sie Jessika sah.
»Dürfen ein paar Zeitspringer eintreten?« Hanna hatte die Tür schon geöffnet und fiel ihm um den Hals. Er fand nichts dabei, und Jessika hoffentlich auch nicht. Hanna ging dann auf Jessika zu und umarmte sie ebenfalls. Sie gingen in die Hütte, Jessika legte die Tüte mit dem Obst auf den Tisch.
»Für dich.«
»Kann man das alles essen«? fragte Hanna erstaunt. Kristian schälte eine Banane auf und gab sie ihr. Vorsichtig biss sie hinein und ließ den Bissen auf der Zunge zergehen.
»Das schmeckt ja richtig gut«, rief sie.
Jessika hatte schon eine Apfelsine abgeschält. Hanna war richtig begeistert.
»Das Beste kommt noch«, sagte er. »Jessika hat dir etwas Besonderes mitgebracht.« Hanna blickte Jessika an. Diese hielt die Kette bereits hinter ihren Rücken versteckt.
»Augen zu«, sagte sie. Gehorsam schloss Hanna die Augen. Jessika legte ihr die Kette um und schob sie vor den Spiegel.
»Augen auf.« Hanna war sprachlos. Spontan fiel sie Jessika um den Hals. Hanna war von dem Spiegel dann nicht mehr wegzukriegen.
»Was macht der Graf«? fragte Kristian.
»Ich bin für morgen eingeladen«, sagte Hanna.
»Dann kannst du ja etwas Obst mitnehmen. Wenn sie fragen, woher du das hast, sagst du, es ist von den Elfen. Hanna, wir müssen dich wieder verlassen, bis bald.«
Zu Hause bei Kristian, fragte er Jessika, »bleibst du hier oder soll ich dich zu dir bringen?«
»Was meinst du soll ich tun«? fragte sie.
»Dass du hier bleibst.
»Ich muss aber vorher nach mir zu Hause und mir frische Sachen holen«, meinte sie.
»Dann lass uns das als Erstes tun.«
Sie standen in der Halle, als sie hörten, wie Kurt Großvater fragte, »wo ist denn Jessika?«
»Jessika ist verliebt und kommt heute bestimmt nicht nach Hause.«
»Ich hab doch Bescheid gesagt, dass ich komme«, sagte Kurt sauer. »Aber nicht, dass du früher kommst, Brüderchen«, sagte Jessika, als sie in die Küche traten.
»Wo kommt ihr denn so plötzlich her«? fragte Kurt.
»Von Kristian.«
»Dann bist du der Glückliche«? sagte Kurt zu Kristian. Jessika ging, um ihre Sachen zu holen.
»Wieso bist du schon hier,« fragte Kristian?
»Ich habe einfach ein paar Tage freigenommen. Hast du schon die Nachrichten im Fernsehen gesehen«? fragte Kurt.
»Nein.« Kurt erzählte die Geschichte von dem Unfall.
»Stell dir mal vor, die Beteiligten hörten eine Stimme, die sagte, alles wird gut. Die Experten rätseln, wie der Eingeklemmte ohne weitere Verletzungen aus dem Führerhaus gekommen ist. Es scheint schon ähnliche Vorkommnisse gegeben zu haben, und dass alles in unsere Nähe.«
»Ja, schon seltsam«, sagte er. Großvater grinste, »ja, sehr seltsam.«
»Warum grinst du so«? fragte Kurt.
»Das war bestimmt wieder so ein Engel«, sagte Großvater.
»Kann es sein, dass ihr euch über mich lustig macht«?
fragte Kurt.
»Nur ein wenig«, sagte Kristian. »Lasst uns morgen weiter darüber reden. Wir kommen zum Frühstück und bringen frische Brötchen mit.« Jessika stand in der Tür, eine Tasche in der Hand.
»Bis Morgen.« Sie gingen in die Halle und sprangen nach Kristian.
Kurt war derweil aufgesprungen, weil er noch etwas fragen wollte. Als er sie in der Halle nicht mehr vorfand, rannte er zur Haustür und schaute nach draußen.
»Ist schon seltsam«, sagte Großvater, als Kurt wieder in der Küche erschien.
Was meinst du«? fragte Kurt.
»Als wenn sie sich in Luft aufgelöst haben.« Kurt nickte, »sehr seltsam.«
Derweil machten Jessika und Kristian sich etwas zu essen. Er machte den Fernseher an und hörte noch, wie der Nachrichtensprecher sagte: »Sämtliche Unfallzeugen wurden einer genauen Befragung unterzogen. Unklar war, von welcher Dienststelle diese Befragung ausging.«
»Dann sucht mal weiter«, sagte er und schaltete den Fernseher aus.
»Die lassen jetzt nicht mehr locker«, meinte Jessika.
»Mir würde es Spaß machen, die Sache noch ein wenig anzuheizen«, sagte er.
»Aber nur, wenn ich dabei bin«, meinte Jessika.
»Das geht nicht, wenn du zufällig auf einem Foto erscheinst, und ein andermal wieder, fällt denen das sofort auf. Eine Person, die an zwei Ereignissorten auftaucht, muss verdächtig sein. Wir machen das morgen«, sagte er. In aller Ruhe aßen sie zu Ende, und räumten dann den Tisch leer. »Ich gehe zuerst ins Badezimmer«, sagte Jessika. Als sie wieder herauskam, begegneten sie sich auf dem Flur. Sie hatte ein langes Nachthemd an. »Schön siehst du aus«, sagte er.
»Ich weiß«, antwortete sie und rauschte ins Schlafzimmer. Als er aus dem Badezimmer ins Schlafzimmer kam, war er schon ganz schön in Fahrt. Sie drehte ihm den Rücken zu, als er ins Bett stieg. Er schob sich zu ihr, streichelte ihren Rücken und mehr. Sie hatten beide diesem Augenblick entgegengefiebert. Auf jeden Fall übertraf es alles bisher Erlebte.
Am anderen Morgen wurde Kristian wach. Jessika war schon aufgestanden. Er traf sie schon angezogen im Badezimmer an. »Bist früh auf«, stellte er fest.
»Großvater und Kurt warten sicher schon auf die frischen Brötchen.« Er beeilte sich, kaufte die Brötchen nach bewährter Art.
»Dann komm.«
Die Halle war leer, als sie ankamen. Nur Großvater saß in der Küche. Er hatte den Tisch gedeckt und Kaffee gekocht.
»Wo ist Kurt«? fragte Kristian.
»Im Bett«, sagte Großvater. »Ich werde ihn wecken«, sagte Kristian. »Kurt hat doch keinen Herzfehler?«
»Warum fragst du«? wollte Jessika wissen.
»Ich will Kurt ein wenig erschrecken.«
Beide schüttelten den Kopf. Kristian veränderte sein Äußeres, indem er sich einen kleinen Außerirdischen mit großen dunklen Augen vorstellte, ging in Kurts Zimmer und zupfte so an seine Bettdecke. Kurt hatte seine Decke bis zur Nasenspitze hochgezogen. Kurt schlug die Augen auf und überlegte, ob da was gewesen war. Als alles ruhig blieb, wollte er sich umdrehen und die Bettdecke höher ziehen. Er hatte sich in Kristians Richtung gedreht, und bevor er die Augen schließen konnte, sah er diesen als Alien. Er schloss die Augen und öffnete sie langsam wieder. Sie blickten sich an.
»Du musst mit mir kommen«, sagte Kristian. Kurt schrie laut um Hilfe und zog sich die Bettdecke über den Kopf. Jessika kam angelaufen, Kristian hatte wieder seine normale Gestalt angenommen. Kurt bewegte sich nicht. Jessika versuchte, ihm die Bettdecke wegzuziehen. Kurt sah das als einen Angriff auf sein Leben an und schrie um sein Leben.
»Kurt, ich bin's«, übertönte Jessikas Stimme ihn. Er beruhigte sich, langsam schob er die Bettdecke über seine Augen zurück. Er sah sie.
»Habt ihr ihn vertrieben«? fragte er.
»Was vertrieben?«
»Ein Alien, er wollte, dass ich mitkomme.« Jetzt mussten sie beide lachen, und konnten sich gar nicht mehr beruhigen.
»Komm, steh auf, der Kaffee ist fertig.« Sie gingen in die Küche.
»Was war denn da oben los«? fragte Großvater.
»Kurt hat ein Alien gesehen«, sagte Kristian vergnügt. Jessika blickte ihn an.
»Deshalb hast du gefragt, ob Kurt einen Herzfehler hat.« »Großvater erschrecke jetzt nicht, ich verwandele mich jetzt in ein Alien.« Er nickte. Trotz Vorwarnung erschraken beide. Er ging auf Jessika zu, sie wich zurück. Als er hörte, dass Kurt kam, schlüpfte er wieder in seine Gestalt. Jessika war immer noch blass. Großvater, sonst um keinen Kommentar verlegen, hatte es die Sprache verschlagen. Sie setzten sich.
»Ob ihr es glaubt oder nicht«, sagte Kurt, »ein Alien stand vor meinem Bett.« Sie blickten sich an und mussten dann wieder laut lachen. Der Einzige, der nicht verstand, war Kurt.
»Wie sah er aus«? fragte Kristian und ließ ihn das Alien beschreiben. Sie wurden während dessen von Lachanfällen geschüttelt.
»Schluss jetzt«, sagte Kristian, »wir frühstücken jetzt erst einmal und gehen dann auf Alienjagd.« Dann wischte er sich die Augen trocken.
»Ihr glaubt mir nicht«? fragte Kurt.
»Du wirst es nicht glauben«, sagte Großvater, »wir haben den Alien auch gesehen.«
»Ihr habt es auch gesehen, und deshalb lacht ihr euch halb tot?« Damit Kurt keinen seelischen Schaden bekam, fragte Kristian ihn, »kannst du es verkraften, wenn das Alien jetzt rein kommen würde?«
»Nur herein damit«, meinte er großspurig. Kristian ging vor die Tür und wurde ein Alien. Als er durch die Tür marschierte, sah er die angespannten Gesichter. Kurt wurde ganz blass. Kristian ging zuerst nach Jessika. Obwohl diese wusste, dass er es war, sah man ihr an, wie unbehaglich sie sich fühlte. Er reichte ihr die Hand. »Lass das, es reicht«, sagte sie. Er setzte sich an seinen Platz, wurde unsichtbar, dann wieder er selbst. Alle atmeten hörbar aus.
»Spinne ich«? fragte Kurt »oder was für eine Schau war das?« »Also Kurt«, fing Kristian an. »Du warst eine ganze Zeit fort. In dieser Zeit ist viel passiert. Jessika erzähle du«, sagte er und griff nach einem Brötchen. Es dauerte eine Weile, bis Jessika das nötigste erzählt hatte.
»Ihr meint, ihr könntet jederzeit das Mittelalter besuchen?«
»Wo sind die Bilder«? fragte Kristian.
»Bei dir«. sagte Jessika.
»Ein Moment ich hole sie.« Vier Sekunden später legte er sie vor Kurt auf den Tisch.
»Ich glaube, ich habe wirklich eine Menge verpasst,« sagte er.
»Sieh her, das ist euer Haus«, erklärte Kristian.
»Unglaublich«, staunte Kurt, als er die Bilder vom Burghof sah und vom Aufbruch, um Isabel zu suchen.
»Du kennst die Leute auf dem Bild?« Er nickte. »Hier passiert so viel Aufregendes und ich muss schon bald wieder fort.« »Wenn du bereit bist, gehe ich mit dir ins Mittelalter«, schlug Kristian vor.
»Ich will aber auch mit«, sagte Jessika.
»Was wäre«, fragte Kristian, »wenn wir morgen einen Ausritt ins Mittelalter machen würden?«
»Du meinst mit unseren Pferden?« fragte Kurt.
»Genau, ihr müsst nur mittelalterlicher aussehen wie jetzt. Jessika hast du einen Reitrock oder Ähnliches«? fragte er, »es geht nicht, dass du in deinen engen Reithosen dort erscheinst.«
»Habe ich.« »Kurt, du hast doch sicher auch Ledersachen?«
»Das entspricht zwar immer noch nicht der Mittelaltermode, kommt ihr aber näher. Wenn ihr auf die Burg wollt, müsst ihr noch was einkaufen. Schnaps, Wein, für Isabel eine Flasche Likör, Obst und Süßigkeiten, ein paar gebratene Hähnchen, schließlich sind sie auf unseren Besuch nicht vorbereitet. Kurt, das ist deine Aufgabe.«
»Ich fahre gleich los«, sagte er.
»Warte«, rief Kristian hinter ihm her, »besorge noch einen Spiegel zum Aufhängen, so DIN A4 Größe, aber mit Holzrahmen.«
Kurt fuhr los. »Hast du dir das auch gut überlegt«? fragte Jessika.
»Wenn jeder seine Rolle kennt, kann nichts passieren, wir reiten früh los, und sind abends wieder zu Hause, ich muss vorher noch mal in die Stadt.« Jessika nickte. Maria die Haushälterin kam herein, schnell sammelte er alle Bilder ein. »Zum Mittag bin ich wieder da.« Damit Maria nicht mitbekam, wie er verschwand, ging er in die Halle. Er wollte noch zum Krankenhaus, die Stimmung ein wenig anheizen. Sicher schwirrten dort noch ein paar Reporter herum, die hofften, dass noch etwas passierte und sprang zum Krankenhaus. Vor dem Krankenhaus standen Reporter herum, erkennbar an ihren Kameras, die sie schussbereit in der Hand hielten. Ihm fiel eine Reporterin auf, die auf einer Begrenzungsmauer saß und lustlos auf einen Bleistift kaute. Man sah ihr an, dass sie nur hier war, weil ihr Redakteur es so befohlen hatte. Unsichtbar stellte er sich vor ihr.
»Ihr seht unzufrieden aus«, sagte er zu ihr. Erschrocken sprang sie auf, einen Schrei unterdrückend. Sie blickte sich um, ob jemand auf ihr Verhalten aufmerksam geworden war.
»Bist du der Engel«? fragte sie leise.
»Ein Engel bin ich nicht«, sagte er, »aber du darfst Edra zu mir sagen.«
»Ich heiße Lena, wer bist du und wo kommst du her«? fragte sie. Eifrig schrieb sie mit.
»Die Menschen wissen, dass es uns gibt, trotzdem scheuen sie sich, dazu zu stehen.«
»Was für eine Gestalt hast du?« Er ging um sie herum und sagte, »wir sind an keiner Gestalt gebunden, wie möchtest du, dass ich aussehe?«
»Ich weiß nicht«, sagte sie irritiert, weil die Stimme jetzt aus einer anderen Richtung kam.
»Ist es dir recht, wenn ich dir meine Gestalt jetzt zeige?« »Halt«, rief sie und blickte sich um. Ihm war klar, dass sie nicht wollte, dass einer ihrer Kollegen ihr die Titelstory streitig machte.
»Können wir um die Ecke gehen«? fragte sie.
»Wie du willst.« Sie ging voran, bis hinter einem Anbau.
»Wenn du willst, zeige dich«, sagte sie.
Was sie sah, war ein Alien. Obwohl total erschrocken, drückte sie auf den Auslöser. Er hörte ihre Kamera surren.
»Das reicht«, sagte er und wurde unsichtbar.
»Das glaubt mir sowieso keiner«, sagte sie. Er wusste selber, dass man die Fotos als Fälschungen bezeichnen würde.
»Wenn du mir vertraust, machen wir eine Reise.«
»Du meinst, du nimmst mich mit«?
»So ist es.«
»Ich weiß nicht, wir kennen uns doch gerade erst.« Er sah, wie sie verzweifelt überlegte. Diese Story könnte sie weltweit bekannt machen.
»Bist du bereit«? fragte er.
»Ich muss wohl«, sagte sie. Kristian hatte noch keine weiten Strecken überwunden, wollte aber trotzdem versuchen, zum Eiffelturm zu springen. Er stellte sich die Landkarte vor, Paris, den Eiffelturm vor Augen, berührte er sie und ab ging's. Der Platz um den Eiffelturm war groß genug, da fiel es nicht auf, dass eine Person mehr oder weniger anwesend war.
»Du weißt, wo du jetzt bist«? fragte er.
»Ich kann es nicht glauben, aber das ist der Eiffelturm.«
»Und warum hältst du dieses nicht als Beweis für meine Fähigkeiten fest?« Eifrig machte sie ihre Aufnahmen.
»Können wir zurück«? fragte er?
»Ich würde gerne noch hier bleiben, ich war noch nie auf dem Eiffelturm.«
»Wenn es mehr nicht ist«, sagte er und sprang mit ihr auf den Turm. Erschrocken machte eine Frau Platz.
Auf Englisch rief Lena, »Leute macht eine Aufnahme von mir, dieses ist ein historischer Augenblick. Ihr werdet viel Geld für euer Foto bekommen. Erst vereinzelt dann mehr schossen die Touristen ein Foto von Lena, nicht wissend, warum sie das taten. Kristian sahen sie nicht.
»Können wir jetzt«? fragte er. Ohne eine Antwort abzuwarten, sprang er, schreiende Touristen hinter sich zurücklassend, zum Ausgangspunkt Krankenhaus zurück. Lena hatte nichts eiligeres zu tun, als ihren Redakteur anzurufen.
»Der Engel hat vom Eiffelturm eine Frau mitgenommen, kläre das und besorge ein Foto. Die meisten Leute haben ein Foto von der Frau gemacht.«
»Woher weist du das«? fragte er. »Ich weiß es, weil ich die Frau war, mach an, das wird eine Exklusivstory.« Danach unterbrach sie das Gespräch.
»Ich gehe jetzt«, sagte er.
»Sehen wir uns wieder«? fragte sie.
»Vielleicht, mein Name ist unser Erkennungszeichen.« Kristian sprang zu sich. Sein Ausflug hatte nicht lange gedauert.
Da er weiter nichts vorhatte, sprang er gleich weiter zu Jessika. »Alles erledigt«? fragte sie.
»Ich glaube schon.«
Großvater war nicht da. Nach einer Weile kam Kurt zurück. Er trug einen großen Pappkarton vor sich her, in dem seine Einkäufe lagen. Der Geruch gebratener Hähnchen verbreitete sich im Raum. Kurt hatte auch an Pappteller gedacht. Außerdem sah Kristian Kartoffelsalat und Stangenweißbrot. Er überlegte, Gabeln mit vier Zinken waren im Mittelalter noch nicht geläufig. Lediglich zum Zerschneiden von Fleisch wurde eine Gabel mit zwei Zinken verwendet. Der Kartoffelsalat musste dann eben mit den kleinen Löffeln gegessen werden, die er als Kaffeelöffel eingekauft hatte. Kurz oder lang wollte er auch Gabeln und Messer einkaufen.
Maria die Köchin schüttelte den Kopf, als sie Kurts Kiste sah, sagte aber nichts. Sie bereitete das Mittagessen vor. Jessika kam in die Küche. Sie hatte sich umgezogen und einen Reitrock aus Leder mit passender Weste an. Unter ihrer Weste trug sie eine weiße Bluse. Ihre Füße steckten in braune Wildlederstiefel. »Nimmst du mich so mit«? fragte sie, während sie sich drehte.
Er tat so, als müsste er überlegen, »aber nur, wenn du dem jungen Grafen keine schönen Augen machst.«
»Versprochen«, sagte sie, kam auf ihn zu und gab ihm einen Kuss.
Maria blickte erstaunt. Sie hatte noch nicht mitbekommen, wie Jessika und Kristian zueinanderstanden.
»Da staunst du Maria«? sagte Jessika.
»Mich haben sie auch so überrascht«, sagte Kurt zu Maria.
Bis Mittag war noch Zeit. »Kurt«, du kennst noch nicht alle Geheimnisse dieses Hauses.«
»Was meinst du?« »Komm mit.«
Er ging in die Halle, gefolgt von Jessika und Kurt, und hatte sich überlegt, dass der Turm ein kleiner Burgfried war. Wie sollte er im Ernstfall als letzte Zufluchtsstätte dienen, wenn man ihn nicht rechtzeitig erreichen konnte. Also musste es einen Fluchttunnel geben. Bei der ersten Besichtigung hatten sie nur einen Gang gesehen, der in Richtung Burg führte. Es musste noch einen Gang geben, der in die entgegengesetzte Richtung zu ihrem Turm führte.
Er öffnete die Vertäfelung und registrierte Kurts erstaunten Blick. Jessika reichte ihm eine Taschenlampe. Er leuchtete die rechte Seite des gemauerten Ganges aus. Man konnte einen rechteckigen Ausschnitt erkennen, der sauber zugemauert war. »Kurt, wir brauchen einen Hammer und Meißel.«
Kurt rannte los und kam mit beidem zurück. Kristian steckte den Meißel in eine Fuge und schlug zu. Die Fuge war so weich, dass er den Meißel ganz rein schlagen konnte. Nachdem er dieses mehrmals um einen Stein gemacht hatte, konnte er diesen ohne Mühe nach innen rein stoßen. Die anderen Steine folgten dem Ersten. Bald war so viel Platz, dass man sich hindurchzwängen  konnte. Im Lichtkegel erkannte man einen Gang. Bis zum Turm mussten es ungefähr 50 Meter sein. Jessika wollte ihren Reitrock nicht verschmutzen und harrte am Eingang aus. Kurt kam hinter Kristian her. In gebückter Haltung ging es weiter. Ein Eisengitter versperrte den Weg. Die stark verrostete Tür war durch ein Schloss gesichert. »Kurt, du musst zurück und den Hammer holen.«
»Warum immer ich«? murrte er. Fügte sich dann und reichte Kristian den Hammer. Zwei Schläge auf das Schloss öffneten es. Die rostigen Türangeln knirschten, als die Tür aufgestoßen wurde. Der Gang weitete sich zu einem rechteckigen Raum. Von den Wänden hingen Ketten herunter mit Manschetten für Arme oder Beine. Jetzt fehlte nur noch eine vertrocknete Leiche, die mit Ketten gefesselt war. Er blickte in den Gang vor sich. Noch ein paar Meter und sie mussten am Turm sein. Jäh endete der Gang. Schutt versperrte ein Weiterkommen.
»Das Essen ist fertig«, schallte es vom Eingang her. Kurt drehte sich schnell um, Kristian folgte ihm.
Jessika und Großvater saßen schon am Tisch. Sie machten sich sauber und setzten sich dazu. »Na, habt ihr was gefunden«? fragte Jessika.
»Nur ein paar Skelette«, meinte Kurt.
Jessika schaute Kristian erschrocken an und sah dann, dass er grinste. »Ihr gemeinen Spinner.«
Maria trug das Essen auf. Es gab Rollladen mit Rotkohl. Als er Maria lobte, winkte sie ab.
»Machen wir nach dem Essen weiter«? fragte Kristian.
»Ich bin dafür, dass wir vom Turm aus weiter vorgehen sollten, denn vom Turm aus können wir besser die Erde wegräumen.« »Einverstanden«, sagte Kurt.
Erst ließen sie sich den Nachtisch noch schmecken. Jessika hatte Großvater von dem zweiten Gang berichtet.
»Ich komme mit nach draußen«, sagte er.
Zum Glück hatte man schon früher eine ebenerdige Tür in den Turm geschlagen. Eine Steintreppe im Turm führte einen Stock höher, wo sich normalerweise der Eingang befand. Eine dicke Sandschicht am Boden des Turms ließ nicht erahnen, dass darunter noch etwas sein könnte. Eine Spatentiefe weiter, stieß Kristian auf Widerstand. Schnell merkte er, dass es ein Steinboden war, der aus lose nebeneinandergelegten Steinen bestand. Nachdem die Steine beiseite geräumt waren, kam nach einer weiteren Spatentiefe, ein gemauertes Rechteck im Boden zum Vorschein.
Kurt brachte die ausgehobene Erde mit einer Schubkarre nach draußen. »Jetzt leben wir hier schon so lange und sind nie auf die Idee gekommen, hier Nachforschungen anzustellen«, sagte Kurt. Es war sehr schweißtreibend die Erde auszuheben. Kristian grub nur im Bereich der Öffnung. Nach einem halben Meter immer noch keine Anzeichen einer weiteren Öffnung. Auch nach einem Meter noch nicht.
Kurt beschwerte sich schon über Blasen an den Händen, da er die Erde mit einem Eimer aus dem Schacht hochhieven musste. Kristian ging es auch nicht besser. Dann stieß er auf einen großen Stein. Diesen rauszuheben würde sicher nicht einfach sein. Mit der Hand wischte er die Erde von dem Stein. Eine Vertiefung im Stein entpuppte sich als Pfeil, der in Richtung des Ganges zum Haus wies. »Kurt, ich brauche einen Handfeger«, rief er.
Nachdem Kurt ihn heruntergereicht hatte, fegte er die Seitenmauer des Turms sauber. Beim genauen Hinsehen sah man die Umrisse einer Öffnung, die genau wie auf der anderen Seite des Ganges, zugemauert war. »Hammer und Meißel«, rief Kristian.
Auch hier hatte er schnell eine Öffnung geschaffen. Kurt stöhnte über das Gewicht der Steine, die Kristian in seinen Eimer legte. Schließlich war der Gang freigelegt. Kurt ließ eine Taschenlampe herunter. Einen Meter reichte der Gang hinein. Dann hatte die Erde, die von der Decke herabgefallen war, den Gang zugeschüttet. Kristian füllte den Eimer mit Erde und schaffte ihn zum Ausgang. Nach ca. zwanzig Eimer stieß er zur anderen Seite durch. Es war die Stelle auf der anderen Seite, wo sie die erste Erkundung abgebrochen hatten. Er ging weiter in den Gang hinein und erreichte den Raum mit den Ketten. Aufmerksam untersuchte Kristian die Wände nach zugemauerten Eingängen. Irgendetwas musste man sich dabei gedacht haben, als man die Eingänge zugemauert hatte. Er sah eine hellere Stelle, die anders aussah wie der übrige Gang. »Ich hab was gefunden«, rief er.
Dann sah er, dass Kurt von der Hausseite her durch den Gang kam. Kristian hämmerte los und hatte schon bald ein Loch geschaffen. Ein erster Blick mit der Taschenlampe durch die Öffnung zeigte, dass der abzweigende Gang nicht tief rein ragte. Ein paar Kerzenleuchter, mit einer dicken Staubschicht bedeckt, lagen übereinander. Schnell vergrößerte er den Durchlass. Kurt und Kristian sahen sich an. Trinkbecher, Schüsseln und Teller lagen übereinander in eine Ecke. Eine kleine eisenbeschlagene Truhe stand am Eingang. Noch mehr Kerzenleuchter und Waffen aller Art füllten die andere Seite. »Komm, pack an, wir tragen zuerst die Truhe raus.«
Diese war nicht leicht. Sie schleiften sie zum Ausgang. Großvater und Jessika erwarteten sie bereits voll Ungeduld. Maria stand im Hintergrund. »Kommt, wir stellen die Truhe auf den Küchentisch.«
Abgeschlossen war die Truhe nicht. Jessika konnte es nicht abwarten und klappte den Deckel auf. So wie es jeder gehofft hatte, war die Truhe wohlgefüllt mit Münzen, Schmuck und Silberbarren. Zu Jessika sagte Kristian,»du kannst schon mal sortieren, wir holen den Rest.«
Sie liehen sich von Maria ihren Einkaufskorb und packten die Becher, Teller und Schüsseln darin ein. Genauso verfuhren sie mit den Kerzenleuchtern. Zum Schluss trugen sie die Waffen heraus. Diese waren in keinen guten Zustand, der Rost hatte an ihnen genagt. Die Frage blieb, warum hatte man den Fluchttunnel zugemauert, die Sachen versteckt und sich später nicht mehr darum gekümmert. Wohl eher waren die Erbauer plötzlich ums Leben gekommen, ehe sie ihr Geheimnis weitergeben konnten. Alles sah danach aus, dass es sich um eine Kriegsbeute handelte. »Maria, du weißt, dass du über unseren Fund keinem etwas sagen darfst?«
»Ich weiß«, sagte sie.
Jessika hatte den Inhalt der Truhe sortiert. Einhundertzwanzig Münzen auf der einen Seite, fünf Silberbarren und Schmuck auf der anderen Seite. Die Münzen mussten aus dem vierzehnten Jahrhundert oder später sein, da Kristian keine Münzen fand, die denen von Isabel ähnelten. »Jetzt kannst du dir ein eigenes Museum einrichten«, sagte er zu Kurt.
»Darüber reden wir später, zuerst müssen wir überlegen, wo wir mit dem Fund bleiben? Die Truhe stellen wir hinter die Geheimtür, wer sollte sie dort wohl suchen.«
Sie trugen den Rest nach oben in ein leeres Zimmer. Maria hatte inzwischen den Tisch gedeckt. Dieses Mal gab es Kuchen zum Kaffee. »Jetzt sitze ich mein Leben lang auf einen Schatz, und wusste es nicht«, klagte Großvater.
»Das ist gut so, sonst hättest du den Schatz sicher schon versilbert«, sagte Jessika lachend.
Kristian schaltete das Radio ein, und wartete gespannt auf die Nachrichten. »Wie wir schon berichteten«, sagte der Sprecher, »gibt es Neues von besagtem Engel. Nach eigener Aussage des vermeintlichen Engels gibt dieser zu, dass er kein Engel ist. Die Reporterin Lena Müller unserer Tageszeitung hatte Gelegenheit, mit dem zunächst unsichtbaren Wesen zu sprechen.« Dann erklang Lenas Stimme. »Ich saß vor dem Krankenhaus, in dem der Verunglückte lag, der von dem Wesen gerettet wurde«, erklärte sie.
»Er sprach mich an.«
Jetzt blickten alle Kristian an, nur Maria verstand nicht. Lena fuhr fort. »Anscheinend wollte er nicht für einen Engel gehalten werden. Er sagte, dass er seine Gestalt verändern kann. Ich sah ihn später in der Gestalt eines Alien. Da dieses als Beweis nicht gelten würde, obwohl ich davon Fotos gemacht habe, hat er mich mit nach Paris genommen. Mehrere Eifel-Turmbesucher haben auf meine Veranlassung Beweisfotos von mir gemacht. In kürzester Zeit war ich wieder vor dem Krankenhaus angelangt. Nur die Zeit für den Parisaufenthalt war verstrichen. Ich glaube, dass wir bald wieder von ihm hören.«
Kristian schaltete das Radio ab.
»Bis nach Paris«? fragte Kurt.
Kristian grinste. »Geht das noch weiter«? hakte Kurt nach. »Unbegrenzt«, verkündete Kristian selbstsicher.
»Was ist mit dem Mond«? fragte Jessika.
Jetzt mussten sie alle außer Maria lachen. Sie tat Kristian leid. Es war besser, sie einzuweihen, als dass sie nur Bruchstücke mitbekam und sich ihre Gedanken machte. Zudem hatte Maria keine Verwandtschaft, der sie was erzählen konnte. »Maria, wir weihen dich jetzt in unser Geheimnis ein.«
Er blickte um sich und sah, dass alle nickten.
»Du hast gerade die Nachrichten gehört«? Sie nickte.
»Also der Engel, von dem die Reporterin erzählte, das war ich.« Maria blickte Jessika an. »Es stimmt«, sagte Jessika.
»Erschreck jetzt nicht«, sagte er und machte sich unsichtbar. Maria konnte einen Aufschrei nicht unterdrücken. Kristian machte sich wieder sichtbar, Maria war erleichtert, ihn zu sehen. »Falls in den nächsten Tagen Ungewöhnliches passiert, dann hat das seine Richtigkeit«, erklärte er. »Wenn dir irgendetwas komisch vorkommt, frage Großvater.«
»Na, wie fühlt ihr euch«? fragte er Jessika und Kurt. »Morgen erlebt ihr das Mittelalter.«
»Ein wenig komisch ist mir schon«, meinte Kurt.
»Als Erstes reiten wir zum Burgvogt und geben ihm den Spiegel für seine Liebste Isabel. Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft. Dann sehen wir weiter.«
Maria machte derweil Schnittchen zum Abendbrot.
»Bleiben wir hier oder gehen wir zu mir«? fragte er Jessika.
»Lass uns hier bleiben, wir müssen sowieso Morgen von hier losreiten.« »Wir brauchen einen Rucksack für die Sachen, die wir mitnehmen«, stellte Kristian fest.
»Ich habe noch einen von der Bundeswehr«, sagte Kurt.
»Ich hole meinen«, sagte Kristian und sprang zu sich in sein Haus.
Die Kamera nahm er auch mit. Als er zurückkam, saßen alle außer Maria im Wohnzimmer. Großvater und Kurt tranken Bier. Jessika hatte sich mit hochgezogenen Beinen in einen Sessel gekuschelt. »Was hältst du davon, wenn wir schlafen gehen«? fragte Kristian Jessika, Kurts anzüglichen Blick nicht beachtend.
»Viel«, antwortete sie und stand auf. Sie wünschten eine gute Nacht und Kristian folgte Jessika in ihr Schlafzimmer.
Als er am anderen Morgen wach wurde, war Jessika schon nicht mehr da. Die Aufregung über das zu erwartende Abenteuer hatte sie nicht länger schlafen lassen. Kurt und Jessika saßen schon am Frühstückstisch, als er in die Küche kam.
»Ihr könnt es wohl nicht abwarten«? fragte er.
»Wir haben auch schon die Pferde geputzt«, sagte Kurt. Es waren noch drei Pferde. Bald würden es nur noch zwei sein, eins war schon so gut wie verkauft. In aller Ruhe ließ Kristian sich sein Frühstück schmecken. Wie auf heiße Kohlen sahen ihm beide dabei zu.
»Wie wäre es, wenn ihr die Hähnchen in der Mikrowelle noch mal warm macht?« Kurt schaute Jessika an. Schließlich packte Jessika die Hähnchen wieder aus, und legte sie in die Mikrowelle. »Ich werde erst einen von euch rüber bringen, für den Fall, dass etwas schief geht.«
Beide schauten sich an, Jessika sagte zu Kurt, »gehe du nur zuerst.«
»Ich will mich nicht vordrängen«, erwiderte Kurt.
»Kann es sein, dass ihr beide Angst habt«? fragte Kristian.
»Keine Antwort ist auch eine Antwort.« Die Hähnchen waren heiß, Jessika verpackte sie wieder. Kristian stand auf. Die Sachen, die sie mitnehmen wollten, waren gleichmäßig in beide Rucksäcke verteilt. Sie gingen zu den Pferden. Blank gestriegelt standen sie bereit. Sie saßen auf. Da kein ungebetener Gast in der Nähe war, fasste Kristian Kurt an und sprang mit ihm auf die Lichtung vor Hannas Haus. Er sah noch, dass Kurt was sagen wollte und sprang zurück.
»Du kannst mich noch nicht mitnehmen«, empfing ihn Jessika. »Der Sattelgurt ist gerissen.«
»Dann nähen wir ihn wieder zusammen, ich brauche eine Ahle, dickes Nähgarn und eine Sattlernadel.« »Ich hole die Sachen«, sagte Jessika, »aber was wird mit Kurt?«
»Der wird wohl auf uns warten«, sagte er.
Kurt stand derweil auf der Lichtung und schaute sich um. Warum dauerte das so lange. Er sah ein kleines Haus und wollte lieber ein Stück zurückreiten und sich im Wald verstecken. Eine Weile beobachtete er aus sicherer Deckung das Haus.
»Warum beobachtet ihr mein Haus«? sagte plötzlich eine energische Stimme hinter ihm.
Erschrocken drehte er sich um. Hanna hatte Pilze gesammelt und stand nun vor ihm. »Wer seid ihr und was macht ihr hier«? sagte sie zu ihm und griff in die Zügel.
»Falls ihr ein Wegelagerer seid, wird mit euch kurzen Prozess gemacht.«
Langsam bekam Kurt Angst. Wenn jetzt noch mehr Leute aus dem Wald stürzten, musste er um sein Leben bangen.
»Ich wollte mich hier mit jemand treffen«, sagte er.
Hanna hatte längst gesehen, dass Kurt ähnlich gekleidet war wie Kristian, und schloss daraus, dass er auf ihn wartete. Hanna packte die Zügel und zog das Pferd samt Reiter zu ihrem Haus. Kurt hatte sich seinem Schicksal ergeben.
»Steigt herab und seid mein Gast.«
Das hörte sich schon besser an, sagte sich Kurt und sprang von seinem Pferd. Er befestigte die Zügel an der Bank und trat ein. »Möchtet ihr einen Kaffee«? fragte Hanna. Kaffee? wunderte sich Kurt? Als Hanna Dosenbrot, Butter und Marmelade auf den Tisch stellte, dämmerte es ihm langsam, dass Kristian schon vor ihm hier gewesen war.
»Kennt ihr einen Kristian«? fragte er.«
»Ich habe mir schon gedacht, dass Kristian euch geschickt hat«, sagte Hanna.
»Er kommt gleich mit meiner Schwester«, erklärte Kurt. Hanna stellte den Kaffee vor ihm hin. »Das Haus ist umstellt, ergebt euch und kommt heraus«, ertönte es von draußen.
Hanna lachte und rannte nach draußen. Kristian war schon vom Pferd heruntergesprungen als Hanna ihm um den Hals fiel. Dann begrüßte sie Jessika.
Kurt kam heraus. »Habt ihr euch schon bekannt gemacht«? fragte er Kurt. »Da bin ich noch nicht zu gekommen.«
Kristian stellte Kurt vor. »Ich wohne bei Hanna als Untermieter, wenn ich hier bin«, erklärte er ihm.
»Das würde ich auch gerne«, sagte Kurt leise zu ihm, damit Jessika es nicht hörte. »Kommt rein«, sagte Hanna.
Kurt und Jessika blickten auf die neue Lehmwand, die Hanna und er hochgezogen hatten. Sie wirkte störend, weil sie noch nicht geweißt war. Er erklärte beiden, dass er die Wand noch streichen wollte. »Was habt ihr vor«? fragte Hanna.
»Ich wollte den Beiden nur die Gegend hier zeigen«, sagte er. »Ludwig wollen wir auch besuchen, weil Jessika und Kurt sehen wollen, wie ihr Haus ausgesehen hat.«
»Ludwig wird sich freuen, wenn ihr kommt«, meinte Hanna.
»Brauchst du noch was, dass ich dir das nächste Mal mitbringen soll«? fragte er sie?
»Der Kaffee ist bald alle.«
»Habe ich schon gekauft, bringe ich morgen oder übermorgen mit. So, dann wollen wir mal.« Hanna begleitete sie bis vor ihr Haus. Sie saßen auf und ritten über die Lichtung in den Wald. Bald erreichten sie die Kreuzung, die auch zur Burg führte. Sie nahmen die andere Richtung. Die nächste Abzweigung führte nach Ludwig. Vor ihnen tauchte die Mauer auf. Das Tor war geschlossen. Kristian lenkte sein Pferd vor das Tor und betätigte den Klopfer.
»Wer ist da und was wollt ihr«? tönte es von oben.
Sie blickten hoch. Oben über die Mauer schaute ein Hausbewohner herunter. »Wir wollen dem Burgvogt einen Besuch abstatten«, sagte Kristian.
Vielleicht hatte er ihn erkannt, jedenfalls öffnete sich unter ihm das Tor. Sie ritten vor das Haus, als Ludwig schon durch die Tür trat. Kristian sah seinen fragenden Blick und sagte deshalb, »ich wollte meiner Begleitung die Gegend zeigen, euer Haus lag auf dem Weg.«
»Kommt herein«, sagte Ludwig. Es standen schon Stallknechte bereit, die sich um ihre Pferde kümmerten. Ludwig führte sie in den Raum, wo bei Jessika jetzt die Küche war. Kurt und Jessika blickten sich interessiert um. Eine Magd erschien und trug ein Tablett mit Becher und Karaffe herein. Sie setzten sich an den Tisch. Ludwig persönlich schenkte den Wein ein. Sie tranken einen Schluck und blickten sich an. Der Wein war sehr bitter.
»Wir haben euch für Isabel ein Geschenk mitgebracht«, sagte Kristian. Er hatte den Spiegel mit der Verpackung lose an den Rucksack gebunden, damit er nicht zerbrach, jetzt band er ihn los und reichte ihn Ludwig. Dann erklärte er ihm, dass Hanna auch einen hatte und Isabel lange davor gestanden hatte. Ludwig war jetzt nicht mehr zu halten.
»Es ist wohl besser, wir besuchen den Grafen gleich, er würde mir das nie verzeihen, wenn ich ihm euch nicht vorgestellt hätte, am besten wir brechen gleich auf.«
Genau so hatte Kristian es sich vorgestellt. Der Spiegel hatte seine Arbeit getan. »Der Graf würde sich sicher freuen, wenn wir Hanna mitbringen«, wand Kristian ein.
»Wir nehmen ein Pferd mit und reiten bei Hanna vorbei«, sagte Ludwig. Beim Hinausgehen fragte Kristian Ludwig, »warum haltet ihr euer Tor immer verschlossen?«
»Im Norden wird ein Heer aufgelöst. Die entlassenen Soldaten streifen als Plünderer umher.«
»Habt ihr genug Leute, um euch zu verteidigen?«
»Zur Not geben wir ein Signal zur Burg hinauf, damit sie uns helfen«, meinte Ludwig.
Sie gingen nach draußen, Ludwig ließ zwei Pferde satteln. Als sie an der Kreuzung ankamen, um Hanna abzuholen, meinte Ludwig, er würde schon mal vorreiten und sie ankündigen. Das war Kristian auch recht, weil sie dann keine langen Erklärungen abgeben mussten. Hanna war erstaunt, dass sie schon wieder da waren.
»Hast du Lust, mit zum Grafen zu reiten«? fragte Kristian sie, »Ludwig ist schon vorgeritten.«
»Natürlich komme ich mit«, sagte sie. Hanna freute sich, dass sie an ein Pferd für sie gedacht hatten. Wieder ging es den Weg zurück. Sie passierten die erste Zugbrücke. Jessika und Kurt konnten nicht genug sehen und waren sprachlos. Jessika winkte den Leuten zu, die zögernd zurückwinkten. Bald darauf ritten sie in den Burghof. Die Grafenfamilie stand oberhalb der Treppe und erwartete sie neugierig. »Kristian«, rief Johannes und rannte die Treppe herunter.
Kristian sprang vom Pferd, da hatte ihn Johannes schon erreicht. Zum Glück stand sein Pferd noch hinter ihm, sonst wäre er wegen der stürmischen Umarmung nach hinten umgefallen. »Lass dich ansehen«, sagte Kristian, »du bist ja nicht wiederzuerkennen.«
Der Spruch „Kleider machen Leute“ traf hier voll und ganz zu. »Wie geht's dir«? fragte er.
»Ich lerne jetzt Schreiben«, sagte er ganz außer Atem. Kristian legte seinen Arm um Johannes Schulter und ging auf die Grafen zu. »Willkommen auf der Burg«, sagte der Graf. Sein Blick fiel auf ihre Pferde dann auf Jessika.
»Darf ich meine Braut Jessika vorstellen«, sagte er, »und das ist ihr Bruder Kurt.«
»Kommt, wir wollen hineingehen«, sagte der Graf. Graf Albert und der Waffenmeister Robert hatten nur Augen für Jessika. Ihre Pferde wurden weggeführt, sie nahmen ihre Rucksäcke. Im Saal waren schon die Tische aufgebaut. »Wir haben uns erlaubt zum Essen beizutragen, da wir unangemeldet gekommen sind«, erklärte Kristian.
Sie leerten ihre Rucksäcke. »Diese Flasche ist nur für euch«, sagte Kristian zu Isabel, »passt auf, die Männer mögen den Inhalt der Flasche auch.« Den klaren Schnaps musste er auch erklären, da er nicht wollte, dass sie schon zu Anfang unter den Tisch rutschten. Großes Erstaunen rief das Verteilen der Pappteller hervor. Kristian hatte darauf geachtet, dass Jessika zwischen Isabel und Hanna saß. Er wollte nicht, dass es im Laufe des Essens im Rausch des Alkohols, zu Unstimmigkeiten kam. Sie hatten nicht so viele Hähnchen, dass jeder ein Ganzes bekam. Zum Glück hatte Kurt die Hähnchen durchschneiden lassen.
Kristian verteilte den Kartoffelsalat auf die Teller. Das Stangenbrot lag in der Mitte des Tisches. Er musste lachen, als er daran dachte, dass es noch nicht mal elf Uhr vormittags war. Inzwischen hatte der Graf Becher und eigenen Wein bringen lassen. Die Becher standen noch zusammen, Kristian nahm die Flasche klaren Schnaps und schüttete in jedem Becher einen großen Schluck hinein.
»Es kann sein, dass ihr euch schütteln müsst, zum Aufwärmen ist es aber genau richtig.« Jeder nahm seinen Becher. Da die Flüssigkeit aussah wie Wasser, wurden die meisten Becher mit einem Schluck geleert. Die Wirkung trieb ihnen die Tränen in die Augen. Als sie sahen, dass Kristian anfing, den Kartoffelsalat zu essen und sich ein halbes Hähnchen nahm, griffen auch sie zu. Mit dem Korkenzieher an seinem Taschenmesser, öffnete er die Flaschen Wein. Anerkennend nickten die Männer mit dem Kopf, nachdem sie den ersten Schluck genommen hatten.
»Ihr habt eine gute Köchin und einen guten Weinlieferanten«, meinte Ludwig, in der einen Hand einen Hähnchenbollen, in der anderen den Becher.
Kurt hatte nur sechs Flaschen Wein eingekauft. Nachdem die Becher ein zweites und drittes Mal gefüllt wurden, war ihr Weinvorrat erschöpft. Ebenso ging es mit den Hähnchen. Zum Glück trugen Mägde Platten mit kaltem Braten herein. Albert saß ihm gegenüber. »Habt ihr keine Angst, dass euch Horden entlassener Soldaten überfallen könnten«, fragte Kristian. »Eure Wachen könnten gar nicht so schnell die Tore schließen und die Zugbrücke hochziehen, wenn die Soldaten auf Pferden euch angreifen.«
Der Graf, der zugehört hatte, blickte zum Waffenmeister Robert. »Wir glauben nicht, dass sie schon so weit gekommen sind«, sagte Robert, »aber ihr habt recht, man sollte sich nicht überraschen lassen.« Er stand auf und ging nach draußen.
Kristian sah, dass Ludwig sich und Albert klaren Korn in die Becher goss. Albert blickte Kristian an. »Ihr habt schöne Pferde, eure Sättel aber sehen seltsam aus, ein Ritter könnte sich in dem Sattel nicht lange halten.«
»Wo wir herkommen, wird dieser Sattel nur für friedliche Zwecke genutzt«, erklärte er.
»Dann gibt es bei euch keine Ritter«? fragte Ludwig.
»Nein, bei uns werden auch Kriege geführt, aber nicht zu Pferd.«
»Kristian«, sagte Johannes, »ich habe ein eigenes Zimmer nur für mich, möchtest du es sehen?« Da er so vor weiteren Fragen verschont wurde, sagte Kristian zu. Johannes führte ihn durch dunkle Gänge in sein Zimmer. Stolz blickte er Kristian an. Der Raum hatte ein Fenster, eine hohe Decke, die Wände waren aus Natursteinen. Die Inneneinrichtung bestand aus zwei Truhen und ein Bett.
»Schön hast du es hier.« Er setzte sich auf das Bett. »Erzähl mal, wie es dir ergangen ist.«
»Sie haben es alle gewusst. Als Isabel ihren Vater gefragt hat, ob er wüsste, dass ich sein Sohn sei, hat er es nicht abgestritten. Ich glaube, er war froh, dass es so gekommen ist. Isabel hat mich durch die Burg geführt und mir dieses Zimmer gegeben. Der Burgpfaffe Otto bringt mir das Schreiben bei. Ein eigenes Pferd habe ich auch bekommen. Und das habe ich alles nur dir zu verdanken.«
Er wehrte ab, »irgendwann hätte das Gewissen des Grafen schon geschlagen.«
»Besuchst du deine alten Freunde in der Vorburg noch?«
»Schon, aber es ist nicht mehr so wie früher.«
»Komm, wir gehen zurück,« sagte Kristian. Es herrschte schon eine ausgelassene Stimmung. Er hatte nicht vor, noch mehr Wein zu trinken, zumal ihr Wein auch alle war. Ein Stück Braten war ihm lieber. Kurt ließ sich von Ludwig seinen Becher füllen. Sie würden ihn nachher auf sein Pferd binden müssen. Die drei Frauen führten eine angeregte Unterhaltung. Der Graf und Albert sahen aus glasigen Augen dem Treiben zu. Kristian setzte sich mit Johannes in eine Fensternische. Plötzlich erscholl ein Signal. »Was hat das zu bedeuten«, fragte er Johannes. Eine Antwort brauchte er nicht abzuwarten. Er hörte, wie der Waffenmeister rief, »an die Waffen.«
Die Männer stürmten nach draußen. Auf dem Burghof liefen Knechte wie aufgescheuchte Hühner herum, in den Händen Brustpanzer und Schwerter. Immer mehr Leute kamen aus der Waffenkammer, rannten über den Burghof in die Vorburg. Kristian hatte gar nicht gewusst, dass die Burg so viele Männer beherbergte, und rannte hinter ihnen her. Die Wehrgänge an den Mauern füllten sich mit bewaffneten Menschen. Vor ihm lief Albert. Er hatte ein Kettenhemd übergestreift. Der Schreck hatte ihn wieder nüchtern gemacht. Er rannte zur Treppe, die zum Wehrgang führte. Außer Atem liefen sie zum Außentor. Anscheinend hatte der Waffenmeister noch rechtzeitig den Befehl gegeben, die Zugbrücke hochzuziehen und das Fallgitter zu schließen. Wütendes Geschrei tönte von der anderen Seite herüber. Vielleicht vierzig Angreifer, die Körperteile mehr oder weniger ausreichend geschützt, liefen aufgeregt herum und waren sich nicht einig, an welchem Punkt der Angriff starten sollte. Belagerungs- und Sturmgerät hatten sie offensichtlich nicht dabei. Anscheinend hatten sie darauf gehofft, die Wachen überraschen zu können. Die Kundschafter hatten sicher gemeldet, dass die Tore immer aufstehen würden. »Da haben wir noch mal Glück gehabt«, sagte Albert. »Wäre das Tor nicht geschlossen gewesen, hätten sie uns überrumpeln können. Danke, dass ihr uns rechtzeitig einen Hinweis gegeben habt.«
»Wie geht das denn jetzt weiter«? fragte Kristian.
»Entweder sehen sie ein, dass hier nichts mehr zu holen ist, und ziehen weiter, oder sie bereiten sich auf einen Sturmangriff vor.« Jetzt fuhren mehrere Wagen vor. Anscheinend führten sie hierauf ihre Vorräte mit. Mehrere Äxte wurden heruntergereicht. Männer rannten damit in den nahen Wald. »Jetzt wird es ernst«, sagte Albert.
»Sie wollen Sturmleitern bauen.«
»Seit ihr darauf vorbereitet«? fragte Kristian. Die Frage erübrigte sich, weil schon mehrere Stangen bereitgelegt wurden, um die Leitern umzustoßen. Jemand tippte auf seine Schulter. Er drehte sich um, Kurt stand hinter ihm, die Kamera in der Hand. »Na, wie gefällt dir das hier«, fragte Kristian ihn. »Wenn ich ehrlich sein soll, hab ich mir den Ausflug anders vorgestellt. Ich hoffe, dass wenn es brenzlich wird, du uns rechtzeitig von hier wegbringst.«
Auf der anderen Seite trug man mehrere Fichtenstangen aus dem Wald und legte sie nebeneinander. Mit Lederriemen befestigte man die Querriegel zwischen zwei Stangen. Kristian ging und suchte Albert. Dieser stand mit Waffenmeister Robert zusammen. »Haben wir von dem Haufen etwas zu befürchten«? fragte Kristian.
»Es kann eng werden. Zur Not müssten wir uns in die Burg zurückziehen. Dann wären nur unsere ganzen Vorräte weg.«
Kristian beobachtete einen großen kräftigen Mann in einer glänzenden Ritterrüstung, der Befehle erteilte. Zu Albert sagte Kristian: »Was haltet ihr davon, wenn ich euch den Mann nach hier hole? Die Leute sind dann ohne Anführer.«
»Wenn ihr das könnt, würde das die Sache vereinfachen.« Kristian wartete eine weitere Erklärung nicht  ab und sprang unsichtbar bleibend hinter den Anführer.
»Ihr gebt euer Vorhaben besser auf«, sagte er. Erschrocken drehte der Ritter sich um. Da er ihn nicht sah, drehte er sich im Kreis. »Geht, solange ihr noch die Möglichkeit dazu habt«, sagte Kristian. Jetzt zog der Ritter sein Schwert und schwang es, sich dabei im Kreis drehend. Gerade noch rechtzeitig konnte Kristian zur Seite springen. Die Männer des Ritters kamen angelaufen und blieben in sichere Entfernung stehen. Auch der Ritter blieb schnaufend stehen. »Also, was ist«? fragte Kristian ihn, »geht ihr oder nicht?«
»Nie«, schrie er. Kristian packte ihn so, dass er vor den Augen aller, unsichtbar wurde und sprang mit ihm auf den Wehrgang. Die Leute unten schrien durcheinander. Auf dem Wehrgang wurde der verblüffte Ritter entwaffnet. Kristian sprang unsichtbar zwischen die Leute des Ritters zurück. »Wenn ihr nicht bald aus dieser Gegend verschwindet, ergeht es euch wie eurem Anführer dort auf dem Wehrgang. In unserem Verlies ist noch genügend Platz.«
Er hatte laut genug gesprochen, dass auch alle es hörten. Dann nahm er einen Querriegel der Sturmleiter und schlug ihn den Leuten um die Ohren. Vom Wehrgang aus musste das lustig aussehen, wie die Leute wild, anscheinend ohne Grund, herumsprangen, um sich vor den Schlägen in Sicherheit zu bringen. Um es überzeugender zu machen, ergriff er sich einen Mann und ließ ihn sichtbar bleibend, im großen Bogen hinter die Mauer segeln, wo er gefesselt wurde. Die Angreifer waren geschockt. Erst als ein weiterer Mann über die Mauer verschwand, ließen sie alles liegen und suchten das Weite. Auf dem Wehrgang jubelten die Leute. Albert gab den Befehl, »lasst die beiden Leute frei, der Ritter bleibt hier.«
Kristian nahm beide und setzte sie auf der anderen Seite ab. »Ein letzter guter Rat, verschwindet aus der Gegend, wenn euch euer Leben lieb ist, die Burg steht unter dem Schutz der Elfen.« Gehetzt verschwanden sie im Wald. Die Leute auf dem Wehrgang hatten zum Glück nicht mitbekommen, dass Kristian es war, der für die Verwirrung der Angreifer verantwortlich war. Die glückliche Abwehr der Angreifer hatte sie noch nicht darüber nachdenken lassen, was eigentlich passiert war.
»Kommt Kristian«, sagte der Waffenmeister »die Sache ist überstanden, wir können zur Burg zurückgehen.«
Er gab noch Anweisungen den Wehrgang besetzt zu halten und folgte dann Albert, der schon auf dem Weg in die Burg war. Albert wartete auf sie und sagte dann: »Wir alle stehen in eure Schuld, ohne eure Hilfe hätte so mancher heute sein Leben verloren.«
Kristian fiel dazu keine passende Antwort ein, also gingen sie schweigend durch das Burgtor. Auf dem Burghof kamen ihnen die Frauen entgegen. Obwohl ihnen auf der Burg keine Gefahr drohte, sah man ihnen die Erleichterung an. Jessika lief ihm entgegen und fiel ihm um den Hals. Der Graf hatte die Burg für den Fall einer Verteidigung nicht verlassen und stand mit Hanna und Isabel zusammen. Kristian fragte Jessika: »wo ist dein Bruder?«
»Ich weiß es nicht«, sagte sie. Da keine Kampfhandlungen stattgefunden hatten, brauchten sie sich eigentlich keine Sorgen um ihn machen. Sie wollten gerade hereingehen, da kam Kurt außer Atem angerannt. »Stellt euch vor, ich habe alles mit der Kamera aufgenommen.«
»Nur dumm, dass du es keinem bei uns zeigen darfst«, sagte Kristian. »Die Prügelszene, wo die Angreifer deine Schläge abwehren, ist besonders gut gelungen.«
»Und was ist mit den Leuten, die ich über die Mauer hab segeln lassen«? fragte er.
»Alles drauf«, sagte Kurt strahlend.
»Siehst du«, sagte Kristian, »alleine deswegen würde dir keiner die Geschichte glauben.« Ein Gutes hatte die Sache, Großvater würde fast live dabei sein. Sie gingen ins Zimmer hinein. Erst jetzt vermissten sie Ludwig.
»Ludwig ist zu seinem Haus geritten, um nach dem Rechten zu sehen«, sagte Albert. »Er wird wohl heute nicht mehr kommen. Lasst uns auf den Sieg trinken.« Er hob seinen Becher. Die Mägde beeilten sich, ihre Becher zu füllen. »Der Sieg muss gefeiert werden«, sagte der Graf. »In absehbarer Zeit wird es keiner wagen, uns anzugreifen.«
Der Koch kam herein und brachte frischen Braten und Fasanenteile. »Bruno«, sagte der Graf zum Koch, »sorge dafür, dass die Leute morgen ein Spanferkel bekommen und ausreichend zu trinken haben. Für uns deckst du morgen auf dem Burghof den Tisch. Lass dir was Besonderes einfallen.«
Der Wein stieg Kristian langsam in den Kopf. Auch Kurt hatte einen seligen Blick. Die drei Frauen kicherten um die Wette. Lediglich Albert stand am Fenster und blickte über den Burghof. »Was macht euch Sorgen«? fragte Kristian ihn.
»Ich muss an die denken, die die nächsten Opfer dieser Bande sind, und nicht so viel Glück hatten wie wir. Ich reite morgen zu meinem Nachbar, mal sehen, ob auch sie die Bande abwehren konnten.«
»Kommt«, sagte Kristian, »lasst euren Becher füllen, Albert, seid mir nicht böse, meine Leute und ich haben genug gehabt. Bevor sie unter dem Tisch liegen, nehme ich sie mit. Morgen Abend zur Feier sind wir wieder hier. Die Pferde lassen wir hier. Ihr könnt euch sicher denken, auf welchem Weg wir euch verlassen?« Albert nickte nur. »Jessika, Kurt, kommt wir gehen.« »Hanna, was ist mit dir«? fragte er.
»Hanna bleibt heute hier«, sagte der Graf, »man weiß nicht, wer sich in den Wäldern sonst noch rum treibt.« Jessika und Kurt standen auf wackligen Beinen, als er sich zwischen sie stellte und sie zu Jessika nach Hause brachte. Es war noch früher Abend, Großvater war noch auf.
»Großvater«, rief Jessika, »du glaubst nicht, was heute los war, man wollte unsere Burg stürmen. Aber Kristian hat sie alle in die Flucht geschlagen.«
»Und ich habe alles aufgenommen«, erklärte Kurt stolz.
»Kommt, geht jetzt schlafen«, sagte Kristian, »morgen ist auch noch ein Tag.«
Sie schlichen davon. »Stimmt das, was die Beiden da erzählt haben«? fragte Großvater. »Ja, es hätte schlimm ausgehen können, wenn ich nicht hätte helfen können. Kurt wird dir morgen alles zeigen. Wir sind morgen zur Siegesfeier eingeladen. Bis morgen Großvater«, sagte er und ging zu Jessikas Zimmer hinauf. Jessika schlief schon. Obwohl er eigentlich zu müde war, stellte er sich noch unter die Dusche und legte sich neben Jessika ins Bett.
Am anderen Morgen stand er um sieben Uhr auf und ließ Jessika schlafen. Lediglich Großvater war schon auf. »Hallo«, grüßte er Großvater und Maria. Maria nahm sogleich die Kaffeekanne und füllte ihm seine Tasse.
»War wohl ein anstrengender Tag gestern«? fragte Großvater.
»Das kann man wohl sagen. Auf so etwas kann man gerne verzichten.«
»Morgen«, sagte Kurt, als er hereinkam und sich mit der einen Hand seinen Kopf hielt.
»Hast wohl zu tief in den Becher geschaut«, konnte Kristian sich nicht verkneifen zu sagen.
»Kann schon sein, der Schreck gestern hatte mich durstig gemacht, obwohl der Wein nicht nach meinem Geschmack war.«
Großvater hatte den Fernseher an, den Ton aber leise gestellt. Kristian sah Lena, die jemand befragte.
»Mach schnell lauter«, sagte er. Lena hatte anscheinen den Sprung in die Fernsehwelt geschafft. Sie befragte gerade die Frau ihr gegenüber.
»Frau Dreier, für welche Bundesbehörde arbeiten sie?«
»Ich bin Kommissarin einer Sonderabteilung.«
»Warum wurde die Abteilung gebildet?«
»Wir wollen die Vorkommnisse der letzten Tage aufklären.«
»Es wurde doch niemand geschädigt, warum also?«
»Um Unruhe und Panik zu vermeiden, liegt es doch in jedermanns Interesse, dass die Sache aufgeklärt wird.«
»Geht es nicht vielmehr darum, sich die Fähigkeiten des unbekannten Wesens zu sichern, ehe es andere tun?«
»Eins schließt das Andere nicht aus.«
»Was haben sie denn unseren Zuschauern zu sagen?«
»Ich möchte die Zuschauer bitten, mir Verdächtiges, was auf den Unsichtbaren hinweist, mitzuteilen.«
»Was wollen sie machen, wenn sie einen brauchbaren Hinweis bekommen, kommen sie dann mit einem Betäubungsgewehr oder wie wollen sie vorgehen?«
»Ich werde ihn bitten, mit unserer Behörde zu kooperieren.«
»Was sollte er davon haben, ich glaube, dass er auf die Hilfe ihrer Abteilung nicht angewiesen ist.«
Frau Dreier wendete sich ab. Lena schaute in die Kamera und sagte: »Wir blenden gleich eine Telefonnummer ein für den Fall, dass das unsichtbare Wesen Verbindung mit uns aufnehmen will. Das war's für heute von Lena Müller.«
»Da werde ich doch schon wieder herausgefordert.«
»Was hast du vor«? fragte Kurt.
»Ich werde ihr einen Besuch abstatten.«
»Doch nicht heute?« »Nein, morgen.« Er ging in die Halle und rief Lena auf ihrem Handy an. »Hier Lena Müller.«
»Hallo Lena, Edra hier«, sagte er.
»Hallo Engel«, antwortete Lena. »Was hältst du davon, wenn ich Frau Dreier einen Besuch abstatte?«
»Sie will dir eine Falle stellen.«
»Ich weiß«, sagte er.
»Nimmst du mich mit«? fragte Lena?
»Bring deine Kamera mit, du gehst zu Frau Dreier und ich schließe mich an.«
»Wann treffen wir uns?« »Morgen um vierzehn Uhr vor dem Präsidium.«
»Aber morgen ist Samstag, da wird keiner mehr da sein?«
»Du rufst ganz einfach Frau Dreier an und sagst, dass ich um zwei Uhr komme.«
»In Ordnung«, sagte sie. Er legte auf. Kurt lehnte in der Tür, er hatte seinem Gespräch zugehört.
»Das macht dir Spaß«? fragte er.
»Riesenspaß«, sagte Kristian. Jessika kam von oben herunter. »Was gibt's«? fragte sie und blickte sie abwechselnd an. »Oh, nichts«, sagte Kristian, »der Engel schlägt morgen wieder zu.«
Jessika schob Kurt in die Küche zurück. Kristian folgte. Jessika ging es anscheinend wieder ganz gut.
»Ich wäre euch dankbar, wenn ihr mir nachher euren Film zeigt«, bat Großvater.
»Mach ich«, sagte Kurt. Sie saßen jetzt alle um den Tisch, Maria war davon nicht ausgeschlossen. Jeder erzählte aus seiner Sicht, was gestern geschehen war. Kurt strich seine Anwesenheit in der Schusslinie immer wieder hervor.
»Sicher wirst du uns gleich zeigen, wie dir die Pfeile um die Ohren flogen«? fragte Kristian.
»Pfeile«? fragte Kurt erstaunt, »muss ich wohl übersehen haben.« Für Maria musste sich alles wie ein schönes Schauermärchen anhören. »Kommt«, sagte Jessika, nachdem sie mit dem Frühstück fertig waren, »wir schließen die Kamera an den Fernseher an.«
Die ersten wackeligen Bilder zeigten, wie Kurt die Treppe zum Wehrgang hochrannte. Dann ein erster Blick über die Mauer auf die Angreifer.
Kurt hatte den Ritter herangezoomt. Als der Ritter später um sich schlug, mussten sie alle lachen. Das Lustigste war die Prügelszene und die zwei segelnden Angreifer. Mit der Flucht der Angreifer war die Aufnahme zu Ende. Großvater war begeistert. Kristian wusste, wie gerne er dabei gewesen wäre.
»Großvater, was hältst du davon, wenn wir dich heute Abend mitnehmen?« Großvater schaute ihn zunächst sprachlos an,
»du meinst ich darf mit zu der Feier?« Kristian nickte. Jessika fiel ihrem Großvater um den Hals, »ich freue mich, dass du mitkommst.«
»Was ziehe ich denn an«, fragte er aufgeregt?«
»Ein Smoking wäre wohl fehl am Platz«, meinte Kurt lachend.
»Hast du nicht einen grünen Jägeranzug«? fragte Kristian.
»Den habe ich schon lange nicht mehr angehabt«, sagte er, »wenn Maria mir hilft, werde ich versuchen, ob er mir noch passt.« Maria hinter sich herziehend, verließen sie das Zimmer. Viel Auswahl haben wir beide auch nicht«, sagte Kristian zu Kurt. Jessika wollte ein Kleid aus dem Fundus der Theatergruppe anziehen und war schon in ihrem Zimmer gegangen. »Und was machen wir so lange bis heute Abend«? fragte Kurt.
»Kannst ja auf Vorrat schlafen, wer weiß wie spät oder früh es wird.« Er ging rauf zu Jessika. Sie stand vor dem Spiegel und hielt ein langes Kleid vor sich. »Was meinst du, soll ich dieses oder das andere auf dem Bett anziehen?«
Es klopfte an der Tür. »Hallo ihr beiden, das Mittagessen ist fertig.«
Unten saßen schon alle am Tisch. »Hallo Großvater, du siehst aber fesch aus.« Er hatte seinen grünen Anzug an. Das Essen roch gut.
Nach dem Essen setzten Kurt, Großvater und Kristian sich draußen an den Gartentisch. Maria brachte Kaffee. »Kristian«? fragte Kurt, »kannst du mir sagen, wie du das alles machst?« Kristian holte sein Medaillon unter seinem Hemd hervor und legte es auf den Tisch. Alle starrten es an. »Du meinst, dieses Ding gibt dir die Fähigkeiten, die du hast?«
Er nickte. »Es kann noch viel mehr, und eines Tages werde ich auch diese Kräfte nutzen dürfen.«
»Und was ist, wenn dir einer das Ding wegnimmt?«
»Er kann damit nichts anfangen, es ist nur auf mich abgestimmt.«
»Das ist gut«, sagte Großvater. So verplauderten sie den Nachmittag und konnten es nicht erwarten, dass es Abend wurde. Dann war es endlich so weit. Gerade noch rechtzeitig, hatte auch Jessika ihr Kleid fertig bekommen. Großvater setzte seinen Hut mit Gamsbart auf, sie stellten sich zusammen und kamen im Saal der Burg an, wo sie gestern gefeiert hatten. Es war sonst keiner da, also gingen sie in den Burghof. Hier war es alles andere als ruhig. Über ein offenes Feuer hing ein Schwein, sicher eine Wildsau, und es hatte schon fast die richtige Farbe. Aus dem Saal hatte man den langen Tisch mit Bänken hergeschafft. Die Mägde waren dabei, Schüsseln mit dampfendem Inhalt herbeizutragen. »Hallo«, sagte der Graf und kam auf sie zu. »Das ist der Großvater meiner Braut«, erklärte Kristian, »er wollte euch und die Burg unbedingt kennenlernen.«
»Es ist mir eine Ehre«, sagte der Graf und stellte Großvater den Anderen vor, die schon ihre Becher schwangen.
»Trinkt«, sagte Albert, nachdem er sie begrüßt hatte. »Da euch unser Wein anscheinend nicht schmeckt, haben wir ein Fässchen Met herbeischaffen lassen.«
»Wenn ihr uns sagt, woraus das Met besteht, werden wir gerne davon kosten«, sagte Kristian. »Met wird aus gegorenem Honigwasser gemacht mit Hopfen und Salbei gewürzt«, erklärte er. Kristian nahm den Becher entgegen, den er ihm hinhielt, und machte einen Schluck. Es schmeckte herb und erfrischend wie alter Sherry. »Doch«, sagte er, »ich glaube, daran könnte ich mich gewöhnen«, was Albert erfreute.
»Wo ist Hanna und Isabel«? fragte Kristian. »Sie machen sich für uns fein«, sagte Waffenmeister Robert aus dem Hintergrund. Inzwischen bog sich die Tischplatte durch die vielen Fleischplatten. Fasane, Rebhühner und Tauben konnte man erkennen, wo hatten sie diese so schnell herbei gezaubert? Andere Schüsseln waren mit Brei gefüllt, der, wie er später erfuhr, das Gemüse war. Kleine Weißbrote lagen verteilt auf dem Tisch. Hanna und Isabel, schön wie eh und je. Der Graf führte sie an ihren Tisch. Ludwig warf Isabel einen schmachtenden Blick zu. Kristian drängte den Grafen zur Seite und fragte ihn, »ihr wisst schon, dass Ludwig eure Tochter liebt?«
»Nein«, sagte er, »woher sollte ich?«
»Habt ihr noch nie bemerkt, welch verliebte Blicke sie sich zuwerfen? Ich will mich nicht in eure Angelegenheiten einmischen, ich finde nur, heute wäre ein geeigneter Anlass, dieses zur Kenntnis zu nehmen.« Der Graf blickte zu seine Tochter, die sich mit Jessika unterhielt. »Ich danke euch, dass ihr mich darauf aufmerksam gemacht habt«, sagte er und setzte sich Hanna gegenüber.
»Die Tafel ist eröffnet.« Alle griffen wie auf ein Kommando zu. Kristian nahm sich ein Rebhühnchen, wusste er doch, wie zart das Brustfleisch war. Zu Ludwig gewand, fragte er ihn, »hat die Horde Schaden bei euch angerichtet?«
Zum Glück kannten sie sich in unserer Gegend nicht aus, so sind sie bei mir vorbei gezogen.«
»Was ist mit dem Dorf unten im Tal?«
»Nach dem Schrecken hier sind sie Hals über Kopf aus dieser Gegend weggezogen.«
»Darauf wollen wir trinken.« Der Met schmeckte ihm und er prostete Ludwig zu. Großvater schien es hier zu gefallen. Ein großes Stück Wildschweinbraten in der einen und einen Becher in der anderen Hand redete er auf den Waffenmeister ein. Kristian schaute sich um. Etwas abseits feierten die Mägde und Knechte. Auch sie aßen von dem Braten, der über dem Feuer hing. »Hallo Kristian«, sagte plötzlich jemand hinter ihm. Er drehte sich um und sah, dass Johannes hinter ihm stand.
»Mensch Johannes, wo treibst du dich denn rum?«
»Ich war bei meinen alten Freunden. Viele wissen bis heute nicht, was genau passiert ist, obwohl ein großer Teil von ihnen auf dem Wehrgang stand. Sie denken, die Elfen haben geholfen.« »Sollen sie«, sagte Kristian.
»Mein Vater sagt, es war alleine dein Verdienst.«
»Kann schon sein«, sagte er, »aber eigentlich haben wir doch wirklich alles den Elfen zu verdanken. Komm setz dich zu mir, erzähl mir, was hier so los ist.«
»Ich glaube, mein Vater hat heute Nacht Hanna besucht.«
»Das ist doch schön«, sagte er. »Dann gibt es ja vielleicht bald eine oder zwei Hochzeiten.«
»Wieso zwei«? fragte Johannes. »Ja, seid ihr denn hier alle blind. Ist dir noch nicht aufgefallen wie verliebt Isabel und Ludwig ist?«
»Jetzt wo du es sagst, haben sich die Beiden schon etwas seltsam benommen.« Ein vertrauter Duft zog durch Kristians Nase, er blickte zu Großvater rüber. Dieser paffte mit dem Waffenmeister um die Wette. Beide hatten mächtig viel Spaß. Der Graf stand auf und schaute zu Ludwig rüber.
»Mir ist zu Ohren gekommen«, sagte der Graf, »dass ihr Ludwig mein Burgvogt, hinter meinen Rücken meiner Tochter schöne Augen macht. Habt ihr dazu etwas zu sagen?« Ludwig, überrascht und nicht mehr ganz standfest, war durch die nicht erwartete Frage des Grafen zunächst sprachlos. »Ich wollte nicht«, fing er an zu stottern, »ich wusste nicht, wie ihr dazu steht, aber trotzdem liebe ich eure Tochter.«
Mutig geworden, als er sich der Blicke der anderen gewahr wurde, sagte er dann, »ich bitte um die Hand eurer Tochter.«
Darauf wollen wir den Becher heben«, sagte der Graf. Alle mussten über das verdutzte Gesicht Ludwigs lachen. Die Becher wurden gefüllt und alle tranken auf das glückliche Paar. Der Abend wurde noch feucht-fröhlich. Kristian drehte sich zu Albert rüber und fragte ihn: »Was habt ihr mit dem Ritter vor?«
»Wenn seine Verwandtschaft genug Lösegeld zusammenkratzen kann, lassen wir ihn ziehen, sonst muss er sterben.«
»Ist es zu viel verlangt, wenn ich als Trophäe die Ritterrüstung verlange?«
»Nein, überhaupt nicht, ich lasse sie morgen für euch zusammenpacken.«
»Danke«, sagte er und freute sich über das Gesicht von Großvater, wenn der einsame Ritter in seinem Haus Gesellschaft bekam. Kurt machte einen Abstecher zu den Mägden und war später nur schwer davon wieder zu trennen, als Kristian zum Aufbruch drängte. Morgen früh würde er und auch Großvater einen gewaltigen Kater haben. Sie verabschiedeten sich und waren bald wieder bei Jessika zu Hause. Es war spät, jeder wollte so schnell wie möglich ins Bett.
Der andere Morgen offenbarte die gestrigen Sünden. Kurt schaffte es nicht, sein Bett zu verlassen. Großvater war glücklicher dran. Obwohl er sich sämtliche lauten Geräusche verbat, ließ er sich sein Frühstück schmecken. »Ich habe versprochen, beim nächsten Besuch einen guten Tropfen mitzubringen,« sagte er.
»Zur Hochzeit von Isabel und Ludwig, sind wir wieder auf der Burg«, sagte Kristian. »Heute Morgen muss ich nach Hannas Haus und einige Sachen erledigen.« Die Scheiben für Hannas Fenster musste er auch noch besorgen. Das würde ganz schön eng werden, da er schon um zwei Uhr einen Termin mit Lena hatte.
Es war Achtuhrdreißig, als er zum Glaser ins Dorf fuhr. Eine halbe Stunde später holte er seine Scheiben ab und war wieder auf den Heimweg zu sich. Die Fenster, sein Werkzeug und natürlich Toilettenpapier packte er ins Toilettenhäuschen und sprang damit nach Hanna. Sie war nicht da. Er grub hinter Hannas Haus ein Loch und weitere vier Löcher für die Eckposten und stellte das Toilettenhäuschen auf. Die Fensterrahmen in Hannas Haus befestigte er mit Bauschaum. Der Schaum war bald hart und die Fenster saßen fest. Das Einkitten der Scheiben war auch schnell erledigt. Hanna würde Augen machen. Er suchte sein Werkzeug zusammen und war zum Mittag wieder in seinem Haus. Da er keine Lust hatte etwas zu kochen, sprang er nach Jessika.
Maria trug gerade das Essen auf und stellte noch ein Gedeck dazu, als sie ihn sah. »Bist du schon fertig«? fragte Jessika erstaunt. Er nickte.
»Wo ist Kurt?«
»Wo wohl«, sagte Jessika, »in seinem Bett.«
»Den scheint es ja mächtig erwischt zu haben. Ich muss gleich wieder weg«, sagte er. »Ich hab eine Verabredung in der Stadt.«
Jessika fragte nicht, vielleicht dachte sie, er würde ihr erzählen, wohin er ging. Als er nichts sagte und nur grinste, schien sie zu ahnen, womit sein Treffen zusammenhing.
Er war wie verabredet um zwei Uhr am Präsidium. Lena war schon mit einem Kameramann da. »Wir können gehen«, sagte er. Erschrocken drehte sie sich um, ohne ihn zu sehen. Er ging voraus, und als die Tür wie von Geisterhand aufging, wusste sie, wo er war. Er trat dann zur Seite, und ließ Lena den Vortritt, weil er nicht wusste, wo das Büro der Kommissarin war.
Lena marschierte zielstrebig auf das Büro zu. Sie klopfte an und ging gefolgt von dem Kameramann, einfach in das Büro.
Die Kommissarin blickte erstaunt in die Kamera.
»Frau Müller, was soll das?«
»Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ich mir ein Treffen mit dem Unbekannten entgehen lasse.«
»Darf ich mich setzen«? fragte Lena und setzte sich. Der Kameramann blieb an der Tür stehen. »Wann kommt er«? fragte die Kommissarin.
»Vielleicht ist er schon hier«? sagte Lena. Kristian stand jetzt hinter der Kommissarin und blies über ihre Haare, sodass diese aufgewirbelt wurden. Auf die Reaktion, die folgte, war er nicht vorbereitet. Schreiend sprang sie über ihre Haare streichend, auf. Selbst Lena, durch diesen Schrei
erschrocken, konnte ihrerseits einen Schreckenslaut nicht unterdrücken. Schnell fasste sie sich und überzeugte sich, dass der Kameramann auf seinen Posten war.
»Er ist hier«, stellte die Kommissarin fest. Sie stellte sich mit dem Rücken gegen die Wand. Als sie ihre noch volle Kaffeetasse auf sich zukommen sah, rannte sie auf die andere Seite ihres Schreibtisches. Lenas Grinsen war unübersehbar. Kristian beendete das Spiel, indem er die Tasse an ihren Platz zurück schweben ließ. Zu Lena sagte er, »würdet ihr uns jetzt alleine lassen, die Kommissarin hat mir sicher etwas Wichtiges mitzuteilen.«
»Schon gut«, sagte Lena, »ich lasse euch alleine«, und schob den Kameramann vor sich her durch die Tür. Sie konnte es nicht abwarten, an ihren Schneidetisch zu kommen, um den Bericht für die nächste Nachrichtensendung vorzubereiten.
Die Kommissarin, mutig geworden, setzte sich wieder hinter ihren Schreibtisch. »Ich finde es langweilig, mit jemand zu reden, dem ich nicht in die Augen sehen kann«, sagte sie. Kristian überlegte schon eine Weile, in welcher Gestalt er ihr gegenübertreten sollte. Hinter der Frau hingen mehrere Steckbriefe. Er nahm die Gestalt eines nicht übel aussehenden Täters an. Sprachlos sah die Kommissarin zu, wie er die Gestalt annahm. Kristian wartete darauf, dass sie seine neue Gestalt erkannte, was aber nicht geschah. Für Kristian war das ein Zeichen, dass dieses nicht ihr Büro war. Grinsend setzte er sich ihr gegenüber. Sie musterte ihn genau, ehe sie nach Worten suchend, ihn fragte, »woher kommen sie?« Den Zeigefinger hebend, blickte er zur Decke, und sah, wie ihre Augen seinem Blick zur Decke folgten.
»Sie kommen aus dem Weltraum?«
»Vielleicht.«
»Sind sie alleine, oder gibt es noch mehr von ihnen?«
»Schon möglich. Ist das alles, was sie von mir wollen«? fragte er. »Wir wären daran interessiert, mit ihnen zusammenzuarbeiten«, sagte sie nach einer Weile.
»Sie wollen wissen, wie ich mich unsichtbar mache? Für Spione sicherlich von großem Vorteil. Ich glaube nicht, dass es für den Weltfrieden von Vorteil wäre, wenn ein Land ein Anderes ausspionieren könnte, ohne dass dieses sich wehren könnte. Ihr seht also, dass ich euch nicht dienlich sein kann.«
Er stand auf.
»Was ist, wenn wir mal ihre Hilfe gebrauchen könnten, wie erreiche ich sie?«
»Ich könnte ihnen meine Handynummer hier lassen«, sagte er. Sie nickte eifrig. Als sie sein Grinsen sah, merkte sie, dass er einen Scherz gemacht hatte. »Haben sie noch einen Wunsch«? fragte er, »wollen sie auch die Aussicht vom Eiffelturm genießen?«
Kristian merkte, wie sie fieberhaft nachdachte. Sich mit eigenen Augen von den Fähigkeiten eines Außerirdischen zu überzeugen, war mehr, als sie erwarten konnte. Es klopfte. Die Tür ging auf und eine jüngere Frau schaute herein.
»Wann kann ich wieder mein Büro benutzen«? fragte sie. Überrascht nahm sie ihn wahr, griff zu ihrer Pistole und rief »Hände hoch.«
»Was soll das«? rief die angebliche Kommissarin, sprang auf und stellte sich schützend vor ihn.
»Sie wissen wohl nicht, wen sie da vor sich haben«? fragte die jüngere Frau, »schauen sie sich mal den Steckbrief an der Wand hinter ihnen an.« Kristian wollte es nicht riskieren von einer Kugel getroffen zu werden und sagte deshalb, »was ist, mein Angebot gilt noch.« Die angebliche Kommissarin nickte. »Wir müssen uns leider von ihnen verabschieden«, sagte er zu der Frau, die ihn verhaften wollte, »vielleicht sehen wir uns mal wieder.«
»Wo wollen sie hin«? fragte die Frau, die Pistole zeigte noch immer auf sie. »Frau Dreier möchte nach Paris, es sei denn, sie wollen uns begleiten?«
»Ihr seid der, von dem die Zeitungen berichten?«
»So ist es«, sagte er.
»Sie wollen mit Frau Dreier nach Paris, um ihr eure Fähigkeiten zu demonstrieren?« Er nickte.
»Und sie würden mich mitnehmen?«
»Wenn sie mich nicht erschießen?«
»Da brauche ich nicht lange überlegen, von mir aus kann es losgehen«, gleichzeitig öffnete sie ihre Schreibtischschublade und legte ihre Pistole darin ab. Frau Dreier blickte enttäuscht, hatte sie doch gehofft, noch mehr von ihm erfahren zu können. Wieder klopfte es und die Tür ging auf. Ein Mann blickte herein. Kristian wollte die Sache nicht noch mehr komplizieren, fasste beide Frauen an und ließ einen geschockten Mann hinter sich zurück.
Sie standen vor dem Eiffelturm. Als wenn sich beide Frauen abgesprochen hatten, schauten beide auf ihre Uhren, um festzustellen, dass sie für die Reise nur wenige Sekunden gebraucht hatten. »Sicher wollen sie das Eintrittsgeld sparen, und von mir auf den Turm gebracht werden«? fragte er. Eine Antwort nicht abwartend, standen sie bald auf der Plattform, erschreckte Besucher sprangen zur Seite. Die angebliche Kommissarin Dreier ging auf die andere Frau zu und sagte: »Frau Kramer, sie wissen, dass sie über das, was hier geschehen ist, keinem etwas erzählen dürfen.«
»Warum wollen sie das verheimlichen, die ganze Welt redet doch über nichts anderes?«
»Trotzdem wollen wir nicht, dass die Menschen in Panik geraten.« »Er«, sagte Frau Kramer und deutete auf Kristian, »hat sich bisher doch nur von seiner guten Seite gezeigt, warum also sollen die Menschen vor ihm Angst haben?«
»Davon verstehen sie nichts«, sagte Frau Dreier.
Kristian berührte Frau Kramer und sie standen wieder unten auf dem Platz. »Sie haben Frau Dreier vergessen.«
»Hab ich nicht. Diese Leute haben bisher erfolgreich unsere Existenz verleugnet. Sie haben es eben doch selber erfahren.«
»Ich heiße Heike.« Sie gab ihm die Hand.
»Mein Name ist Edra.« »Können wir zurück«? fragte er.
»Nicht so schnell, ich bekomme bestimmt nicht noch mal die Gelegenheit, solch eine Reise zu machen, da vorne ist eine Bank.« Sie faste ihn am Arm und zog ihn zur Bank. Sie setzte sich und schaute zum Turm hoch.
»Warum seid ihr überhaupt heute an einem Samstag im Büro«? fragte er.
»Es gab eine Beförderung und die sollte groß gefeiert werden.« Dann blickte sie ihn an und fragte, »wie sehen sie in Wirklichkeit aus?«
»Du kannst ruhig du zu mir sagen, und was deine Frage betrifft, ist es wohl besser, wenn du das nicht weißt. Vielleicht habe ich sechs Beine oder sehe aus wie ein Insekt, dann würdest du schreiend weglaufen.«
»Schon möglich«, gab sie zu.
»Komm, ich bringe dich zurück.«
»Und was wird aus Frau Dreier?«
»Sie wollte mich für Spionagetätigkeiten anwerben. Soll sie sehen, wie sie nach Hause kommt.«
»Sehen wir uns wieder«? fragte Heike, »vielleicht brauche ich mal deine Hilfe.«  
»Ich höre eure Radionachrichten, wenn was ist, werde ich mich bei dir melden, erschrecke gleich nicht, wenn ich dich absetze, ich bleibe wohl besser unsichtbar.« Ein Flügelschlag später standen sie wieder in ihrem Büro. Hier herrschte immer noch einige Aufregung über das Verschwinden von Heike. Als sie nun plötzlich wieder im Zimmer stand, schrien einige auf. »Was ist denn hier los«, fragte Heike, »kann man denn nicht einmal kurz nach Paris reisen, ohne dass hier alles drunter und drüber geht?« Die Anderen schauten sie immer noch ungläubig mit offenem Mund an und überlegten, ob das ein Scherz sein sollte.
Der Mann älteren Datums, stand in der Tür und erhob seine Stimme, »Frau Kramer, was geht hier eigentlich vor?«
»Was meinen sie wohl«, sagte Heike, »sie haben es doch sicherlich gerade gehört, ich war mit Frau Dreier in Paris.«
»Und wo ist Frau Dreier?«
»Die hat leider ihren Anschluss verpasst.«
»So, meine Damen und Herren, würden sie bitte diesen Raum verlassen, ich habe noch mit Frau Kramer etwas zu bereden«, sagte der Mann. Als alle den Raum murrend verlassen hatten, Heike hatte sich inzwischen hinter ihren Schreibtisch gesetzt, kam der Mann auf sie zu. »Ich war von Anfang an dagegen, dass Frau Dreier sich in ihrem Büro breitgemacht hat. Aber was kann ich schon gegen eine Anweisung von oben machen. Man hat sich nicht mal die Mühe gemacht, mich in die Sache einzuweihen. Und jetzt kommen sie daher, verschwinden einfach und tauchen ebenso plötzlich ohne Frau Dreier wieder auf. Laufen hier irgendwelche Versuche, von denen ich nichts weiß?«
»Keine Ahnung was hier läuft Herr Brockhaus. Ich überraschte Frau Dreier mit einem steckbrieflich gesuchten Straftäter hier in meinem Büro, da sehen sie, der da war es«, und sie zeigte auf den Steckbrief.«
»Was passierte weiter«? fragte ihr Chef und zog sich einen Stuhl heran. Heike machte es Spaß, ihren Chef auf die Folter zu spannen. »Also, ich ziehe meine Pistole und will den Mann verhaften, und ehe ich mich versehe, bin ich in Paris.« Ihr Chef sagte nichts, sondern schaute sie nur ungläubig an. »Wie schon gesagt, Frau Dreier wollte lieber mit dem Flugzeug zurückkommen.«
»Sie glauben an das, was sie mir erzählt haben«? fragte Herr Brockhaus.
»Sie nicht?«
»Natürlich nicht.« Kristian hatte die ganze Zeit zugehört. Ein Chef, der seine Angestellte für eine Spinnerin hielt, konnte einem schon das Leben zur Hölle machen.
»Sie können Frau Kramer schon glauben, es war so, wie sie es erzählt hat.« Herr Brockhaus blickte in die Ecke, in der Kristian stand, obwohl er ihn nicht sah. Dann sah er wieder nach Heike, Frau Kramer, ich mag solche Späße nicht, also hören sie damit auf. Heike sprang auf und fauchte ihren Chef an, »wollen sie etwa sagen, dass die ganze Geschichte erfunden ist und gerade ein Geist zu ihnen gesprochen hat?«
Herr Brockhaus sagte nichts, er stand auf und wollte rückwärts zur Tür gehen und erschrak, weil Kristian sichtbar werdend die Tür versperrte. Sicher erkannte er ihn nicht als den Straftäter. Chefs haben andere Interessen als Steckbriefe zu studieren. »Wer sind sie und wo kommen sie so plötzlich her«? fragte er. »Schauen sie sich den Steckbrief an«, sagte Kristian und deutete auf die Wand. Wie in Trance ging der
Mann auf den Steckbrief zu, erhob dann seine Stimme und rief, »Frau Kramer, verhaften sie diesen Mann.«
»Das wird nur schwer gehen«, sagte diese, und deutete auf die Tür. Herr Brockhaus, leichenblass geworden, hielt sich krampfhaft an der Stuhllehne fest, als er sah, wie sich Kristians Körper langsam auflöste und unsichtbar wurde.
»Ich gehe jetzt«, sagte Kristian, weil er nicht wollte, dass der Mann vor Schreck einen Herzinfarkt erlitt und sprang zurück. Großvater schien sich besser zu fühlen. Gemeinsam mit Jessika trank er Kaffee. »Hallo Kristian«, sagte Jessika, wir haben unsere Pferde noch drüben.
»Stimmt, ich gehe gleich rüber und hole sie.«
Der Burghof war zunächst leer. Als er auf die Stalltür zuging, ging diese auf und Johannes kam heraus.
»Kristian«, sagte er, »ich habe mir schon gedacht, dass du bald kommst, um deine Pferde abzuholen.« Johannes drehte sich um und sie gingen beide in den Stall und halfen Johannes Nachfolger, die Pferde zu satteln.
»Du gehst sicher sofort zurück«? fragte Johannes. Er nickte. »Deine Rüstung liegt auf den Sätteln.«
Die Pferde wurden herausgeführt. »Bis zum nächsten Mal«, sagte er zu Johannes, drängte die Pferde zusammen und sprang in sein Zeitalter zurück. Zu Hause vor dem Stall erschrak er, als plötzlich Johannes hinter den Pferden hervortrat. »War das Absicht, dass du mir gefolgt bist«? fragte Kristian.
»Ja, ich wollte sehen, wohin ihr geht«, sagte er grinsend und schaute sich um.
»Das ist das Haus von Ludwig«, stellte er fest.
»Du bist mir vielleicht ein Schlitzohr. Da du schon mal hier bist, dann kannst du mir helfen die Pferde abzusatteln und pass auf meine Rüstung auf.« Im Haus machten alle große Augen, wie Kristian mit der Rüstung auf dem Arm und Johannes hereinspaziert kam. Als er ihre fragenden Blicke sah, zuckte er mit den Schultern. »Johannes hat mich überlistet und sich zwischen die Pferde geschmuggelt.« Johannes sah aus, als wenn er von einem Kostümfest kam in seiner Kleidung. Maria starrte ihn an und dachte daran, dass er eigentlich schon ein paar Jahrhunderte tot war. Johannes schaute sich um, ging zu den Fenstern und drückte seine Hände vor das Glas. »Kannst du so etwas auch für mein Zimmer machen«? fragte er. Kristian nickte. Maria hatte sich gefangen und in der Mikrowelle Kakao warm gemacht. Für Johannes musste die Umgebung ein Schock sein. Alles so aufgeräumt und sauber. Er trank einen Schluck und schielte auf die Plätzchen, die ihm Maria zuschob. Einmal angefangen schob er ein Plätzchen nach dem anderen in sich hinein.
»Großvater, ich hab ein Erinnerungsstück mitgebracht, es passt sicherlich gut in die Halle.« Großvater zog seine Stirn kraus und ging in die Halle, »ich hab's«, freute er sich, »die gehörte dem Ritter, der die Burg überfallen wollte.« »Genau«, sagte Kurt, der in der Tür stand.
»Wie geht's dir«? fragte er ihn.
»Immer besser«, meinte er grinsend. Er schaute sich die Rüstung genau an. Auch das Schwert war dabei. Es hatte etliche Macken in der Schneide. »Ich lasse morgen ein Gerüst für die Rüstung machen«, sagte Großvater, »dann stellen wir sie neben die Andere.«
»Johannes, ich bring dich besser zurück, ehe du vermisst wirst«, sagte Kristian. Johannes verzog sein Gesicht, »jetzt schon, ich habe mich ja noch nicht mal richtig umgesehen?« Kristian wollte nicht, dass er durch die vielen für ihn ungewohnten Eindrücke, zu sehr durcheinander kam. Ehe er noch mehr protestieren konnte, faste er ihn an und setzte ihn im Stall ab. »Bis bald«, sagte er,« und sprang, da er schon mal hier war, nach Hanna. Ein Pferd stand angebunden vor ihrem Haus. Hanna war nicht im Haus. Er schaute sich draußen um und entdeckte sie schließlich am Rand der Lichtung. Sie schnitt Futter für ihre Ziege.
»Hallo Kristian, ich danke dir für das schöne Häuschen und die durchsichtigen Fenster.«
»Ich glaube nicht, dass du noch lange etwas davon hast.«
»Wie kommst du denn darauf?«
»Wie ich hörte, verstehst du dich mit dem Grafen hervorragend.«
»Na ja, es könnte etwas daraus werden.«
»Sicher hast du in diesem Fall nichts dagegen, wenn ich dann weiter in deinem Haus Zwischenstation mache?«
»Nein, natürlich nicht.«
»Hast du keine Angst, dass irgendwelche Leute dein Haus ausräumen, wenn du nicht zu Hause bist«? fragte er.
»Bis hier trauen sie sich nicht, hier ist Elfenland.«
»Und das Pferd draußen?«
»Der Graf holt mich nachher ab, wir wollen noch etwas durch die Gegend reiten.«
»Gibt es schon einen Termin für die Verlobungsfeier von Ludwig und Isabel?«
»Bisher noch nicht.«
»Ich muss zurück«, sagte er, »bis bald.« »Kristian«, Hanna kam auf ihn zu, »zwischen uns ändert sich doch nichts, wir bleiben doch Freunde?«
»Ja sicher, ich würde mich für dich freuen, wenn du Frau Gräfin würdest.« Hanna nahm ihn in den Arm und auch er drückte sie an sich. »Ich geh jetzt lieber, sonst denkt der Graf noch Böses über uns, wenn er uns hier so zusammen sieht.«
»Du warst aber lange weg«, sagte Jessika, als er wieder zurück war. »Ich habe noch bei Hanna vorbeigeschaut.«
»Hattest wohl Sehnsucht nach ihr?«
»Nein, ich wollte nachsehen, wie ihr die Fenster gefallen, weil sie ja nicht da war, als ich die Fenster eingebaut habe.«
»War doch nur Spaß«, sagte Jessika und umarmte ihn.
»Was machen wir mir dem Rest des Tages?«
»Nun, wir könnten in die Stadt fahren und uns schon mal nach einem Verlobungsgeschenk für Isabel und Ludwig umsehen.«
»Oh ja,« jubelte Jessika.
»Wollt ihr euch beteiligen«? fragten sie Großvater und Kurt. »Wenn wir zur Feier eingeladen werden immer.«
»Also dann los.« Sie ließen sich von den beiden das Geld geben und fuhren in die Stadt. In einem Antiquitätenladen erstanden sie eine Waschschüssel, die von einem dreibeinigen Gestell getragen wurde und die passende Wasserkanne. Im gleichen Geschäft kauften sie eine schöne Petroleumlampe, in einem Anderen etliche Flaschen Petroleum. Im Kaufhaus erstanden sie noch kistenweise Kerzen in verschiedenen Farben. Sie fuhren dann zurück. Großvater und Kurt begutachteten ihre Einkäufe. »Was haben wir morgen vor«? fragte Kurt.
»Bis jetzt noch nichts«, sagte Kristian.
»Wir könnten morgen ausreiten«, schlug Jessika vor.
»Du meinst ins Mittelalter«? fragte er. »Genau.«
»Dann lasst uns aber etwas mehr Proviant mitnehmen. Es geht schlecht, wenn wir ein Picknick machen und die Einheimischen müssen uns dabei zuschauen. Erinnert ihr euch an die Burgruine hier im Nachbarort?«
»Von der ist doch noch weniger übrig wie von Falkenhorst?«
»Das ist schon richtig, aber sie ist die Nachbarburg vom Grafen.« Zu Jessika gewand, fragte er, »hast du gut riechende Seife im Haus? Wir wissen nicht, ob wir ein Gastgeschenk brauchen, nur für alle Fälle. Aber lass mal, ich wollte sowieso noch etwas einkaufen, dann bringe ich Seife mit.«
Er sprang erst zu sich, dann zum Laden in sein Dorf. Tüten mit kleinen roten Lutschern, andere Süßigkeiten, Plätzchen und die Seife legte er neben die Kasse. Zu Hause packte er alles und noch was zu trinken, in seinen Rucksack. Wieder bei Jessika, war Maria gerade dabei, die Picknickdose aufzufüllen. »Vergesst die Kamera nicht«, sagte er.
Großvater saß in seinem Lehnstuhl und schaute ihnen zu. Sicher wäre er gerne mitgekommen. Jetzt konnten sie nur noch bis morgen abwarten. Sie gingen früh schlafen und waren am anderen Morgen schon früh auf. Kristian besorgte frische Brötchen und sie ließen sich das Frühstück schmecken. Dann sattelten sie die Pferde, Kurt band ihren Proviant an seinen Sattel, Kristian trug seinen Rucksack selber. Sie ritten eine Weile, bis sie sicher waren, dass keiner sah, wie sie sich einfach in Luft auflösten. Die Falkenhorstburg lag vor ihnen. Sie schlugen aber den Weg ein, der ihrer Meinung zu der Nachbarburg führen musste. Der Weg führte durch Wald und Wiesen und war von Radspuren durchfurcht. Hoffentlich gab es keine Wegelagerer, die ihnen den Spaß verderben wollten. Nach ca. fünf Kilometern zweigte ein Weg rechts ab. Da sie noch kein Dorf gesehen hatten, würde sie der Weg vielleicht dort hinführen. Nach weiteren fünfhundert Metern tauchten die ersten Hütten auf. Die wenigen Kinder und Frauen verschwanden in ihren Hütten. Diese waren aus Lehm mit eingearbeitetem Flechtwerk, das an einigen Stellen zu sehen war, und alles machte einen armseligen Eindruck. Die Männer standen abwartend da. Keiner hielt einen Stock oder sonst eine Waffe in den Händen. Vielleicht lag es daran, dass sie auch nicht bewaffnet waren. Um ins Gespräch zu kommen, fragte Kristian, sie nach den Weg zur Burg Rabenfels. Zunächst sagte keiner etwas. Eine ältere resolute Frau kam dann aus dem Haus und erklärte ihnen den Weg. »Habt ihr etwas dagegen, wenn wir hier eine kurze Rast einlegen«? fragte er.
»Wir können euch nichts anbieten, feine Herrschaften wie ihr würdet unser Essen auch nicht essen wollen.«
»Wir wollen euch eure Vorräte nicht wegessen, im Gegenteil, ihr sollt unsere Gäste sein.«
Die Frau gab die Tür frei, sodass sie eintreten konnten. Kurt hatte die Pferde angebunden und brachte seinen Proviantbeutel mit rein. In der Hütte sah es so ähnlich aus wie in Hannas Hütte vor dem Umbau. Am Rockzipfel der Frau hielt sich ein vielleicht fünfjähriges Mädchen fest. Der Mann des Hauses, falls es einen gab, ließ sich nicht blicken. Vorher war ihm schon aufgefallen, dass die Bewohner ärmlich mit grobem Baumwollgewebe bekleidet waren. Kristian versuchte, das Mädchen hinter der Mutter hervor zu locken, was ihm aber nicht gelang. Kurt hatte derweil das von Maria eingepackte Essen auf die rohe Tischplatte gelegt. Sie hatten nur drei Trinkgläser dabei, die sie sich mit frischem Brunnenwasser füllen ließen. Als sie anfingen zu essen, und die Frau keine Anstalten machte zuzugreifen, drückte Kristian ihr ein Brötchen in die Hand. Sie drehte es in alle Richtungen und wollte dann ihrer Tochter eine Hälfte geben. Kristian schüttelte den Kopf und reichte ihr ein zweites Brötchen. Jessika gab er zu verstehen, dass er Lutscher in seinen Rucksack hatte und sie dem Mädchen davon einen geben sollte.
Mit dem Lutscher konnte es nicht viel anfangen. Erst als Jessika das Papier entfernte und sich selber einen in den Mund steckte, war der Bann bebrochen. Wie viele Kinder hat euer Dorf fragte Jessika? Die Frau hob beide Hände. Jessika zählte zehn Stück ab, gab sie der Frau, die nichts eiligeres zu tun hatte, sie gleich nach draußen zu bringen. Irgendwann siegte die Neugierde der Männer, die sich dann nach und nach in den Raum zwängten. Jessika verteilte die restlichen Lutscher. Sie erkundigten sich nach der Burg Rabenfels und deren Bewohner.
»Graf Georg ist ein guter Herr, aber wenn sein Sohn Graf Rudolf das Erbe antritt, ergeht es uns schlecht. Er schickt schon jetzt ab und zu seine Männer her und holt unser Vieh, obwohl wir die Pacht bezahlt haben.«
»Wir hatten eigentlich vor, der Burg Rabenfels einen Besuch abzustatten«, sagte er.
»Dann werdet ihr des Grafen Sohn ja kennenlernen«, sagte die Frau.
Kurt packte den Rest wieder in seinen Beutel und alle gingen nach draußen. Sie dankten für die Gastfreundschaft, saßen auf und setzten ihre Reise fort. Nach ein paar Kilometer sahen sie die Burg. Von allen Seiten einsehbar, das heißt von Wiesen und Äckern umgeben, lag sie auf einem Hügel. Vier wuchtige Rundtürme sicherten nach allen Seiten. Auf dem Bergfried wehte eine Fahne mit einem Raben. Hatte man die Zugbrücke und das Fallgitter passiert, dann war man immer noch nicht in der Burg. Ein langer Gang, in dem gerade mal zwei Reiter nebeneinander Platz hatten, führte zum eigentlichen Burgtor. Kurt war mit der Kamera unterwegs, sie ließen sich mit Sicht auf der Burg, einige Hundert Meter entfernt ins Gras nieder. Ab und zu sahen sie einen Bewaffneten oben auf der Zinne seine Runden drehen. Irgendwann hatte er sie wohl entdeckt und hielt es für angebracht, ins Signalhorn zu blasen. Auf den Zinnen erschienen mehrere Leute.
»Kurt kannst du erkennen, was da vor sich geht?«
»Ich sehe einen Fiesling, der auf seine Leute einredet.« Es dauerte nicht lange, dann kamen fünf Reiter über die Zugbrücke galoppiert. »Der Fiesling ist auch dabei«, sagte Kurt.
Die Reiter kreisten sie ein. Ihr Interesse galt hauptsächlich Jessika.
»Ich bin der Sohn des Grafen Georg, mein Name ist Graf Rudolf.« Rudolf war dunkel, eher schwarz gekleidet. Ebenso der Hut, in der eine Feder steckte. Seine Begleiter hatten Kettenhemde an. Über ihr Kettenhemd trugen sie einen Überwurf, der über die Hüfte reichte und mit einem Raben bestickt war.
»Was macht ihr hier?«
»Das sieht man doch, wir machen eine Rast. Es sei denn, ihr wollt sie uns verwehren.«
Die Leute des Grafen schauten gespannt zum Grafen. Bald zog es ihre Blicke wieder auf Jessika. »Wie ich sehe, tragt ihr keine Waffen zu eurer Verteidigung«, sagte der Graf.
»Wir hatten angenommen, dass dies eine friedliche Gegend sei, obwohl mir auch anderes zu Ohren gekommen ist.«
»Wie meint ihr das«? fragte der Graf. »Es soll hier einen Raubritter geben, ihr werdet ihn sicherlich nicht kennen oder?«
»Ihr habt ein loses Mundwerk«, sagte der Graf,
»habt ihr nicht Angst, dass man es euch stopft?«
»Ich sehe hier keinen, der das versuchen könnte«, antwortete Kristian. Um die Sache nicht weiter eskalieren zu lassen, sagte er: »Graf Lothar ist unser Freund, und sicher wollt ihr, dass er auch euer Freund bleibt.«
Wenn Blicke töten könnten, hätte jetzt sein letztes Stündlein geschlagen. »Warum sagt ihr das nicht gleich, ihr seid uns herzlich willkommen.«
»Wenn ihr uns so freundlich einladet, nehmen wir die Einladung natürlich an.« Der Graf schaute Kurt zu, wie dieser während der ganzen Zeit die Kamera auf das Geschehen gerichtete hatte. »Dann folgt uns bitte«, sagte der Graf, wartete bis alle im Sattel saßen, und ritt voran. Sein Pferd war kräftig und etwas massig, und gerade richtig, wenn es einen Ritter mit Rüstung tragen musste. Sie mit ihren leichten Pferden hatten daher keine Mühe, ihm zu folgen. Der Bläser auf der Zinne kündete ihr Kommen an. Sie passierten den schmalen Durchgang und sahen oben die Wachen auf sich herunterschauen. Eine Vorburg gab es nicht, dafür war der Burghof aber etwas größer. Links eine Ecke mit einer Bank und ein Rosenspalier. Eine junge Frau kam darunter hervor und wartete darauf, dass man sie vorstellte. Sie saßen ab und man nahm sich ihrer Pferde an.
»Das ist meine Schwester Brunhilde«, sagte Graf Robert. Kristian stellte sie vor. »Wir haben schon viel von euch gehört«, sagte Brunhilde, »stimmt es, dass ihr unter dem Schutz der Elfen steht?«
»So könnte man es nennen«, sagte er. Kurt sah, dass Brunhilde vor einem Schachspiel gesessen hatte. »Würdet ihr mir erlauben eine Partie mit euch zu spielen«? fragte er.
»Aber nur, wenn ihr mich nicht gewinnen lasst.«
»Da muss ich mich sicher anstrengen.« Kristian musste lachen, als Kurt ihr seinen Arm galant reichte, und sie unter die Laube zurückführte.
»Kommt, mein Vater möchte euch sicher kennenlernen«, sagte Graf Rudolf. Das Wohnhaus fügte sich an der Außenmauer an und hatte viele Fenster mit runden Bögen aber keine Scheiben. Viele neugierige Augen blickten auf sie herunter und verschwanden schnell, als der Graf ihrer gewahr wurde. Jessika nahm Kristians Hand und sie folgten dem Grafen ins Haus. »Graf Georg«, stellte er seinen Vater vor. »Meine Verlobte Jessika, ich heiße Kristian. Mein Freund Kurt, der draußen verweilt, spielt mit euerer Tochter Schach.« Er sah sich um. Der Raum war nicht allzu groß und auch wohl nicht für festliche Anlässe gedacht. Ein schwerer Kronleuchter hing von der Decke herab, der lange Tisch, wuchtig aber blank gescheuert. Auf der einen Seite des Tisches steht eine Bank, in der Länge des Tisches, drei gepolsterte Lehnstühle auf der anderen Seite. Im Mittleren saß Graf Georg. Ein Kamin mit zwei gekreuzten Hellebarden, und gegenüber, zwei offene Bogenfenster mit von innen schließbaren Fensterläden. Graf Georg deutete auf den Platz ihm gegenüber. Sie setzten sich und eine Magd brachte Wein. Vater und Sohn saßen ihnen gegenüber, sodass er Gelegenheit hatte, festzustellen, wie unterschiedlich doch beide waren. Der Vater mit Bart und schon leicht ergraut, strahlte Ruhe und Ehrlichkeit aus. Sein Sohn, der einen Lippenbart trug, hatte dagegen einen verschlagenen Blick, der noch durch eine Narbe vom Auge bis zum Mundwinkel reichte, verstärkt wurde. Unverwandt starrte er Jessika an. Seinen gierigen Augen konnte man unschwer entnehmen, an was er dachte.
»Mein Nachbar und Freund Graf Lothar hat mir schon von euch berichtet, ohne eure Hilfe und die der Elfen, wäre mein Freund in arge Bedrängnis geraten.« Im Stillen dankte Kristian dem Grafen Lothar, dass dieser keine weiteren Einzelheiten seiner Fähigkeiten preisgegeben hatte. »Es stimmt schon«, sagte er, »ohne die Hilfe der Elfen säßen wir vielleicht nicht hier.«
»Es wird erzählt, dass ihr dem Elfenkönig das Leben gerettet habt«, mischte sich Sohn Rudolf ins Gespräch ein, »womit wurdet ihr dafür belohnt?« Jetzt wurde es Jessika zu viel.
»Erwartet ihr für alles eine Belohnung, nur weil ihr jemand geholfen habt? Ihr beutet eure Leute bis aufs Blut aus, ihr schämt euch nicht mal hinter dem Rücken eures Vaters, den Bauern ihr Letztes zu nehmen. Wie kann man erwarten, dass die Bauern halbwegs gute Erträge einbringen, wenn ihr ihnen das Vieh stehlt.«
Jessika war so empört, dass sie vergaß, dass sie die Gäste des Grafen Georg waren. Dieser war empört über die Anschuldigung Jessikas, aufgesprungen. »Das sind schwere Anschuldigungen, die ihr erhebt«, dabei blickte er seinen Sohn an. Als dieser keine Anstalten machte sich über die Anschuldigungen zu beschweren und nur grinste, war dem Vater klar, dass Jessika die Wahrheit gesagt hatte. Im selben Augenblick kam Kurt herein. Er spürte die angespannte Atmosphäre begrüßte den Grafen kurz und verschwand wieder mit Kristians Rucksack. Er wollte der schönen Brunhilde ein paar Geschenke machen. Kristian und Jessika standen auch auf. »Wir müssen auch weiter«, sagte er, »wir sehen uns gewiss auf der Verlobungsfeier von Ludwig und Isabel.«
»Es tut mir Leid, dass unser Treffen so endet«, sagte der Graf. »Es ist nicht eure Schuld«, sagte Kristian.
Beim Hinausgehen, der Sohn folgte ihnen nicht, sagte Kristian zum Grafen, »euer Sohn wird sich doch nicht bei den Bauern rächen, weil diese uns das von eurem Sohn erzählt haben?«
»Ich werde den Bauern ihren ungerechtfertigten Verlust ersetzen«, sagte der Graf. Kurt sah sie kommen, sie verabschiedeten sich, über ihnen schaute Graf Rudolf ohne eine Regung auf sie herunter. Die Pferde wurden gebracht, sie saßen auf. »Viele Grüße an meinen Freund Graf Lothar.« Sie winkten und ritten aus dem Burghof mit der Gewissheit, dass ihnen tödliche Blicke folgten.
Es war noch kein Mittag, deshalb hatten sie es nicht eilig nach Hause zu kommen. Graf Rudolf würde nicht den Fehler machen, sie zu verfolgen. So ritten sie den gleichen Weg zurück und kamen wieder durch das Dorf. Jetzt liefen ihnen die Kinder entgegen. Auch die Älteren hatten ihre Scheu abgelegt. Vor dem Haus ihrer ersten Gasgeberin machten sie Halt und banden ihre Pferde an. Sie kam auch gleich heraus, grüßte und bat sie herein. Alle ihrer noch verbliebenen Vorräte packten sie auf den Tisch. Ein Stück Seife war noch da, Kekse und Gebäck von Maria. Die Frau selbst hatte ihnen außer sauberes Brunnenwasser nichts anzubieten. Die Tochter griff beherzt zu und freute sich über das unerwartete Mahl. Auch die Bäuerin musste immer wieder aufgefordert werden, doch zuzugreifen. Zum Schluss erzählten sie ihr von dem Besuch beim Grafen Rabenfels. Als sie hörte, dass der Graf das zu unrecht eingezogene Vieh zurückerstatten würde, konnte sie ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie ließen alles, was sie nicht mehr brauchten, wie Trinkgläser und Seife zurück und verabschiedeten sich, nachdem sie ihr gesagt hatten, dass sie Nachrichten beim Grafen Falkenhorst hinterlassen könnten, für den Fall, dass Graf Rudolf wieder zum Raubritter wurde. Kristian war klar, dass er sich heute einen Feind im Hause Rabenfels geschaffen hatte.
Sie ritten noch bis zu ihrem Ausgangspunkt und von da aus war der Sprung bis nach Hause nicht mehr weit. Großvater freute sich, als er sie sah. Sie versorgten die Pferde und gingen ins Haus. Der Kaffee von Maria tat ihnen allen gut. Großvater und Maria hörten gespannt ihrem Erlebnisbericht zu. Durch die Aufnahmen von Kurts Kamera hatten sie fast das Gefühl, als wären sie dabei gewesen. Sollte ein Unbefangener diese Aufnahmen sehen, würde er sie für einen schlechten Witz halten. Die Wirklichkeit stellt man sich eben anders vor.
Kurts Urlaub war zu Ende. Er musste sie, ob er wollte oder nicht, wieder verlassen. »Ihr müsst mich unbedingt auf dem Laufenden halten«, sagte er, als er sich verabschiedete.
Da fuhr ihr Kameramann hin, was Kristian daran erinnerte, die Aufnahmen in Sicherheit zu bringen. Jessika war ein wenig traurig, als Kurts Auto immer kleiner wurde. Kristian nahm Jessika in den Arm und sie gingen gemeinsam mit den anderen ins Haus. Sie schauten sich noch einen Fernsehfilm an und gingen dann schlafen.
Jessika hatte am nächsten Morgen etwas vor, weswegen Kristian sich nach dem Frühstück von ihr verabschiedete. Auch er hatte etwas vor und wollte kurz bei sich vorbeischauen, ob alles in Ordnung war und fuhr danach in die Stadt. Es war noch kaum Betrieb, da die Geschäfte gerade erst geöffnet wurden. Zufälle gibt es, Lena privat ohne ein Mikrofon in der Hand, schlenderte durch die Passagen. Sie, in Gedanken versunken, stellte er sich ihr in den Weg. Erschrocken blickte sie zu ihm hoch und wollte an ihm vorbei gehen. Wie das in solchen Situationen oft so ist, machte jeder einen Schritt in die falsche Richtung, was sie zum Lachen brachte. Schließlich blieben sie einfach stehen. »Hallo Lena«, grüßte er. Wie elektrisiert fuhr sie zusammen.
»Kennen wir uns«? fragte sie.
»Schon möglich«, erwiderte er. Sie wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte, viele hatten sie die letzte Zeit im Fernsehen gesehen. Er trat zur Seite, um ihr Platz zu machen. Zögernd machte sie den ersten Schritt und ging. Er drehte sich auch um und ging weiter.
»Edra«, schrie Lena plötzlich so laut, dass er und auch andere Leute stehen blieben. Kristian drehte sich um und schaute zu Lena. Während er stehen blieb, kam Lena wieder auf ihn zu.
»Edra«? fragte sie in banger Hoffnung.
»Was meinst du, sehe ich aus wie Edra«? fragte er.
»Nein, das muss aber nichts heißen.« Kristian blickte sich um. In einer Passage standen schon Tische, die hergerichtet wurden.
»Komm, lasst uns einen Kaffee trinken«, schlug er vor. Lena sah sich bereits am Ziel ihrer Wünsche. Mit glänzenden Augen folgte sie ihm. Sie setzten sich, der Ober nahm die Bestellung entgegen, und sie tranken dann ihren Kaffee.
»Ich heiße Kristian.« Lena blickte ihn unverwandt an, als suchte sie ein Zeichen des Wiedererkennens.
»Bist du Edra«? ließ sie nicht locker.
»Nein«, sagte er ohne schlechtem Gewissen.
»Du kennst ihn aber?«
»Schon möglich.«
»Wie habt ihr euch kennengelernt?«
»Sicher genau so wie du.«
»Und was weißt du über ihn?«
»Nun, er scheint einem Volke anzugehören, das uns weit überlegen ist.«
»Hat er dich mal mitgenommen?«
»Ja, ich kenne sein Volk.«
»Wie ist es«? fragte sie aufgeregt.
»Und morgen steht alles in der Zeitung und die Jagd auf mich ist eröffnet.«
»Nein, bestimmt nicht«, versprach sie.
»Hast du schon mal vom alten Volk gehört«? fragte er. Sie schien nachzudenken.
»Du meinst nicht die kleinen Elfen?«
»So klein sind sie nun auch wieder nicht«, sagte er.
»Und wo leben sie«? fragte sie.
»Darüber möchte ich nicht reden. Es haben schon mehrere Schriftsteller versucht, Verbindungen zwischen dem alten Volk und den UFOs herzustellen.«
»Du meinst, die kleinen grauen Männchen?« Kristian nahm sich vor, nicht zu viel zu spinnen, sonst verfing er sich in sein eigenes Lügennetz.
»Dir ist sicher klar, dass du unter Beobachtung stehst, weil du Kontakt mit Edra hattest. Ich möchte wetten, dass deine Wohnung verwanzt ist. Versuche das herauszubekommen, dann hast du was zu schreiben, und sie lassen dich für eine Weile in Ruhe. Versuche nicht, mich zu finden, es reicht, wenn ich weiß, wo du zu finden bist.« Er blickte sich um. »Was ist«? fragte Lena unsicher. Es war möglich, dass sie schon beschattet wurde und dass man deshalb dadurch jetzt auf ihn gestoßen war. »Lena, wir trennen uns jetzt so als wären wir alte Freunde, für alle Fälle. Und noch was, fahr mal zur alten Burg Falkenhorst, unser nächstes Treffen wird dort stattfinden.«
Der Ober kam, als er winkte und bezahlte. Sie standen auf, Lena wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte, er nahm sie in den Arm und küsste sie. Erst überrascht, erwiderte sie den Kuss. »Siehst du, jetzt werden sie denken, dass wir alte Freunde sind, bis bald.« Er schaute sich nicht mehr um und verließ die Geschäftspassagen.
Auf dem Heimweg bemerkte er den Wagen, der ihm folgte. Alle Versuche ihn abzuschütteln, schlugen fehl. Anhand seines Autokennzeichens würden sie sowieso schon wissen, wo er wohnte und er fuhr deshalb direkt zu sich. Alles, was er an Fotos hatte, brannte er auf CD und löschte sie anschließend auf der Festplatte. Als er einen Blick durch das Fenster warf, sah er gerade noch, wie seine Verfolger abfuhren. Er nahm die CD und sprang in die Halle nach Jessika, da er wusste, dass Großvater und Maria jedes Mal erschraken, wenn er plötzlich in der Küche auftauchte. Großvater las in der Zeitung, Maria stand vor dem Herd, als er ins Zimmer trat. Kristian erzählte, dass er Lena getroffen, und dass man ihn verfolgt hatte. Großvaters besorgtes Gesicht veranlasste Kristian, ihm zu erklären, dass man das mit allen Personen machte, die mit Lena in Berührung kamen. Trotzdem wollte er aus Vorsicht alle Beweise auf Kurts PC löschen. Da Kurt auch einen Brenner hatte, war es leicht, alles auf seine CD zu überspielen und anschließend die Daten auf der Festplatte zu löschen. Den Speicher der Kamera löschte er ebenfalls. Da die CD nicht viel Platz brauchte, legten sie sie in eine von Großvaters Zigarrenkisten unter eine Lage Zigarren.
»Wie geht es jetzt weiter«? fragte Großvater.
»Wie bisher. Wir sind ja nur eine von vielen Kontaktpersonen.«
»Was machst du heute Nachmittag«? fragte Großvater.
»Wenn Jessika nicht kommt, spring ich nach Hanna und streiche die Wände.«
»Dann nimmst du mich mit«, sagte Großvater. Da nichts dagegen sprach, sagte er zu. Maria rief zu Tisch. Nach dem Essen holte Kristian noch einiges Werkzeug und Folie zum Abdecken des Bodens von sich und sprang dann mit Großvater nach Hanna. Es war keiner außer der Ziege da.
Großvater ging durch die Tür und schaute sich interessiert um. Ganz neu war das für ihn nicht, da er ja schon die Kamerabilder gesehen hatte. »Setz dich draußen auf die Bank«, sagte Kristian zu ihm, »ich fange dann an, die Wände zu streichen.«
Die Ziege fing an zu meckern und er fragte sich, wie Hanna die Versorgung der Ziege bewerkstelligte. Großvater redete beruhigend auf die Ziege ein. Nach einer Stunde war Kristian fertig, und rollte die Folie zusammen. Großvater saß schlafend auf der Bank. Kristian brachte sein Werkzeug und Folie zu sich zurück und sprang wieder nach Großvater zurück. Pferdegewieher schreckte Großvater hoch. Beide schauten sie den beiden Reitern entgegen. Es war Hanna und Isabel.
Hanna scheute sich nicht und fiel ihm um den Hals. Beide staunten nicht schlecht, als sie seine Arbeit bestaunten. Obwohl die Wände noch feucht waren, war das Zimmer um ein Vielfaches heller geworden. Sie trugen den Tisch und Stühle nach draußen. Hanna kochst du Kaffee, dann hole ich Kuchen.« In seinem Dorf kannte er eine ruhige Stelle, zu der er sprang, kaufte ein paar Sahneteilchen und sprang zurück. Isabel staunte nicht schlecht. Hannas Kaffee war inzwischen auch fertig. Gemütlich saßen sie zusammen. Kristian erzählte von ihrem Ausflug zur Burg Rabenfels und was sie dort erlebt hatten. Hanna und Isabel hörten nur mit einem Ohr zu, und waren erst zufrieden, als es keinen Kuchen mehr gab. Isabel erzählte, dass sie nur selten mit ihrem Vater zur Burg Rabenfels geritten war, weil sie den Sohn Rudolf nicht mochte. Dass dieser die Dörfer so drangsalierte, war ihr aber neu. Später fütterte Hanna die Ziege, sie trugen den Tisch und die Stühle wieder hinein. Die Sonne hatte das Tal verlassen, als sie sich verabschiedeten. Jessika wartete schon auf sie, war ein wenig sauer, weil sie nicht auf sie gewartet hatten. Damit sie auf dem Laufendem war, erzählte er ihr dass mit Lena. »Ich muss noch mal weg«, sagte er und war weg, ehe Jessika weitere Fragen stellen konnte.
Von Zuhause rief er Lena an. »Fahr sofort zu der Stelle von der wir zuletzt geredet haben und bring deinen Fotoapparat mit. Du wirst erwartet.« Er legte auf. Sie brauchte eine halbe Stunde bis zur Burg. Kristian sah sie und auch ihre Verfolger kommen. Lena hatte es aufgegeben, ihre Verfolger abzuschütteln. Das letzte Stück kam sie zu Fuß. Er hatte wieder die Gestalt des Verbrechers auf dem Steckbrief angenommen. »Edra?« fragte Lena. »Ja«, sagte er. Beide blickten sie den Hügel runter zum Wagen der Verfolger. Sie machten nicht den Versuch, auszusteigen. Sie sahen, dass Fotos von ihnen gemacht wurden. »Komm, wir fragen sie mal, was sie wollen«, und sie gingen langsam den Hügel runter. Zunächst keine Reaktion, einer sprach aufgeregt in sein Handy.
Dann setzte der Wagen zurück und fuhr sehr schnell den Weg zurück, den er gekommen war, hielt dann aber, als sie sich wieder sicher fühlten. Sie gingen den Hügel wieder hinauf.
»Ich möchte dir ein Geschäft vorschlagen. Die Bilder, die du gleich und später machst, gehören zu fünfundsiebzig Prozent mir. Du wirst sie an jedermann verkaufen, der sie will. Meinen Anteil wirst du mir in bar auszahlen. Ich werde dich anrufen und „Bank“ sagen. Dann gehst du zur Volksbank, lässt dir das Geld auszahlen und ich werde es übernehmen. Bist du damit einverstanden«? »Ja, ist in Ordnung.« Ehe sie weitere Fragen stellen konnte, gab er ihr die Erklärung.
»Ich lebe unter euch, ich könnte mir nehmen, was ich brauche, das lässt unser Ehrgefühl aber nicht zu. Also, kann es losgehen«? Lena nickte nur. »Halt«, sagte Kristian.
»Hast du dich über diese Burg erkundigt?«
»Ich habe es versucht, aber nicht viel gefunden.«
Im selben Augenblick fiel ihm ein, dass das was er vorhatte, so nicht laufen konnte. Er hatte vor, ihr die Burg zu zeigen, als Edra würden die Wachen ihn nicht erkennen und ihn vielleicht nicht durchlassen. Jetzt hatte er sich in seinem eigenen Lügennetz verfangen. Ihm blieb nur noch eins übrig, Farbe zu bekennen.
»Erschreck jetzt nicht«, sagte er und verwandelte sich in seine Person. Sie erschrak doch. »Kristian, heißt das, dass du doch Edra bist?« Er machte ein schuldbewusstes Gesicht und nickte. »Aber deine Kräfte?«
»Habe ich von den Elfen.«
»Und wo sind die?«
»Ein andermal.«
»Da hast du mir aber die ganze Zeit einen Bären aufgebunden.« Lena lachte laut auf.
»Trotzdem, es bleibt alles beim Alten mit meinem Anteil«, sagte er und sprang mit ihr los. Vor ihnen die Burg. Lena verschlug es die Sprache. »Ja, was ist«, fragte er, »wir haben doch ein Geschäftsabkommen.« Lena begriff und machte Fotos. Sie gingen auf das Tor zu. Die Wachen grinsten Lena an, als sie das Tor passierten.
»Gib mal her«, sagte Kristian und nahm ihren Fotoapparat. »Stell dich mit dem Rücken zum Tor.« Er machte zwei Aufnahmen. Die Vorburg mit den Ställen und Gärten kosteten weitere Aufnahmen. Er hatte Johannes schon entdeckt, der stand mit mehreren alten Freunden zusammen. Erst als diese in ihre Richtung blickten, wurde er auf Kristian aufmerksam. »Kristian«, rief er und rannte auf sie zu.
»Darf ich vorstellen, Johannes, Sohn des Grafen Lothar von der Burg Falkenhorst. Und das ist Lena, stellt euch zusammen, ich mache ein Foto von euch beiden.« Er erinnerte Lena, dass sie keine Fotos von ihm machen durfte. Sie gingen auf die Burg zu. Lena machte Fotos von den Leuten. Vor dem Haupttor machte er ein Foto von ihr mit je eine Wache rechts und links.
»Komm, mein Vater wird sich freuen dich zu sehen«, sagte Johannes. Kristian fand, dass Lena fürs Erste genug gesehen hatte, sonst wäre ja keine Steigerung mehr möglich gewesen. »Nein, heute nicht«, sagte er, »Lena muss zurück.« Diese wollte protestieren, schwieg dann aber. »Schade«, sagte Johannes. Sie gingen zurück, Lena schoss noch ein paar Fotos und sie verließen die Vorburg. »Bis bald«, sagte er zu Johannes, der sie bis hier begleitet hatte. Hinter der Wegbiegung sprangen sie, er wieder als
Steckbrieflichgesuchter, zurück. Lenas Verfolger waren noch da. Sie konnten sich ausrechnen, dass Lena ihren Wagen nicht einfach stehen lassen würde. Lena wechselte die Speicherkarte und steckte sie in ihren BH. Man konnte ja nie wissen. Kristian blieb stehen, Lena stieg in ihr Auto und fuhr los. Dann sprang Kristian zum Verfolgerauto. Ehe diese wussten, wie ihnen geschah, hatte er schon die Tür aufgemacht und hielt ihnen seine Hand entgegen. »Schlüssel«, sagte er nur. Beide blickten sich an, machten aber keine Anstalten, ihm diesen zu geben. Was blieb ihm anderes übrig, als sie zu erschrecken. Er verschwand und sprang mit ihrem Auto zwischen zwei Mauerreste, sodass sie weder vor noch zurück konnten. Lena war schon außer Sichtweite, als Kristian zu sich nach Hause sprang.
Lena war ohne weitere Probleme zu Hause angekommen. Sie rief ihren Redakteur an. »Hans, wenn du bereit bist, einen anständigen Preis für Fotos aus dem Mittelalter zu zahlen, komme ich nachher vorbei, den Bericht muss ich allerdings noch schreiben.«
»Du warst mit dem Außerirdischen unterwegs«?
»Ja, wir haben einen Zeitsprung gemacht.« »Komm vorbei, ich halte dir Platz auf der ersten Seite frei.« Dann fuhr sie zu dem Fotogeschäft in der Stadt, wo man Fotos nach einer Stunde abholen kann. »Hallo Lena«, sagte der Inhaber.
»Es eilt«, sagte Lena. »Zehn Fotos von jedem Bild.« »Ganz wie du willst«, sagte er und verschwand mit der Speicherkarte.
Nach einigen Tassen Kaffee bekam Lena eine dicke Tüte Fotos überreicht. »Interessante Fotos«, meinte er. Sie bezahlte mit ihrer Scheckkarte und fuhr zu ihrer Zeitung. Der Redakteur wartete schon ungeduldig. »Zuerst zum Preis, jedes Foto kostet dich einen Vorzugspreis von 2500 Euro.« Gleichzeitig legte sie vierzig verschiedene Fotos auf den Tisch. Fünfundzwanzig Fotos wechselten den Besitzer.
»Wie gehabt auf mein Konto«, sagte Lena und setzte sich vor ihren Computer, um ihren Bericht zu schreiben. Der Bericht schlug am anderen Morgen wie eine Bombe ein. Äußerungen wie der 1. April ist vorbei, oder Betrug, fielen mehr als häufig. Nachdem man sich mit den Gedanken eines Zeitsprungs angefreundet hatte, diskutierte man über die Möglichkeiten, die ein Zeitsprung mit sich brachte.
»Jetzt übertreibst du aber«, sagte Jessika, als sie Kristian morgens die Zeitung auf den Tisch legte. Er erklärte ihr dann, wie er sich in seinem Lügennetz verfangen hatte und Lena reinen Wein einschenken musste.
Lena hatte sich am Morgen einen Kameramann ausgeliehen. Dieser filmte ihren Bericht für das Fernsehen. Am Schneidetisch wurden die digitalisierten Fotos hinzugefügt. Lena wuchs der Stress langsam über dem Kopf. Anrufe kamen aus aller Welt, die an ihre Bilder interessiert waren. Von einem befreundeten Anwalt ließ sie Verträge aufsetzen, die verhindern sollten, dass verkaufte Berichte weiterverkauft wurden. Von ihrer Homepage konnten die Verträge herunterkopiert werden und unterschrieben bei Kauf der Fotos abgegeben werden. Über ihren Computer konnte sie direkt auf ihr Konto schauen und Einzahlungen kontrollieren. Sie konnte aber nicht immer zu Hause sein, da jede Menge Interviewe anstanden. Ihr fiel ihre Freundin Nena ein. Diese würde bestimmt gelangweilt zu Hause herumsitzen. Nena hatte reich eingeheiratet und ihr Mann meinte, dass sie es nicht nötig hatte zu arbeiten. Nena freute sich über den Anruf von Lena und war hellauf begeistert, am aktuellsten Geschehen mitarbeiten zu dürfen. »Komm vorbei«, sagte Lena, »ich erkläre dir, was du machen sollst.« Lenas Kamerabericht ging weg wie warme Semmeln. Da sie jetzt genug Geld hatte, kaufte sie sich eine bessere Digital- und Videokamera. Bewegte Bilder sind nun mal besser zu verstehen. Kristian rief Lena auf ihrem Handy an.
»Wie laufen die Geschäfte«? fragte er, ehe sie was sagen konnte.
»Es könnte besser nicht sein.«
»Da wird die „Bank“ sich aber freuen.« Er hoffte, dass Lena den versteckten Hinweis verstanden hatte, und verabschiedete sich. Mit dem Auto zur Volksbank zu fahren war ihm zu umständlich. Er kannte einen stillen Hinterhof in der Nähe und sprang. Unsichtbar wartete er vor der Bank. Nach zehn Minuten kam Lena. Hinter ihr ging er in die Bank. »Erschreck nicht«, sagte er, »ich bin hinter dir.«
Willst du deinen vollen Anteil jetzt mitnehmen«? fragte Lena. »Ja, warum nicht«, sagte er.
»Weil wir dann noch mal raus müssen.« Zielstrebig drehte sie sich um und verließ die Bank. »Was hast du vor«? fragte er.
»Du brauchst einen Koffer für dein Geld.«
»Wieso, ist das so viel?« Lena nannte einen Betrag, dass ihm die Luft wegblieb. Er hatte nie über die Folgen nachgedacht.
»Das ist nur der Anfang, die Leute kaufen wie verrückt.«
»Dann sollten wir uns Gedanken über eine Fortsetzung machen«, schlug er vor. In einem Geschäft in der Nähe kaufte Lena einen Aktenkoffer aus Aluminium. Er wartete draußen und beobachtete die Umgebung. Schnell hatte er eine Frau ausgemacht, die scheinbar interessiert die Auslage in einem Geschäft gegenüber betrachtete. Im Spiegelbild des Fensters schaute sie zum gegenüberliegenden Geschäft. Um sicher zu sein, ging Kristian zu ihr. »Von welchem Verein sind sie?« Erschrocken drehte sie sich im Kreis. Langsam dämmerte ihr, wer in ihrer Nähe war.
»Also«, fragte er. »BND«, kam es gepresst über ihre Lippen. Er sah, dass Lena das Koffergeschäft verließ und folgte ihr wieder in die Bank. Am Bankschalter erkannte man sie. Lena nannte einen Betrag und der Bankangestellte schaute zu seinem Chef, der gekommen war, um seine prominente Kundin zu begrüßen. Als dieser nickte, wurde die Auszahlung vorbereitet. Bündel über Bündel verschwanden im Koffer. Lena schloss den Koffer und grinste über die verdutzten Gesichter der Bankangestellten, als der Koffer sich wie von Geisterhand durch die Luft bewegte. Für Lena war es wichtig, einen Nachweis zu haben, dass sie das Geld nicht der Steuer vorenthalten wollte. »Ich melde mich«, sagte er zu Lena und machte sich den Spaß, den Koffer weiter sichtbar neben sich her durch die Tür zu tragen.
Draußen sprang er direkt zu sich. Wo sollte er mit seinem Koffer bleiben. Da fiel ihm ein, wie der Elfenkönig seine Feier für Außenstehende unsichtbar gemacht hatte. Er entnahm dem Koffer einige Scheine und machte ihn unsichtbar. Langsam ließ er ihn los mit der Vorstellung, dass er unsichtbar blieb. Es klappte. Jetzt musste er nur noch eine Stelle finden, wo er keinem im Weg war. Danach sprang er nach Jessika. »Kommt«, sagte er zu Großvater und Maria, »ich lade euch zum Essen ein.« »Wie kommen wir denn zu dieser Ehre«? fragte Jessika? »Ich habe eben mit meinem Geschäftspartner gesprochen und der meint, ich könnte mir das leisten.«
»Etwa Lena«? fragte Jessika.
»Ja, und sie sagte noch, dass die Quelle weiter sprudelt.«
»Wenn das so ist, sollten wir die Gelegenheit nutzen.«
Mit Jessikas Auto fuhren sie ins nächste Restaurant und ersparten sich nichts. Kristian bestellte sich noch einen  zweiten Nachtisch und Großvater sich eine Zigarre, die er einsteckte. Maria war auch zufrieden. Als die Rechnung kam, konnte Jessika es sich nicht verkneifen, einen Blick darauf zu werfen, ohne etwas zu sagen. »Ich glaube, dass ich meine Arbeitsstelle kündige«, sagte Kristian, als sie wieder im Auto saßen. Als er ihre erstaunten Gesichter sah, erklärte er ihnen, dass man auch anders sein Geld verdienen konnte.
»Ich muss Lena nur mit neuem Gesprächsstoff versorgen, dann läuft das Geschäft von alleine.« Gesagt getan. Auf Kurts PC schrieb er seine Kündigung und schickte sie als Mail ab. Er fühlte sich gleich besser.
»Hast du Lust mit rüber zuspringen«? fragte er Jessika. »Was hast du vor?« »Ich will ein paar Säcke Mehl in die Dörfer schaffen.«
»Da komme ich mit.« In ihrem Dorf gab es eine Mühle. Er veränderte sein Aussehen und bestellte zehn Säcke Weizenmehl, die er draußen aufstapeln ließ. Als keiner in der Nähe war, verschwand er mit ihnen nach Jessika. Gemeinsam sprangen sie mit der Hälfte ins nächste Dorf, welches zu Falkenhorst gehörte. Er war noch nie hier gewesen. Die Säcke lagen zunächst noch unsichtbar am Dorfrand. Sie gingen ins Dorf. Neugierige Blicke folgten ihnen. Armselige Hütten säumten den Dorfrand. Wie er später erfuhr, lebten hier die Tagelöhner, die selber kein Land besaßen und bei den reichen Bauern Gelegenheitsarbeiten ausführten. Es folgten die Fachwerkhäuser der Bauern, die besser dran waren. Diese standen um den runden Dorfplatz. Die Häuser hatten noch Platz für eingezäunte Gärten oder Schweinesuhlen. Sie erregten einiges Aufsehen, als sie langsam an den Häusern vorbei gingen. Dann kam ein kräftiger Mann auf sie zu. Er sah gut genährt aus im Gegensatz zu den Leuten, die am Rand des Dorfes wohnten. Neugierig musterte er sie.
»Ich bin der Schulze, was wollt ihr?«
»Wir möchten den ärmsten der Armen helfen. Ihr wisst doch sicherlich, wer Hilfe nötig hat.« Abschätzend blickte er sie, dann die Leute an, die sich auf dem Dorfplatz sammelten. »Wie wollt ihr ihnen helfen«? fragte er.
»Wir haben Mehl dabei. Wenn ihr es herschaffen könntet, es liegt am Dorfeingang, fünf Säcke.« Der Mann drehte sich um und gab jemandem den Befehl, die Säcke herbeizuschaffen. Schnell machte Kristian die Säcke sichtbar. Dann rief der Schulze acht Namen auf. Die Leute drängten sich nach vorne. »Ihr habt es gehört, der Herr hier will, dass ihr eure Vorratsbehälter holt.« Als hätten sie nicht verstanden blickten sie sich nur fragend an. Erst als er sagte, »wenn ihr nichts braucht, bekommt es ein anderer«, rannten sie los. Inzwischen kamen die Säcke auf einen zweirädrigen Pferdewagen am Dorfplatz an. »Macht Platz«, schrie der Schulze, und die Leute machten dem Karren Platz.
»Habt ihr eine Schöpfkelle zum Austeilen«? fragte Kristian ihn. Wieder ein Befehl, und die Kelle kam. Inzwischen kamen die Leute mit ihren Behältern. Kristian schaufelte je einen viertel Sack in ihre Behälter, die bald überliefen.
»Ihr kennt die Leute besser wie wir, verteilt ihr den Rest gerecht, und ihr braucht euch selber nicht vergessen.«
»Ihr habt es gehört, holt eure Behälter.« Im Nu sprangen die restlichen Leute davon und kamen mit Töpfen und Eimern wieder. Mit Sinn und Verstand verteilte der Schulze das Mehl. Es gab kein Murren, alle schienen zufrieden. Als alle Säcke leer waren, deutete der Schulze auf die Säcke.
»Wer soll sie bekommen?«
»Ihr seid der Schulze, verteilt sie.« Es waren fein gewebte Leinensäcke und aus ihnen ließen sich Kleidungsstücke machen. Er gab sie den Tagelöhnern. »Würdet ihr bitte meine Gäste sein?«. Er deutete zum größten Haus am Platz. Sie nickten und folgten ihm.
Die Tür wurde von einer Frau aufgehalten, die der Schulze als seine Frau vorstellte. In etwa sah es hier so aus wie anfangs bei Hanna, nur, dass alles größer und großzügiger war. Sie setzten sich an den lang gestreckten Tisch auf eine Bank. Die Frau stellte drei Becher auf den Tisch und füllte sie aus einer Kanne mit Bier. »Ihr ward schon Gast beim Grafen«? fragte der Schulze. Kristian nicke.
»Auf der Burg wird viel über euch geredet und dass die Elfen eure Freunde sind.«
»Ja, das stimmt«, und Kristian erzählte ihm, wie er den Elfenkönig gerettet hatte. »Nicht viele haben je einen Elfen zu Gesicht bekommen«, sagte er, »und wenn, sind sie vor Angst davongelaufen.«
»Angst braucht ihr vor den Elfen wirklich nicht haben. Sie wollen nur in Ruhe gelassen werden.«
Das Bier schmeckte und der Schulze erzählte, mit welchem Glück sie dem Ansturm der Söldner entgangen waren. »Kann ich euch sonst noch helfen«? fragte Kristian ihn.
»Braucht ihr Saatgut?«
»Die Saat ist ausgebracht, vielleicht nächstes Jahr.«
»Lasst uns gehen«, sagte Kristian und stand auf. Sie verabschiedeten sich und gingen über den Dorfplatz zurück. Außer Sicht holte Kristian die anderen Säcke ab und brachten sie zum Dorf von Rabenfels. Kristian wartete bis die Luft rein war, und machte die Säcke sichtbar. Sie trafen die ältere Frau vom ersten Besuch an und überließen ihr die Verteilung. Auch hier sah man anschließend nur glückliche Gesichter. Sie hielten sich nicht lange auf und sprangen zurück.
Zum Abendessen kamen sie gerade noch rechtzeitig. Dann erzählten sie Großvater und Maria, was sie mit den Säcken Mehl gemacht hatten. Maria standen die Tränen in den Augen. »Diese armen Leute«, sagte sie immer wieder. Nach dem Essen setzten sie sich auf Großvaters Gartenbank. Wohlweislich hatten sie sich so gesetzt, dass der Wind den Rauch von Großvaters Zigarre von ihnen wegtrug.
»Soll ich uns was zu trinken holen«? fragte Jessika.
»Wenn du mich schon so fragst«, sagte Großvater, »ein Bier wäre nicht schlecht.«
»Für uns Wein«? fragte Jessika. Kristian nickte. »Großvater«, sagte er, »falls jemals herauskommen sollte, dass ihr mit den Elfen in Verbindung steht, ist es mit eurer Ruhe hier vorbei.«
»Daran habe ich auch schon gedacht, hoffentlich kommt es niemals so weit.«
»Ich will ja nicht den Teufel an die Wand malen«, sagte Kristian, »ihr brauchtet jemand, der euch beschützt.«
»An wen hast du gedacht«? fragte Großvater.
»An einen Hund.«
»Und der soll uns beschützen?«
»Ja, zumindest verhindert er, dass Leute einfach hier hereinstürmen.« Jessika kam mit den Getränken.
»Ich habe mir überlegt«, fing Großvater sogleich an, »ich schaffe mir einen Hund an, damit ich nicht immer alleine auf der Bank sitzen muss.«
»Das finde ich gut«, sagte Jessika.
»Was haltet ihr davon, wenn wir uns morgen mal im Tierheim umsehen«? fragte er.
»Ich bin jedes Mal so traurig, wenn ich das Tierheim verlasse und die vielen traurigen Hundeaugen in meinem Rücken spüre«, sagte Jessika. Großvater wollte noch ein Bier, sie tranken die Flasche Wein leer.
Spät abends gingen sie beschwipst ins Bett.
Es war schon zehn Uhr am anderen Morgen, als Kristian wach wurde. »Jessika aufstehen, wir haben doch noch was vor.«
»Kannst du nicht schon mal nach unten gehen, ich komme dann nach.« Er kannte ja noch nicht alle Ausreden, die sie gebrauchte, um in aller Ruhe weiterschlafen zu können, spürte aber sofort, dass sie ihn nur loswerden wollte. Geräuschvoll ließ er im Badezimmer Wasser in den Zahnputzbecher laufen. Als wenn sie Schlimmes ahnte, fragte Jessika, »was machst du da?«
»Ich lasse den Zahnputzbecher voll Wasser laufen.«
Nach einer längeren Überlegungszeit fragte sie dann.
»Und was hast du damit vor?«
»Ich komme damit zu dir.« Dass ein wenig Wasser solch eine Wirkung haben würde, konnte er nicht erahnen. Schreiend sprang sie aus dem Bett.
Als er ins Schlafzimmer sah, saß sie auf dem Bettrand und schaute ihn böse an. Er konnte nicht anders und musste laut lachen. Jessika stand auf und wackelte verführherrisch mit ihrem Körper. Es fehlte nicht viel und er wäre fast auf ihren Trick hereingefallen. »Bis gleich«, sagte er, und ging nach unten. Kristian hatte sich schon daran gewöhnt, dass das Frühstück auf ihn wartete. »Guten morgen Maria.« Großvaters Platz war schon geräumt. In aller Ruhe las er die Zeitung bis Jessika kam. Maria wusste noch nicht, was auf sie zukam. Obwohl es ja seine Idee war, sagte er ihr, dass sie für Großvater einen Hund kaufen wollten. Der erwartete Protest blieb aus.
»Wir haben zu Hause auch immer Hunde gehabt«, sagte Maria. Nach dem Frühstück fuhren sie mit Jessikas Auto ins nächste Tierheim. Viele traurige Hundeaugen schauten sie erwartungsvoll an. Einige Hunde hatten einen Zwingerkoller, sprangen gegen das Gitter und bellten sie an.
Liebe auf den ersten Blick. Am Ende des Ganges stand ein schwarzer Teufel, ein großer Dobermann. Abwartend, ob sie sich in seine Richtung bewegten, schaute er sie mit seinen hoch aufgerichteten kupierten Ohren entgegen. »Hallo«, sagte Kristian und blieb vor dem Zwinger stehen. »Du bist aber ein Schöner. Dich will wohl keiner haben.«
Wachsam schaute er Kristian aufmerksam an. Dieser ging in die Hocke und hielt seine Hand vor das Gitter. Langsam kam er näher, blickte mal Jessika dann ihn an. Er beschnupperte Kristian Hand. Auch Jessika hielt ihre Hand hin. Kristian traute sich nicht, einfach in den Zwinger zu gehen, zu furchteinflößend wirkte sein Äußeres. Sie riefen eine Betreuerin. Diese ging, ohne zu zögern, in den Zwinger hinein und leinte den Hund an. »Das ist Aron, 4 Jahre alt«, und gleichzeitig drückte sie Kristian die Leine in die Hand. Der Blick eines Dobermanns ist nicht gerade Vertrauenerweckend, eher Furcht einflößend. Er dachte daran, dass er so gefährlich nicht sein konnte, sonst hätte man ihn ihm nicht einfach so in die Hand gedrückt. »Hallo Aron, du bist ein lieber Hund und wir sind deine Freunde.« Er ging wieder in die Hocke. Aron kam näher und beschnüffelte sein Gesicht. Langsam bewegte sich seine Hand auf ihn zu. Aron ließ es zu, dass er seinen Kopf streichelte. »Braver Hund. Na was meinst du«? fragte er Jessika.
Die Frage erübrigte sich, den plötzlich sprang Aron an Jessika hoch, legte seine Pfoten auf ihre Schultern und leckte durch ihr Gesicht. Jessika wäre fast umgefallen. Sie legte ihren Arm um Aron.
Die Formalitäten waren schnell erledigt. Großvaters Name wurde als Käufer eingetragen. Einen Sack Futter nahmen sie auch gleich mit. Das Autofahren bereitete Aron keine Schwierigkeiten. Der ganze Rücksitz gehörte ihm. Großvater stand schon am Tor, als er sie kommen hörte. Sie gingen mit Aron durch das Tor. Großvater schloss es wieder. Kristian löste die Leine. Wie ein Blitz raste Aron kreuz und quer durch den Garten. Dann hob er sein Bein und markierte sein neues Revier. »Mann«, staunte Großvater, »das ist aber ein Kraftpaket.« Maria kam aus dem Haus und flüchtete gleich wieder hinter die Tür, als Aron auf sie zulief. »Aron«, rief Kristian. Er kam sofort und blickte ihn an. »Fuß«, sagte er. Alle waren erstaunt, als er den Befehl ausführte.
»Eine Hundeerziehung brauchte er jedenfalls nicht«, stellte Kristian fest. »Maria, du kannst dich nicht ewig verstecken, komm und bring es hinter dich.« Sie kam dann heraus.
»Hallo Aron«, sagte sie und ließ zu, dass er sie beschnüffelte. »Dann lauf«, sagte Kristian und Aron sprang um sie herum. Sie gingen ins Haus, Aron folgte ihnen.
Nachmittags gingen sie mit Aron spazieren. Schließlich sollte er die Umgebung kennenlernen. Was lag näher, als dass sie zur Burgruine hochgingen. Kristian war schon lange nicht mehr auf die umständliche Art durch das Tor ins Mittelalter gegangen. »Wenn du willst, mach ich dich mit den Anfängen meiner Reisen bekannt«, sagte er zu Jessika.
Im Moment waren keine Besucher da. Er dirigierte sie auf den Mauerrest, der gegenüber dem Tor lag. Als es kurz darauf zu flimmern anfing, schrie Jessika auf. Er ließ das Tor sich aufbauen und dann wieder zusammenfallen.
»Das hast du ohne dein Medaillon gemacht«, stellte Jessika fest, da sie ja wusste, wie alles angefangen hatte.
»Wenn ich wüsste, wie es ginge, könnte ich dann auch das Tor öffnen?« Er nickte. »Und warum zeigst du mir nicht, wie es geht?«
»Vielleicht hast du Recht, wer weiß, was uns noch alles passiert. Zur Not könntest du Hera um Hilfe bitten. Du müsstest zu Hannas Haus gehen und laut nach Hera rufen.«
Er erklärte ihr, wie sie vorzugehen hatte. Beim dritten Versuch kam das Flimmern einen Meter hoch und fiel dann wieder in sich zusammen.
»Du darfst dich nicht ablenken lassen, warte, bis sich das Tor voll aufgebaut hat.« Sie nickte, ging dann zielstrebig zu der Stelle, wo sie dass Flimmern gesehen hatte, und versuchte es noch einmal. Kristian hatte nicht damit gerechnet, dass sie, als sie es schaffte, das Tor ganz aufzubauen, hindurch sprang. Das Tor schloss sich sogleich wieder hinter sie. Dieses Luder. Sogleich kamen ihm Bedenken, ob es richtig war, Jessika einzuweihen. Er nahm den direkten Weg, Aron am Halsband, standen sie mit Jessika im Stall. Sie strahlte und fiel ihm jauchzend um den Hals. »Das war aber so nicht gedacht«, sagte er.
»Theorie und Praxis sind zwei verschiedene Dinge«, antwortete sie. Aron knurrte. Draußen kam jemand. Er hatte keine Lust ihr Erscheinen erklären zu müssen und sprang mit Aron und Jessika zur Burgruine zurück. Nachdem er sicher war, dass keiner in der Nähe war, hob er die Unsichtbarkeit auf. Jessika rannte mit Aron um die Wette den Hügel runter. Was blieb ihm anderes übrig als hinterher zu rennen. Zu Hause rannte sie schreiend durch die Haustür, »Großvater, Großvater.« Dieser ahnte Schlimmes und kam ihr entgegen. Jessika fiel ihrem Großvater um den Hals, »ich kann es, ich kann rüber.« Großvater verstand nichts und blickte nur erstaunt und abwartend Jessika an.
»Ich bin alleine durch das Tor gegangen.« Jedes Wort sagte sie betont langsam, um die Wirkung zu erhöhen.
»Du meinst, du kannst das Tor öffnen und rüber gehen?« »Jederzeit«, sagte Jessika stolz.
»Dann kannst du mich ja mal zu einem Schwätzchen rüberbringen.« »Halt, halt, das war nur für den Notfall gedacht.«
»Schade«, sagte Großvater »mir zeigt keiner wie das geht,« und ging in den Garten, Aron lief hinterher.
»Jetzt ist er beleidigt«, stellte Kristian fest.
»Ich rede mal mit ihm«, sagte Jessika und ging in den Garten.
Plötzlich stand Hera im Raum. »Mensch Hera«, sagte Kristian, nachdem Maria erschreckt aufgeschrien hatte, »kannst du uns nicht vorwarnen, wenn du kommst?«
»Ich bin mit einem königlichen Auftrag hier. Der König bittet dich, umgehend bei ihm zu erscheinen.«
»Das hört sich mächtig wichtig an«, sagte Kristian und wartete darauf, dass Hera ihm jetzt erklärte, was der König von ihm wollte. Den Gefallen tat Hera ihm nicht. »Komm«, sagte er, berührte ihn und Kristian fand sich in einer ihm unbekannten Welt wieder. Hera ließ ihm keine Zeit, sich umzusehen. Er schob ihn in einen Kuppelbau, einer von vielen. Der König löste sich aus einer Gruppe und kam lächeln auf ihn zu. »Kristian, es ist schön, dass du kommen konntest.« „Konntest ist gut“, dachte Kristian sich.
»Ich möchte dich mit den Raumschiffführern bekannt machen.« Nacheinander begrüßte Kristian die Männer. Zum Schluss blieb noch einer übrig. Dieser drehte sich zu ihm um. Das war ein echter Schreck. Zwei schwarze große mandelförmige Augen blickten ihn an. Kristian blickte Hera an, »der ist echt?« Hera nickte. Wieder blickte Kristian in die riesigen Augen. Keine Regung verriet, was in diesen vorging. Er betrachtete ihn genauer. Seine Nasenlöcher ruhten unter einer leichten Erhöhung. Der Mund lippenlos, nur ein Schlitz. Seitliche Öffnungen im Kopf deuteten auf Ohren hin. Die Hautfarbe eher beige wie grau. Er steckte in eine silberne einteilige Kombination. Die Körpergröße entsprach den der Elfen.
»Das ist Cyro, er wird dich heute Abend mitnehmen«, sagte der König. Kristian hielt ihm seine Hand zur Begrüßung hin. Cyro hielt ihm seine ausgestreckte Hand entgegen. Kristian machte es ihm nach und streckte ihm seine Handfläche entgegen, worauf Cyro seine dagegen drückte. Kristian erschrak, als er nur vier Finger an dessen Hand erblickte. Die Stimme des Königs unterbrach ihn aus seinen Betrachtungen. »Willst du überhaupt mit?« Was für eine Frage, sicher wollte er, die Frage war nur, wohin? Er nickte.
»Dann bis heute Abend.«
»Komm«, sagte Hera und zog ihn weg. Noch ein Blick zu Cyro. Kristian war sich nicht sicher, ob dieser ihn anblickte. Ihm war aber klar, dass er versuchen würde, seine Gedanken zu lesen. Kristian hatte in der Meditation gelernt, einen gedankenlosen Zustand zu erreichen. Er konzentrierte sich auf Cyros Augen und schaltete seinen eigenen Gedankenstrom ab. Hera versuchte wieder, ihn wegzuziehen. Kristian schüttelte ihn ab. Sein Blick war weiter auf Cyro gerichtet. Einer Kraftprobe gleich, hielt jeder des anderen Blickes stand. Dem König und seine Begleiter fiel ihr Verhalten auf. Verwundert schauten sie dem Schauspiel zu. Kristian machte dem ein Ende und sagte in Gedankenform »bis bald«, und war nicht erstaunt, dass das „bis bald“ wie ein Echo zu ihm zurückkam. Die Hand hebend, ließ er sich dann von Hera nach draußen ziehen.
»Was sollte das denn eben bedeuten«? fragte Hera.
»Ich wollte Cyro nur zeigen, dass er nicht zu jeder Zeit in meinen Gedanken herumstöbern kann.«
Erst jetzt bemerkte er, wohin Hera ihn geführt hatte. Hintereinander aufgereiht standen hier Raumschiffe verschiedenster Bauart. Die typische Untertassenart, aber auch in Zigarrenform. Auch die Größe variierte.
»Mit diesem wirst du heute fliegen«, sagte Hera und blieb vor einer Untertasse stehen mit ungefähr acht Meter Durchmesser. Es gehörte zu den kleineren Raumschiffen hier.
»Hera, was ist, wenn wir heute losfliegen, bleiben wir dann in eurem Zeitalter?«
»Das spielt für Raumschiffe keine Rolle. Du musst Cyro nur sagen, wo du hin willst.« Für Kristian war das alles verwirrend. Er blickte zu dem Raumschiff hoch. Es stand auf vier Stelzen. Die Metallflächen blinkten silbermetallisch und waren wie aus einem Guss. Im äußeren Rand waren Lichter eingelassen. Hier zu stehen und ein UFO anzufassen, war schon ein gutes Gefühl. »Wo kommt Cyro her«? fragte er. »Cyro`s Rasse ist eine von vielen. Wir respektieren uns. Mit einigen tauschen wir unser technisches Wissen aus. Deshalb ist Cyro hier.«
»Und warum schließt ihr uns Menschen aus?«
»Wer sagt denn, dass wir das tun?«
»Mit meinem Land habt ihr bestimmt keinen Kontakt.« Hera sagte nichts. »Es sind die Amerikaner, stimmt`s?«
»Vielleicht.« Er musste daran denken, dass schon oft darüber spekuliert wurde, dass die Amerikaner mit Außerirdische zusammenarbeiten und ihren Entwicklungsstand nur ihnen zu verdanken hatten. »Warum nicht wir«? fragte Kristian ihn.
»Denke an den letzten Krieg. Wenn deine Leute unsere Technik gehabt hätten, wäre der Krieg noch schrecklicher geworden.«
»Das ist lange vorbei«, wand er ein.
»Wo sind wir hier überhaupt?«
»In einer Parallelwelt.«
»Und ihr lebt hier?« »Ja.« Schwer zu glauben, dass es zwei Welten an einer Stelle gab, ohne dass man sich begegnete. »Kann ich jetzt auch in diese Welt springen?«
»Erst, wenn der König deine Berechtigung erweitert. Komm, ich zeige dir, wo meine Leute leben.« Hera sprang mit ihm zu seinen Leuten. Es war eine Riesenstadt. Die Häuser waren nur ein bis zwei Stockwerke hoch. Alle waren Kuppelbauten, wie er sie schon kannte. Jedes Haus war von einer Grünfläche umgeben. Fahrzeuge störten nicht das friedliche Bild, da jeder hinspringen konnte, wohin er wollte. In der Mitte der Stadt auf einem Hügel, stand ein größeres Haus. Hera sprang mit ihm in dessen Park. Wasserspiele und Säulengalerien säumten den Weg. Sie gingen über Treppen zum Haus. Die Tür stand auf. Eine große Halle tat sich auf. Eine halbhohe Treppe teilte den Raum in zwei Ebenen. Den höheren Teil konnte man nicht einsehen, weil eine Wand aus grünen Pflanzen die Sicht verdeckte. Hera legte den Finger auf den Mund und ging durch eine Tür in den hinteren Teil. Er hörte einen Aufschrei. »Musst du mich so erschrecken.« Kristian erkannte die Stimme von Shie der Königin.
»Ich habe Besuch mitgebracht.«
»Nun sag schon«, dann hatte sie ihn entdeckt. »Kristian, ich freue mich, dich zu sehen.« Sie umarmte ihn.
»Kommt setzt euch.« Shie gab einer Frau, die erschien, den Auftrag, etwas zu trinken zu bringen.
»Was machst du hier«? fragte Shie.
»Hera hat mich hergebracht, ich darf in einem Raumschiff mitfliegen.«
»Weist du schon, wer das Raumschiff führt?«
»Ja, Cyro.«
»Oh, ich kenne Cyro«, sagte Shie. »Stört es euch nicht, wenn jemand eure Gedanken liest«? fragte Kristian.
»Wir können unsere Gedanken abschirmen.« Die Frau brachte eine Karaffe und drei Gläser. Shie füllte sie. »Auf dein Wohl«, sagte sie. Er war überrascht, ein leichter Fruchtgeschmack mit einem Anteil Alkohol.
»Das schmeckt wirklich gut.«
»Du musst aufpassen, da du heute noch fliegen willst, bekommst du nur ein Glas voll. Das Getränk steigt einem schnell in den Kopf.«
»Ihr wohnt schön hier«, sagte er. »Hera sagte, dass du eine Freundin hast«? fragte Shie, »das nächste Mal bringst du sie mit, damit wir sie kennenlernen können.« Er wusste jetzt schon, dass Jessika es nicht abwarten konnte, wenn sie es erfuhr.
»Ich danke dir für die Einladung.« Kristian blickte sich um, die Wände waren mit Bildern geschmückt. Der König mit verschiedenen Gästen. Auch Cyro oder einer von seiner Art. Aber auch so etwas wie abstrakte Kunst war vertreten. Hera stand auf, »wir müssen zurück, sonst fliegt Cyro ohne Kristian ab.«
»Bis bald«, verabschiedete er sich und fand sich draußen vor dem Raumschiff wieder. Cyro wartete schon. Ein Zweiter von seiner Art stand ebenfalls vor der geöffneten Tür.
»Das ist Systra«, stellte er vor. Äußerlich hätte er sie nicht auseinanderhalten können.
»Ich gehe jetzt«, sagte Hera und verschwand.
»Komm herein,« empfing er Cyro`s lautlose Anweisung. Er musste den Kopf einziehen und ging in gebückter Haltung ins Schiff. Er sah zwei Sessel vor einem Kommandostand. Keine Knöpfe oder Schalter. Verschiedene Symbole auf einem Sensorenfeld war alles, was er sah. »Setz dich auf die Bank hinter mir«, gab ihm Cyro zu verstehen. Kristian setzte sich. Die Tür schloss sich. Ein leises Summen war alles, was er vernahm, als das Schiff abhob.
»Du möchtest, dass wir zu dir fliegen«? empfing er.
»Ja«, dachte er. Ohne dass er es bemerkt hatte, sah er auf einem Bildschirm in der Wand unter sich, eine Stadt liegen. Cyro ging tiefer auf tausend Meter und blieb auf der Stelle stehen.
»Unbekanntes Flugobjekt auf tausend Meter«, hörte er von irgendwo her. »Es steht auf der Stelle.«
»Flugzeug Berta Anton Drei, gehen sie auf eintausenddreihundert Meter und sagen sie, was sie sehen.«
»Verstanden Tower.« »Hier Berta Anton Drei. Ich sehe es, es sieht aus wie eine fliegende Untertasse.«
»Anton Berta drei, verlassen sie umgehend ihren Standort.« »Verstanden.« Bald hörten sie, wie sie sich entfernten.
Die zwei Kampfflugzeuge der Bundeswehr umkreisten sie jetzt in einem weiteren Radius. »Hier AX 1, das UFO bewegt sich nicht, was sollen wir tun?«
»Keine Provokationen, nur beobachten.« Beobachten war gut, wie sollten sie das machen, sie konnten ja nicht auf der Stelle stehen bleiben wie sie. »Du weißt, was du hier machst«? kamen Cyro`s Gedanken bei ihm an.
»Dieses ist doch eine gute Gelegenheit, den Menschen zu zeigen, dass es auch noch andere Lebewesen gibt.«
Cyro gab keine Antwort. »Kann ich mit den Beiden da oben reden«? fragte er. Cyro nickte, da er nicht wollte, dass einer der Beiden ein Held sein wollte. »Wo soll ich reinsprechen«? fragte Kristian. »Rede«, sagte Cyro.
»Hallo ihr beiden, es ist besser ihr fliegt zurück, wir sind in friedlicher Absicht hier.«
»Sie reden mit uns«, hörte er die aufgeregte Stimme eines Piloten. »Sie sind in friedlicher Absicht hier und wollen, dass wir zurückfliegen.«
»Kommen sie zurück«, hörten sie den Befehl. Danach drehten beide ab. »Können wir tiefer gehen«? fragte er. Wieder nickte Cyro. Langsam fragte Kristian sich, wieso Cyro sich auf alles einließ. Hatten der König und er diesen Ablauf in Betracht gezogen? Dann mussten sie ihn aber besser kennen wie er sich selber. Cyro deutete auf den Bildschirm. Kristian sah, wie die Stadt auf sie zukam. Viele Menschen, durch die kreisenden Flugzeuge aufmerksam geworden, blickten ihnen entgegen. Obwohl es anfing, dunkel zu werden, sahen sie die Gesichter deutlich vor sich. Er erkannte, wo sie waren.
»Am Stadtrand ist eine Sportarena, lass uns dorthin fliegen.« Viele Autoscheinwerfer folgten ihnen zur Arena. Aus allen Richtungen kamen Polizeiwagen mit ihren blinkenden blauen Lichtern und versuchten, dem Chaos Herr zu werden. Unter ihnen tauchte die Arena auf. Langsam schwebten sie auf fünfzig Meter herunter. Irgendwie hatten die Menschen es geschafft, die Tore zu öffnen und die Scheinwerfer einzuschalten. Ein endloser Strom ergoss sich auf die Ränge. Angst schienen sie nicht zu haben, denn die Menschenmenge gab ihnen ein sicheres Gefühl. »Zeige den Leuten, was du kannst, fliege hoch und wieder herunter.« Auf dem Bildschirm sah Kristian die Arena kleiner werden und ebenso wieder größer. Das alles hatte nur ein paar Sekunden gedauert, ohne dass er etwas gemerkt hatte. Der Menschenmenge hatte es sicher gefallen. Ehrfürchtig starrten sie auf das Raumschiff. Sie standen seit einer halben Stunde auf der Stelle, was sicher dazu beitrug, die Spannung zu erhöhen. Kristian wollte gerade sagen, in zehn Minuten setzt du auf, als ihm einfiel, dass er nur Gast auf diesem Schiff war. Cyro hatte sein Gedankenspiel wohl mitbekommen, zum ersten Mal sah Kristian, dass Cyro zu einer Regung fähig war. Es bildeten sich zwei Grübchen auf seinen Wangen. Kristian lächelte zurück. Nach zehn Minuten hörte er, wie die vier Stelzen herausgefahren wurden. »Jetzt solltest du den Leuten auf deine Weise mitteilen, dass wir in friedlicher Absicht hier sind und sie ruhig bleiben sollen«, sagte er zu Cyro. Was war das ein Schock, als plötzlich in den Gedanken der Menschen diese Botschaft ankam. Die Spannung musste ungeheuerlich sein. Kristian sah, wie die Polizei Fernsehteams an den Rand des Platzes ließ. Bald würde die ganze Welt von dem ersten öffentlichen Kontakt mit den Außerirdischen wissen. Mittlerweile konnte er mit seinen Fingerkuppen auf dem Sensorenfeld die Kamera bedienen.
Er richtete sie auf die vordere Reihe, dort wo die Fernsehkameras standen. Er hatte schnell gefunden, was er suchte. Lena in einem gelben Kostüm. Wieso hatte sie ein Kostüm an? Er zeigte Cyro den gelben Farbfleck.
»Kannst du diese Frau gezielt ansprechen?« Cyro nickte.
»Sage ihr, Edra lässt grüßen, mach dich bereit.« Er beobachtete Lena. Sie blickte sich um, ob die anderen auch eine Nachricht bekommen hatten, was anscheinend nicht der Fall war.
»Kannst du jetzt die Tür aufmachen?«
Kurz darauf wurde die Klappe heruntergefahren.
Ich verwandle mich wohl besser«, sagte er und wurde zu einem Abbild von Cyro. Dieser hatte erstaunt seiner Verwandlung zugesehen. »Jetzt fehlt mir nur noch die Fähigkeit, dass ich mich mit ihnen über ihre Gedanken unterhalten kann.«
Eine Weile blickte Cyro ihn an, erst als sein Gefährte nickte, nahm Cyro aus einem Fach einen kleinen runden Gegenstand und gab ihn Kristian. Da er ebenso wie Cyro eine kleine Tasche an seiner Seite hatte, steckte er ihn dort hinein.
»Wofür ist das«? fragte er.
»Spreche mit deinem gelben Farbfleck«, sagte er.
Er konzentrierte sich auf Lena. »Hallo Lena«, dachte er, »erschrecke nicht.« »Mensch Kristian, du wirst mir immer unheimlicher. Was habt ihr vor?«
»Wir werden eine Delegation empfangen, zu der du auch gehörst. Ich dachte dabei an den Bürgermeister und den Polizeichef. Deinen Kameramann darfst du nicht mitnehmen. Es wäre gut, wenn du als Auserwählte, die Beiden darauf vorbereiten würdest. Falls einer nicht will, soll er einen anderen bestimmen.« Kristian sah, wie Lena auf einen Polizisten zuging und mit ihm debattierte. Ein Zweiter kam hinzu. Kristian sah, wie sie vergeblich versuchte, die Botschaft weiterzugeben.
Lena wurde immer lauter und ein dritter Polizist kam hinzu. Dieser kannte Lena aus dem Fernsehen und glaubte ihr. Lena verschwand in der Menge. Nach fünf Minuten standen drei Personen am Spielfeldrand. Kristian sah, dass außer Lena noch eine Frau dazugehörte. Warum nicht, das war sicher die Bürgermeisterin. »Hallo Lena, verrate mir die Namen der Beiden.« »Frau Wissing die Bürgermeisterin und Herr Kranz der Polizeichef.«
»Dann kommt«, sagte er, worauf sich die Drei in Bewegung setzten. »Cyro, ich habe eine Bitte, würdest du dich und dein Begleiter vorne an der Tür aufstellen?« Wie immer machte er mit. Cyro und Systra stellten sich an der Tür auf. Ob die Fernsehkameras das auch alle mitbekamen? Er ging der Delegation entgegen. Lena, die ja wusste, dass keine Gefahr drohte, hatte einen deutlichen Vorsprung.
»Nicht so schnell«, sagte er zu ihr.
»Kristian, wo bist du?«
»Ich stehe doch vor dir.«
»Höre auf mit dem Quatsch.«
»Lena, was muss ich tun, damit du mir glaubst? Warte, ich weis schon.« Er ließ Lena auf sich zukommen. Ehe sie zurückweichen konnte, umschlossen seine Arme sie. »Glaubst du mir jetzt?« »Kristian, was haben sie mit dir gemacht?« Er ließ sie los. »Das erzähle ich dir später.« Dann standen sie vor dem Raumschiff. Misstrauisch und ängstlich, schauten die beiden Gäste sich um. Augenkontakt mit ihm vermieden sie. Er wollte ihnen gerade seine Hand entgegenhalten, da bekam er einen Schreck. Hatte er daran gedacht, sich bei der Verwandlung mit vier Fingern auszustatten? Er blickte auf seine Hand. Welch eine Erleichterung, vier Finger an jede Hand. Jetzt machte er dasselbe Spiel, das Cyro mit ihm gemacht hatte. Seine ausgestreckte Hand stiftete zunächst Verwirrung. »Lena«, dachte er, »drück deine Handfläche gegen meine.« Lena machte es vor, dann hatten die Beiden verstanden. »Es ist uns eine Ehre die Bürgermeisterin Frau Wissing und den Polizeichef Herr Kranz begrüßen zu können. Erstaunt schauten sich beide an. »Außerdem Frau Müller.« Er hatte bis jetzt in Gedankenform mit ihnen gesprochen. Jetzt sagte er mit normaler Stimme, »wir möchten, dass die Welt erfährt, dass es uns gibt und wir eure Freunde sein wollen.« Beide, außer Lena, nickten eifrig. Lena zeigte mehr Interesse für das Raumschiff und versuchte ins Innere zu sehen. Er sah, dass sie einen Fotoapparat umgehängt hatte. »Du darfst Fotos machen«, teilte er ihr mit. Cyro hatte es mitbekommen und zuckte nicht zusammen, als das Blitzlicht aufflammte. Bald hatte Kristian sie aus den Augen verloren, nur hier und da sah er es aufblitzen. »Als Zeichen unserer Freundschaft, lade ich sie zu einem Rundflug ein.« Beide sahen sich betreten an, in Gedanken sahen sie sich in den Nachrichten erwähnt, Bürgermeisterin und Polizeichef von Außerirdische entführt. Lena sah ihre Nöte, »ja, dann wollen wir mal«, sagte sie und betrat die Rampe. Widerstrebend folgten die Anderen.
»Lena, keine Fotos im Inneren«, teilte er ihr mit.
»Denke an unsere Partnerschaft vernahm er.«
»Es reicht, was du bist jetzt hast«, was sie wohl einsah.
Die Rampe klappte zu. »Bitte setzen sie sich auf die Bank dort.« Sie folgen seiner Anweisung. Hier hatten sie ausreichende Kopffreiheit. Ihr Blick war gebannt auf den Bildschirm gerichtet. Das Stadion war hell erleuchtet. Zuerst langsam, dann immer schneller, schoss das Raumschiff nach oben. Die Helligkeit des Stadions verblasste, bis der Bildschirm nur noch Dunkelheit anzeigte.
Cyro teilte ihm mit, dass er und Lena ihm nebenan in einen anderen Raum folgen sollten. Hier wechselte Kristian wieder in seine Gestalt. »Ich habe euren Gedanken entnommen, dass ihr beide schon für einigen Wirbel gesorgt habt. Ich halte es daher für besser, wenn ich euch einen Chip einpflanze. Ihr gehört zu den Kontaktpersonen unserer Rasse und seid daher immer in Gefahr, entführt zu werden. Mit dem Chip finden wir euch wieder. Seid ihr damit einverstanden?«
»Ich habe nichts dagegen«, sagte Kristian und blickte dabei Lena an. Lena war auch einverstanden, denn sie nickte. Cyro ging, um kurz darauf wiederzukommen. Ein anderer Duft umgab ihn. Kristian blickte ihn an. »Du bist Systra und ein weibliches Wesen«, dachte er, als wenn eine plötzliche Eingebung ihn dieses hatte erkennen lassen.
»Du bist besser, wie wir gedacht haben«, vernahm er, »aber du hast recht mit deiner Annahme. Macht euren Oberschenkel frei.« Lena und er blickten sich an, dann ließ Kristian seine Hose fallen. Systra kam zuerst zu ihm. Mit ihren Fingern strich sie über den Oberschenkel und führte eine Kanüle unter die Haut. Er fühlte, wie dort etwas unter die Haut geschoben wurde, ohne dass es schmerzte. Dann wurde die Kanüle herausgezogen. Lena hatte ihn die ganze Zeit mit bangen Augen beobachtet und war sichtlich erleichtert, dass sich Kristians Gesicht nicht verzog. Willig ließ sie die Prozedur über sich ergehen. Sie gingen wieder in den Kommandoraum, nachdem er wieder die Aliengestalt angenommen hatte. Er sah die Bürgermeisterin und den Polizeichef verkrampft auf ihre Bank sitzen. Sicher hatten sie sich Gedanken darüber gemacht, was mit Lena geschah. Lena setzte sich lächelnd neben sie und nickte beruhigend mit dem Kopf. Kristian sah den beiden an, dass sie sich nicht wohlfühlten, und fragte sie, ob sie zurückwollten? Erleichtertes Nicken war die Antwort. Cyro leitete die Landung ein. Der Bildschirm wurde heller und bald lag die Sportarena in voller Helligkeit unter ihnen. Erst als die Stelzen ausfuhren, sah man ein befreites Aufatmen auf den Gesichtern ihrer Gäste. Sie würden als Helden gefeiert werden, und ihre Wiederwahl war gesichert. Die Tür öffnete sich und sie hörten ein von der Spannung befreites Jubeln. Mutig geworden, stürmten jetzt vereinzelt Leute auf den Platz. Wenn das so weiterging, kamen sie nicht mehr hoch. Ihre Gäste hatten zum Glück das Schiff schon verlassen. Plötzlich bildete sich in einem Radius von einhundert Metern ein flimmerndes Kraftfeld wie eine Kuppel um das Schiff. Gerade noch rechtzeitig, nachdem ihre Gäste den Kreis verlassen hatten. Es sah lustig aus, wie sich die Menschen gegen das Kraftfeld lehnten und ohne umzufallen, ihre Nasen gegen das Kraftfeld drückten. Sie gingen ins Schiff, und als es abhob, sahen sie, wie die Menschen in der vorderen Reihe nach vorne übereinander purzelten, nachdem das Kraftfeld abgeschaltet war. Kristian schaute schnell Cyro an, ob er das auch lustig fand. Er fand es. Sie stiegen hoch, und ehe er sich versah, setzte Cyro schon wieder zur Landung an. Die Tür ging auf. Kristian wartete draußen auf Systra und Cyro und hielt ihnen seine Handfläche entgegen, worauf sie ihre dagegen drückten.
»Ich danke euch, dass ihr mich mitgenommen habt und ich würde mich freuen, wenn wir uns wiedersehen.«
»Wir danken dir, dass du uns erlaubt hast, deine Denkweise zu studieren. Wir nehmen dich gerne ein andermal wieder mit.« Seine Hand hebend, drehte Kristian sich um und ging auf das Gebäude zu. Alles war ruhig, es wartete keiner auf ihn. Die Tür öffnend, empfing ihn Applaus. Der König, die Königin, Hera und andere Elfen sahen ihm entgegen. Zwei Alien standen im Hintergrund. »Cyro«? fragte er?
»Ich wollte deinen Empfang nicht versäumen«, empfing er seine Antwort. Hinter Kristians Rücken war er und Systra vor ihm hierher gesprungen. Shie kam ihm entgegen und umarmte ihn. »Du hast deine Prüfung bestanden«, sagte sie.
»Was für eine Prüfung«? fragte er und schaute den König an?
»Wir wollten sehen, was du machst, wenn wir dich gewähren lassen.«
»Dann habe ich wohl nichts Schlimmes gemacht, wenn ihr mich so empfangt?«
»Wir haben noch einiges mit dir vor, aber dazu später«, sagte Omi. Im Hintergrund waren einige Leckereien aufgetischt. Die Gläser waren schon gefüllt. Sie hoben ihre Gläser und prosteten sich zu. »Ich habe dein Medaillon erweitert, du kannst jetzt jederzeit hierher springen«, teilte Omi ihm mit.
»Ich danke euch«, sagte er. Shie hatte recht, nachdem er das zweite Glas von dem köstlichen Getränk geleert hatte, dachte er, er würde schweben.
»Na, wie fühlst du dich«? fragte Hera. »Meinst du nach dem zweiten Glas oder den Flug im Raumschiff?«
»Ich meine Letzteres.«
»Es war unbeschreiblich«, sagte er. Da er nicht wollte, dass er sich daneben benahm, fragte er Hera, ob er ihn bei Jessika absetzen könnte?
»Ja, natürlich.« Kristian verabschiedete sich von allen und fand sich in der Küche wieder. »Bis bald Kristian«, sagte Hera und verschwand. Alle hockten vor dem Fernseher. »Mensch Kristian«, sagte Großvater, »da hast du aber was verpasst.« Er schaute auf den Fernsehschirm und sah das Raumschiff mit geöffneter Klappe. »Hab ich«? fragte er.
Jetzt kam ein Alien aus der Tür. Kristian lachte. »Sehe ich nicht gut aus«? fragte er.
»Du bist angeheitert«, sagte Jessika.
»Nein, das meine ich nicht, das da bin ich«, und er deutete auf den Bildschirm. »Du spinnst«, sagte Jessika.
»Frage Lena, sie war mit im Raumschiff.« Jetzt blickten sich alle an. Von Lena war bis jetzt noch nichts zu sehen, und woher sollte er das wissen.
»Bitte, wenn ihr mir nicht glaubt, dann gehe ich«, sagte er und hatte die Türklinke schon in der Hand. »Halt«, schrien alle.
»Gleich kommt Lena mit der Bürgermeisterin und dem Polizeichef«, sagte er und setzte sich zu ihnen. Es langweilte ihn, sicher war der Alkohol daran schuld. Schon bald nickte er ein und wurde erst wach, als ihn jemand schüttelte. Der Fernseher lief noch und es wurden Kommentare zum Geschehen abgegeben.
»Kristian erzähl«, bedrängten ihn alle.
»Es tut mir leid, aber ihr müsst bis morgen warten.« »Komm, ich bringe dich ins Bett«, sagte Jessika. Er hakte sich bei ihr unter. Er hatte doch gar nicht so viel getrunken. Sie schlug das Bett auf, »kommst du alleine klar«? fragte sie. »Aber sicher.« »Ich schaue mir die Landung noch zu Ende an, dann komme ich«, sagte sie. Schnell hatte er sich ausgezogen und ließ sich ins Bett fallen. Als Jessika dann kam, bekam er es nicht mehr mit.
Am anderen Morgen sah er, dass Jessika schon aufgestanden war. Er schaute auf die Uhr. Es war schon zehn Uhr. Er ging ins Bad und zog sich an. Er konnte sich vorstellen, wie sie gespannt auf ihn warteten. Ihm ging es gut und er wollte sie ein wenig erschrecken. Er verwandelte sich in ein Alien. Obwohl Alien sicher nicht anklopfen, tat er es.
»Nun komm schon«, rief Jessika und machte die Tür auf. Als sie ihn sah, schrie sie laut auf und flüchtete zu ihrem Großvater. Maria war ganz blass geworden. Großvater vergaß, an seine Zigarre zu ziehen. Er betrat die Küche. Alle starrten ihn mit großen Augen an. Das Alien jetzt unterschied sich deutlich von dem, das er ihnen schon einmal mit Kurt vorgeführt hatte. Das Erste war aus seiner Fantasie entstanden, dieses war so echt wie aus dem Fernseher. »Wohnt hier Kristian«? schickte er seine Gedanken zu ihnen. Sichtlich erschrocken blickten sie sich an und nickten um die Wette. »Kniet euch hin«, befahl er. »Sagt, Kristian ist der Größte.« Als sie es fast einstimmig gesagt hatten, verwandelte er sich vor ihren Augen zurück. Nach der Schrecksekunde flogen ihm verschiedene Sachen um die Ohren. Er lachte und konnte sich nicht mehr beruhigen. Langsam wich der Schock aus ihren Gesichtern und sie fielen in sein Lachen ein. »Mensch Junge«, sagte Großvater, »das war der größte Klops, den du dir bisher geleistet hast.« Kristian wischte sich die Tränen ab.
»Ihr wolltet einen Beweis, dass ich im Raumschiff war, jetzt habt ihr ihn.« Es dauerte eine halbe Stunde, bis er alles erzählt hatte. Dass er ihre Gedanken lesen konnte, sagte er ihnen nicht. »Die Königin hat uns beide eingeladen«, sagte er zu Jessika. »Oh Kristian, wann nimmst du mich mit?«
»Das läuft uns nicht davon, wie würde es aussehen, wenn ich so schnell die Einladung annehme? Wir könnten stattdessen alte Freunde besuchen.«
»Du meinst Burg Falkenhorst?« »Zum Beispiel.«
»Einverstanden.«
Sie ritten den ganzen Vormittag über Hügel und durch Täler. Meist durch Wald, der kein Ende nehmen wollte. Dann vor ihnen im Tal, ein Dorf. Die Straße wurde breiter. Die Leute, denen sie begegneten, grüßten scheu. Das Dorf war größer wie die, die sie schon kannten. Eine Schenke lud zur Einkehr ein. Sie banden ihre Pferde an einen Balken an, an dem schon ein klappriger Esel angebunden war. Kristian hatte noch ein paar Münzen von Isabel dabei. »Hast du Lust«? fragte er Jessika.
»Ja, hab ich.« Als sie eintraten, verstummte die Unterhaltung. Die Leute schienen zu erstarren. Sie, besonders Jessika mit ihrer engen hellen Reithose, passten hier hin wie die Faust aufs Auge. Schmutzige Kinder starrten sie an. Ebenso wie die Kinder, waren die Anwesenden ärmlich, teilweise in mehrfach geflickter Kleidung gehüllt.
Der Schankraum war schäbig, die Tische und Bänke roh zusammengezimmert, der Boden aus gestampftem Lehm. Im gleichen Raum befand sich die Küche, über ein offenes Feuer hing ein Kessel. »Sollen wir nicht besser gehen«? fragte Jessika. »Ich habe keinen Durst mehr.« Auch ihm verdarb die unsaubere Umgebung jede Lust auf einen Krug Bier.
Der Wirt löste sich von einem Tisch in der hinteren Ecke des Raumes. An diesem saß ein unbehaglich, grimmig aussehender Mann. »Wirt, ihr könnt uns sicher behilflich sein und uns den Weg zur Burg Falkenhorst zeigen?«
»Jawohl gnädiger Herr«, dienerte er und eilte voraus durch die Tür nach draußen. Hinter ihnen war plötzlich eifrige Betriebsamkeit und Gerangel, weil es plötzlich alle eilig hatten, nach draußen zu kommen. Es bildete sich um sie und ihren Pferden ein Kreis neugieriger Menschen.
»Gnädige Herrschaften,« dienerte der Wirt, »ihr müsst diesen Weg nehmen«, und er deutete dabei in die Richtung, aus der sie gekommen waren. »Wirt, wie viel Bier bekomme ich hierfür?« Der Wirt schaute in Kristians geöffnete Hand. »Gnädiger Herr, soviel könnt ihr an einem Abend nicht vertrinken.«
»Ich gebe dir die Hälfte, dafür lässt du diese Leute auf meine Kosten trinken.« Jubel setzte ein, der verschlagende Blick des Wirtes ging von Kristians geöffnete Hand zu den Leuten. Sicher überlegte er, wie er den größten Teil des Geldes ohne Gegenleistung in seine Tasche bekommen konnte.
»Lasst euch nicht übers Ohr hauen und trinkt auf mein Wohl«, sagte Kristian. Sie ritten den Weg zurück.
Der Heimweg führte an der Burg Falkenhorst vorbei. Ihnen fiel auf, dass auf dem Wehrgang über der Zugbrücke, zusätzlich eine Wache stand. Sobald diese sie gesehen hatte, blies er in ein Horn. »Ob der uns meint«, fragte Jessika. Die Wachen ließen sie passieren. Auf halber Strecke zum Burgtor kam ihnen ein Reiter im gestreckten Galopp entgegen. Sie erkannten Johannes. Außer Atem zügelte er sein Pferd vor ihnen. »Endlich seid ihr da, wir brauchen eure Hilfe, Isabel ist krank, sie wird sterben«, sprudelte es aus ihm heraus. Das war ein Schock für sie. Gemeinsam preschten sie in den Burghof. Hanna, die wie alle in der Burg durch das Horn von ihrer Ankunft erfahren hatte, erwartete sie schon. Sie ließen die Pferde einfach stehen. Hanna begrüßte sie und sie folgten ihr in Isabels Kammer. Der Graf und der Bruder waren auch anwesend, nickten ihnen zu und blickten sie erwartungsvoll an. Kristian wusste nicht, was sie sich von ihrer Anwesenheit versprachen, zumal sie wussten, dass er kein Arzt war. Isabel lag mit schmerzverzerrtem Gesicht auf ihrem Lager.
»Seid ihr gekommen um Abschied zu nehmen«? fragte sie.
»So weit werden wir es nicht kommen lassen. Was fehlt ihr denn«? fragte er. Hanna deutete an ihrem Körper auf eine Stelle.
»Und es tut weh, wenn man darauf drückt«? fragte er.
Hanna nickte. »Der Blinddarm«, sagte Jessika und er gleichzeitig. »Meine Medizin kann ihr nicht helfen«, sagte Hanna. »Und wie soll ich helfen?«
»Nimm sie mit in deine Welt, dort kann man ihr sicher helfen.« Da er einsah, dass es auf jede Sekunde ankam, entschloss er sich, Isabel direkt ins Krankenhaus zu bringen. »Ich nehme Isabel mit mir. Isabel, du vertraust mir doch?« Sie nickte. »Du darfst nicht erschrecken, in meiner Welt sieht es anders aus wie hier.«
Er ging zu ihrem Lager und nahm sie auf den Arm. »Ich komme so schnell wie möglich wieder.« Besorgte Gesichter hinter sich lassend, sprang er in die Aufnahme des Krankenhauses, nachdem er sein Äußeres verändert hatte. Fast hätte eine Schwester sie umgerannt, als sie ihr plötzlich im Weg standen. »Einen Arzt, schnell«, sagte Kristian, »der Blinddarm.« Schnell war eine Liege zur Stelle, auf die er Isabel legte. Während Isabel ins Untersuchungszimmer gerollt wurde, wollte die Schwester in der Aufnahme Daten über die neue Patientin wissen. Da ihm auf die Schnelle kein anderer Name einfiel, sagte er »Isabel Falkenhorst.«
»Krankenkasse?« »Wird bar bezahlt«, sagte er. Abschätzend blickte sie ihn an.
»Ja«, schrie er laut, was sie veranlasste, nicht weiter zu fragen.
Nach längerer Zeit kam ein Arzt auf ihn zu. »Haben sie die Patientin mit dem Blinddarm gebracht?« Er nickte.
»Das war wirklich Rettung im letzten Augenblick. Die Operation ist gut verlaufen.«
Kristian bedankte sich. Im Aufzug sprang er zu sich nach Hause, nahm ein Bündel Geldscheine aus dem Koffer und sprang damit zurück. Auf seine Frage, wie er zum Krankenhausdirektor kommt, zeigte man ihm den Weg. Er klopfte an und wollte in das Zimmer gehen, als sich ihm seine Sekretärin in den Weg stellte. Mit den Worten »Entschuldigung, aber ich muss zum Direktor«, schob er sie zur Seite. Er schloss die Tür zum Direktorzimmer hinter sich. Ein Mann blickte ihn mit hochgezogenen Augenbrauen abwartend an. »Ich habe eine Freundin mit Blinddarm bei ihnen eingeliefert. Es könnte sein, dass ihnen einiges seltsam vorkommt. Meine Freundin war noch nie bei einem Arzt, deshalb ist ihr alles fremd. Ich möchte, dass sie ein Einzelzimmer bekommt. Ach noch etwas, halten sie Besucher von ihr fern. Lässt sich das so einrichten?«
»Wenn sie es so wünschen«, sagte der Direktor. Kristian legte das Bündel Geldscheine auf den Tisch.
»Wenn ich meine Freundin abhole, können wir abrechnen.« Beim Hinausgehen hörte er noch, wie der Direktor rief, »ihre Quittung.« Bevor er zurücksprang, besuchte er Isabel, sie war aus der Narkose erwacht. »Hallo, wie geht’s dir«? fragte er. »Schon viel besser. Kristian, wo bin ich hier?«
»Wir nennen es ein Krankenhaus, hier werden Kranke wieder gesund gemacht. Du wirst hier bestens versorgt, und in ein paar Tagen, bring ich dich wieder zurück. Und sage keinem, wo du herkommst. Die Menschen hier würden das nicht verstehen. Ich werde jetzt zu deiner Familie gehen.« »Ich habe keine Angst«, sagte Isabel tapfer. »Dann bis bald.«
In der Burg warteten alle gespannt auf seine Rückkehr.
»Es wird alles gut, in einer Woche ist Isabel wieder hier.« Schluchzend fiel Hanna ihm um den Hals. Der Graf wischte verstohlen über seine Augen und drehte sich in Richtung der Fenster. »Wenn Isabel gesund wieder hier ist, werden wir ein Fest feiern«, versprach er.
»Darf ich ein paar Freunde mitbringen«? fragte Kristian.
»Soviel ihr wollt.«
»Wir wollen Isabel nicht zu lange warten lassen, deshalb werden wir euch verlassen«, sagte er. Im Hof standen die Pferde bereit. Nachdem sie den Burgbereich verlassen hatten, sprangen sie nach Jessikas Zuhause. »Wir müssen für Isabels Krankenhausaufenthalt noch einige Sachen kaufen und du musst ihr zeigen, wie sie damit umgehen soll.«
Sie fuhren in die Stadt. Er gab Jessika Geld.
»Du weißt am besten, was Isabel braucht, ich warte hier im Kaffee auf dich.« Draußen schien die Sonne, sodass er sich einen Platz im Freien suchte. Ganz in Gedanken versunken, schreckte er hoch. Leises Wispern drang in sein Ohr. Obwohl er von Cyro den Gedankenempfänger noch in der Tasche hatte, war er nicht darauf vorbereitet, hier ungewollt Gedanken anderer zu empfangen. Wenn es wirklich Gedankenströme waren, mussten sie von höher entwickelten Wesen stammen. So sehr er sich auch konzentrierte, er empfing nichts mehr und bemerkte nicht, dass Jessika neben ihm stand und ihn beobachtete.
»Ist was«? fragte sie.
»Ich weiß es nicht, kannst du nicht alleine zum Krankenhaus gehen, ich würde nur stören, wenn du Isabel erklärst, wie eine Toilette funktioniert. Du kannst mich ja dann später hier wieder abholen.«
»Ganz wie du willst, dann bis später.« Er bestellte sich noch einen Kaffee. Aufmerksam lauschte er in die Umgebung. Da war es wieder. Erst leise, dann ein erschreckter Aufschrei.
Er drehte sich suchend um, sah aber niemand, der eventuell für die Gedankenströme infrage kommen könnte. Erste undeutliche Gedankenfetzen erreichten ihn. Kristian wusste schon, was das zu bedeuten hatte, konnte sich nur nicht vorstellen, dass Cyro`s Leute hier rumgeistern würden.
»Wer seid ihr«? schickte er seine Gedanken in die Richtung, aus der er die Gedankenfetzen empfangen hatte. Zunächst totale Stille. »Wer bist du«? empfing er.
»Wir wissen nicht, ob wir dir trauen können?« Er sah ein Pärchen mit dem Rücken zu ihm in ein Schaufenster starren.
»Wenn ihr es seid, das Pärchen vor dem Schaufenster, dreht euch um.«
»Wir müssen zuerst wissen, wer du bist«, beharrten sie.
»Ich bin ein Mensch.«
»Wieso kannst du unsere Gedanken empfangen?«
»Ich habe mächtige Freunde.« Dabei musste er an das Gerät von Cyro denken. Er stand auf und ging auf die zwei Personen zu. Durch den Spiegeleffekt sahen sie ihn kommen. Sie schienen der Sache nicht zu trauen, drehten sich dann doch um und blickten um sich, als suchten sie einen Fluchtweg. Kristian sah zwei normale Menschen vor sich. »Deine Freunde, wie können wir sie erreichen«? fragte die Frau aufgeregt mit normaler Stimme.
»Ich kann euch helfen sie zu finden«, sagte er, »aber sagt mir, wer ihr seid?«
»Wir sollten ihm vertrauen entnahm er ihren Gedanken. »Kommt, wir gehen in das Kaffee dort drüben«, schlug er vor.
»Ich heiße Kristian.«
»Ich heiße Anja und das ist mein Mann Robert.« Sie waren etwas älter wie Kristian und schöne Menschen, mit einem leichten asiatischen Einschlag. Der Ober nahm ihre Bestellung auf und ging wieder.
»Wir leben schon seit langer Zeit hier und wissen von zwanzig weiteren, die so sind wie wir. Wir wurden als Kriegsweisen von deinem Land aufgenommen. Alle saßen wir in einem Bus, der es gerade noch geschafft hatte, aus dem Kriegsgebiet herauszukommen. Man nahm an, dass unsere Eltern tot waren. Ein Teil von uns wurde adoptiert, die Anderen kamen in ein Waisenhaus. Anfangs haben wir uns als normale Menschen gefühlt. Als wir älter wurden, merkten wir, dass wir anders waren. Wir konnten die Gedanken anderer Leute lesen. Aus Angst haben wir keinem von unseren Fähigkeiten erzählt. Für uns war es ein Schock, als wir deine Gedanken empfingen.«
»Mir erging es nicht anders«, sagte er und war sich sicher, dass sie etwas mit Cyro`s Leuten zu tun haben mussten. Er musste Cyro unbedingt danach fragen. Er erzählte ihnen von Cyro`s Begegnung und auch, dass er von Gerüchten gehört hatte, wonach Außerirdische Experimente mit Menschenembryos gemacht haben sollen. Beide lebten lange genug in seinem Land, als dass sie von solchen Gerüchten nichts gehört hätten. »Ihr seid bestimmt solch ein Experiment. Aus irgendeinem Grund hat man sich nicht mehr um euch gekümmert.«
»Wie soll es jetzt weiter gehen«? fragte Anja.
»Ich werde mit Cyro über euch reden, danach sage ich euch Bescheid. Wie wäre es, wenn ihr uns besucht?« Anja und Robert schauten sich an, anscheinend war ihr Misstrauen noch nicht ganz beseitigt. »Ihr braucht keine Angst zu haben, in unserem Haus wissen alle Bescheid.«
»Wir haben zwei Kinder, Angela und Richard«, wand Anja ein. »Das ist doch schön, wir freuen uns«, sagte er.
»Wenn ihr wollt, könnt ihr am Wochenende zu uns kommen, vielleicht weiß ich dann schon mehr über euch.« Sie nickten. Er gab ihnen Jessikas Adresse und Anja ihm ihre.
»Hallo, störe ich«? fragte Jessika plötzlich neben ihm.
»Natürlich nicht, das ist Anja und Robert, sie werden uns am Wochenende besuchen. Und das ist Jessika, in ihrem Haus werden wir uns treffen.«
»Ich freue mich«, strahlte Jessika nicht wissend, was es mit Kristians neuer Bekanntschaft auf sich hatte.
»Wir müssen gehen«, drängte Anja plötzlich, »unsere Kinder warten auf uns.«
»Dann bis zum Wochenende«, sagte er.
»Ja, wir freuen uns«. Anja und Robert blickten sie an und gingen. Die ganze Zeit hatte er keine Gedanken mehr von ihnen empfangen, was bedeutete, dass sie ihren Gedankenfluss steuern und abschirmen konnten. »Wer war das«? fragte Jessika, nachdem beide gegangen waren. »Das sind unglückliche Menschen, die nicht wissen, wohin sie gehören.«
Dann erzählte er ihr das Zusammentreffen. »Das wird ja immer interessanter, wer hätte jemals daran gedacht, dass wir so was erleben würden.«
»Na ja, eigentlich hast du das mir zu verdanken, und ich weiß nicht, wie du das jemals wieder gut machen willst?«
»Du Schuft«, sagte Jessika, nahm ihn in den Arm und küsste ihn leidenschaftlich öffentlich vor allen Augen. »Das reicht aber noch lange nicht, lass uns heute Abend noch mal darüber reden.«
Er winkte dem Kellner zu und bezahlte. »Wie geht es Isabel?«
»So langsam gewöhnt sie sich daran, verwöhnt zu werden. Nachher will sie gar nicht mehr weg.«
»Leicht wird es ihr bestimmt nicht fallen, im wahrsten Sinn des Wortes ins Mittelalter zurückzukehren. Und was machen wir jetzt«? fragte er.
»Isabel ist für heute versorgt, wir fahren nach Hause.«
Aron begrüßte sie freudig am Gartentor. Dann raste er los und kam kurz darauf mit seinem Tennisball im Maul wieder. Diesen legte er Kristian vor die Füße und blickte ihn herausfordernd an. Als er nicht reagierte, stupste er den Ball noch mal an und schaute ihn wieder an. Kristian nahm den Ball und warf ihn über den Garten zum Haus. Aron hielt sich nicht an die Spielregeln und raste querfeldein durch die Beete, Erde und Pflanzen hochschleudernd.
»Bevor unser Besuch kommt, muss ich mit Cyro gesprochen haben.« »Nimmst du mich mit«? fragte Jessika.
»Besser nicht, ich kann dich nicht einfach dort auftauchen lassen.« »Schade«, sagte Jessika traurig.
»Ich hoffe, dass ich schnell zurück bin, bis bald.« Er sprang. Der Landeplatz wies ein paar Lücken in den Reihen der dort abgestellten Fluggeräte auf. Cyro`s Untertasse war nicht da. Er ging ins Gebäude. Einige der Anwesenden blickten auf, als er eintrat. Sicher hatten ihn einige schon gesehen. Für die Anderen war es sicher seltsam, einen normalen Menschen hier hereinkommen zu sehen. Drei von Cyro`s Art sahen ihn an. »Seid gegrüßt«, schickte Kristian den Gruß rüber, »ich suche Cyro.«
»Cyro kommt heute noch zurück«, kam die Antwort zurück.
»Danke«, sagte er und hob die Hand. Hinter der Theke stand eine schöne Elfe. Er ging auf sie zu, sie strahlt ihn an. »Werden hier alle so strahlend begrüßt«? fragte er.
»Eigentlich schon, die persönlichen Freunde des Königs besonders. Ich heiße Lyra«, sagte sie.
»Und ich Kristian.«
»Ich weiß«, lächelte sie ihn an. »Könnte ich ein Fruchtsaftgetränk haben«? fragte er.
»Ich weiß aber nicht, womit ich es bezahlen soll.« Verheißungsvoll lächelte sie wieder.
»Das hat unser König schon geregelt. Ihr seid sein Gast.« Sie stellte das Getränk vor ihn hin. »Nicht viel los«, stellte er fest.
»Es kommt und geht«, antwortete sie.
»Kennst du Cyro«? fragte er.
»Sicher, er kommt heute noch wieder.«
»Wie kannst du sie auseinanderhalten«? fragte er und deutete mit dem Kopf zu den Drei hinter ihm.
»Die sehen doch alle gleich aus.«
»Das stimmt nicht, man kann sie schon auseinanderhalten.« »Sicher kannst du mir verraten, was Cyro und seine Leute so essen«? fragte er. »Mich würde mal interessieren, wie das so schmeckt.«
»Das wird dir sicher auch schmecken«, sagte sie und ging in den angrenzenden Raum, um kurz darauf mit einem Schälchen voll hellem Brei zurückzukommen. Mehr flüssig wie fest war der Brei, den sie vor ihm hinstellte. Die Schale hatte einen Schnabel, der der Größe eines kleinen Mundes angepasst war. Vorsichtig nahm er den Schnabel in den Mund und blickte dabei über den Schalenrand nach Lyra, die das Lachen nicht unterdrücken konnte. Langsam kippte er die Schale und die Flüssigkeit lief in seinen Mund. Es schmeckte süß und nach Honig.
»Nicht schlecht«, dann trank er alles auf.
»Hab ich doch gesagt«, freute sich Lyra.
»Hast ja Recht, man könnte sich daran gewöhnen.« Mit Lyra verging die Zeit wie im Flug. Da es nicht viel zu tun gab, setzte sie sich zu ihm. Er lud sie ein. Sie wollte unbedingt wissen, wie es in seiner Welt aussah. Als er ihr erzählte, dass Hera ihn in seine Welt begleitet hatte, fand sie das unheimlich aufregend. Sie verstanden sich gut, und noch besser, als sie jeder zwei Gläser Fruchtsaft mit Alkohol getrunken hatten. Lyra lachte viel, bis sie dann zur Tür deutete und sagte, dass Cyro gerade kommt. Dieser hatte ihn gesehen und kam mit Systra an ihren Tisch.
»Ich geh wohl besser«, sagte Lyra kichernd und nahm ihren Platz hinter der Theke wieder ein. Cyro gab Lyra ein Zeichen, worauf diese mit zwei Schälchen zurückkam. »Ich habe mir erlaubt, von eurem Essen zu kosten«, sagte Kristian, »es hat mir gut geschmeckt.« Cyro und Systra blickten sich an, ohne eine Miene zu verziehen. Er wusste nicht, wie er das deuten sollte, zumal er auch keine Gedanken von ihnen empfing. »Also«, fing Kristian an, »ich habe in meiner Welt Ableger von euch entdeckt.«
Er versuchte so gut wie möglich, seine Gedanken abzuschirmen, damit sie nicht schon im Voraus alles erfuhren, bevor er ihnen alles erzählt hatte. Beide hörten interessiert zu. »Anja und Robert kommen uns am Wochenende mit ihren Kindern besuchen«, schloss er. »Das ist gut«, sagte Cyro, »bis dahin weiß ich mehr.«
»Wir müssen heute noch wieder weiter, unsere Verbündeten in Amerika besuchen«, er hielt inne, als erwartete er eine Reaktion von Kristian.
»Das trifft mich nicht unvorbereitet«, sagte dieser, »die ganze Welt weiß, dass die Amerikaner von euch unterstützt werden.« »Wenn du willst«, wieder stockte Cyro und Kristian sagte schnell, »Ja, sicher will ich.«
»Nach deiner Zeitrechnung fliegen wir in zwei Stunden.«
»Dann bin ich da«, sagte er und sprang zu Jessika.
Die Küche war leer, also ging er nach draußen. Aron rannte auf ihn zu, eine Bremsspur im Kies hinterlassend. Kristian ging ums Haus und sah, das Jessika ihr Pferd sattelte. »Willst du weg«, fragte er und fand die Frage sogleich überflüssig.
»Mein Pferd braucht Bewegung.«
»Ich muss gleich wieder weg«, sagte er, Cyro will mich mit nach Amerika nehmen. Übrigens, ich habe heute eine süße Elfe kennengelernt.«
»Dann war das heute ja Mal wieder ein ereignisreicher Tag für dich«, meinte Jessika bissig und zog den Sattelgurt fester.
»Wie geht es Isabel«? fragte er, um sie abzulenken.
»Immer besser.«
»Wie wäre es, wenn du Hanna zu ihr bringst?« Plötzlich vollzog sich ein Wandel, Jessika unterbrach ihr Tun, schien nachzudenken und blickte ihn dann an.
»Du meinst, ich soll durchs Tor und Hanna holen?«
»Ja, aber nachts. Vielleicht kann dich Großvater hinbringen.« Wie ausgewechselt strahlte sie jetzt. »Geh nur, lass dich nicht aufhalten«, sagte sie, »ich muss in Ruhe darüber nachdenken.« Sogleich schwang sie sich aufs Pferd.
»Ist schon gut, tat er beleidigt, ich geh ja schon.«
Cyro stand bei seinem Fluggerät, als er ankam. Ein Schlauch ragte aus ihm hervor und verlief in den Boden. »Du kannst noch zu Lyra gehen, sie wird sich bestimmt freuen, dich zu sehen.«
Was sie auch tat. »Bin ich der Grund, dass du schon wieder hier bist«? fragte sie.
»Natürlich, weswegen sollte ich sonst kommen. Nein, Cyro nimmt mich mit. Hast du nicht was Festes zu essen für mich«? fragte er.
»Ich habe Kraftriegel.«
»Und was ist mit Fleisch?«
»Das müsste ich erst herrichten.«
»Dann mach«, sagte er. Sie ging und kam drei Minuten später mit einem Teller zurück, auf dem gebratenes Fleisch lag. Rundherum Pilze. »Nicht schlecht«, dankte er und begann zu essen. Der Teller war gerade mit behagen leer gegessen, als Cyro kam.
»Wir können«, sagte er. Kristian bedankte sich bei Lyra, »und vielen Dank an den König für das köstliche Essen.«
Sie schafften die Strecke in kürzester Zeit. Erst als Cyro tiefer schwebte, erkannte Kristian Gebäude. Mehrere Landebahnen reichte bis in die Salzwüste. »Sie nennen es Gromlake oder Area 51, wir sind in Nevada«, vernahm er Cyro. Wer hatte noch nicht davon gehört. Hier wurden die geheimsten Geheimnisse gehütet und bewacht. Sobald sie in Sichtweite herunter gekommen waren, blinkten unter ihnen überall rote Lampen auf.
»Du änderst besser deine Gestalt«, sagte Cyro. Die Stelzen fuhren aus, ein leichter Ruck und sie setzten auf. Als sie die Rampe runter gingen, erwartete sie ein Mann in Uniform.
»Das ist Major Brenningen, und dies ist unser Begleiter Edra«, wurden sie miteinander bekannt gemacht. Er empfing sie freundlich mit dem Aliengruß. »Ihr habt Verstärkung mitgebracht«? fragte er. Damit war wohl Kristian gemeint.
»Ich habe bisher noch keinen Kontakt mit euch Menschen gehabt«, beeilte er sich, gedanklich zu sagen. »Es ist mir eine Ehre, wenn ich euch morgen herumführen darf«? sagte der Major zu ihm. Zwei Soldaten, die im Hintergrund bei ihrem Auto standen, gingen auf einen Wink vom Major in ihr Gefährt. Sie kamen mit einer Kiste, an der sie schwer zu tragen hatten, wieder heraus. Nachdem diese verladen war, stiegen sie in das Auto und fuhren die kurze Strecke zu einem Haus mit einem Flachdach.
Am Eingang standen wieder zwei Wachen, die strammstanden als sie vorfuhren. Der Gedanke einer Wache schwappte zu Kristian rüber. Als er an diesem vorbei ging, sagte er lautlos zu ihm: »Lieber ein Zwerg, als hohl im Kopf.« Alle hatten die Botschaft mitbekommen. Der Posten bekam einen roten Kopf, sodass der Major schnell wusste, woher der Wind wehte. Da würde nachher jemand etwas zu hören bekommen. Cyro ging durch die Tür voraus, schließlich kannte er sich hier aus. Er verschwand mit Systra in einem Zimmer. Der Major führte Kristian weiter bin ans Ende des Flurs. »Major, wo ist denn heute noch was los«? fragte er ihn mit normaler Stimme. Wie vom Blitz getroffen blieb der Major erschrocken stehen, nicht sicher, ob er die Stimme gehört hatte.
»Habt ihr was gesagt«? fragte er unsicher.
»Ja«, sagte Kristian«, und wiederholte seine Frage.
»Ich habe nicht gewusst, dass ihr auch so wie wir reden könnt?«
»Es wäre ja auch langweilig, wenn ihr alles von uns wüstet.«
»Zu eurer Frage von vorhin«, fing er an, »ich habe nicht gewusst, dass ihr Wert auf Zerstreuung legt?« Sein, »sollte auch nur ein Scherz sein«, brachte ihn noch mehr durcheinander.
Schließlich machte er eine Zimmertür auf und ließ Kristian vorbei. Dieser sah in ein Zimmer, das gehobenen Hotellcharakter hatte. Ein normales Doppelbett, Fernseher und Videogerät. »Ein Bett für zwei sagte Kristian vieldeutig«, und lachte dann. Der Major hatte es plötzlich eilig. »Ich hole euch morgen früh um neun Uhr ab«, sagte er und verschwand schnell. Kristian sah sich um, die Bar war wohl gefüllt, außer Nüssen und Chips gab es hier aber nichts zu essen. Er schickte einen Hilferuf zu Cyro.
»Gibt es hier nichts richtiges zu essen«? fragte er.
»Für uns wurde hier Essen bereitgestellt«, sagte er, »wenn du willst, kannst du mit uns essen.« Kristian bedankte sich. Sein Magen knurrte ihn an und er hatte nicht vor, hungrig ins Bett zu gehen. Ein Alien konnte schlecht eine Pizza bestellen. Als Mensch in die Kantine springen, ging auch nicht, da sie ihn sofort verhaften würden. Je länger er nach einem Ausweg suchte, desto schlimmer rumorte es in seinem Bauch. Kurz entschlossen ging er durch den Flur zum Eingang, wo sicher noch die Wachen standen. Diese waren mehr als erstaunt, als er vor ihnen stand. Bei dieser Gelegenheit wollte er testen, wie weit es mit seiner Bewegungsfreiheit stand. Er ging also durch die Wachen hindurch auf die Straße. Wie auf Kommando schrien beide, »Halt.«
»Was ist«? sandte er ihnen zu, »bin ich euer Gefangener oder euer Gast?«
»Verdammt«, empfing er ihre Gedanken, »uns hat keiner gesagt, dass die Alien spazieren gehen wollen.«
Hat euch keiner gesagt, dass wir eure Gedanken lesen können?« Erschrocken zuckte der eine zusammen. »Du kannst meine Gedanken lesen«? dachte er. Es war nicht der, den er kurz vorher wegen der Äußerung mit dem Zwerg zurechtgewiesen hatte. Kristian nickte. »Scheiße«, dachte der Mann.
»Wo möchtest du hin?« Er fand gefallen daran, nur noch in Gedankenform mit Kristian zu kommunizieren.
»Wie heißt du«? fragte er.
»Edra«, antwortete er.
»Ich heiße Dan. Egal was ich jetzt mit dir mache«, sagte er, »so oder so bekomme ich Ärger.«
»Ich werde dafür sorgen, dass es nicht so ist«, versprach er.
»Also, wo willst du hin«, fragte Dan. »Ich habe Hunger, bring mich dorthin, wo es was zu Essen gibt.« »Gut, gehen wir in die Kantine.« Zu der zweiten Wache sagte er, dass er hier bleiben solle.
Die Kantine war gleich um die Ecke und nur mäßig besucht. Dan genoss die Aufmerksamkeit aller. Mit erhobenem Kopf schritt er voran zur Theke. Kristian fühlte alle Augen im Rücken auf sich gerichtet. Rechts, hinter Glas stand der Nachtisch, Vanillepudding mit Erdbeeren. Ein Hotdog wäre jetzt hier wohl nicht angebracht.
Er schickte der Bedienung hinter der Theke seine Bestellung zu. Da diese nicht sicher war, ob sie richtig verstanden hatte, schaute sie abwechselnd Dan und Kristian an. Als dieser nickte, stellte sie vier Puddings auf ein Tablett. »Und was willst du«? fragte er Dan.
»Ich bin im Dienst«, meinte er.
»Du bist mein Gast, der Major wird nicht erbaut sein, wenn unsere Beziehungen gestört werden.«
»Nein, das will er bestimmt nicht«, sagte er grinsend und bestellte sich das größte Steak, das sie hatten. Sie setzten sich vorne hin, sodass sie alle Anwesenden vor sich hatten. Diese fühlten sich sichtlich nicht wohl, als Kristian sie mit seinen großen dunklen Augen anblickte. »Dan, holst du mir eine Cola mit Strohhalm«, bat er. Dan stand auf und brachte sich ebenfalls eine Cola mit. Gebannt schauten die Leute zu ihnen herüber, als erwarteten sie, dass noch etwas geschah.
»Haben die noch keinen von uns zu Gesicht bekommen«? fragte Kristian. »Immer nur kurz, wenn ihr in die Hallen geht. Hier in der Kantine war noch keiner von euch.« Das Essen wurde hinter ihnen auf die Theke gestellt. Dan wollte aufstehen, Kristian hielt ihn zurück.
»Ich mach das schon.« Hintereinander ließ er die vier Puddings, dann Dan’s Steak, herüberschweben. Plötzlich war es mäuschenstill. Zu guter Letzt flog das Besteck extra langsam hinterher. Ein Gemurmel setzte ein, als alle anfingen, das Gesehene zu kommentieren. Beide ließen sich nicht stören und fingen an zu essen. Dan blickte zu ihm herüber und fand, dass heute sein Glückstag war. Demnächst war er ein gefragter Mann. Mit Behagen schob er jeden Bissen betont langsam in seinen Mund und grinste die Zuschauer an. Kristian drehte sich um und sah, dass die Bedienung sie gespannt beobachtete. »Mach eine Pizza zum Mitnehmen fertig«, schickte er rüber. Erschrocken verschwand die Bedienung. Dans Teller war leer und er hatte seine Puddings gegessen. »Dann wollen wir mal«, sagte Kristian und stand auf. Die Pizza lag verpackt bereit und er bat Dan, die Pizza zu tragen. Zur Bedienung sagte er, »die Rechnung geht an Major Brenningen.«
Sie gingen zum Ausgang und hinter ihnen fingen alle an durcheinander zureden. »Mann«, sagte Dan, als sie draußen waren, »das gibt Gesprächsstoff für lange Zeit.«
»Es braucht keiner zu wissen, dass die Pizza für mich ist«, sagte er zu Dan. »Verstehe«, sagte dieser. Der zweite Posten stand gelangweilt herum, als sie vor ihrem Quartier ankamen. Dan konnte es sicher nicht abwarten, seinem Kollegen alles zu erzählen. Dan begleitete ihn bis vor seine Zimmertür.
»Falls der Major morgen Schwierigkeiten macht, du hast auf meinen Befehl gehandelt.« Er nickte und reichte ihm die Pizza. Dann druckste er herum.
»Ich weiß«, sagte Kristian, »du möchtest mich begleiten, wenn ich wieder einen Ausflug mache.«
»Ja, das wollte ich sagen«, sagte er erleichtert.
»Ich werde daran denken«, erwiderte er und schloss die Zimmertür. Sein Hunger, durch die Puddings etwas besänftigt, schrie nach der Pizza. Er verwandelte sich, packte die Pizza aus und biss hinein. Als er sie gegessen hatte, fühlte er sich besser und sah sich im Schlafzimmer um. Auf eine längere Reise war er nicht vorbereitet gewesen. Zum Glück stand im Bad für Gäste, alles bereit.
Am anderen Morgen stand der Major vor seiner Tür. Kristian verwandelte sich und machte die Tür auf, worauf der Major hereinstürzte. »Kommen sie herein«, sagte Kristian, worauf der Major sich entschuldigte. »Ihr seid gestern Abend unterwegs gewesen«? fragte er.
»Was soll die Frage, ihr wisst doch längst, was gestern Abend war. Hätte ich vorher um Erlaubnis fragen müssen?«
»So war das nicht gemeint«, versicherte der Major schnell. »Nur, bisher ist so etwas noch nicht vorgekommen.«
»Wie ihr schon gemerkt habt, bin ich ein wenig anders als meine Begleiter. Ich habe mich ihnen aufgedrängt, um euch und euren Stützpunkt kennenzulernen.«
»Heißt das, dass wir mit weiteren Überraschungen rechnen müssen?«
»Nur, wenn ihr nichts dagegen habt.«
»Nein, sicher nicht«, beeilte er sich zu sagen.
»Ihr möchtet, dass ich euch vorher Bescheid sage«, kam er ihm zuvor.
»Na ja, das wäre hilfreich, dann könnte ich euch begleiten.« »Nein, das muss nicht sein, ich bin mit meinem Begleiter vollauf zufrieden gewesen.« Resigniert gab er auf.
»Bevor wir gehen«, sagte er, »vielleicht könnt ihr mir helfen. Von unserem Stützpunkt gelangen geheime Einzelheiten nach draußen. Sicher auch bald über eure Anwesenheit«, fügte er hinzu.  
«Wir haben nichts dagegen, wenn man von uns weis«, sagte Kristian. »Aber wir«, erwiderte der Major schärfer als gewollt.
»Und wie soll ich euch helfen?«
»Ich hätte mich gar nicht getraut euch um Hilfe zu bitten, wenn ihr nicht gezeigt hättet, dass ihr anders seid und aufgeschlossener.«
»Also«? fragte er nochmals.
»Helft mir die undichte Stelle zu finden.«
»Ich werde darüber nachdenken«, sagte Kristian.
»Ihr wolltet mir den Stützpunkt zeigen«? erinnerte er ihn.
»Ja, ja, sagen wir um 9 Uhr, dann hole ich euch ab.«
»Was hast du angestellt«? vernahm er später die Botschaft von Cyro. »Der Mayor war ziemlich erregt.«
»Ich habe gestern Abend noch einen Ausflug gemacht.«
»Wir haben heute noch einiges zu tun«, fuhr Cyro fort, »und können uns nicht um dich kümmern.«
»Das macht nichts, der Major holt mich nachher ab.« Dann war Stille, Cyro hatte alles gesagt. Bis 9 Uhr war es noch eine Stunde. Im Telefonverzeichnis fand er die Nummer der Kantine. »Einmal Frühstück zum Gästehaus, sofort.« Das „sofort“ hatte man wörtlich genommen. Im Flur hörte er, wie jemand Frühstück rief. Er öffnete seine Tür und winkte dem Soldaten zu, der darauf mit einem Tablett auf ihn zu kam. Offensichtlich hatte er nicht damit gerechnet, dass das Frühstück für ein Alien sein sollte, er blickte sich um mit der Erwartung, dass noch ein Mensch erschien.
»Danke, du kannst gehen«, sagte Kristian lautlos, nachdem der Mann das Tablett abgestellt hatte. Erschrocken drehte der sich zur Tür um. »Halt«, rief Kristian ihn zurück. Er merkte, dass er sich in seine Gesellschaft nicht wohlfühlte. »Habt ihr eigentlich Angst vor uns«? fragte er ihn. Der Mann schien zu überlegen.
»Angst eigentlich nicht, schließlich seid ihr unsere Verbündeten. Anderseits seid ihr uns schon ein wenig unheimlich, weil wir nichts über euch wissen und ihr sicher mehr könnt, als ihr uns zeigt.« »Da ist was Wahres dran. Was hältst du davon, wenn ich dich zurückbringe«? Fragend blickte er Kristian an.
»Ich meine, dass ich dir den Rückgang ersparen kann.« Jetzt verstand er. Grinsend sagte er, dass er nichts dagegen hätte. Da Kristian ihn nicht einfach irgendwo hinschicken konnte, musste er ihn selber hinbringen. Er fasste ihn an und sprang mit ihm in die Kantine. Da er selber unsichtbar blieb, sahen alle Anwesenden nur, wie der Mann plötzlich dastand. In dessen Gesicht spiegelten sich Unglaube und Faszination. Kristian sprang zurück. Der Kaffee war noch warm. Um neun Uhr stand der Major vor der Tür. »Ich werde aus euch nicht schlau«, meinte er. »Ihr seid jahrelang unsere Gäste und nichts Außergewöhnliches passiert. Auf einmal geht alles drunter und drüber.«
»Und das ist nicht nach eurem Geschmack«? fragte er.
»Nein, überhaupt nicht, ich werde nur nicht gerne überrascht.«
»Ich werde das nächste Mal daran denken«, versprach er, obwohl er nicht vorhatte, sich daran zu halten. Vor der Tür stand ein Wagen. Sie stiegen ein und fuhren auf einen Gebäudekomplex zu, der aus mehreren Hallen bestand. Neugierige Blicke empfingen sie. Anscheinend gehörten die Alien doch nicht zum gewohnten Alltag. Die Hallen waren, wie er später sah, miteinander verbunden. Sie gingen durch die Hallen in denen verschiedene mehr oder weniger gut erhaltene UFOs standen. Ein UFO hatte im Boden ein Loch, das bis zum Kuppeldach reichte. Er wollte den Major nicht fragen, weil er wusste, dass er doch nicht die Wahrheit sagen würde. Überall waren Techniker damit beschäftigt, dem Unbekannten auf dem Grund zu gehen. Ein Techniker schaute schon eine ganze Weile zu ihnen herüber. Er stand im hinteren Teil einer Untertasse, sodass man ihn kaum sah. Kristian wollte sehen, wie der Mann aussah und ging auf die Luke zu. Der Mann rührte sich nicht, als er näher kam, und blickte ihm ruhig entgegen. Jetzt einen Fotoapparat, empfing Kristian seine Gedanken.
»Wofür brauchst du einen Fotoapparat«? schickte er seine Gedanken zurück. Erschrocken löste der Mann seinen Blickkontakt und drehte sich um.
»Bis bald«, schickte er ihm seine Gedanken hinterher, denn er hatte den Verdacht, dass dieser Mann die undichte Stelle war. Der Major hatte von alledem nichts mitbekommen und drängte ihn weiterzugehen. »Major, mir reicht es, ich habe genug gesehen.«
»Dann könnten wir uns ja dem Thema von heute Morgen zuwenden, ihr wisst schon, die undichte Stelle. Dafür gehen wir am Besten in mein Büro.« Der Fahrer fuhr sie hin. »Ihr habt euch sicher schon Gedanken darüber gemacht, wie wir den Spion entlarven können«? fing er an.
»Ja, sicher, ihr gebt mir eine Chipkarte, mit der ich überall Zutritt habe.« Der Major stieß die Luft hörbar aus.
»Das ist gegen die Vorschriften.«
»Wovor habt ihr Angst«? fragte er,»eure Geheimnisse sind auch unsere Geheimnisse und interessieren uns nicht.«
»Und was habt ihr vor«? fragte er.
»Das werdet ihr bald sehen.« Der Major ging in die hintere Ecke des Büros, öffnete eine Panzerschranktür. Daraus entnahm er eine Art Scheckkarte, die man sich an die Brust heftet.
»Es wäre gut, wenn ihr mir auch noch etwas Betriebskapital zur Verfügung stellt.« Auf seinen fragenden Blick hin fügte Kristian hinzu, »damit ich in der Kantine selber bezahlen kann.« Der Major fasste das als Scherz auf, lachte, und holte trotzdem ein paar Scheine aus seinem Tresor. Auf der Uhr, die über seinen Schreibtisch hing, sah Kristian, dass es fast Mittag war. »Ich muss jetzt gehen, ihr wisst nicht, was es heute in der Kantine zu essen gibt?« Seinen hochgezogenen Augenbrauen konnte er entnehmen, dass er nicht wusste, ob das seinerseits ein Scherz sein sollte. Kristian verabschiedete sich und bat, »lasst mich in mein Quartier bringen.« Dort angekommen sah er, dass man ihm Essen für ein Alien auf den Tisch gestellt hatte. Darauf wollte er verzichten, nahm eine menschliche Gestalt an und steckte sich den Ausweis an die Brust. Die Wachen vor der Tür schauten verblüfft, als er vor die Tür trat, wagten aber nicht zu fragen, nachdem sie einen Blick auf seinen Ausweis geworfen hatten. Das hätte ihn stutzig machen sollen. Die Kantine war um diese Zeit gut besucht. Ein neues Gesicht fiel auf, sodass ihn viele neugierige Blicke trafen und dann an seinem Ausweis hängen blieben. Schnell hatte er mitbekommen, dass auf allen Ausweisen ein Bild war, auf seinem nicht. Er stellte sich in die Schlange vor der Essenausgabe. Vor ihm eine junge Frau, die ihn lächelnd anblickte. Ihr Lächeln gefror, als ihr Blick an seinem Ausweis hängen blieb. Schließlich kam er an die Reihe und bestellte sich sein Essen. Als er bezahlen wollte, zeigte die Bedienung auf seinen Ausweis. Er reiche ihn herüber. Die Bedienung zog ihn durch ein Lesegerät. Die junge Frau von vorhin saß alleine an einem Tisch. Auf seine Frage, ob er sich zu ihr setzen darf, zuckte sie zusammen. Man sah es kaum, aber ihre Gesichtsfarbe veränderte sich leicht. Obendrein verschluckte sie sich. Da sie dadurch noch nicht sprechen konnte, nickte sie und deutete auf den freien Platz. »Ich hoffe, dass ich sie nicht erschreckt habe«? fragte er, was sie mit einem Kopfschütteln beantwortete und weiter auf ihren Teller starrte, als gäbe es dort unendlich Wichtiges zu entdecken. »Mein Ausweis ist schuld«? bohrte er weiter, worauf sie wieder nickte. »Den haben nur wichtige Leute«? Sie blickte von ihrem Teller hoch und nickte abermals.
»Wenn ich gewusst hätte, wie angsteinflößend mein Ausweis ist, hätte ich mir einen anderen geben lassen. Daran erkennen sie hoffentlich, dass ich mit offenen Karten spiele.« Ein verzagtes Lächeln huschte über ihr Gesicht.
»Ich bin ganz bestimmt nur zum Essen hier.« Wieder ein Lächeln. Sie taute nicht weiter auf, sodass er bald alleine am Tisch saß. Das musste sich schnell ändern. Wie sollte er einen Spion fangen, was er ja eigentlich nicht wollte, wenn alle einen Bogen um ihn machten. Der Weg zum Major war nicht weit. Vor seinem Büro nahm er den Ausweis ab und ging hinein. »Was gibt es«? fragte der Major und blickte zu ihm hoch. Ein für ihn fremder Mann stand vor ihm, noch dazu ohne Ausweis. »Wenn sie nicht sofort einen Ausweis vorlegen können, lass ich sie verhaften.«
»Immer mit der Ruhe Major, schon vergessen, ich bin hier um einen Spion zu fangen.«
»In wessen Auftrag?« In eurem natürlich«, sagte er und legte seinen Ausweis auf den Tisch. Ungläubig stand der Major auf und blickte ihn an.
»Ihr seid«? ließ er die Frage im Raum stehen. Auf sein Nicken setzte er sich wieder.
»Wir haben nicht gewusst, dass ihr so etwas könnt.«
»Ich sagte doch, dass ihr noch lange nicht alles über uns wisst. Ihr müsst mir einen anderen Ausweis geben, wie soll ich mit diesem Ausweis Spione fangen?«
»Wenn ihr mir von Anfang an gesagt hättet, was ihr vorhabt, hätte ich euch einen Unverfänglicheren gegeben. Hoffentlich ist es dafür noch nicht zu spät.«
»Gebt mir einfach einen anderen.«
»Ich weiß nicht, ob das noch einen Sinn hat, es spricht sich schnell herum, wenn hier ein neues Gesicht auftaucht. Aber wie ihr wollt.« Während der Major zum Tresor ging, änderte Kristian sein Aussehen. Es war deutlich zu sehen, wie der Major zusammenzuckte, als er Kristian in neuer Gestalt sah.
»Daran muss ich mich erst gewöhnen«, sagte er und gab ihm einen anderen Ausweis.
Kristians nächster Besuch galt der Halle mit dem neugierigen Techniker. Mit seinem neuen Ausweis hatte er keine Schwierigkeiten in die Halle zu kommen. Das Gesicht des Technikers erschien in der Luke, als er hörte, wie jemand in die Halle kam. Abwartend schaute er Kristian entgegen. Dieser stieg zu ihm hoch. »Hallo«, sagte er, »bin neu hier, soll mich mal hier umsehen.« Prüfend hielt er seinem Blick stand, zuckte mit den Schultern und wandte sich seiner Arbeit zu.
Das Raumschiff sah Cyro seinem ähnlich. Er zwängte sich in den kleinen Sitz. Neugierig schaute der Techniker rüber. Da er von seiner Reise mit Cyro einige Symbole und deren Bedeutung kannte, erklärte er sie ihm. Da die Energie stillgelegt war, musste der Techniker seinen Behauptungen ungeprüft glauben. Er sah, wie er sich eifrig Notizen machte.
»Du hast hier schon mal gearbeitet«? fragte der Mann.
»So könnte man es sagen.« Kristian fragte sich, warum die ganzen Untersuchungen hier durchgeführt wurden, wenn Cyro ihnen doch ganz einfach alles erklären konnte.
»Wie lange arbeitest du hier schon«? fragte er den Techniker.
»Ein halbes Jahr«, erwiderte er.
»Du weist, dass Untersuchungsergebnisse aus diesem Stützpunkt an die Öffentlichkeit gelangen«? fragte er.
»Was soll das heißen? Ach jetzt verstehe ich, du bist hier, weil ihr glaubt, dass ich die undichte Stelle bin.«
»Schon möglich.«
»Und warum ich«? fragte er.
»Denke mal nach, hättest du nicht gerne einen Fotoapparat gehabt, als der Major mit dem Alien hier war?« Man sah deutlich wie der Techniker erschrocken zusammenzuckte.
»Wer sagt das«? fragte er.
»Wusstest du nicht, dass Alien Gedanken lesen können?«
»Und dir hat er das erzählt?«
»Mir, und nicht dem Major«, sagte Kristian.
»Wer bist du eigentlich«? fragte er.
»Kannst du dir das nicht denken?« Er schüttelte seinen Kopf. »Also«, fing Kristian an, »ich bin nicht dein Feind, die Alien auch nicht. Sie haben auch nichts dagegen, wenn die Welt von ihrer Existenz erfährt. Du musst dich nur vorsehen, der Major möchte unbedingt die undichte Stelle stopfen. Ich gehe jetzt und sage dem Major, dass du sauber bist.« Nachdenklich sah der Mann zu, wie Kristian das Raumschiff verließ. »Sei vorsichtig«, schickte er ihm in Gedankenform rüber, was ihn nur noch mehr verwirrte. Er wollte ihm helfen und überlegte, wo er einen Fotoapparat gesehen hatte? Es war im Büro des Majors. Um keinen Verdacht aufkommen zu lassen, musste er unsichtbar in das Büro gehen. Im Schatten einer Hauswand machte er sich unsichtbar und sprang in das Büro. Es war leer, was die Sache vereinfachte. Er wusste nicht genau, wo die Kamera lag, und fand sie dann, obwohl eine Akte über sie lag. Ein weiterer Sprung brachte ihn unsichtbar in die Halle und ins Raumschiff zurück. Erschrocken sprang der Techniker zurück, als die Kamera plötzlich vor ihm lag. Gehetzt drehte er sich im Kreis. »Pass auf dich und meine Kamera auf«, übertrug Kristian und sprang zum Ausgangspunkt zurück. Er hatte Cyro und Systra in keine der Hallen gesehen. Gerüchten nach sollten sich etliche Stockwerke tief unter der Erde befinden. Unterwegs lief ihm Dan über den Weg.
»Hallo Dan, sagte er seine Gestalt ändernd, wann gehen wir eine Pizza essen?« Verständnislos blickte der ihn an und ging kopfschüttelnd weiter. »Hallo Soldat«, sagte Kristian, »haben sie es nicht mehr nötig, ihren Vorgesetzten zu grüßen?« Abrupt blieb Dan stehen und drehte sich um. Der Major stand jetzt vor ihm.
»Herr Major«, fing Dan an zu stottern, »wo kommen sie denn so plötzlich her, Entschuldigung, ich hab sie nicht gesehen.«
»Was ist, gehst du jetzt mit mir essen?«
»Herr Major, Edra bist du es? Verdammt, verarsch mich nicht«, dachte er, »sag endlich, dass du es bist.«
»Hallo Dan«, schickte er zurück. Ein erleichtertes Ausatmen. »Was ist«? fragte Kristian, »gehen wir essen?«
»Ich bin im Dienst.«
»Ich kläre das schon mit dem Major.« Plötzlich fing Dan an zu lachen. »Was ist, wenn der richtige Major plötzlich auftaucht?« »Hast recht«, sagte er und wechselte seine Gestalt. »Dieses bleibt unter uns, äußerste Geheimhaltungsstufe, nur der Major weiß Bescheid. Also komm, ich gebe einen aus, das ist ein Befehl.«
»Dem muss ich mich natürlich beugen«, sagte Dan lachend. Die Kantine war nicht sehr voll, sodass sie nicht lange anstehen mussten. Dan mit vollem Teller und er mit Kaffee und Kuchen setzten sie sich. »Da vorne«, sagte Dan und deutete vorsichtig auf einen Korporal, der zwei Tische weiter vor ihnen saß. »Das ist ein alter Stinkstiefel, kannst du dem nicht einen Denkzettel verpassen?«
»Warum ich, mir hat er doch nichts getan. Warum machst du es nicht selber?«
»Und wie soll ich das machen?«
»Du sagst mir in Gedankenform, was ich machen soll.« Dan überlegte kurz, lachte dann laut, sodass einige schon herüberschauten. Der Korporal saß mit dem Rücken zu ihnen. Er war ahnungslos, als Kristian nach Dans Anweisungen den Löffel des Korporals für den Nachtisch hochkant von einem Ende des Tisches zum anderen Ende laufen ließ. Wie ein Maschinengewehrfeuer klang es, wenn der Löffel den Tisch berührte. Dans Erregung steigerte sich, als er aufstand und mit ausgestrecktem Finger den Takt angab. Der Korporal hatte längst aufgehört zu essen. Alle schauten zu ihm herüber. Dan erhöhte mit erhobenem Finger das Tempo. Dass die Leute auch zu Dan schauten, bekam der Korporal nicht mit. In der Kantine war es mäuschenstill. Vielen kroch eine Gänsehaut den Rücken hinauf, weil sie das Geschehen übernatürlichen Kräften zuschrieben. Andere wussten nicht, ob sie lachen sollten. Dass der Korporal den Löffel schließlich fangen wollte, gab den Ausschlag und die Stimmung kippte um. Erst vereinzelt dann kochte der Raum bald vor Ausgelassenheit. Dan zeichnete Kreise in die Luft, also ließ Kristian den Löffel Kreise drehen. Dan, der so von der Bewunderung aller erfasst war, merkte nicht, wie der Korporal zu ihm rüber blickte. Als Dan es schließlich bemerkte, und seinen Arm herunter nahm, ließ Kristian den Löffel auf den Boden fallen, was für alle der Beweis war, dass Dan für alles verantwortlich war. Dieser blickte ihn Hilfe suchend an. Kristian tat so als hätte er nur Interesse für sein Essen.
»Hilf mir, vernahm er, der macht mich alle.« Dan, der große Magier hatte plötzlich Angst. Der Korporal wusste immer noch nicht, was er von Dans Aktivitäten halten sollte. Kein normaler Mensch konnte das, was Dan zu tun vorgetäuscht hatte. Er wusste, dass Dan schon mit einem Alien hier gewesen war, was aber nicht hieß, dass die Kräfte auf Dan abgefärbt hatten. Um sich nicht weiter dem Gespött der Leute auszusetzen, setzte er sich wieder. Kristian konnte es sich nicht verkneifen den Löffel, der noch auf dem Boden lag, im hohen Bogen auf den Tisch fallen zu lassen. Erst erschrockene Stille, dann anhaltender Applaus, wobei alle zu Dan hinüberschauten, der sich sogleich den Schuh anzog und wie ein Zauberer eine Verbeugung machte.
»Jetzt übertreib nicht«, übertrug Kristian, »ich weiß nicht, wie du da wieder raus kommen willst?«
»Dir wird schon was einfallen«, meinte er selbstsicher. Da ihm absolut nichts einfiel, blies er zum Rückzug, bezahlte und verließ mit Dan die Kantine, was die Leute erst auf ihn aufmerksam machte. »Wie fühlst du dich«? fragte Kristian, als sie draußen waren. »Ich glaube, dass ich morgen Ärger bekommen werde.«
»Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche«, sagte er. »Du kannst alles auf mich schieben, wir werden morgen wieder abfliegen.«
»Schade, endlich war hier mal was los. Sehen wir uns wieder?« fragte er. »Vielleicht«? ließ er offen. Dan hatte ihn bis vor sein Quartier begleitet, »also bis dann«, sagte er und gab ihm die Hand. Die Wachen schauten zu.
 Während Kristian bei den Amerikanern für Verwirrung sorgte, hatte Jessika schon kurz nach seiner Abreise beschlossen, seinen Vorschlag in die Tat umzusetzen und Hanna zu besuchen. Dazu brauchte sie die Hilfe von Großvater, da sie ihr Auto nicht an der Ruine stehen lassen wollte. »Hoffentlich weißt du, was du machst«? versuchte Großvater Jessika davon abzuhalten. »Hast du keine Angst, dass etwas schief gehen könnte?«
»Was sollte schief gehen, ich habe es doch schon mal geschafft.« Großvater gefiel die Sache nicht.
»Ich fahre dich natürlich hin, wenn du es unbedingt willst.«
»Ich wusste, dass ich mit dir rechnen kann«, sagte Jessika. »Ich muss nur noch kurz in die Stadt ein paar Sachen einkaufen.«
Als sie zurück war, wollte der Nachmittag und Abend kein Ende nehmen, was sie zunehmend nervöser machte. Schließlich hielt sie es nicht mehr aus. Es war gerade mal zweiundzwanzig Uhr. Die Tasche in der Hand, in der sich auch ein Kleid und Schuhe für Hanna und ihre Reithose befand, stand sie vor Großvater, der erschrocken aus dem Schlaf hochschreckte.
»Mädchen, es ist noch Zeit.«
»Nein, ist es nicht. Um diese Zeit sind keine Besucher mehr in der Ruine, außerdem darf ich nicht zu spät bei Hanna ankommen, weil diese dann schon im Bett liegt.«
»Ist ja gut, ich hole die Autoschlüssel.« Die Fahrt verlief schweigend. An der Burg angekommen, vergewisserten sie sich, ob sie auch alleine waren. Großvater ließ es sich nicht nehmen, Jessika mit der Taschenlampe in der Hand zur besagten Stelle zu begleiten. Jessika hob die Hand und Großvater blieb stehen. »Findest du ohne Taschenlampe zurück, ich habe nicht daran gedacht, eine mitzunehmen.« Großvater reichte sie ihr.
»Morgen um Mitternacht bin ich wieder hier.« Sie selber war nervös wie schon lange nicht mehr. Hoffentlich kann ich mich genügend konzentrieren, dachte sie. Die richtige Stelle für den Übergang war schnell gefunden. Sie holte ein paar Mal tief Luft, die Augen waren geschlossen. Irgendwie ging dann alles wie von selber. Als sie sich das öffnende Tor vorstellte, versank die Welt schon hinter ihr. Der Stallgeruch bestätigte ihren erfolgreichen Wechsel. Sie blickte runter zu ihren Füßen und versuchte sich die Stelle zu merken.
Mit der Taschenlampe in der Hand, verließ sie den Stall. Der Burghof lag verlassen und ruhig da. Ein Blick zum Tor und sie sah, dass es geschlossen war. Oben in den Gemächern, war noch Licht. Die Tür war nicht verschlossen. Zögernd ging sie die Treppenstufen hoch. Gemurmel drang durch die Tür. Ein lustiges Fest war sicher nicht im Gange.
Jessika klopfte an die Tür, das Gemurmel verstummte. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen. Erschrocken schrie Jessika auf. Albert der Sohn des Grafen blickte ebenso erschrocken drein. »Jessika, wo kommt ihr denn her?« Unterdessen tauchte auch Hanna auf und nahm sie bei der Hand. Am Tisch saßen der Graf, der Burgvogt und der Waffenmeister. Ebenso überrascht sprangen auch sie auf. Hanna umarmte Jessika und versucht in ihrem Gesicht zu lesen, ob sie schlechte Nachrichten mitbrachte. Jessika hatte dies schnell erkannt und beruhigte sie. »Nein, es ist alles in Ordnung, Isabel geht es gut.« »Wo ist Kristian«? fragte der Graf.
»Ich bin alleine gekommen, Kristian hatte keine Zeit.«
»Hat er dir die Macht der Elfen überlassen oder wie bist du hierher gekommen?«
»Nein, das geht sowieso nicht, ich bin mit meiner eigenen Kraft zu euch gekommen.«
»Dann bist du eine mächtige Frau«, sagte Hanna bewundernd. Jessika war es schon peinlich, so gelobt zu werden. »Kristian hat mir für alle Fälle gezeigt, was ich machen muss, falls ich mal zu euch muss.« Die Männer standen immer noch und starrten Jessika an. Plötzlich wurde ihr bewusst, weswegen. Sie hatte ein Sommerkleid an, das bis über die Knie reichte.
»Oh, entschuldigt, ich habe nicht daran gedacht, aber bei uns zieht man sich so an. Ich bin hier, um Hanna für einen Besuch nach Isabel abzuholen. Und damit sie nicht auffällt, habe ich ihr ein ähnliches Kleid mitgebracht.« Sie zog es aus der Tasche und hielt es vor Hanna. Aber das ist doch viel zu kurz, protestierte diese.
»Bei uns laufen die Menschen in kurzen Kleidern herum. Sie würden dich alle anstarren, wenn du in deinen Kleidern Isabel besuchst.«
»Was meinst du Lothar«? wandte sich Hanna an den Grafen. »Wenn es nicht anders geht?« Die anderen grinsten.
»Ich habe euch etwas mitgebracht«, Jessika schüttete ihre Tasche aus. Staunend schauten alle auf den Haufen Süßigkeiten. Ludwig griff als Erster zu und hatte Schwierigkeiten, den Beutel aufzubekommen. Schließlich erinnerte er sich, dass er ein Messer hatte. Bald waren alle Beutel geöffnet und jeder versuchte mal diese oder jene Süßigkeit. »Besuch uns bald wieder«, sagte Albert grinsend. Dann erzählte Jessika von Isabel und wie gut es ihr schon ging. »Wir haben uns überlegt, dass wir nicht nur ein großes Fest feiern, wenn Isabel zurück ist, sondern auch eine Hochzeit.« Auf den fragenden Blick von Jessika antwortete Hanna schnell, »Ludwig und Isabel werden heiraten.«
»Aber ihr müsst Isabel doch vorher fragen?«
»Das machen wir auch,« sagte Hanna beruhigend. Es war schon spät, als alle schließlich schlafen gingen. Hanna brachte Jessika in ein Zimmer und wünschte ihr eine gute Nacht. Als Jessika am anderen Morgen aufwachte, herrschte im Burghof schon reger Betrieb. Da keine Fensterscheiben den Lärm dämpften, drang dieser ungebremst in ihre Kammer. Ein Blick auf ihre Uhr sagte ihr, dass es schon zehn Uhr war.
Als sie durch die Gänge eilte, fror sie und war froh, dass sie die Reithose mitgenommen hatte. Alle, außer Ludwig, saßen schon am Tisch, als sie kam. »Ich wusste nicht, ob ich dich wecken sollte«, sagte Hanna.
»Nein, ist schon gut so«, meinte Jessika. Der Tisch war reichlich gedeckt. Braten vom Vorabend, Bier, Wein, Weißbrot, Wurst, Käse.
»Habt ihr keine Milch«? fragte Jessika.
»Hier nicht, aber ich lass sie bringen, wenn du möchtest?«
»Wenn möglich sehr heiß.«
»Du frierst«, stellte Hanna fest, »morgens ist es sehr frisch.« Zwei kräftige Tritte auf das Bohlenwerk des Fußbodens ließ eine Magd erscheinen. »Bring uns einen Krug heiße Milch«, befahl Hanna, stand auf und holte aus einer Truhe, die am anderen Ende des Raumes stand, ein Tuch, das sie Jessika umlegte. »Danke, aber warum lasst ihr euch keine Fensterscheiben einbauen, Kristian wird euch sicher dabei helfen.«
»Du meinst, so wie in Hannas Haus«? fragte Albert.
»Ja, sicher.«
»Das wäre schon schön, im Winter ist es hier eisig und kalt. Wenn wir die Blendläden gegen die Kälte schließen, sitzen wir im Dunkeln und der Wind bläst trotzdem herein.« Der Waffenmeister Robert nickte bestätigend, wehrend er auf ein Stück Braten kaute. »Ich weiß nicht, wann Kristian wieder kommt, am Besten, ihr redet dann mal mit ihm darüber.«
Hanna nickte.
Inzwischen wurde die Milch gebracht.
»Wo ist eigentlich Johannes«? fragte Jessika.
»Der ist mit unseren Jägern auf Jagd. Er will nicht eher wiederkommen, bis er alleine einen Keiler erlegt hat.« »Hoffentlich passiert ihm nichts. Hanna, was hältst du davon, wenn wir nachher ausreiten?«
»Oh ja, das wäre schön.«
»Braucht ihr keinen Schutz«? fragte Albert. Hanna und Isabel sahen sich an, »brauchen wir Schutz?« Hanna schüttelte den Kopf. »Ich verstehe schon«, sagte Albert, »Frauengespräche.« Graf Lothar und der Waffenmeister schmunzelten. Albert begleitete sie nachher nach unten zum Stall. Die Frauen saßen auf und verließen den Burghof, die Blicke der Männer im Rücken. »Was ist mit dir und dem Grafen«? fragte Jessika.
»Was soll sein?«
»Keine Hochzeit?«
»Wenn es nach mir ging schon, aber Lothar hat mich noch nicht gefragt.«
»Kommt schon noch.« Die Leute in der Vorburg stellten ihre Arbeit ein, als beide Reiterinnen vorbei kamen, und machten erst weiter, als sie ihren Blicken entzogen waren.
»Wann warst du das letzte Mal in deinem Haus«? fragte Jessika.
»Das ist schon eine Weile her.« »Und was ist mit deiner Ziege?« »Ich habe sie in die Vorburg gebracht.«
»Dann lass uns mal nachsehen, ob dein Haus noch steht.« Jessika drückte ihrem Pferd die Ferse in die Seite, worauf es einen Satz nach vorne machte. Hanna hatte Mühe den Anschluss nicht zu verlieren. In der Lichtung angekommen, sahen sie bald das Häuschen vor sich liegen. »Es ist eigentlich schade, dass ich nicht die Zeit habe, öfter hier herzukommen.«
 
 Währenddessen lag Kristian in seinem Zimmer auf seinem Bett. Wegen seiner konnten sie heimwärts fliegen. Erschrocken fuhr er hoch. Auf dem ganzen Stützpunkt schien es Alarm zu geben. Ein Blick auf seine Uhr zeigte ihm, dass er eingeschlafen war und es jetzt dreiundzwanzig Uhr war. Ausgeruht und voller Tatendrang wollte er nachschauen.
Unsichtbar sprang er nach draußen. Die Hallen, speziell die des Technikers, waren umringt von Soldaten mit Gewehren. Eine Weile sah er dem Treiben zu. Dann fuhr ein Auto vor und Major Brenningen stieg aus. Anscheinend war er von außerhalb des Stützpunktes gerade erst angekommen. Er besprach sich mit dem diensthabenden Offizier. Kristian stellte sich unsichtbar dazu und erfuhr so, um was es ging. Nachts wurden die Hallen mit Bewegungsmelder gesichert. Einer hatte einen Alarm ausgelöst. »Sind ihre Leute schon in der Halle«? fragte der Major?«
»Nein, wir wollten auf sie warten.«
»Dann los.« Der Wachhabende schloss die Tür auf. Beide Offiziere und zwei Soldaten betraten die Halle, Kristian hinterher. Noch war alles dunkel.
»Machen sie Licht,« sagte der Major.
»Geht nicht«, meinte der eine Soldat.
»Dann schauen sie im Sicherungskasten nach, verdammt noch mal.« »Und wo ist der Sicherungskasten«? klang es kleinlaut aus der Dunkelheit.
»Woher soll ich das denn wissen? Wachhabender, stellen sie Scheinwerfer auf aber schnell.« Das Geräusch entfernender Soldatenstiefel, dann Stille. Kristian konnte es sich nicht verkneifen, den Major anzuschupsen. »Was soll das, passen sie auf.«
»Ist was Herr Major?«
Die ersten Taschenlampenfinger glitten durch die Dunkelheit. Es sah gespenstig aus, Kristian spürte die Angst der Soldaten, die nicht wussten, wer oder was den Alarm ausgelöst hatte. In letzter Zeit hatten sie so viel Ungewöhnliches erlebt, da musste man mit allem rechnen.
Labors und Büros befanden sich an der einen Seite der Halle. Hier gab es genug Möglichkeiten sich zu verstecken. Kristian lauschte in die Dunkelheit, versuchte die Gedanken der Soldaten abzuschotten. Dann hatte er ihn. Der Techniker saß oben unter dem Hallendach auf dem Laufsteg, von wo aus die Kräne und die Versorgungsleitungen gewartet werden konnten. Er kauerte hinter einen Transformator und sah dem hektischen Treiben unter ihm zu. Wenn sie die Stromunterbrechung fanden, war es nur eine Frage der Zeit, bis sie ihn sahen. Unter seinem Hemd drückte der Fotoapparat gegen seine Rippen und er bereute schon, sich auf die Sache eingelassen zu haben. Gehetzt blickte er umher und suchte nach einem Ausweg. Die Ausgänge waren besetzt. Man würde ihn verhaften und als Spion verurteilen.
Kristian empfing seine Gedankenimpulse und hatte Mitleid mit ihm, zumal er ihm den Fotoapparat besorgt hatte. Er sprang zu ihm hoch. »Erschrick nicht, ich werde dir helfen.« Schon eine unsichtbare Stimme musste jeden erschrecken, also auch ihn.
»Wer bist du?«
»Ich bin ein Freund und werde dich von hier wegbringen.«
»Wie soll das möglich sein, alles ist umstellt.«
»Nimm die Speicherkarte aus der Kamera, ich muss sie zurückbringen, um keine Spur zu hinterlassen.« Der Techniker war sich nicht sicher, ob er träumte oder verrückt wurde. Trotzdem zog er die Speicherkarte aus der Kamera. Ehe er sich versah, wurde ihm die Kamera aus der Hand genommen.
»Lass uns gehen.«
Er berührte ihn und sie verschmolzen mit der Umgebung. Dann ging die Beleuchtung an. Der Major scheuchte seine Leute umher. »Jetzt ist alles aus«, empfing er die Gedanken des Technikers. »Komm, wir wollen den Major nicht bei seiner Suche stören.« Ehe der Techniker wusste, wie ihm geschah, stand er alleine da, weit von der Halle entfernt, über ihn funkelnde Sterne.
»Wo bist du, ich möchte dir danken.« In Aliengestalt stand Kristian kurz vor ihm und wechselte dann in die Gestalt, in der er ihn beim letzten Besuch kennengelernt hatte.
»Das glaubt mir keiner, von einem Alien gerettet, und erzählen darf ich es auch nicht, da ich mich dann selber bloßstelle.«
»Sei mit dem zufrieden, was du in deiner Hand hältst, und geh, bevor man dich hier sieht. Ich muss jetzt auch gehen.« Das „danke“ verhallte in der Ferne, als Kristian ins Büro des Mayors sprang und die Kamera zurücklegte. Die Wachen vor seiner Unterkunft bekamen nicht mit, wie er in seine Unterkunft sprang. Von Cyro keine Spur. Es war zehn Uhr, als er am anderen Morgen aufwachte.
»Da bist du ja endlich«, empfing er Cyro`s Botschaft.
»Warst du für die Aufregung da draußen verantwortlich?«
»Direkt nicht, ich habe nur jemand aus der Klemme geholfen.« »Wir sind hier fast fertig, und fliegen heute noch zurück.«
»Das ist mir recht, hier ist sowieso nichts los.«
»Ich habe das Gefühl, dass der Mayor froh ist, wenn er dich nicht mehr auf seinen Stützpunkt hat«, konnte Cyro sich nicht verkneifen zu sagen.
»Das Gefühl habe ich auch.« Kristian lies sich sein Frühstück bringen und schob eine Videokassette in den Rekorder.
 
          Wehrend dessen bei Jessika.
Hanna und Jessika banden ihre Pferde an und gingen ins Haus. Ein wenig staubig, aber gemütlich. »Soll ich uns einen Kaffee machen?« Jessika blieb eine Antwort schuldig, weil draußen die Pferde unruhig wurden. Sie machte das Fenster auf und sah hinaus. Nervös tänzelten die Pferde auf der Stelle. »Hanna weist du, was die Pferde haben?«
»Ich kann es mir fasst denken.« Hanna ging nach draußen, schöpfte Wasser, beruhigte die Pferde und setzte dann den Wassertopf auf. Anschließend nahm sie gedanklich die Heizkassette in Betrieb. »Nun sag schon, was haben die Pferde?«
»Wir haben Besuch.«
»Du meinst?«
»Ja, ich meine.«
Dann klopfte es und Hera kam durch die Tür. »Ich wünsche einen guten Tag allerseits.« Hallo Hera«, sagte Jessika, »schön dich zu sehen.«
»Schön euch zu sehen.« »Trinkst du Kaffee mit uns?«
»Wie könnt ich euch etwas ausschlagen. Ist Kristian in der Nähe?«
»Nein wieso?«
»Hat er dich rübergebracht und ist wieder gegangen?«
»Nein, hat er nicht.« Ratlos blickte er beide Frauen an, die seine Ratlosigkeit genossen. »Wie bist du dann nach hier gekommen?«
»Genau wie Kristian das erste Mal.«
»Er hat es dir gezeigt?« Jessika nickte.
»Willkommen in unserer Welt. Und was habt ihr jetzt vor?« »Eigentlich nichts, wir müssen warten, bis es dunkel ist, ich wollte Hanna mitzurücknehmen. Sicher hast du gehört, dass Isabel bei uns im Krankenhaus liegt?« »Ja, hab ich. Was haltet ihr davon, wenn ich euch kurz mitnehme?«
»Oh ja, aber die Pferde?«
»Die können so lange hier stehen bleiben.« Hanna schüttete heißes Wasser in ihre Tassen und Jessika das Kaffeepulver. »Bist du alleine?«
»Ja, meine Leute haben mir eure Ankunft mitgeteilt.«
»Wann besuchst du uns mal wieder, Kristian würde sich bestimmt freuen.«
»Aber das habe ich doch vor, ich werde euch später zurückbringen.« Dann schien er zu überlegen und lächelte dann. »Frohe Nachrichten, Kristian kommt heute Abend zurück.« Jessika fragte nicht, woher er das plötzlich wusste, sie wunderte sich schon lange nicht mehr.
»Du weißt, was für eine Verantwortung du trägst mit deinem Wissen, um in unser Reich zu kommen«? fragte Hera Jessika, nachdem Hanna nach draußen gegangen war, um die Tassen zu spülen?
»Du brauchst keine Angst zu haben, das Geheimnis ist bei mir gut aufgehoben.« Hanna kam zurück und Hera drängte zum Aufbruch. Er nahm beide Frauen bei der Hand, was Jessika schmunzeln ließ, weil es lustig aussah. Sie kamen vor Heras Haus an. Ein Pfau schrie aus vollem Hals und spreizte dann sein Gefieder zu einem Rad. »Den habe ich zu eurer Begrüßung herbestellt«, meinte Hera und ging geradewegs durch die geschlossene Glastür. Hanna und Jessika blieben erschrocken stehen. Sie hatten nicht vor, Hera auf die gleiche Art zu folgen. Hera kam durch die geöffnete Tür zurück.
»Entschuldigt, Macht der Gewohnheit, kommt herein.« Jessika war überwältigt, ebenso Hanna. Der Raum, circa zehn Meter im Durchmesser, war rund, mit Türen zu angrenzenden Räumen. Durch eine getönte Glaskuppel drang weiches Licht herein. Die Wandverkleidung, bestehend aus in allen farben schimmernden Platten, wechselten ab mit gemalten Bildern in gleicher Größe aber unbekannten Motiven. Verschiedene Sitzgruppen reihten sich um einen Springbrunnen in der Mitte des Raumes. Das Plätschern hatte eine beruhigende Wirkung. Der Fußboden bestand aus Mosaiksteinchen. Heras Haus schien auf einer Anhöhe zu liegen, da man unter sich in einiger Entfernung weitere Wohnungen zwischen Bäumen hervorlugen sah.
»Dort hinten wohnt meine Schwester die Königin«, Hera deutete über das grüne Blättermeer auf eine Ansammlung von Häusern. »Bevor wir uns setzen, könnt ihr euch frisch machen, Heli wird euch den Weg zeigen.«
Ein wenig erstaunt folgten beide der vorausgehenden Heli. Neben zwei geöffneten Türen standen zwei weitere schöne Elfen mit sehr kurzem Rock.
»Ich überlasse euch Dela und Vila, bis gleich.« Ehe Jessika etwas sagen konnte, war Hera verschwunden. Dela nahm Hanna bei der Hand und führte sie in einen Raum. Vila blickte Jessika aus großen Augen an. »Du brauchst keine Angst zu haben«, sagte sie, »hier ist der Entspannungsraum. Zieh dich aus, das Bad ist schon fertig.« „Das wird aber mehr wie eine Erfrischung“, dachte Jessika, zog sich dann doch aus. Vila schaute ihr dabei ohne Scheu zu, nahm ihre Sachen und verließ den Raum. Jessika prüfte die Wassertemperatur und setzte sich in die Wanne. Die duftenden Dämpfe des Wassers fingen sie ein und sie ließ es geschehen, das Vila sie mit einem Schwamm wusch. Danach stand sie mit einem Badetuch auffordernd bereit. Nur ungern verließ Jessika ihr Bad, ließ sich dann von Vila abtrocknen. »Wo sind meine Sachen«? fragte Jessika und wickelte sich in ihr Badetuch.
»Wir sind noch nicht fertig«, Vila deutete auf eine Liege. Widerstrebend ließ sich Jessika von ihrem Badetuch befreien und legte sich hin. Sogleich erklang wundervolle Musik, die sie einhüllte. Unsichtbare Düsen versprühten einen lieblichen Duft, der ihre Sinne erneut betörten. Ein Schauer ging durch ihren Körper, als Vila begann, über ihren Körper zu streicheln. Jessika öffnete ihre Augen und blickte direkt in die glutvollen Augen von Vila. Diese schüttete eine Flüssigkeit in ihre Hand und begann damit, diese gleichmäßig auf Jessikas Körper zu verteilen. Ein Schauer schüttelte jedes Mal ihren Körper und Jessika konnte nur mit Mühe ein Stöhnen unterdrücken. Vilas flinke Hände massierten ihren Körper und ließen Jessika erneut aufstöhnen und alles um sich vergessen.
Nach einiger Zeit, Jessika hatte alles Zeitgefühl verloren, hörte die Musik auf. Nur widerstrebend hob sie ihren Kopf und sah in das lächelnde Gesicht von Heli. »Na, wie hat dir die Erfrischung gefallen?«
»Wunderbar, schade, dass es schon vorbei ist, ich werde einen Grund suchen müssen, um wiederzukommen.« Bevor sie ihre Sachen, die gefaltet und gewaschen bereitlagen, anziehen konnte, wurde sie zu einer Dusche geführt, wo sie von Vila mit einem harten Strahl aus der Handdusche abgeduscht wurde.
Hanna war es ebenso ergangen, beide trafen am Ausgangspunkt wieder zusammen. Hera wartete schon lächelnd auf sie.
»Ich hoffe, euch hat es gefallen?«
»Gefallen ist kein Ausdruck, ich war enttäuscht, als es zu Ende war.«
»Hanna, was ist mit dir?«
»Für mich ist das alles noch unbegreiflich, ich konnte bei Kristian schon im warmen Wasser baden, aber das hier, dazu fehlen mir die Worte.«
»Es freut mich, dass es euch gefallen hat,« dabei deutete er auf zwei Sesselchen. Heli kam und stellte Gläser mit Fruchtsaft und Gebäck auf den Tisch. Der gehenden Heli hinterher schauend, fragte Jessika, »sind alle eure Frauen so schön?«
»Sind bei euch alle Frauen so schön wie du«? stellte Hera die Gegenfrage, was Jessika erröten ließ.
»Als Bruder der Königin hat man natürlich seine Privilegien.« Jessika schaute auf ihre Uhr.
»Hera, du sagtest du bringst uns nach Hause, dann müssen wir gehen, sonst ist die Besuchszeit im Krankenhaus vorbei. Bringe uns zu den Pferden und du holst uns dann auf der Burg ab.« »Ganz wie ihr wollt.« Die Pferde standen gelangweilt an ihrem Platz. Bevor Hera wieder verschwand, beugte Jessika sich zu Hera herunter und küsste ihn auf die Wange.
»Vielen Dank für den schönen Nachmittag.«
»Es war mir ein Vergnügen«, und weg war er.
In der Burg angekommen, übernahm der Stallknecht die Pferde. »Ich hole nur schnell unsere Sachen und sage Bescheid, dass Hera uns rüberbringt«, sagte Jessika. Sie standen gerade wieder im Burghof, als Hera erschien. Er nahm beide Frauen an die Hand und setzte sie bei Großvater ab.
»Kommst du noch mit rein?«
»Nein, ich muss zurück.« Das danke von Jessika erreicht ihn nicht mehr. Aron begrüßte sie lautstark. »Ist Kristian hier«? fragte Großvater erstaunt? »Nein, Hera hat uns gebracht. Aber Kristian kommt auch heute.« Großvater nahm Hanna an die Hand und führte sie ins Haus, was sie sehr belustigte.
 
         Wehrend dessen:
Der Abschied vom Stützpunkt fiel Kristian leicht. Der Major sah zu, wie sie zu ihrem Raumschiff gingen. Sicher machte er drei Kreuzzeichen hinter ihnen. Das Sprichwort „die Zeit verging wie im Flug“, traf auf sie zu, als Cyro schon wieder zur Landung ansetzte. »Wenn ihr mich nicht braucht, dann springe ich nach Jessika?«
»Geh nur«, sagte Systra.
»Ich danke euch, bis zum nächsten Mal.« In der Vorhalle war alles ruhig. »Hallo, ist hier keiner?«
Jessika stürmte aus der Küche und geradewegs in seine Arme. Aron, der sich genau so freute, sprang sie unvorbereitet an, sodass sie sich alle auf dem Boden wiederfanden. »Das ist ein tolles Bild«, sagte Großvater, der mit Hanna in der Tür stand. Kristian war überrascht, Hanna zu sehen.
»Jessika, hast du?« »Ja und nein, Hera hat uns gebracht, nachdem ich vorher durch das Tor gegangen bin.«
»Tüchtig, tüchtig. Hattet ihr was vor?«
»Wir wollten Isabel besuchen.«
»Dann komme ich mit, ich muss nur noch jemand anrufen.«
Da alle in die Küche gegangen waren, konnte er von der Halle aus Lena ungestört anrufen. Sie nahm sofort den Hörer ab. »Hör zu, im Krankenhaus Zimmer einundzwanzig liegt die Tochter des Grafen, Jessika, Hanna und ich fahren gleich hin. Mache ein paar Fotos. Wir werden später sehen, wie wir sie präsentieren.
»Bin schon unterwegs.« Er hatte jedes Mal ein ungutes Gefühl, wenn er von hier aus Lena anrief, und hoffte, dass die Zeit zu kurz war, um den Anruf nach hier zurückzuverfolgen.
»Kommt, wir wollen Isabel nicht länger warten lassen.«
Mit Jessikas Wagen fuhren sie los.
Vor Isabels Zimmer gab es Streit. Lenas Stimme war nicht zu überhören.
»Ist schon gut«, sagte Kristian zu der Schwester, »sie haben gut aufgepasst. Lena komm rein.« Die Schwester schaute beleidigt drein. Hanna und Isabel lagen sich schon in den Armen.
»Ich darf morgen nach Hause«, sagte Isabel.
»Das ist gut, ich hole dich dann ab«, sagte Kristian. Lena machte ihre Aufnahmen. Zu Lena sagte er, »kurz oder lang gibt es eine Hochzeit auf der Burg. Dann stellst du diese Fotos den anderen auf der Burg gegenüber und erzählst, dass zwei Frauen aus dem Mittelalter schon hier im Krankenhaus waren.«
»Was für eine Hochzeit«? fragte Isabel.
»Deine natürlich, Ludwig will nicht mehr länger warten«, erklärte Jessika.
Lena verabschiedete sich, als sie sich auch auf den Weg machten.
»Hanna, bleibst du, oder soll ich dich in die Burg bringen?« »Wenn ich darf, möchte ich bis morgen bleiben, und wenn ich darf, würde ich auch gerne in warmes Wasser baden.«
»Das darfst du gerne.« Zu Hause bereitete Jessika das Bad vor. Hanna stand vor der Wanne und konnte wieder nicht begreifen, wo das heiße Wasser herkam.
»Du darfst so lange darin bleiben, wie du möchtest.«
Als Jessika sich zu Großvater und Kristian setzte, erzählte Kristian von seinem Ausflug. »Wir haben aber auch etwas erlebt«, trumpfte Jessika auf und erzählte, wie es bei Hera war. »Ich glaube, ich muss Hera auch mal besuchen«, sagte Kristian.
»Wo Hanna nur bleibt?« »Schau mal nach.« Jessika kam wieder und sagte, dass Hanna in der Wanne eingeschlafen war.
»Ich habe sie geweckt, sie kommt gleich herunter.« Maria hatte Schnittchen und Brötchen gemacht. Hanna griff beherzt zu.
»Und was möchtest du trinken? Wie wär's mit Milch und Kakao?« Hanna nickte nur. Als der Kakao kam, war sie begeistert.
»Ich hole Isabel morgen erst nach hier«, schlug Kristian vor. Jessika nickte. Hanna nahm das letzte Brötchen vom Teller.
»Wenn's nach mir geht, würde ich gerne schlafen gehen«, sagte Kristian. Jessika nickte, Hanna ebenfalls. Großvater war schon in seinem Sessel eingeschlafen.
»Jessika zeigst du Hanna ihr Zimmer?« Kristian machte Großvater wach und folgte ihnen. Müde ließ er sich ins Bett fallen und merkte nicht mehr, wie Jessika von Hanna zurückkam.
Es war acht Uhr morgens, als alle wieder am Frühstückstisch vereint waren.
»Nach der Visite werde ich Isabel holen.«
Um zehn Uhr sprang er direkt in ihr Zimmer. Fast wäre er mit der Schwester zusammengestoßen, die das Frühstücksgeschirr heraustrug. Sie schien ihn zu spüren, da sie aber nichts sah, schloss sie die Tür. »Isabel erschrecke nicht, ich bin es.« »Kristian, ich darf heute nach Hause.«
»Ich weiß, deshalb bin ich hier. Ich kläre das, und dann nehme ich dich mit.«
»Ich bin gekommen um Frau Falkenhorst abzuholen«, sagte er im Büro. »Es ist schon alles vorbereitet, und hier ist das restliche Geld.«
Er bedankte sich.
Wieder in Isabels Zimmer, Isabel hatte sich schon angezogen, waren sie im Begriff, nach Jessika zu springen. Die Krankenschwester, die kurz hereinschaute, sah gerade noch, wie sie sich auflösten. Das war zu viel für sie, ihr Schrei, der durch Mark und Bein ging, ließ die Leute erstarren und Schlimmes erahnen. Menschen eilten herbei und sahen, wie die Schwester leichenblass versuchte, gegen eine Ohnmacht anzukämpfen. Von zwei Kollegen gestützt, wurde sie in das Zimmer geführt. Immer noch leichenblass setzte sie sich auf einen Stuhl. »Sie haben sich einfach in Luft aufgelöst«, stammelte sie. Da keiner die Zusammenhänge kannte, sah der Stationsarzt sich genötigt, der Schwester eine Beruhigungsspritze zu geben.
Sie sprangen in die Halle, Aron war der Erste, der sie begrüßte und die Anderen auf sie aufmerksam machte. Im Nu waren sie von allen umringt. »Wir wollen uns nicht lange aufhalten, Isabel will sicher sofort zu ihrer Familie«, schlug Kristian vor.
»Hanna kommst du mit?«
»Ich komme und danke für alles.« Er nahm beide an die Hand und sprang. Als wenn sie darauf gewartet hatten, Graf Lothar und Sohn Albert verzogen keine Miene, als sie ankamen.
»Ihr habt euch sicher genug zu erzählen, ich springe zurück.« Der Graf reichte ihm die Hand, »ich danke dir.«
»Schon gut«, wehrte er ab, »bis dann.« Bis zum Mittag war es noch Zeit. Ihr lokaler Radiosender unterbrach seine Sendung, »wir wissen nicht, ob die Meldung zuverlässig ist, es wird auf jeden Fall berichtet, dass eine Patientin spurlos verschwand. Die Krankenhausrechnung wurde von einem jungen Mann bar bezahlt. Nach der Aussage der Stationsschwester will sie gesehen haben, wie sich der junge Mann und die Frau in Luft aufgelöst haben. Die Frage ist, ob dieses mit den Ereignissen vergangener Tage zu tun hat. Aus gut unterrichteten Kreisen wissen wir, dass die Reporterin Lena Müller diese Frau vor ihrem Verschwinden besucht hat. Wie wir alle wissen, taucht Lena Müller immer dann auf, wenn Unerklärliches geschieht. Es kann also davon ausgegangen werden, dass das unerklärliche Verschwinden der Patientin mit den Ereignissen vergangener Tage zusammenhängt. Sobald wir Näheres wissen, werden wir sie unterrichten.« Jessika blickte Kristian an. »Du hast Lena angerufen?« Er nickte.
»Ich bin gespannt, was morgen in der Zeitung steht.« Maria deckte den Tisch und trug dann das Essen auf. »Ihr denkt schon noch daran, dass wir morgen Besuch bekommen?«
»Stimmt, ja«, sagte Jessika, »daran hätte ich schon gar nicht mehr gedacht.«
Nach dem Essen überlegten sie, was sie am Nachmittag machen wollten. »Wir könnten ins Hallenbad gehen«, schlug Jessika vor. Da er nichts Besseres wusste, stimmte er zu.
Am anderen Morgen suchte er vergeblich eine Meldung von Lena in der Zeitung. Ein Anruf bei Lena brachte ihn auch nicht weiter. Der Anrufbeantworter sagte ihm, dass Lena nicht erreichbar war.
Ihr Besuch kam am Nachmittag mit ihrem Auto und hatten ihre Kinder mitgebracht. Ein Junge und ein Mädchen, acht und zehn Jahren alt, beide schön anzusehen. Abschätzend blickten beide Kinder Kristian an. »Du bist unser Freund«?
»Ganz bestimmt«, sagte er. Sie waren noch nicht durch das Tor gekommen und steckten ihre Nasen durch das Gitter. »Du kannst unsere Gedanken empfangen?«
»Ich kann noch viel mehr«, und ließ sie über den Zaun schweben. Das war nach ihrem Geschmack. »Höher«, riefen sie. Ihre Eltern drehten sich erschrocken um, als sie die Gedanken ihrer Kinder auffingen.
»Keine Angst«, beruhigte er sie und setzte die Kinder vorsichtig ab. Jessika unterbrach das Spiel.
»Maria hat den Tisch gedeckt«, rief sie. Die Kinder stürzten voran. Großvater freute sich über den Besuch.
»Das sind Angela und Richard«, sagte Anja und deutete dabei auf ihre Kinder. Kristian stellte Großvater und Maria vor.
»Ihr könnt hier frei reden, alle wissen Bescheid.« Sie saßen gemütlich beisammen, als Kristians Tasse, die er gerade ergreifen wollte, auf die andere Seite des Tisches schwebte. Die Kinder lachten vor Vergnügen.
»He, ihr seid gut«, sagte er und ließ die Tasse zurückschweben. Anja schalt ihre Kinder. Danach erzählte Kristian seine Geschichte. Anja und Robert waren ganz aufgeregt. Die Kinder spielten derweil mit Maria und ließen Plätzchen durch die Luft segeln.
»Ich habe mit Cyro gesprochen. Er sagt, ihr solltet in einem Kriegsgebiet auf die Erde abgesetzt werden, genau so, wie es bei euch abgelaufen ist. Als Kriegsweisen wäre es für die Alien leicht gewesen, euch unauffällig den Menschen unterzuschieben. Euer Raumschiff, das euch abgesetzt hat, war danach verschollen und man nahm an ihr wäret noch auf dem Raumschiff gewesen. Deshalb hat sich keiner mehr um euch gekümmert. Ich soll einen von euch mit zu Cyro bringen.« Anja und Robert blickten sich an.
»Geh du«, sagte Robert. »Ich sage euch Bescheid, wann das Treffen stattfinden soll«, sagte Kristian.
Im Laufe des Nachmittags tauten ihre Gäste immer mehr auf. Die Anspannung auf ihren Gesichtern verschwand. Anja und Robert waren aufmerksame Zuhörer, als Kristian von der Entdeckung des Tores in eine andere Welt berichtete. Es wurde Abend, als sich Anja, Robert und die Kinder verabschiedeten.
Kristian versuchte, Lena zu erreichen. Wieder war nur der Anrufbeantworter zu hören. Ein wenig seltsam fand er es schon, da es nicht Lenas Art war, sich tot zustellen. Falls sie am anderen Morgen immer noch nicht da war, hatte er einen Grund sich Sorgen zu machen.
Am Morgen des nächsten Tages, er hatte Lena noch immer nicht erreicht, rief er in der Redaktion ihrer Zeitung an. Hans, der Redakteur, wollte wissen, wer er war und warum er nach Lena fragte. »Das ist jetzt unwichtig«, sagte Kristian,
»Lena ist in Schwierigkeiten.«
»Daran habe ich auch schon gedacht«, gab er zu.
»Ich melde mich, wenn ich was Neues weis«, sagte Kristian und legte auf. Wer immer auch Lena entführt hat, versprach sich von ihr näheres über das geheimnisvolle Wesen erfahren zu können. Wenn man Lena Gewalt antat, würde sie preisgeben, welche Rolle Kristian in der Geschichte spielte.
Er dachte an das Implantat, welches Cyro ihnen eingepflanzt hatte. Nur er würde ihm sagen können, wo Lena festgehalten wurde. Er sprang, ohne dass er Jessika Bescheid sagte, zum UFO-Stützpunkt. Ihm fiel ein Stein vom Herzen, Cyro`s Gleiter stand an seinem Platz. Er ging rüber zum Gebäude und freute sich, Lyra wieder zu sehen. Ein Blick in die Runde, und er sah Cyro und Systra mit zwei ihrer Art zusammensitzen.
»Hallo Kristian, schön dich zu sehen«, sagte Lyra.
»Machst du mir was zu trinken, das Gleiche wie beim letzten Mal?« Sie nickte und er ging zu Cyro`s Tisch.
»Seid gegrüßt.« Gleich viermal hielt er seine Hand zur Begrüßung gegen die der am Tisch sitzenden.
»Ihr wisst, warum ich hier bin?« Sie hatten schon seine Gedanken gelesen und nickten. »Kannst du mir helfen?« Er dachte an Jessika, sie würde sich bestimmt freuen, wenn sie mitfliegen durfte. Er blickte Cyro an und wartete auf seine Zustimmung. »Du darfst sie mitbringen«, empfing er, »wir treffen uns heute Abend hier. Lyra brachte Kristian sein Getränk.
»Cyro, ich hatte Besuch von eurem Experiment. Sag mir, wann ich die Sprecherin zu dir bringen soll.« Cyro nickte, Kristian trank sein Glas leer und brachte das Glas rüber zu Lyra. »Du willst schon wieder gehen?«
»Ich komme heute Abend wieder, dann kannst du meine Freundin kennenlernen.« Er hob die Hand in Cyro`s Richtung und sprang. Jessika schmollte, »wo warst du?«
»Wir wollen versuchen Lena zu finden, sie ist wahrscheinlich entführt worden.«
»Wer ist wir?«
»Cyro und Systra.«
»Du meinst mit ihrer fliegenden Untertasse?« Er nickte. Jessika überlegte und er sah, woran sie dachte. Er schüttelte den Kopf, als sie was sagen wollte.
»Warum schüttelst du den Kopf.«
«Du willst doch nicht allen Ernstes glauben, dass du mitfliegen willst?«
»Wieso, ich habe doch gar nichts dergleichen gesagt?« Sie stutzte und blickte ihn an. »Du kannst doch nicht meine Gedanken lesen?«
»Wie kommst du denn darauf«? tat er entrüstet.
»Ich weiß nicht, bei dir muss man mit allem rechnen.«
»Hast du wirklich daran gedacht mitzukommen«? fragte er.
»Ja, warum denn nicht.« Nach einer längeren Pause sagte er, »also, Cyro meint, es spräche nichts dagegen, wenn du mitkommst.« Sprachlos schaute sie ihn an, warum hast du das denn nicht gleich gesagt?«
»Spaß beiseite, wenn's dunkel wird, nehme ich dich mit.« »Und wie wollt ihr sie finden?« Cyro hat Lena und mir einen Sender eingepflanzt.«
»Ich will auch einen haben, ich bin genauso gefährdet.«
»Nein, bist du nicht, von dir weis keiner etwas. Ich muss gleich in die Stadt und Lena als vermisst melden. Die Kommissarin Kramer wird mir helfen. Zum Mittagessen bin ich wieder hier.« Er sprang in ihr Büro. Ein Mann mit Handschellen saß auf der anderen Seite ihres Tisches. Heike zögerte.
»Wache«, rief sie. Dem Wachtmeister, der hereinkam, gab sie die Anweisung, den Gefangenen in seine Zelle zurückzubringen. Dann horchte sie in den Raum. »Edra bist du es?« Kristian hatte sich auf den Stuhl vor ihren Tisch gesetzt und machte sich sichtbar. Heike zuckte nicht zusammen, als er in den ihr bekannten Körper erschien.
»Was verschafft mir die Ehre?«
»Lena Müller ist aller Wahrscheinlichkeit nach entführt worden. Ihr Redakteur ist der gleichen Meinung.«
»Was meinst du, wo wir sie suchen sollen?«
»Ich werde sie suchen«, sagte er.
»Ich sage dir dann, wo du die Entführer abholen kannst.«
»Bist du dir sicher, dass du sie schneller findest«? fragte Heike.
»Ich glaube schon. Bis dann.« Er sprang zurück. Jessika deckte den Tisch, »du kommst gerade zur rechten Zeit.«
»Hallo Kristian, wieder auf Abenteuer aus«? meldete sich Großvater. Als Jessika seinen erstaunten Gesichtsausdruck sah, zuckte sie mit den Schultern. Je mehr es auf dem Abend zuging, umso nervöser wurde Jessika.
»Wir könnten doch schon mal rüber springen, damit ich mir alles in Ruhe ansehen kann.«
»Es ist trotzdem noch zu früh«, bremste er sie. Als es begann dunkel zu werden, gab er seinen Widerstand auf.
»Komm du Nervensäge, es geht los.«
Sie kamen vor dem Gebäude an. Jessika schaute mit großen Augen auf die Raumschiffe, die in Reihe und Glied standen. Er zog sie ins Gebäude. »Hallo Kristian«, empfing sie Lyra.
»Hast recht«, sagte Jessika, »sie ist wirklich schön.«
»Das ist Lyra, Jessika.«
Lyra begutachtete Jessika ungeniert. »Deine Freundin gefällt mir.« Das Kompliment bekam Jessika nicht mit, da ihr Interesse zwei Alien galt. Große schwarze Augen blickten sie an. Kristian hatte nicht darauf geachtet, was Jessika gerade dachte. Auf jeden Fall bekam er die Nachricht mit, die an sie gerichtet war. »Sei gegrüßt schöner Erdling«.
»Kristian hast du das gehört«? rief Jessika aufgeregt.
»Ja, hab ich. Sie können deine Gedanken lesen.«
»Oh«, sagte Jessika.
»Möchtet ihr was trinken«? fragte Lyra.
»Bring uns das, was ich immer trinke. Komm, wir setzen uns.« Jessika setzte sich so, dass sie die Alien sah. Dann mutig geworden, dachte sie »Grüße an euch Außerirdische.« Ein Alien hob seine Hand. »Hast du das gesehen«? fragte Jessika aufgeregt.« Lyra brachte ihr Getränke.
»Lyra, warum setzt du dich nicht zu uns, und holst dir auch was zu trinken.«
»Ja, mache ich gerne«, sagte sie und eilte hinter ihre Theke, um kurz darauf mit einem Getränk wieder zu kommen.
»Habt ihr was Bestimmtes vor?«
»Eine Freundin von mir wurde entführt.« Als Lyra erstaunt Jessika anblickte, wusste er, dass sie etwas falsch verstanden hatte. »Also, Freundin heißt auch, dass man sich gut kennt und mag, mehr nicht.«
»Ich verstehe«, sagte Lyra.
»Und was bedeutet entführt«? »Diese Freundin weiß sehr viel über mich, und schlechte Menschen wollen dieses von ihr erfahren.«
»Ihr wollt eure Freundin hier suchen?«
»Nein, Cyro will uns bei der Suche helfen.« Die Tür ging auf und zwei weitere Alien betraten den Raum. »Das ist Cyro und Systra, komm wir gehen zu ihnen. Entschuldige uns«, sagte er zu Lyra. Systra und Cyro stellte er beide vor, »und das ist Jessika.« Er begrüßte sie auf Alienart. Auf Jessikas fragenden Blick nickte er. Zögernd drückte sie ihre Handfläche gegen die von Cyro und Systra. Er fühlte, dass sich Jessika nicht wohlfühlte. Den schwarzen Augen der beiden sah man nicht an, wo sie hinblickten, sie schienen durch einen hindurchzusehen. Jessika fühlte, wie sie von beiden durchleuchtet wurde. Mutig geworden dachte sie, »habe ich die Prüfung bestanden?«
»Du hast sie bestanden«, vernahm sie. »Kristian hat eine gute Wahl getroffen.« Dieser bekam vom Dialog zwischen Jessika und den Beiden nichts mit, weil die gedankliche Kommunikation gezielt nur auf Jessika ausgerichtet war. Erst als sich Jessikas Gesichtsfarbe ins rötliche färbte, merkte er, dass sie mit beiden kommunizierte. Auf seinen fragenden Blick hin erklärte sie ihm lediglich, dass sie ein Kompliment erhalten hatte.
»Weißt du, was du machst, wenn wir die Entführte finden?« fragte Cyro.
»Nein, weiß ich nicht, erst mal müssen wir sie finden.«
»Dann kommt, wir wollen sie suchen.« Sie standen auf, und folgten den Beiden nach draußen. Auf einen unsichtbaren Befehl hin, öffnete sich der Einstieg zu Cyro`s Raumschiff. Er nahm Jessika an die Hand und sie setzten sich hinter Cyro und Systra. Der Einstieg schloss sich. Ein leises Vibrieren kündigte ihren Start an. Nach kurzer Zeit sahen sie unter sich die Lichter einer Stadt. »Was ist, hast du was gefunden«? fragte Kristian. »Das Signal ist schwach, es kommt aus der Erde.«
»Wie aus der Erde?«
»Es steht dort kein Gebäude, sieh«, sagte Cyro und deutete auf den Bildschirm. Langsam schälten sich Konturen aus dem Erdreich. Jetzt sah man auch, dass ein Keller oder Bunker an einem Kaufhaus angrenzte.
»Wer sich so tarnt, hat was zu verbergen«, meinte Jessika. »Ich kenn das Kaufhaus, ich weiß, wo das ist.«
»Was meinst du Cyro, soll ich dort hineinspringen?«
»Ich komme mit«, sagte er. Weg war er, Kristian hinterher. Sie standen in einem großen Saal. Die Wände hell gefliest. In der Mitte des Raumes stand eine Liege, auf der Lena angeschnallt war. Sie stand unter Drogen und bemerkte ihre Anwesenheit nicht. Cyro gab ihm ein Zeichen und verschwand, Kristian ebenfalls. Dann ging eine Tür auf.
»Entweder hat sie einen starken Willen, oder sie weiß nichts«, sagte ein Mann im weißen Kittel zu einer Frau von vielleicht 35 Jahren. Ihr Äußeres passte hier nicht hin. Sie trug ein langes Abendkleid. »Ich kann nicht lange bleiben«, erklärte sie. »Ich hoffe, dass keinem meine Abwesenheit auffällt. Wie wollen sie weiter vorgehen«? fragte sie.
»Ich kann die Dosis erhöhen.« Dabei blickte er auf Lena, deren blasses Aussehen, das einer Toten glich.
»Es besteht aber die Gefahr, dass sie nicht mehr aufwacht.« Dem Gesicht der Frau konnte man ansehen, wie sie überlegte.
»Tun sie es«, sagte sie schließlich. Der Mann zuckte zusammen, er hatte gehofft, dass sie nicht so weit gehen würde.
»Was ist«? fauchte die Frau, »wofür bezahl ich sie eigentlich.« Resigniert hob er seine Schultern und ging zu einem Schrank, auf dem eine Spritze lag. Er nahm sie und zog aus einer Flasche eine durchsichtige Flüssigkeit. Durch leichtes Klopfen vereinten sich die Luftblasen im oberen Teil der Spritze, um danach mit ein wenig der Flüssigkeit herausgedrückt zu werden. Jetzt war es an der Zeit, einzugreifen. Cyro stand vor der Tür, als er sichtbar wurde. Die Frau schrie hysterisch auf, der Mann ließ die Spritze fallen. Gehetzt blickten sich beide an. Der Fluchtweg war versperrt. Cyro stand da und sagte zunächst nichts. Das machte für die Beiden alles nur noch schrecklicher. Lenas Augenlider flackerten. Langsam kam sie zu sich. So weit sie konnte, richtete sie ihren Oberkörper auf und sah Cyro vor der Tür stehen. »Edra«? hauchte sie fragend, fiel darauf gleich wieder nach hinten.
»Nein, ich bin hier«, sagte Kristian, und löste die Lederriemen, Lena war zu schwach, um aufzustehen.
»Was habt ihr euch davon versprochen, Lena Müller zu entführen?« Die Gedanken der Frau machten Sprünge. Kristian sah eine Villa, ein Fest und darin die Frau, die jetzt vor ihm stand.
»Sie werden vermisst. Man macht sich Sorgen, weil sie nirgends aufzufinden sind.« Man konnte förmlich spüren, wie die Anspannung der Frau ins Unermessliche wuchs.
»Habt ihr gedacht, ihr könntet unser Wissen für eure dunklen Geschäfte missbrauchen?« Er sah sich um.
»Wohin führen die anderen Türen?« Die Frau machte keine Anstalten zu antworten. »Dort sind Krankenzimmer«, beeilte sich der Mann zu sagen.
»Und dies ist der Operationsraum?« Der Mann nickte eifrig.
»Und wer wird hier operiert?« Der Mann blickte zu der Frau. Die Gedanken der Frau gaben die Antwort. Er sah dort Menschen mit verbundenen Köpfen.
»Schönheitsoperationen?« Der Mann schüttelte den Kopf. In den Gedanken der Frau sah Kristian einen Schrank mit Bildern der Operierten. Er sah sich um. Nacheinander machte er Schubladen auf und zu. Die hektischen Gedankensprünge der Frau sagten ihm, dass er auf dem richtigen Weg war. Die letzte Lade zog er genüsslich langsam auf. Bilder vor und nach der Operation erklärten, worum es hier ging. »Ihr habt den Menschen ein neues Gesicht gemacht.« Zu Cyro sagte er, »bin gleich wieder da.« Heike die Kommissarin, war noch im Dienst. »Es gibt Arbeit, wir haben Lena gefunden.« Ehe sie sich versah und etwas sagen konnte, stand sie im Operationsraum. Sie versuchte, dass was sie sah, einzuordnen. Von Cyro sah sie zu ihm, dann zu Lena.
»Wo bin ich hier«? fragte sie?« In einem geheimen Operationsraum unter der Erde.« Er deutete auf den Stapel Bilder. Sie verstand sofort.
»Wo darf ich meine Leute hinschicken?«
»Zum Kaufhaus an der Blücherstraße«, versuchte der Mann Pluspunkte zu sammeln. Heike telefonierte mit ihrem Handy und gab Anweisungen. Dann holte sie ihre Handschellen und legte sie der Frau an, nachdem sie erkannt hatte, dass der Mann nur ein Handlanger war. »Sie gehen nach oben und zeigen meinen Leuten den Weg«, sagte sie zu ihm.
Ihre Leute, die dann kamen, schauten erstaunt auf Cyro. Kristian erkannten sie nicht, obwohl sein Steckbrief in ihren Büros hing. Er nahm die Flasche mit der Droge und ging zu Lena, die alles mit abwesendem Blick beobachtete.
»Ich nehme Lena mit und bring sie ins Krankenhaus«, sagte er zu Heike. Cyro gab er zu verstehen, dass er im Raumschiff auf ihn warten sollte.
Sie waren so plötzlich verschwunden, dass den Anwesenden eine Gänsehaut über den Körper kroch. Er brachte Lena ins Krankenhaus. »Bitte helfen sie mir«, sagte er zu der Schwester. Diese stutzte, sah ihn an als überlegte sie, ob und wo sie ihn schon mal gesehen hatte. Mittlerweile hatte man eine Liege herbeigeschafft, auf die er Lena legte. »Mit dieser Droge hat man sie behandelt«, sagte er und legte der Schwester die Flasche in die Hand. »Die Kommissarin Kramer wird sich um das Weitere kümmern.«
Er musste plötzlich daran denken, was passierte, wenn er wieder plötzlich vor allen Augen verschwinden würde. Er konnte nicht anders und musste lachen. Die Schwester schaute ihn an, weil sie nicht wusste, weshalb er lachte. Dann schrie sie aufgeregt, »das ist er, ich erkenne ihn, er hat sich in Luft aufgelöst.« Einige Patienten schauten zu ihnen herüber. Der Oberarzt kam nichts Gutes ahnend aus seinem Zimmer. Er sah, wie die Schwester auf Kristian deutete und schrie. »Nicht schon wieder, Schwester, sie sollten unbedingt mal ein paar Tage ausspannen. Sie müssen entschuldigen, unsere Schwester ist ein wenig überlastet«, sagte er zu Kristian.
»Und was wäre, wenn sie recht hat?«
Verblüfft schaute ihn der Arzt an.
»Hat sie recht?« Kristian nickte. Hastig trat der Arzt einen Schritt zurück. Kristian sah sich von einer immer größer werdenden Menschenmenge umgeben, die plötzlich zurückwichen. Die Sache fing an, ihm Spaß zu machen. Erwartungsvoll starrten ihn alle an. »Habt keine Angst«, schickte er ihnen seine Gedanken in ihre Köpfe. »Wir Außerirdische sind euch freundlich gesinnt.« Erschrocken blickten sie um sich, ob die Gegenüber auch die wortlose Nachricht empfangen hatten. »Jeder der sich gegen uns oder Freunde wendet, wird von uns mit aller Härte bestraft.« Eine ältere Patientin schrie auf, hielt sich die Ohren zu, und rannte weg. In vielen Gesichtern las er Zweifel und Skepsis gegenüber dem, was er sagte. »Ich werde wiederkommen und nach meiner Freundin Lena Müller sehen.« Als er langsam unsichtbar wurde, waren auch die letzten Zweifler von seiner Geschichte überzeugt.
Jessika wartete schon voller Ungeduld. »Wie war es da unten?« »Erzähle ich dir, wenn wir zu Hause sind.« Zu Cyro, »lasst uns hier, von hier aus haben wir es nicht weit nach Hause.« Er dankte Cyro und Systra.
Sie verabschiedeten sich mit dem Aliengruß und sprangen nach Jessika. »Großvater, Großvater«, rief Jessika aufgeregt und stolz. »Ich komme ja schon, ein alter Mann ist doch kein D-Zug.« »Wir haben Lena gefunden und befreit.«
»Erzähle du weiter«, forderte Jessika ihn auf. Beide schauten ihn erwartungsvoll an. »Also«, sagte Kristian, und machte eine Pause. »Kristian spann uns nicht auf die Folter«, sagte Großvater. Er erzählte dann ausschweifend von der Befreiungsaktion. Der Wein aus zwei Flaschen und die Anspannung vergangener Stunden sorgten bald für die nötige Bettschwere.
Anscheinend hatte der Redakteur Hans schon mit Kommissarin Heike gesprochen. Als Kristian am Morgen in die Zeitung blickte, stand dort bereits eine Kurzfassung über das, was gestern Abend vorgefallen war. Lenas Stil zu schreiben gefiel Kristian besser und er hoffte, dass sie bald wieder ihre Arbeit aufnehmen konnte. »Ich besuche Lena nach dem Frühstück, und was hast du vor«? fragte er Jessika. Er wollte es nicht, aber Jessikas Gedanken waren so kraftgeladen, dass er sie empfing, ohne es zu wollen. Sie sah sich bei Lena im Krankenhauszimmer sitzen. »Komm nicht auf den Gedanken, Lena zu besuchen, sie steht garantiert unter Beobachtung«, kam er ihr zuvor.
»Und für dich gilt das nicht?«
»Ich komme ungesehen in ihr Zimmer, du aber nicht.«
»Schon gut, ich bleibe hier.« Mit verändertem Aussehen sprang er ins Krankenhaus. Nach Lenas Zimmernummer zu fragen, schien ihm zu gefährlich, besonders dann, wenn sie wirklich unter Beobachtung stand. Er fand auch so bald heraus, welche Zimmernummer Lena hatte. Ein Typ, der auf einem Stuhl saß, wo eigentlich kein Stuhl hingehörte, blickte über den Zeitungsrand und schenkte all denen eine besondere Aufmerksamkeit, die an eine bestimmte Zimmertür vorbei gingen. Jetzt wusste er, wohin er springen musste.
Lena saß in ihrem Bett, vor sich ein Labtop, den ihr sicher der Redakteur hatte zukommen lassen, weil er einen ausführlichen Bericht haben wollte. »Mensch Kris--«, »Stopp«, kam er ihr zuvor, »die Wände haben Ohren.« Lena begriff schnell,
»Edra musst du mich so erschrecken.«
»Ich wollte nur sehen, wie es dir geht.«
»Wie du siehst, gut.« Dann sprach sie nur noch gedanklich mit ihm. »Ich habe noch einiges aufzuarbeiten, wie du sicher noch weißt.« Er wusste, wobei sie daran dachte, der Krankenaufenthalt Isabels.
»Was weißt du noch von deiner Entführung«, fragte er.
»Sie haben mir vor meiner Wohnung aufgelauert. Im Kofferraum haben sie mich dort hingebracht, wo du mich gefunden hast. Ich habe gehört, dass ein Alien dabei war, war das Cyro?«
»Jessika war auch mit von der Partie, sie ist aber im Raumschiff geblieben.«
»Sie ist wie du, ja kein Abenteuer auslassen.«
»Du darfst aber keinem davon erzählen.«
»War Jessika etwa auch im Stützpunkt von Cyro?« Er nickte.
»Mensch Kristian, wann nimmst du mich mal mit dort hin? Stell dir mal vor, ich könnte den Stützpunkt mit den Alien fotografieren.« Lena war nicht mehr zu bremsen.
»Das wird wohl nichts, aber vielleicht kann ich das nächste Mal dort für dich ein paar Fotos machen. Erzähle, was die Entführer von dir wollten?«
»Sie wollten wissen, wie wir Verbindung aufnehmen, und wo dein Teil des Geldes hinfließt. Als sie merkten, dass ich nichts sagen wollte oder konnte, verabreichten sie mir die Droge, und dann kamt ihr zur rechten Zeit.« Er erzählte ihr die Geschichte aus seiner Sicht. »Und was willst du jetzt veröffentlichen«? fragte er.
»Als Erstes meinen Besuch im Krankenhaus vor der Entführung, dann meine Entführung und die Hintergründe. Die Kommissarin hat mir erzählt, wer meine Entführer waren.«
»Dann hast du ja genug zu tun. Ich geh dann wieder.«
»Halt, du kannst bei Gelegenheit dein Konto wieder erleichtern, nach meinen neuen Veröffentlichungen, wird sich dort wieder einiges bewegen.«
»Sag Bescheid, wenn du hier raus bist.«
Jessika saß am Küchentisch. »Hast du die Nachrichten gehört?« fragte sie.
»Nein, hab ich nicht.«
»Dann hast du nichts verpasst. Keiner wusste etwas Genaues.«
Lenas Bericht am nächsten Morgen ließ die Kasse des Verlages klingeln, weil der Verlag am Vortag Lenas Bericht angekündigt hatte. Zunächst erschien der Bericht über ihren Besuch im Krankenzimmer von Isabel.
Isabel und Hanna, wer sind diese beiden Frauen? Es scheinen ganz normale Frauen zu sein. Aber der Schein trügt. Wo kommen sie her? Die jüngere der Beiden mit akuter Blinddarmentzündung, wurde von einem jungen Mann hier ins Krankenhaus gebracht. Sie scheint aus einem Land zu kommen, wo die Technik noch nicht weit fortgeschritten ist. Wer war der junge Mann, der  die kranke Frau hier eingeliefert hat? Wo kommt die andere Frau plötzlich her? Das alles sind Fragen, die ich in einer der nächsten Ausgaben beantworten werde. Nur so viel sei gesagt, beide Frauen sind ungefähr siebenhundert Jahre alt.
Alleine diese Ankündigung sicherte der Zeitung eine hohe Auflage. Von der Entführung gab es keine Fotos, da Lena im entscheidenden Augenblick, im wahrsten Sinne des Wortes, die Hände gebunden waren.
Abends in einer Reportage des Fernsehsenders, wollte sie auf die Frage, wie ihre Befreier sie gefunden hatten, keine Antwort geben.
Ein anderes Blatt wusste zu berichten, auch in Amerika sorgte ein Alien namens Edra für Aufsehen. Vorkommnisse im geheimen Stützpunkt Gromlake sorgten dafür, dass die Gerüchte, die Amerikaner würden bei der Entwicklung von Fluggeräten von Außerirdische unterstützt, neue Nahrung erhielt. Es kann davon ausgegangen werden, dass der Alien Edra dort, identisch ist, mit dem Alien, der hier bei uns für Aufsehen sorgt. Dass das Alien hier wie dort den gleichen Namen benutzt, lässt den Schluss zu, dass die weitreichenden Verbindungen bekannt werden sollen. Das bisherige hartnäckige Leugnen der Amerikaner, dass es keine Außerirdische gibt, wird somit als Lüge entlarvt.
Abends rief Lena an, er hoffte, aus einer Telefonzelle.
»Ich muss dich sprechen.« Kristian wusste, was sie wollte und sprang zu ihr. »Komm, wir machen einen Spaziergang.« Sie wusste warum, da sie sein Misstrauen auf versteckte Wanzen kannte.
»Warum hast du mir nichts von deiner Reise erzählt, die Konkurrenz war besser unterrichtet wie ich.«
»Ich habe noch keine Zeit gehabt. Cyro und Systra haben mich mitgenommen.«
»Es stimmt also, dass die Amerikaner unterstützt werden, der Absturz in Roswell tatsächlich stattgefunden hat?« Kristian nickte und erzählte ihr von den Späßen mit dem Soldaten Dan.
»Das ist eine gute Story, bring mich nach Hause, damit ich alles aufschreiben kann.«
Für die nächste Ausgabe der Zeitung war es zu spät. Erst folgte wieder eine Ankündigung der Themen für den nächsten Tag. Dann erschien die Story. Nun gab es keinen Zweifel mehr, beide Edra`s waren ein und dieselbe Person, woher sonst hätte die Reporterin Lena Müller die Einzelheiten erfahren können?
Es folgten ein paar entspannte Tage. Dann packte sie die Sehnsucht nach neuen Abenteuern.
»Könnte langsam mal wieder etwas passieren«, meinte Jessika. »Was meinst du, ob die in der Burg schon die Hochzeit vorbereiten? Das wäre was, wenn wir die Hochzeit verpassen.«
»Da werden wir nicht umhin kommen, einmal nachsehen zu müssen«, meinte er grinsend.
»Wir sollten das sofort machen, ehe wir was verpassen«, drängte Jessika. Großvater blickte über seine Zeitung, »ihr holt mich doch rechtzeitig, wenn es so weit ist?«
»Natürlich. Dann komm.« Kristian nahm Jessikas Hand und sprang. Keine Hektik oder dergleichen auf dem Burghof. Sie gingen hoch zum großen Saal. Gelächter schallte ihnen entgegen. Er klopfte an die Tür. Das Lachen verstummte. »Eine milde Gabe«, sagte Kristian. Nichts passierte.
»Kristian«, rief Hanna plötzlich, öffnete die Tür und fiel ihm um den Hals. Jessika wurde ebenfalls in den Arm genommen. »Kommt herein.« Jetzt kam auch Isabel, um sie zu begrüßen. Ein kühler Wind wehte ihnen entgegen, der Herbst kündet sich an. »Es ist schön, dass ihr uns besucht.«
»Wir wollten eure Hochzeit nicht verpassen.«
»In zwei Wochen findet die Hochzeit hier in der Burg statt.« »Dann habt ihr euer Haus wohl voll?«
»In der Vorburg stellen wir Zelte auf.« Kristians Blick fiel wieder auf das offene Fensterloch.
»Was haltet ihr davon, wenn ich euch helfe, dass ihr schließbare Fenster bekommt?«
»Oh Kristian, das wäre wunderbar«, rief Hanna.
»Habt ihr einen Schreiner im Dorf, der die Rahmen machen könnte?« »Was meinst du mit Schreiner?«
»Ich meine einen Zimmermann.«
»So etwas haben wir nicht.«
»Und wer macht eure Holztruhen?«
»Der Kistner.«
Kisten, das passte. »Dann wird er sicher auch Fensterrahmen herstellen können?«
»Ich denke schon«, sagte Hanna.
»Und der Kistner lebt im Dorf? Ihr habt doch sicher genug zu bereden, ich gehe ins Dorf und besuche den Kistner.«
Ihn zu finden war nicht schwer, ein alter Hobel über der Tür zeigte Kristian den Weg. Sicher hatte dieser sich gewundert, warum das geklapper der Pferdehufe vor seinem Haus aufhörte. Kristian stieg ab, ein Mann erschien in der Tür, seine Hände strichen Hobelspäne von seiner ledernen Schürze.
»Mein Herr, kann ich helfen?«
»Ich hoffe sehr, dass ihr das könnt, darf ich eintreten?«
»Es ist mir eine Ehre Herr.« Er gab die Tür frei und Kristian ging hinein. Alles hätte er erwartet, aber nicht, was sich seinen Augen darbot. Werkzeuge wie er sie kannte, hingen sauber geordnet an der Wand. Eine Zimmermannsspannsäge ebenso wie Stechbeitel jeder Art. Viel hatte sich also in den Jahrhunderten nicht verändert. Bewährtes bleibt immer aktuell. Sein Blick schweifte weiter durch den Raum. Die offene Feuerstelle deutete darauf hin, dass hier auch gekocht wurde.
»Ihr seid der Kistner, könnt ihr einen Fensterrahmen machen?« Verständnislos blickte er Kristian an. Dieser ging zu dem Fenster, zeichnete mit seinem Finger die Konturen nach. »Tür sagte er«, und machte die Bewegung Tür auf, Tür zu. Kristian sah, dass der Mann nicht begriff, was er wollte. An der Wand hing eine Schiefertafel. Auf dieser malte er den Rahmen als Profil und den Rahmen für die Fensterscheibe. Der Blick des Kistners sagte ihm, dass er immer noch nicht verstand.
»Ihr kennt doch sicherlich Hanna die Heilerin?« Eifriges Nicken. »Dann wisst ihr auch, wo ihr Haus steht?«
Zögerndes Nicken.
»Dort geht ihr hin und schaut euch die Fenster an.«
»Aber dort ist Elfenland.«
»Ich weiß, ihr braucht euch nicht zu fürchten. Wenn ihr wisst, was ich meine, kommt ihr zur Burg und messt die Fenster aus. Habt ihr Holz auf Lager?«
»Nein Herr.« Das hatte sich Kristian schon gedacht.
»Ich bringe euch Holz. Geht zuerst zu Hannas Haus.« Endlich begriff er, dass er für die nächste Zeit Arbeit hatte.
»Also bis dann.« Kristian stieg auf sein Pferd und ritt zurück.
»Hast du den Kistner gefunden«? empfing ihn Hanna. »Alles bestens, ich hab ihn zu deinem Haus geschickt, damit er sich die Fenster anschauen kann. Wenn er nach hier kommt, lasst ihn die Fenster auszumessen, die ihr verglast haben wollt. Die Fenster hier im großen Saal sind ein Geschenk von mir. Ich komme mit einem Kistner aus meiner Zeit zum Ausmessen noch mal her. Wir gehen dann wieder.« Hanna umarmte sie, »bis bald.«
Zu Hause angekommen, überlegte er, wenn die Fenster zur Hochzeit fertig sein sollten, musste er sich beeilen.
Bei ihm im Dorf gab es eine Schreinerei, die er besuchen wollte. Mit verändertem Aussehen sprang er hin.
»Kann ich helfen«? fragte eine Stimme hinter ihm. Verwundert drehte er sich um, weil die Stimme weiblich war. Sie war etwa so alt wie er. Gleichzeitig erinnerte er sich, dass er sie kannte. Sie waren zusammen in der Grundschule gewesen. Die Jungs hatten an ihren Zöpfen gezogen und über ihre dünnen Beine gelacht. Von dünnen Beinen konnte heute keine Rede mehr sein. Er überlegte, wie weit er gehen konnte, ohne sich zu erkennen zu geben. Vielleicht würde sich später eine Gelegenheit ergeben.
»Ich suche einen Schreiner, der mir drei Holzfenster aus Eiche, gestrichen und mit Verglasung, anfertigt. Und alles innerhalb von zwei Wochen.«
»Habt ihr die Maße mitgebracht?«
»Nein, ich müsste mit dem Schreiner zum Ausmessen hinfahren.«
»Wegen meiner können wir sofort losfahren.«
Erstaunt blickte Kristian sie an.
»Ihr seid der Schreiner?«
»Ja, wo fahren wir hin?«
»Zur Burg Falkenhorst.«
»Ich wusste gar nicht, dass es dort noch ein heiles Fenster gibt?«
»Deshalb fahren wir ja auch dort hin, sie sah, wie er grinste. »Sie wollen mich auf den Arm nehmen? Mir ist es egal, solange sie bezahlen.«
»Nehmt euer Werkzeug zum Ausmessen mit, dann können wir. Ach, noch was, ihr werdet einen Kollegen von euch kennenlernen, der die anderen Fenster macht. Für ihn werdet ihr das Profilholz bereitstellen, außerdem Messingscharniere und Schrauben, eine Gehrungshandsäge, Nägel, Leim und Farbe. Wenn er die Fensterrahmen fertig hat, hole ich sie nach hier und ihr werdet dafür sorgen, dass Scheiben eingesetzt werden. Alles so weit klar?«
»Ihr seid der Auftraggeber.« Ach, noch was, holt noch einen Block und Bleistifte für euren Kollegen, und erschreckt nicht, wenn wir ankommen, es ist alles in bester Ordnung.«
»Wenn sie das sagen.« Sie bekam nicht mit, wie er sie berührte und sie kurz darauf im Burghof standen. Sprachlos schaute sie zur Fassade hoch. »Die Burg Falkenhorst«, flüsterte sie.
»Ihr seid Edra«, stellte sie fest. Er nickte.
»Wartet einen Augenblick.« Er sprang in den Saal.
»Hallo Kristian, schon wieder da?« »Ich bin mit meiner Kistnerin da, erschreckt nicht, wenn ich anders aussehe, die Kistnerin soll nicht wissen, wer ich bin. Ich heiße jetzt Edra.«
»Ist schon gut.« Er holte die Schreinerin hoch, und diese schaute sich verwundert um. »Das ist Hanna und Isabel die Tochter des Grafen.«
»Ich habe beide in der Zeitung gesehen«, flüsterte sie. »Ja, ich weiß. Ihr könnt die Fenster ausmessen.«
»Ja«, sagte sie und konnte aber ihren Blick nicht von den Frauen lösen.
»Isabel heiratet in zwei Wochen«, erklärte er das Treiben der zwei Frauen. Nickend ging sie zu den Fenstern und nahm Maß.« Nach einer Weile sagte er, »Hanna, Isabel, wir gehen.« Kurz darauf standen sie hinter dem Haus des Kistners.
»Hallo ist jemand zu Hause«? rief er. Da kam auch schon der Kistner um die Ecke.
»Ihr seid es Herr.«
»Ich habe meine Kistnerin mitgebracht, die sich bei euch umsehen möchte.«
»Es ist mir eine Ehre«, sagte er und ging voraus. Kristian freute sich auf das Gesicht der Schreinerin. Diese bekam vor Staunen den Mund nicht wieder zu. »Das ist fantastisch, fasst so wie bei mir zu Hause.« Zu dem Kistner sagte Kristian, »in zwei bis drei Tagen bekommt ihr euer Holz, und hier ist ein Stift und Papier.« Mechanisch überreichte die Schreinerin die Sachen dem Kistner. »Genug gesehen«? fragte er.
»Wie ist euer Vorname?« »Silke.«
»Also Silke, habt ihr genug gesehen?« Sie nickte. Der Kistner erschrak, als sie plötzlich verschwanden. Sie kamen in Silkes Schreinerei an. »Nicht viel los hier«, stellte er fest.
»Wir haben Betriebsferien.«
»Schafft ihr die Arbeit rechtzeitig bis zur Hochzeit?«
»Ja, sicher.« »Ich möchte euch raten noch keinem von eurem Auftrag zu erzählen, die Reporter würden euch nicht mehr in Ruhe eure Arbeit machen lassen. Macht zuerst die Profilleisten für den Kistner, übermorgen hole ich sie ab. Und denkt an die anderen Sachen für den Kistner.«
Jessika wartete schon auf ihn. »Lena hat sich gemeldet. Eine Frau aus Amerika hat sich bei ihr gemeldet, sie möchte mit dir sprechen.«
»Wie, soll ich nach Amerika fliegen?«
»Nein, sie ist in unserer Stadt. Ach so, das hätte er fast vergessen, sie ist auf Empfehlung von einem Major Brenningen hier.«
»Hat Lena gesagt, in welches Hotel sie abgestiegen ist?«
»Ich glaube Hotel zur Post.«
»Dann müsste ich sie ja wohl finden. Ich will mir die Frau mal anschauen, bis gleich.«
Er fuhr mit dem Wagen los. Ungefähr wusste er, wo das Hotel zu finden war. Auf dem Hotelparkplatz stellte er das Auto ab. Ein älterer Mann stand hinter der Rezeption und schaute ihm entgegen. »Sie wünschen?«
»Heute ist eine Amerikanerin bei ihnen abgestiegen, sagen sie mir ihre Zimmernummer?«
»Das geht nicht mein Herr, ich müsste die Dame vorher fragen.«
»Dann tun sie das, und sagen sie ihr, Edra ist hier. Ich gehe an die Bar.« Er sah, wie der Mann telefonierte. Er ging zur Toilette und setzte sich mit verändertem Aussehen wieder an die Bar. Kurze Zeit später kam der Mann von der Rezeption, hinter ihm eine Frau. Ihr Alter war schwer zu schätzen, er tippte auf fünfunddreißig bis vierzig Jahre. Sie hatte ein dunkles Kostüm an, ihre Haarfarbe schimmerte rötlich und sie trug eine Brille. Die Brille passte zu ihr, er glaubte, ohne Brille hätte sie weniger vorteilhaft ausgesehen.
Der Mann von der Rezeption zeigte in seine Richtung, zog dann seine Schultern hoch und ging wieder an seinen Platz. An der Bar war nichts los, Kristian saß alleine vor einem Bier. Die Frau zögerte, kam dann zur Bar und setzte sich in seine Nähe. Hinter der Bar war ein großer Spiegel, so konnte er die Frau in aller Ruhe beobachten, ohne dass sie es merkte. Ziemlich nervös schaute sie in alle Richtungen, ihre Blicke trafen sich im Spiegel. Sie hielt nur kurz seinem Blick stand und ließ ihren weiter kreisen. Er lauschte in ihren Gedanken. „Ich muss ihn finden, wenn ich zurückfliege, ohne ihn gesprochen zu haben, ist alles aus.“ »Sie sind aber nervös«, sagte er zu ihr. Dieses Mal trafen sich ihre Blicke direkt.
»Kann ich ihnen helfen«? fragte er.
»Ich suche jemand, der eben noch hier war.«
»Wo sie es sagen, lachen sie nicht, eben sah ich einen kleinen Mann mit dunklen schwarzen Augen.«
»Wo ist er hingegangen«? rief sie aufgeregt und sprang von ihrem Hocker. »Wenn sie mir sagen, was sie von ihm wollen, fällt es mir vielleicht wieder ein.« Sie wurde wütend, man sah, wie sie sich beherrschte. »Mein Herr«, stieß sie zwischen ihren Zähnen hervor, »ich muss diesen Mann sprechen, es ist lebenswichtig.«
»Meinen sie den mit den großen Augen?«
»Ja«, schrie sie.
»Ich bin hier,« sprach er in Gedankenform zu ihr. Erschrocken drehte sie sich um, sah aber nur den Mann an der Rezeption. Sie schaute ihn durchdringend an.
»Wer sind sie«? fragte sie.
»Ich bin der, den sie suchen, mein Name ist Edra.« Ein erlösender Seufzer kam über ihre Lippen. »Ich heiße Susan Braun. Major Brenningen hat mich vor ihnen gewarnt.«
»Er hat sie auf sein Gebiet gelassen?«
»Die Sache ist so wichtig, ich musste mit ihm sprechen.«
»Haben sie auch mit dem Soldaten Dan gesprochen«? fragte er. »Wir hatten viel Spaß.«
»Das glaube ich«, jetzt lachte sie.
»Weshalb haben sie mich gesucht?«
»Bevor ich das sage, möchte ich wissen, wer sie sind. Wir sind uns fast einig darüber, dass sie kein Alien sind, dafür weist ihr Verhaltensmuster zu viele menschliche Züge auf.«
»Ist es nicht unwichtig wer oder was ich bin, solange ich helfen kann?«
»Das schon, aber wir, das heißt ich, wüsste es gerne.«
»Jetzt auf der Stelle?« Susan zuckte zusammen und schaute sich um. Einzig der Barmann war in ihrer Nähe. Sie nickte. Kristian stellte sich eine aufrecht stehende Gottesanbeterin vor und schickte ihr das Bild zu. Das »nein, nein«, schrie sie fast. »Wenn ich meine wirkliche Gestalt annehme, vergesse ich schon mal mein menschliches Benehmen.«
»Nein danke, es ist nicht mehr so wichtig.«
»Sind sie ganz sicher?«
»Ja, ist schon gut«, sagte sie schnell.
»Um auf das Verhaltensmuster zurückzukommen, ich studiere die Menschen schon eine Weile, da nimmt man schon mal die eine oder andere Eigenart an. So und jetzt erzählen sie mir, was für ein Problem sie zu mir geführt hat?«
Susan schaute ihn an. Ihre Augen waren grün. Vor diesen Augen musste man sich in acht nehmen, sie konnten einen dazu verleiten, sich in ihnen zu verlieren. »Also«, fing sie an, »ein wichtiger Mann und seine Tochter sind in ihrer Wochenendhütte überfallen und entführt worden. Wir wissen, wo sie gefangen gehalten werden.«
»Moment mal, nicht so schnell. Da sie Major Brenningen kennen und auch in seinem Stützpunkt waren, müssen sie eine wichtige Frau mit besonderen Befugnissen sein, und der entführte Mann muss ebenso wichtig sein. Der Mann ist der Verteidigungsminister«, kam er ihr zuvor. Das war nicht schwer zu erraten, da Susan immerfort an ihn dachte.
»Es stimmt«, sagte sie.
»Wo ist das Problem, wenn sie wissen, wo er ist?«
»Dazu muss ich weiter ausholen«, sagte sie.
»Bei uns gibt es ein Programm, von dem nur wenige wissen. Es dient der Spionage und die Handvoll Spezialisten können sich rühmen, etwas ganz Besonderes zu sein. Diese Leute werden Remoteviewer genannt und können mit ihrem Ätherkörper durch Raum und Zeit wandern, um spezielle Ziele und Personen auszukundschaften. Ein Instruktor betreut den Remoteviewer auf seine Reise. Ich will nicht näher darauf eingehen, Tatsache ist, dass der Viewer mit seinem Ätherkörper seinen physischen Körper verlassen kann. Es gibt zwei Möglichkeiten, einmal, dass er gezielt einen bestimmten Punkt ansteuert mit Hilfe von Koordinaten, oder es ist eine offene Suche ohne Anhaltspunkte. So haben wir die Entführten gefunden. Der Remoteviewer hat gesehen, dass der Minister verkabelt ist. Das heißt, bei einem Befreiungsversuch würden beide in die Luft gesprengt. Die Forderungen der Entführer belaufen sich auf zwanzig Millionen Dollar. Die Entführer wissen, dass sich eine Regierung nicht erpressen lassen darf, deshalb haben sie zusätzlich an einem Staudamm eine Sprengung vorbereitet, die mit einem Fernzünder versehen ist. Die Sprengladung befindet sich gut sichtbar auf halber Höhe der Dammwand. Wir haben in einen Campingwagen einen Verdächtigen in der Nähe des Staudamms ausgemacht. Leider kommen wir nicht ungesehen an ihn ran.«
»Und was schlagen sie vor, soll ich machen«? fragte er.
»Dass sie zuerst mal mit mir in die Staaten reisen.«
»Ich mit ihnen, warum nicht umgekehrt?« Unsicher schaute sie ihn an. »Haben sie ihr UFO in der Nähe geparkt? Wenn ich ehrlich bin, habe ich Angst davor.«
»Wir sprechen nicht von meinem Fluggerät, das brauchen wir nicht.«
»Sie bringen mich auch heil rüber«? fragte sie zweifelnd.
»Sie wissen von meinen Fähigkeiten, sonst wären sie nicht hier. Wenn sie mir eine Karte in großem und kleinem Maßstab zeigen und unseren Zielpunkt, können wir es versuchen. Ich muss zugeben, dass ich noch nie so weit gereist bin, und außerdem habe ich auch nicht viel Zeit, bis spätestens Morgen muss die Sache gelaufen sein.« Es war jetzt elf Uhr morgens. Durch die Zeitdifferenz war es in Amerika jetzt früher Morgen. Ganz wohl war ihm nicht, da er noch keinen Sprung nach einer Karte gemacht hatte. Der Sprung zum Eiffelturm war einfach, da jeder seinen Standort kannte. Es ist schon ein Unterschied, ein großes bekanntes Objekt als Ziel anzuvisieren oder ein bestimmtes Haus in einer Straße in Amerika. »Wir gehen in mein Zimmer, dort habe ich Karten«, sagte Susan. Da sie kein deutsches Geld hatte, ließ sie die Getränke auf ihre Zimmerrechnung schreiben. Im Zimmer angekommen, breitete sie ihr Kartenmaterial aus. Amerika als Ganzes, dann der Staat, der Ort und die Straße. Der Stadtplan war so vergrößert, dass in den Straßenzügen Gebäude abgebildet waren. »Ihre Leute sind sicher in diesem Gebäude«, sagte er und zeigte darauf. Gehen sie in Gedanken durch die Räume, damit ich sie mir vorstellen kann.« Er folgte ihren Gedanken und sagte dann: »Bezahlen sie ihre Rechnung.« Sie war schnell wieder da, und hatte im Nu ihre Tasche gepackt. Im Geist sah er das Gebäude vor sich, welches in ihren Gedanken und auf der Karte angekreuzt war.
»Geben sie mir ihre Hand.« Gerade noch rechtzeitig ergriff sie ihre Tasche. Alles ging geräuschlos vonstatten und sie standen in einem Badezimmer. Da wollte er eigentlich nicht hin. Im Raum war es dunkel, nur das Licht von einer Straßenbeleuchtung ließ Konturen der Einrichtung erkennen. Plötzlich wurde die Zimmertür aufgerissen, »FBI«, schrien mehrere Männer und warfen sie zu Boden. Er machte sich unsichtbar und stellte sich an die Wand. Der FBI Mann, der auf ihm gelegen hatte, sackte auf den Boden, und schaute ungläubig auf seine leeren Hände. »Hört auf, ich bin's«, rief Susan. Augenblicklich kehrte Ruhe ein.
»Wir haben doch eben noch miteinander telefoniert«, sagte ein Mann erstaunt. Susan hatte wohl von der Rezeption aus ihre Leute angerufen, dass sie kommen, aber keiner hatte damit gerechnet, dass es so schnell ging.
»Ihr wisst, dass ihr alles versaut habt. Edra kann jetzt Gott weiß wo sein.»
»So ganz unschuldig sind sie ja auch wohl nicht daran«, maulte einer. »Schon gut, ich gebe es zu, ich bin selber von den Ereignissen überrollt worden. Was machen wir jetzt?«
»Wenn ihr mich nicht wieder zu Boden werft, komme ich wieder«, schickte Kristian seine Bitte rüber. Erleichtertes Aufatmen und erstaunte Gesichter blickten in seine Richtung. »Versprochen«, beeilte sich Susan zu sagen. Langsam wurde seine Gestalt sichtbar. Abwartende Haltung bei den Männern.
»Ich bin Edra«, stellte er sich ihnen vor. Sie gingen ins nächste Zimmer, Susan machte ihn mit den drei Männern bekannt und breitete dann einen Stadtplan aus.
»Hier sind wir«, ihr Finger wanderte weiter und blieb auf einem Gebäude am Ende der Straße liegen. »Oben, im zweiten Stock werden die Geißeln festgehalten. Unten befindet sich ein Mann, der die Straße im Auge behält. Im ersten Stock ist eine Frau mit dem Finger auf den Fernzünder, der die Geißeln töten würde. Sie ahnen nicht, dass wir in ihre Nähe sind.«
»Wie wäre es, wenn ich die Lage mal auskundschaften würde?« Susan blickte ihn an. »Aber in keinem Fall eingreifen.«
Er nickte.
Im zweiten Stock saßen Vater und Tochter auf Stühle. Bewegungsunfähig hatten sie sich ihrem Schicksal ergeben. Ihr Mund war zugeklebt, sodass der Vater seine Tochter nicht mal trösten konnte. Auf der Brust des Vaters war ein Kästchen befestigt. Seine Tochter hing in den Seilen, die um die Stuhllehne und ihre Brust geschlungen war. Ihr Kopf war nach vorne gefallen. Sie schlief. »Nicht erschrecken«, unterbrach er die Gedanken des Ministers. Dieser horchte in den Raum, da er nicht sicher war, ob er wirklich etwas gehört hatte.
»Haben sie mich gehört«? fragte Kristian noch einmal. Der Minister zweifelte an seinen Verstand, nickte aber. »Gut, ich werde mich jetzt zeigen, machen sie keinen Lärm.« Als er vor ihm stand, schaute der ihn mit großen Augen an.
»Hilfe ist in der Nähe, haben sie Geduld.«
Die Erleichterung trieben ihm Tränen in die Augen.
»Bis bald.« Einen Stock tiefer saß eine Frau an einem Tisch, sie blickte aus dem Fenster oder las in der Zeitung. Oberhalb der Zeitung lagen zwei Handsender griffbereit. Blinkende Lämpchen zeugten von seiner Bereitschaft, für Tod und Verderben zu sorgen. Der zweite Sender deutete darauf hin, dass von hier auch der Damm gesprengt werden konnte. Bevor Kristian mit den Sendern verschwand, musste er sicher sein, dass der Posten am Damm nur eine Beobachterrolle hatte und die Sprengung nicht von dort einleiten konnte. Kristian sprang zurück und erklärte Susan die Lage. Sie breitete darauf wieder die Karte aus und zeigte auf einen Punkt. Ungefähr vier Kilometer von hier saß der Beobachtungsposten.
Ein markanter Punkt war eine Trafostation in der Nähe, die auch auf der Karte zu sehen war. Kristian sprang. Von der Trafostation aus konnte er den Campingwagen sehen. Die Gardinen waren zugezogen. Er hatte den Eindruck, dass der Wagen durch sein Gewicht schaukelte, als er hineinsprang und wartete auf eine Reaktion des Beobachters. Dieser horchte kurz in den Raum und widmete sich dann wieder seinem Kreuzworträtsel. Auch hier lag ein blinkender Sender auf dem Tisch. Ein Handy klingelte. Der Mann hörte kurz hinein und sagte dann, »alles ruhig«, und unterbrach das Gespräch. Der Sender wurde unsichtbar, als er ihn nahm. Der Mann hörte auf zu schreiben und starrte auf den Tisch, wo eben noch der Sender gelegen hatte. Kristian kam ihm zuvor, als der Mann zum Handy greifen wollte, und sah, wie es vor seine Augen unsichtbar wurde. »Es ist aus«, schickte Kristian ihm zu.
Susan staunte nicht schlecht, als er mit Begleitung wiederkam. Den Sender und das Handy drückte er einem FBI Agenten in die Hand und sprang.
Die Frau war genauso verblüfft und fügte sich schließlich ihrem Schicksal. Der Mann im Erdgeschoss gab auf, als Kristian mit der Frau unvermutet vor ihm stand. Ein weiterer Sprung, und er konnte sich der beiden Entführer entledigen. Ein Griff, Susan und er standen im zweiten Stock bei den Entführten. Kristian band die Tochter los, Susan den Minister. Die Tochter rannte weinend zu ihrem Vater.
»Herr Minister, darf ich ihnen ihren Retter vorstellen. Das ist Edra«, sie stockte und Kristian legte ihr „das Insekt“ in den Mund, was sie auch prompt aussprach. »Nein, ich meine, sie stockte, ich weiß es nicht.« Er wechselte in die Aliengestalt und reichte der Tochter die Hand, die sie ohne zu zögern annahm. »Verzeiht mir«, sagte er zu Susan, es ist nicht immer so, wie es aussieht. Grüßt Major Brenningen von mir, wenn ihr ihn seht.«
Es war immer noch früher Morgen, als er zurücksprang. Er überlegte, wie wenig er getan und doch viel erreicht hatte. Bei Jessika und Großvater war es kurz nach Mittag, als er ankam. »Maria hast du für einen Weitgereisten noch etwas zu essen?« »Im Gegensatz zu sonst bist du aber schnell wieder da«, sagte Jessika, »war nichts los?«
»Doch es war eine Menge los.« »Erzähl schon.« »Ich muss erst Lena holen, ich möchte die Geschichte nicht zweimal erzählen.« »Kannst du wenigstens sagen, wo du warst?«
»In Amerika.«
»Weiter nicht?«
»Es stimmt, warte, bis Lena da ist.«
»Du bist noch nie so weit gesprungen, es muss wichtig gewesen sein?« »Ja sicher.« Er schob den leeren Teller zurück.
»Ich bin gleich wieder da.« In ihrer Wohnung war Lena nicht. Er fand sie in der Redaktion vor ihrem Computer sitzend, sie lutschte lustlos an ihrem Kugelschreiber. »Wohl nichts los?« fragte er und tippte ihr auf die Schulter, was sie erschreckt aufschreien und eine Kollegin zu ihr rüberschauen ließ. Lena zeigte mit dem Finger auf ihn und formte lautlos mit dem Mund „Edra“.
»Siehst du, das glauben sie mir nicht. Musst du mich so erschrecken? Aber es stimmt, es ist wirklich nichts los. Hast du was für mich?«
»Ich denke schon, du musst aber mit nach Jessika kommen.« »Für ein paar gute Zeilen gehe ich mit dir hin, wohin du willst.«
»Dann komm.« Im Flur waren sie alleine und sprangen nach Jessika. »Hallo zusammen«, grüßte Lena. »Kristian macht es sehr spannend«, meinte Jessika. »Also spitzt eure Ohren.« Ausführlich, sodass Lena mitschreiben konnte, erzählte er die Geschichte. Das mit den Remoteviewer ließ er aus. »Das ist der Hammer«, meinte Lena begeistert. »Bring mich zurück, damit der Bericht morgen noch erscheint.«
»Übrigens, in zwei Wochen ist auf der Burg Hochzeit,« erinnerte er. »Was soll ich anziehen«? fragte Lena.
»Wie wär's, wenn du als Hofdame kommst?«
»Du meinst mit langem Kleid?«
»Warum nicht? Aber wenn du willst, komm nur in Jeans, das geziemt sich besser, als wenn du im Minirock erscheinst. Ich liefere dich jetzt in der Redaktion ab.« Als er zurückkam, meinte Jessika, »da du jetzt überall hin kannst, könnten wir doch eine Weltreise machen?« »Ja, das könnten wir, aber erst, wenn hier alles erledigt ist. Denk an die Hochzeit, Morgen habe ich Zeit für dich.«
»Wir könnten nach Alaska zu den Eisbären springen, oder nach Island auf kleine Pferdchen reiten«, spann Jessika ihre Gedanken weiter. »Das meinst du nicht im Ernst?«
»Nein, es war nur ein Vorschlag.«
Lena, die gleichzeitig gern auf zwei Hochzeiten tanzte, brachte in einer Fernsehsondersendung am Abend die Geschichte in Kurzform und vergaß nicht, auf einen ausführlicheren Bericht in ihrer Zeitung hinzuweisen.
»Edra der Außerirdische wurde heute früh vom FBI um Hilfe gebeten usw.«
»Eins muss man Lena lassen, sie versteht ihr Handwerk«, sagte Großvater.
Da der Bericht am frühen Abend gesendet wurde, war es Mittag, als die amerikanische Presse davon erfuhr. Danach stand Lenas Faxgerät nicht mehr still. Auch über das Internet ging ihre Reportage in alle Welt.
»Was hältst du davon, wenn wir in die Stadt fahren und einkaufen«? fragte Kristian am anderen Morgen.
»Du meinst so richtig Schoppen?«
»Mit allem Drum und Dran, ich muss aber vorher zu mir«, sagte er. »Ja, worauf warten wir dann noch?« Ein kurzer Stopp bei ihm um sich mit dem nötigen Kleingeld zu versorgen und weiter ging's in die Stadt. Jessika kannte ihre Geschäfte und hatte im Nu das Passende in ihren Einkaufstüten. Leder war sein bevorzugter Kleidungsstoff. Mit vollen Tüten legten sie an der Stelle, wo sie Anja und Robert kennengelernt hatten, einen Zwischenstopp ein. Sie bestellten Kaffee und Sahnekuchen. Erst als die Leute um sie die Hälse reckten und sie auch in diese Richtung blickten, sahen sie, worum es ging. Eine Gruppe von fünf jungen Burschen standen im Kreis und schubsten einen Jüngeren in ihrer Mitte, hin und her. Auffordernd und provozierend blickten sie in ihre Richtung, darauf wartend, einen Grund zu finden, sich einem neuen Opfer zuwenden zu können. Eine ältere Dame legte Geld auf den Tisch und räumte mit ihrem Mann das Feld, was von den Burschen mit Gelächter quittiert wurde. »Es reicht«, schickte Kristian ihnen rüber. Kurzes innehalten, jeder schaut den Anderen an, allgemeines Schulterzucken. Als wäre nichts geschehen, setzten sie ihr Spiel fort.
»Das ist die letzte Warnung, ihr wisst, was mit Ungehorsamen passiert.« Jetzt hatten sie kapiert. Nervös um sich blickend, hielten sie ein. Als sie so taten, als wäre ihr Spiel beendet und sie es plötzlich eilig hatten hier wegzukommen, stoppte er sie. »Entschuldigt euch bei eurem Opfer, und gebt ihm ein angemessenes Schmerzensgeld.« Langsam kroch die Angst in ihnen hoch, vielleicht dachten sie daran, was schon mal einer Gruppe passiert war. Der Erste griff in seine Tasche und zog ein paar Scheine heraus. Die anderen hatten es plötzlich eilig, es dem Ersten nach zu machen. »Und jetzt reicht ihr eurem Opfer das Geld und entschuldigt euch«, das »aber plötzlich«, schickte Kristian drohend rüber. Jessika hatte gleich gewusst, was sie so zahm gemacht hatte, obwohl sie von seiner Kommunikation mit den Burschen genau so wenig mitbekommen hatte, wie die anderen Besucher. Das Opfer wusste nicht, wie ihm geschah. »Halte deine Hand auf«, schickte er rüber, was er auch augenblicklich tat. Eilig legte jeder seinen Teil in die Hand des Opfers und entschuldigte sich. Jetzt wurden auch einige Zuschauer mutig, als sie den Stimmungswechsel bemerkten. Die angestaute Angst entlud sich über die Fünf. Sein »seit still«, ließ sie erstarren, und plötzlich wussten sie, was hier abgelaufen war. Sie reckten ihre Hälse und schnatterten durcheinander. »Komm, lass uns gehen«, sagte Kristian und legte Geld auf den Tisch. Es ging auf den Mittag zu, als sie heimwärts fuhren.
»Morgen muss ich nach Falkenhorst.« Er wusste, was Jessika sagen wollte, ohne dass er ihr Gedächtnis sondierte, »es geht nicht«, kam er ihr zuvor.
»Ich muss von hier Holz zum Schreiner nach Falkenhorst bringen, damit er Fenster herstellen kann.«
Auf dem Heimweg sagte Jessika nichts mehr.
»Wann gehst du rüber«? fragte sie, als sie angekommen waren und aussteigen wollten. »Morgenvormittag.« Sie nickte und er wusste, dass es ihr nicht passte, dass sie zu Hause bleiben sollte. Er gab ihr einen Kuss, bevor sie ausstiegen.
Und wer küsst mich«? fragte Großvater, der auf seine Bank saß. Die Frage blieb unbeantwortet, da Aron um die Ecke gerannt kam. Jessika stellte sich schnell hinter Kristian und Aron erwischte ihn voll. Da Jessika hinter ihm stand und er keinen Schritt zurückmachen konnte, um gegen den Ansturm gewappnet zu sein, fielen sie beide um, Aron über sie laut bellend. Großvater fand das lustig und wischte sich die Augen trocken. Sie hatten Mühe aufzustehen.
»Das sollte man ihm schnellstens abgewöhnen.«
Keiner fühlte sich angesprochen. Ganz außer Atem gingen sie ins Haus. Nach dem Mittagessen setzten sie sich zu Großvater in den Garten.
Am nächsten Morgen stand Kristian schon um zehn Uhr bei Silke der Schreinerin vor der Tür. Sie war erstaunt, ihn so früh zu sehen. »Alles vorbereitet?« Sie nickte und gab die Tür frei. Er folgte ihr in die Werkstatt und er erkannte ein dickes Bündel Profilholz und die Sachen, die er bestellt hatte. Er sah, dass sie von sich aus noch Werkzeuge, die sie nicht mehr benötigte, dazu gelegt hatte.
»Darf ich mit, die Sachen rüberbringen«? fragte Silke.
»Sicher, warum nicht.« Die Sachen waren auf eine Palette gestapelt. Hinter der Hütte des Kistners kamen sie an. Der Kistner kam ihnen schon um die Ecke entgegen. Fassungslos schaute er auf die sauber geschliffenen Profilleisten. Silke half, die Werkzeuge reinzutragen. Staunend stand der Kistner vor der Gehrungssäge. Silke zeigte ihm, wie er damit umgehen konnte. Auch das andere Werkzeug begutachtete er staunend. »Seid ihr bei Hannas Haus gewesen und habt euch die Fenster angesehen?« Der Kistner nickte. »Ihr macht zuerst die Rahmen, wenn diese fertig sind, lass ich das Glas einsetzen.« Wieder nickte er.
»Silke könnt ihr ihm zeigen, wie ein Winkelprofil hergestellt wird?« Mit der Gehrungssäge sägte Silke einen Meter Rahmenprofil ab. Auf Gehrung gesägt, fügte sie beide Teile zu einem Winkel zusammen. Mit einem Handbohrer bohrte sie die Löcher für die Schrauben vor, fügte Leim dazwischen und schraubte die Teile zusammen. Mit der Profilleiste für das Fenster machte sie das Gleiche und setzte sie zusammen. »Alles klar«? fragte er. Der Kistner nickte abwesend, bestaunte den Handbohrer und drehte an der Kurbel. »Kommt«, sagte er zu Silke und sprang mit ihr zurück in ihre Werkstatt.
»Was bin ich euch schuldig?«
»Das eilt nicht«, meinte sie, »wir können nach Beendigung meiner Arbeit abrechnen.«
»Ganz wie ihr wollt. Bis dann.«
»Halt«, rief Silke, »wenn die Fenster fertig sind, darf ich dann darüber erzählen?«
»Wenn alles abgeschlossen ist, könnt ihr einen Fotoapparat mitbringen, ich werde dann von euch ein Foto machen. Bis bald.«
Seitdem war schon wieder eine Woche vergangen. Jessika lag ihm in den Ohren, dass sie auf die Burg wollte. Ein Besuch beim Kistner konnte ja auch nicht schaden. »Also komm, wir besuchen den Kistner.« Der Kistner erschrak, als sie so plötzlich hinter ihm standen. Fein sauber übereinandergestapelt lagen die Fensterteile zum Abholen bereit. »Wie läuft es?«
»Ich habe kein Holz mehr, Herr.«
»Dem kann abgeholfen werden.«
Die Rahmen waren mit Holzschutzfarbe gestrichen.
»Habt ihr ausprobiert, ob alle Fenster passen?« »Ja Herr.« Jessika schaute sich inzwischen um. Die Frau des Kistners drückte sich in die hintere Ecke, ein kleines Mädchen klammerte sich an ihre Schürze und bestaunte sie aus großen Augen. Sie hatten nichts, was sie ihr schenken konnten. Ein junger Mann, der das letzte Mal noch nicht hier war, versuchte an eine Art Wetzstein, einen Hobelstahl zu schärfen. »Jessika, denke daran, dass ich ein Schleifgerät kaufe.«
»Und ich eine Puppe«, sagte Jessika. Ein Blick zu der Frau veranlasste sie, »und Stoff«, hinzuzufügen.
»Soll ich dich nach Hanna bringen, ich muss diese Fenster zur Schreinerin bringen.«
»Einverstanden.« Um keinen zu erschrecken, sprangen sie in den Treppenaufgang der Burg und klopften dann an die Tür. Weil keiner antwortete, machte er die Tür auf. Hanna der Graf und sein Sohn schauten ihnen erstaunt entgegen. »Hallo Jessika, Kristian, schön, dass ihr da seid. Wir haben uns gewundert, wer da an die Tür klopft, bei uns macht man das nicht.«
»Hallo ihr Grafen von der Falkenhorstburg«, sagte er und verbeugte sich.
»Ihr müsst nicht übertreiben«, sagte Graf Lothar.
»Wie laufen die Vorbereitungen«? fragte er.
»Alles nach Plan.«
»Hat Johannes sein Wildschwein immer noch nicht erlegt?«
»Doch, er ist in der Vorburg, für ihn ist es hier zu langweilig. Wenn er wüsste, dass ihr hier seid, würde er rennen wie ein flüchtendes Reh.«
»Ich kann nicht lange bleiben, ich muss mich um eure Fenster kümmern.«
»Wir haben schon einige gesehen, der Kistner war zum Anpassen hier.«
»Jessika, ich hol dich nachher ab.« Er machte sich nicht die Mühe, erst von der Treppe aus zum Kistner zu springen. Der Kistner hatte die Rahmen, die für die Scheiben vorgesehen waren, auf einen Haufen gestapelt. Er wollte schon gerade fragen, als er sah, dass die Rahmen mit römischen Zahlen gekennzeichnet waren. Mit den Rahmen sprang er zur Schreinerin. Sie war nicht da, deshalb legte er den Stapel vor ihre Werkstatttür. Gerade als er gehen wollte, fuhr ihr Auto auf den Hof. »Hallo«, sagte sie.
»Ich hab euch Arbeit mitgebracht.«
»Ich sehe es.«
»Würdet ihr dafür sorgen, dass die Fenster zum Glaser kommen?« »Ja, kein Problem.«
»Ach so, dem Kistner sind die Profilleisten ausgegangen. Macht die gleiche Menge wie das letzte Mal, das ist aber nicht ganz so eilig. Wie weit seid ihr mit eure Arbeit?« »Fertig.«
»Dann können wir morgen die Fenster einbauen?«
»Ja sicher.«
»Schön, ich hole euch um zehn Uhr ab. Bis dann.« Zurück bei Jessika, fiel ihm Johannes um den Hals.
»Hallo Johannes, was macht dein Wildschwein?«
»Das haben wir schon zur Hälfte aufgegessen.«
»Dann wirst du wohl noch eins fangen müssen, auf der Hochzeit bringe ich großen Hunger mit.« Johannes lachte und die anderen mit. Er schupste Kristian an und sagte, sodass die Anderen es nicht hören konnten, »Jessika wird immer schöner.«
»Da hast du sicher recht, aber was ist mit dir? Noch nichts in Aussicht?«
»Auf der Hochzeit werde ich mich umsehen.«
»Ich glaube, die jungen Damen können es gar nicht abwarten.«
»Was tuschelt ihr eigentlich so lange«? fragte Jessika. »Männergespräche«, sagte er.
»Willst du noch bleiben oder gehst du mit«? fragte er Jessika und merkte, dass sie noch bleiben wollte. »Du wolltest doch noch was einkaufen«, kam er ihr zuvor.
»Du hast recht.«
»Schade«, sagte Hanna.
»Morgen werden eure Fenster, zumindest diese hier, eingebaut.« »Bekomme ich auch ein Fenster?«
Johannes schaute Kristian fragend an.
»Selbstverständlich, was sollen deine anbetungswürdigen Frauen denn sonst von dir halten.«
»Waren das eure Männergespräche«? fragte Graf Albert.
»Wird nicht verraten«, sagte Johannes. »Also dann bis morgen.« Zu Hause angekommen, fragte Kristian, »gehst du mit in die Stadt?« »Ja sicher.«
»Brauchst du Geld?« »Wenn du mich schon so fragst, könnte ich schon was gebrauchen.« Er reichte ihr ein paar Scheine.
»Dann komm.« In der Stadt angekommen trennten sie sich. Sein Ziel war der Baumarkt. Ein Schleifgerät mit Handkurbel, ein Abziehstein, Nägel, Schrauben, und Schraubendreher wanderten in seinen Einkaufswagen. Er hatte ganz schön zu schleppen. Ein Blick auf seine Uhr sagte ihm, dass ihm noch dreißig Minuten blieben, ehe sie sich im Kaffee treffen wollten. Da er schwer zu tragen hatte, ging er vorher zum Auto, verstaute seine Einkäufe in den Kofferraum und ging zu ihrem Treffpunkt.
»Hast du alles bekommen«? fragte er.
»Ich habe eine süße Puppe gekauft, und Stoffe für sie und für ihn.«
»Morgen früh gegen zehn Uhr gehe ich mit der Schreinerin die Fenster einbauen. Vorher könnten wir zusammen zum Kistner gehen.«
»Was meinst du«? fragte er, »können wir jetzt nach Hause fahren?« Jessika nickte. Jessikas Einkäufe waren nicht viel weniger schwer wie seine. Er half ihr, sie zu tragen.
Maria staunte nicht schlecht, als sie ihren Stoffladen ausluden. Abends saßen sie gemütlich zusammen.
Am anderen Morgen konnte Jessika es nicht abwarten, dass er sie ins mittelalterliche Dorf brachte.
Um neun Uhr waren sie dort. Er ließ es sich nicht nehmen, dem Kistner das Werkzeug zu übergeben. Jessika hatte die Schachtel mit der Puppe auf den Tisch gelegt. Dann winkte sie der Tochter zu. Diese aber hatte Angst und ließ die Schürze der Mutter nicht los. Deshalb sagte Jessika zu der Mutter, »kommt her und packt ihr das Geschenk für eure Tochter aus.« Zögernd, ihre Tochter vor sich her schiebend, kamen beide langsam näher. Aufmunternd deutete Jessika auf die Schachtel. Kristian wusste nicht was Mutter und Tochter erwarteten, auf jeden Fall trauten sie sich nicht, die Schachtel zu öffnen. Jessika hob erst den Deckel, dann die Puppe heraus. Als wenn alle den Atem anhielten, so still war es. Jessika wiegte die Puppe in ihren Armen und hielt sie dann dem Mädchen entgegen. Als diese keine Anstalten machte die Puppe entgegen zu nehmen, griff die Mutter beherzt zu und legte sie ihrem Kind in den Arm. Jessika kamen die Tränen, als sie sah, mit welcher Andacht beide die Puppe hielten.
Sie verabschiedeten sich.
Wieder zu Hause, wartete er, bis es zehn Uhr war. Die Schreinerin konnte es auch nicht abwarten und erwartete ihn schon vor der Tür. Die Fenster und das Werkzeug lagen bereit. Sie kamen in der Burg an. »Wenn ihr wollt, helfe ich euch«, bot er Silke an. »Könnt ihr das denn?«
»Ich glaube schon.« Silke bohrte auf der linken und rechten Seite eines Fensters jeweils zwei Löcher für die Mauerbefestigung. Darin wurden die Dübel gedrückt und der Rahmen daran festgeschraubt. Albert wich nicht von Silkes Seite. Bewundernd schaute er zu, wie Silke mit dem Akkuschlagbohrer die nächsten Löcher bohrte. Kristian fiel erst jetzt auf, dass Silke Wert auf ihr Äußeres gelegt hatte und sah, dass sie Lippenstift aufgetragen hatte. Anscheinend hatte sie das letzte Mal beim Ausmessen bemerkt, dass Albert sich für sie interessierte. Obwohl sie wusste, dass eine engere Beziehung nicht infrage kam, fand sie es sicher aufregend, von einem Graf begehrt zu werden. Alle waren überrascht, wie schnell die Fenster eingesetzt waren.
Zum Schluss schäumte Silke die Seiten dicht. Albert wollte sogleich ausprobieren und das Fenster öffnen, musste sich von Silke belehren lassen, dass er warten musste, bis der Schaum hart war. Graf Ludwig und Hanna schauten dem Treiben vergnügt zu. »Was haltet ihr davon, wenn ich Kaffee und Kuchen hole, außerdem muss ich Jessika noch abholen?«
»Ja, das wäre schön«, meinte Hanna. Er sprang zu Jessika.
»Ich habe versprochen, Kaffee und Kuchen zu holen. »Kannst du zwei Kannen Kaffee kochen, ich hole dann inzwischen den Kuchen.« Jessika nickte. Er kaufte ein Tablett voll Kuchen. Es dauerte eine Weile bis zwei Kannen Kaffee durchgelaufen waren und überlegte schon eine ganze Weile, wie er verhindern konnte, dass Jessika von Silke erkannt wurde.
»Setz eine Sonnenbrille auf, Silke die Schreinerin ist da. »Warum sagst du das nicht gleich, Silke kennt mich. Sie ist mit mir in der Theatergruppe.« Auch dass noch.
»Was hältst du von ihr, wird sie schweigen?«
»Silke ist in Ordnung.«
»Setz trotzdem deine Brille auf.«
»Wenn du meinst.« Mit zwei Kannen Kaffee und Kuchen kamen sie zurück. Ganz wie er gedacht hatte, stutzte Silke sofort, als sie Jessika gewahr wurde. »Jessika«, sagte Hanna, »warum versteckst du deine Augen?« Jetzt eilte Silke auf Jessika zu.
»Ich war mir nicht sicher, aber als ich deinen Namen hörte, ahnte ich es. Wie kommst du denn hier her?« Kristian stand hinter Silke. Jessika deutete in seine Richtung. Silke drehte sich um, sah ihn in seiner wirklichen Gestalt.
»Das gibt es nicht, ich hab schon ein paar Mal überlegt, warum du mir so vertraut vorkamst«, gleichzeitig umarmte sie ihn. »Ihr müsst mir unbedingt erzählen, wie ihr hierher gekommen seid.«
»Später«, beruhigte er sie, »erst trinken wir Kaffee.« Inzwischen waren Trinkbecher herbeigeschafft worden. Der Kaffee tat ihnen allen gut und der Kuchen schmeckte ausgezeichnet.
Wie sie so zusammensaßen, erzählte er, wie er Hanna begegnet war und von Johannes, der ihn in seinen Mistkarren raus und wieder rein gebracht hatte. Viel Spaß hatten sie, als er über die erste Begegnung mit Graf Albert im Stall berichtete.
»Du weißt, dass du über uns nichts erzählen darfst«, sagte er zu Silke.
»Ist mir schon klar. Aber dass ich für die Burg Falkenhorst die Fenster gemacht habe, darf ich doch erzählen?«
»Das darfst du, aber mehr nicht.«
»Ich könnte das gar nicht für mich behalten«, sagte sie, »jeder soll wissen, dass ich mehr Glück gehabt habe wie sie. Meinem Geschäft wird das auch gut tun.«
»Es wäre uns eine Ehre, wenn ihr zur Hochzeit erscheinen würdet«, sagte Graf Albert.
»Auch für mich ist es eine Ehre«, sagte Silke.
»Eins verstehe ich aber immer noch nicht, dass ihr hier seid, das kann ich mir ja noch entfernt vorstellen, aber was hat Edra der Außerirdische damit zu tun?« Jessika blickte Kristian an, dann Silke.
»Was wäre, wenn Edra hier wäre?« »Du meinst er ist hier im Raum?« Jessika nickte. Silke schaute alle nacheinander an, dann wieder zu ihm. »Obwohl ich es nicht verstehe, kommst eigentlich nur du infrage.«
»Du hast recht.«
»Aber wieso außerirdisch?«
»Ich hab den Leuten vorgegaukelt, dass nur ein Außerirdischer solche Kräfte haben kann. Das hat sie davon abgehalten, weiter nachzuforschen. In der Maske des Alien ging das am einfachsten.«
»Kannst du mir das mal vorführen?«
»Wenn du es willst. Erschreckt jetzt nicht«, warnte er die anderen. Plötzlich saß an seiner Stelle ein Alien. »Mann«, sagte Silke, »ich kann es nicht glauben.« Sie berührte ihn, »fühlt sich echt an«, meinte sie. Den Anderen war nicht wohl in ihrer Haut. Der Schaum war inzwischen hart geworden, sodass das Überstehende abgeschnitten werden konnte.
»Ich freue mich schon fast auf den Winter«, sagte Hanna. »Die anderen Fenster bringt euer Kistner«, sagte er zum Grafen. »Ihr solltet ihn dafür entlohnen. Aber nur für seine Arbeit, das Material ist von uns.« Johannes stürmte herein.
»Ihr kommt immer, wenn ich nicht da bin.« Interessiert begutachtete er Silke.
»Das ist Johannes«, stellte er ihn vor. »Ist mir eine Ehre sagte Silke«, was Johannes verlegen machte.
»So langsam müssen wir uns auf den Heimweg aufmachen.«
»Die Hochzeit ist Sonntag früh hier in der Kapelle«, erinnerte Hanna.
»Wir sind rechtzeitig da«, versprach er. Sie setzten Silke vor ihrer Werkstatt ab.
»Sehen wir uns vorher noch mal«? bat sie. »Du weißt ja, wo ich wohne, komm einfach vorbei«, sagte Jessika.
»Ich komm bestimmt.« Zu Hause empfing sie Aron mit lautem Gebell.
»Da seid ihr ja.« Lena saß mit Großvater am Küchentisch. »Hallo ihr beiden. Ich bin aus der Redaktion geflohen, bin es leid, trockene Berichte zu schreiben. Ihr habt bestimmt aufregenderes erlebt?« Nichts Großartiges, ein Schreiner aus unserem Dorf hat für Falkenhorst Fenster angefertigt.«
»Das ist doch was. Meinst du, er wird mit mir reden?«
»Da musst du ihn schon selber fragen. Er ist auch zur Hochzeit eingeladen.«
»So lange kann ich nicht warten, und wo finde ich ihn?«
»Im Dorf gibt es nur eine Schreinerei. Bevor du gehst und wir uns nicht wieder sehen sollten, Sonntag um acht Uhr hole ich dich ab.«
»Ist gut, bis bald.«
Lena fuhr ins Dorf und fragte sich zur Schreinerei durch. Sie klingelte, Silke kam zur Tür. »Tut mir Leid, wir haben Betriebsferien, kommen sie später wieder.«
Dann erst erkannte Silke Lena.
»Sie haben einen heißen Draht zu Edra vermute ich«? fragte Silke. »So könnte man es nennen. Ist der Chef da, ich muss ihn dringend sprechen.«
»Kommen sie erst mal rein«, Silke machte die Tür hinter Lena zu und führte sie ins Wohnzimmer.
»Ist der Schreinermeister da?«
»Ja«, sagte Silke.
»Und wo ist er?« »Er sitzt vor ihnen.«
»So ein Schlitzohr«, entfuhr es Lena.
»Ihr meint sicher Edra«? fragte Silke. »Wen sonst wohl. Würden sie kurz schildern, wie es zu dem Auftrag kam?«
»Ganz einfach, Edra kam zu mir und bestellte die Fenster. Graf Albert hat mich dann zur Hochzeit eingeladen. Was ich nicht verstehe, ich habe dort Jessika getroffen.«
Verwirrt fragte Lena »sie kennen Jessika?« »Ja sicher, aus der Schulzeit. Und dann habe ich noch Kristian dort getroffen.« Lena wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Vorsichtig fragte sie, »und was ist mit Edra?«
Sie wissen, wer Edra ist«? stellte Silke die Gegenfrage.
»Nun ja«, Lena wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Silke kürzte die Fragerei ab, »ich weiß Bescheid.« Lena immer noch misstrauisch, »wer Edra ist«? fragte sie. Silke nickte. »Das hätte er mir auch gleich sagen können«, schimpfte Lena.
»Sagen wir du zueinander«, sagte Silke.
»Einverstanden. Dein Erlebnis muss morgen in der Zeitung stehen. Du weist, auf was du dich einlässt«? fragte Lena.
»Ich glaube nicht, trotzdem möchte ich, dass alle wissen, was ich erlebt habe.« »Dann fang mal an.« Silke erzählte von dem Kistner und der Grafenfamilie. »Gut, ich glaube, das reicht erst mal, ich muss in die Redaktion, wir sehen uns auf der Hochzeit. Halt, ich habe vergessen, ein Foto von dir zu machen.« Silke wurde vor ihre Werkstatt abgelichtet.
»Bis dann«, weg war sie.
Silke war nach Erscheinen des Berichts nicht darauf vorbereitet, plötzlich so berühmt zu sein. Ein Interview jagte das Nächste. Obwohl sie bisher keinen Beweis erbracht hatte, dass sie auch wirklich auf Falkenhorst war, glaubte jeder ihre Geschichte. »Gut, dass die Werkstatt zu ist«, seufzte sie und wartete auf das Wochenende und die Hochzeit.
Donnerstag trafen sich Jessika und Silke und fuhren zum Kostümverleih. Da viele Menschen auf die Burg kamen, wollten sie nicht wie Fremde am falschen Platz wirken. Es machte ihnen Spaß, in verschiedene Kleider zu schlüpfen. Bald hatten sie das Passende gefunden. »Gehen wir noch einen Kaffee trinken«? fragte Silke.
»Ja sicher.« Sie setzten sich draußen hin und beobachteten die Leute, die vorbei gingen. »Kannst du mir sagen, wie alles angefangen hat?« fragte Silke. »Da gibt es nicht viel zu erzählen. Kristian hat ein Tor in die Vergangenheit gefunden. Dem König der Elfen hat er das Leben gerettet. Von ihm hat er die Macht bekommen.«
»Und was war mit dem UFO?«
»Was soll damit sein?«
»Nun ja, das wurde doch von einem Alien geflogen.«
»Ja, das war Cyro und Systra, Freunde der Elfen.«
»Weist du was, ich beneide dich«, sagte Silke.
»Ich könnte dir Sachen erzählen, die dir keiner glauben würde, wenn du sie erzählst«, meinte Jessika.
»Erzähle«, bat Silke.
»Wir, das heißt Hanna und ich, waren beim Bruder der Elfenkönigin eingeladen. Wir wurden dort so richtig verwöhnt, massiert und so weiter.«
»Hallo, Jessika.« Erstaunt schaute sich Jessika um.
»Anja, wie geht's?«
»Gut.« »Ihr seid auf einer Hochzeit eingeladen?«
Jessika fragte nicht, woher sie das wusste.
»Ja, wir freuen uns darauf.«
»Bis bald, ich habe es eilig«, sagte Anja.
»Wer war das denn«? fragte Silke, als sie wieder alleine waren, »und wieso wusste sie von der Hochzeit?«
»Das ist wieder eine andere Geschichte, im Moment möchte ich darüber nicht reden.« Silke war nicht beleidigt.
«Ich weiß gar nicht, was für ein Hochzeitgeschenk ich kaufen soll?«
»Schenk ein paar dicke Decken, im Winter ist es dort im Gemäuer sehr kalt.« »Das ist ein guter Vorschlag, wartest du hier, ich geh schnell noch welche kaufen?« Es dauerte nicht lange und sie kam mit einem großen in buntem Papier verpackten Paket wieder zurück. »Weist du was«? sagte Jessika, »wenn ich so darüber nachdenke, Decken kann man gar nicht genug haben.«
Silke lachte. »Soll das heißen, du willst auch noch Decken kaufen?« »Überlege doch mal, Isabel und Ludwig bekommen warme Decken und brauchen nicht zu frieren, und was ist mit dem Grafen und Hanna? Ich schenke sie Hanna, sie kann die Decken verteilen.« Während Jessika noch einkaufen ging, bestellte Silke sich einen Kaffee. Oft kamen Leute vorbei und blickten in ihre Richtung. Anfangs drehte sich Silke noch um, in der Annahme, hinter ihren Rücken gäbe es was zu sehen. Dann erkannte sie schnell, dass die Leute sie anstarrten. „Ich bin berühmt dachte sie, gleich wollen sie noch ein Autogramm.“ So weit kam es nicht, aber es war ein schönes Gefühl. Jessika kam mit einem großen Paket unterm Arm zurück. Die Decken waren nicht schwer aber sehr sperrig. Auch Jessika merkte schnell, wie bekannt Silke war.
»Was für ein Gefühl ist das, wenn die Leute dich erkennen«? fragte Jessika.
»Ein Gutes. Aber lass uns gehen.« Silke gab dem Kellner ein Zeichen. Dieser beeilte sich. Als er vor ihnen stand und Silke bezahlen wollte, winkte er ab, »es ist uns eine Ehre, so berühmten Besuch bei uns zu haben. Wenn sie erlauben, würde ich gerne ein Foto von ihnen und mir machen lassen.« Jessika zog sich lachend zurück. Plötzlich kam ein zweiter Kellner mit einer Kamera und machte von Silke und dem ersten Kellner ein Foto. Die Menschen, die mitbekommen hatten, wer Silke war, klatschten Beifall. Als sich jemand vom Nachbartisch aufmachte, um ebenfalls in Silkes Ruhm zu baden, packten beide ihre Decken und suchten das Weite.
»Was meinst du«? fragte Silke scherzend, »soll ich mir Autogrammkarten drucken lassen?« Jessika lachte, »dann aber mit Edra dem Außerirdischen drauf.«
»Du hast recht. Unterwegs fiel Jessika ein, dass sie Kurt an die bevorstehende Hochzeit erinnern musste. »Ich habe ganz vergessen, Kurt bescheid zu sagen. Du kennst Kurt noch?«
»Ja sicher, er weiß bestimmt auch Bescheid?«
»Ja klar, er war schon drüben.«
»Hätte ich mir denken können.« Sie waren bei Silke angekommen. »Denke daran, Kristian holt dich am Sonntag um acht Uhr ab.« Silke hob grüßend die Hand, als Jessika abfuhr.
»Da bist du ja, na wie war es«? fragte Kristian. »Silke hat ihr Hochzeitsgeschenk gekauft.«
»Und sonst?«
»Wir haben uns die passenden Kleider geliehen.«
»Du verlangst doch nicht von mir, dass ich da mitmache?«
»Nein, das ist nicht nötig. Hat Kurt sich gemeldet?«
»Ja, ich habe ihm gesagt, wann es losgeht.«
»Und was ist mit Großvater?«
»Der sitzt draußen und ist furchtbar nervös.«
»Willst du uns alle auf einmal rüber bringen?«
»Nein, wie wäre es, wenn ich zuerst Silke und Lena rüber bringe, dann uns?« »Ja, das geht.«
Der folgende Tag brachte Kurt zurück, der ein Geheimnis daraus machte, was er im Kofferraum hatte. Aron freute sich über Kurts Erscheinen und raste wie wild geworden durch Großvaters Anlagen. Als Kristian erwähnte, dass er morgen kurz nach Falkenhorst gehe, wollte Jessika natürlich mit. Kurt lag noch im Bett, als sie morgens nach dem Frühstück zum Falkenhorst sprangen. Bunte Zelte standen nebeneinander. An langen Balken festgebunden, standen die Pferde. »Ganz schöner Betrieb hier.« Sie gingen, von neugierigen Blicken verfolgt, in den Burghof. Hanna sah sie. »Kristian, weist du einen Ausweg? Es kommen mehr Leute wie erwartet.«
»Bekommt ihr sie denn alle satt?«
»Nein, das ist ja das Problem.« Er ärgerte sich, dass er nicht schon früher nach dem Rechten gesehen hatte. Morgen war bei ihm Sonntag, woher sollte er auf die Schnelle, noch was zu essen besorgen?
Lena musste ihm helfen. »Für heute bekommst du alle satt?«
»Ja sicher, auch morgen. Das Problem ist, dass wir nicht so viele Feuerstellen haben, um alle gleichzeitig bedienen zu können.«
»Also gut, für morgen versuche ich Essen aufzutreiben, eure Fleischspieße können sich aber trotzdem drehen.«
»Kristian, du bist der Beste.« Hoffentlich hatte er den Mund nicht zu voll genommen. Jessika war nicht in seine Nähe, also sprang er nach Lena. Sie hatte ihre Wohnung schon verlassen. In der Redaktion fand er sie. Sie konnte es natürlich nicht lassen und gab ihrer Kollegin, genau wie das letzte Mal, wieder ein Zeichen und formte lautlos das Wort „Edra“. Die Kollegin, die den gleichen Fehler nicht noch mal machen wollte, stutzte und verließ fast fluchtartig ihren Schreibtisch.
»Siehst du, jetzt glaubt sie mir. Was treibt dich hier her?«
»Ich brauche deine Hilfe. Auf der Burg ist der Notstand ausgebrochen. Es kommen mehr Gäste wie erwartet. Die Küche kann nicht so schnell für alle auf einmal das Essen auf den Tisch bringen. Ich dachte mir, dass du vielleicht einen Ausweg weist.« »Schau mal, was meine Kollegin gemacht hat.« Er drehte sich um und sah, dass fasst die ganze Redaktion zusammengekommen war.
»Erwarten die jetzt ein Kunststück von mir?«
»Für dein Image wäre es schon besser.«
Ein Tiger ist ein schönes aber gefährliches Geschöpf. Und wenn es dann auch noch auf einen zukommt und sein Maul aufreißt, ist nur noch Platz für Angst. Schreiend löste sich die Menschenansammlung auf. Lena nahm ihre Kamera und knipste drauf los. Als alle geflüchtet waren, kehrte er an Lenas Tisch zurück. Es war ein gutes Gefühl so viel Kraft zu spüren.
»Wo waren wir stehen geblieben?«
»Du suchst einen Koch.«
»Ich einen Koch? Ja, so könnte man es nennen. Ich hatte an einfache Kost gedacht, 100 halbe Hähnchen, Kartoffeln und Soße. Das ist nur als Ergänzung gedacht.«
»Ich kenne jemand der dazu in der Lage wäre, auch wenn morgen Sonntag ist«, sagte Lena. »Der würde das auch umsonst machen für etwas Werbung.«
»Am Geld soll es nicht scheitern. Du könntest ihm anbieten, dass du ein Hochzeitsfoto machst, auf dem seine Hähnchen und er zu sehen sind.«
»Warte mal, das erledigen wir sofort.« Lena suchte eine Nummer heraus. »Hier spricht die Redaktion«, dann folgten ihre Wünsche und ihr Angebot. »Sind sie noch da«? fragte Lena.
»Ja, natürlich, abgemacht das geht klar.
»Die Sachen werden um 11 Uhr abgeholt.« Das war knapp.
»Dreh dich nicht um, da kommt unsere Praktikantin, erschrecke sie nicht.« Ein wenig zögerlich kam sie auf sie zu.
»Würden sie mir gestatten von Frau Müller und ihnen ein Foto machen zu dürfen?« Sie hielt einen einfachen Fotoapparat in der Hand. Lena schmunzelte.
»Wie hätten sie es gerne«? fragte er.
»Sie als Alien.«
»Wenn es mehr nicht ist.« Sie machte ihre Aufnahmen, unterdessen trauten sich die ersten Redaktionsmitglieder hinter ihren Wandschirmen hervor. Die Praktikantin hielt ihm ihre Hand entgegen. »Ich möchte ihnen danken.« Er nahm die Hand und zog sie zu sich. Lena machte ein Foto. Einem Alien die Hand zu geben, war schließlich was Besonderes. Die weniger Mutigen klatschten Beifall, als er sie losließ.
»Ich glaube, ich gehe jetzt lieber, sonst kommt euer Betrieb zum Erliegen.« Lena erklärte ihm, wo er die Hähnchen abholen konnte.
»Ich hole dich um acht Uhr ab«, erinnerte er sie.
»Wo warst du«? fragte Jessika, als er zurück war, »ich habe dich schon gesucht.«
»Wo ist Hanna«? stellte er die Gegenfrage.
»Sie ist eben in die Küche gegangen.« Er fand sie dort.
»Also, für morgen habe ich hundert Portionen Essen bestellt.« »Hundert, so viele Personen sind wir nicht.«
»Um so besser. Hast du sonst noch Wünsche«? fragte er.
»Nein, jetzt kommen wir schon klar.«
»Ich gehe jetzt zu Jessika, dann springen wir nach hause«, verabschiedete er sich.
Großvater paffte an seiner Zigarre, als wollte er sich unsichtbar machen.
»Großvater, alles klar?« »Nichts ist klar, wenn ich daran denke, wie viele hochherrschaftliche Leute anwesend sind.«
»Deshalb brauchst du doch nicht nervös werden. Stell dir vor, du machst mit deinem Feuerzeug deine Zigarre an, dann werden sie denken, dass du ein großer Zauberer bist.«
»Ja, das stimmt, ich werde dann die Zigarre oft ausgehen lassen, um sie dann wieder anzumachen.« Kristian sah, wie er übte, das Feuerzeug so in der Faust zu halten, dass nur die Flamme oben herausschaute.
»Kristian, lass uns heute früh schlafen gehen, das wird morgen bestimmt ein aufregender Tag«, schlug Jessika vor. Das war ihm recht.
Sonntagmorgen um acht Uhr. Lena und Silke standen bereit. »Ihr seht gut aus«, versuchte er ein Kompliment zu machen. Die Geschenke in der Hand, brachte er sie rüber. Im großen Saal war zum Glück keiner. Das lag vielleicht daran, dass draußen das schönste Wetter war. Lena und Silke legten ihre Geschenke auf einen Tisch, auf dem schon andere ihre Geschenke abgelegt hatten. »Ihr kommt hier klar«? fragte er. Beide nickten.
Kristian sprang zurück. Jessika hatte ihre Geschenke auf einen Haufen gestapelt. Kurt war auch schon da, vor sich eine Kiste und eine Metallflasche. Jeder packte seine Sachen an, so gut es ging. Silke und Lena waren noch da, als sie zurückkamen. Sie legten ihre Sachen zu den Anderen. Die Geschenke von ihnen bedurften keiner Erklärung, jeder konnte sehen, woher sie kamen.
Kristian hatte seinen Kampfstock mitgebracht, weil er gehört hatte, dass es ein kleines Turnier geben würde.
Gemeinsam gingen sie nach draußen. Der Burghof war fast leer, sicher, weil der Sonne durch die hohen Mauern der Zutritt verwehrt wurde. Sie gingen durch das Burgtor, und sahen vor sich ein buntes Treiben. »Kristian«, sagte Kurt, »kannst du Johannes sagen, dass ich seine Hilfe benötige.« Kurt blieb zurück, sie gingen zu den Zelten hinunter. Hanna hatte sie gesehen, ebenso die Hochzeitsgäste. Sicher gingen eine Menge Gerüchte über sie umher, was wohl auch ein Grund war, warum so viele gekommen waren, auf jeden Fall war ihnen ungeteilte Aufmerksamkeit sicher. Die Gäste schauten erstaunt, als sie Hanna zur Begrüßung umarmten. Dann kamen Isabel und Ludwig, um sie zu begrüßen. Sie gingen mit ihnen und wurden den Anderen vorgestellt. Auch Rudolf von der Burg Rabenfels schaute zu ihnen herüber, wendete sich aber ab, als er ihre Blicke auf sich spürte. Großvaters Auftritt als Zauberer, der das Feuer beherrschte, fand allgemeine Beachtung. Es traute sich aber keiner zu fragen, wie er das machte. Für Hanna und die Bewohner von Falkenhorst war das nichts Neues, zumal Hanna ja von Kristian ein Feuerzeug bekommen hatte. Er schaute sich um und entdeckte Johannes, der bei einem jungen Mädchen stand. Als Johannes Kristian sah, verabschiedete er sich und kam zu ihnen.
»Deine Freundin?« »Ich habe sie heute zum ersten Mal gesehen«, sagte Johannes. »Kurt bereitet eine Überraschung vor, er möchte, dass du ihm hilfst.« Johannes Blick schweifte zu dem Mädchen zurück und dann zur Burg. Seine Neugierde war stärker, »dann will ich mal nach Kurt sehen.«
Die Trauung war um neun Uhr angesagt. Eigentlich sollte diese vor der Kapelle stattfinden, wurde aber wegen der vielen Leute in die Vorburg verlagert. Der Graf als Vormund und der Pfaffe Otto leiteten die Zeremonie. Der Graf erklärte, was die Braut mit in die Ehe brachte, Ludwig erklärte, wie er seine künftige Frau im Falle seines Todes finanziell absichern wollte. Dann reichten sie sich gegenseitig die Ringe und versprachen, sich die Treue. Das Jawort der Beiden und der Segen des Pfaffen beendeten die Zeremonie. Danach folgte die Hochzeitsmesse.
Kurz vor Ende der Messe wurden die Versammelten unruhig und blickten in die Richtung der Burg. Auch Kristian blickte dorthin und sah Kurt und Johannes, eine große Plane wölbte sich über ihre Köpfe. Der Pfaffe, selber neugierig geworden, beendete die Messe so schnell wie möglich. Kurt und Johannes bahnten sich einen Weg durch die Hochzeitsgäste, bis sie vor dem Brautpaar standen. Alles Gute zur Hochzeit wünschte Kurt und ließ seine zwei Zipfel der Plane los. Allgemeine Verwunderung, als sich viele bunte Luftballons in den Himmel erhoben.
Kristian hätte schon interessiert, was sich die Gäste dabei dachten. Ein paar Ballons blieben zurück, weil Bänder, die Johannes in der Hand hielt, sie daran hinderten loszufliegen. Stolz hielt Johannes sie fest. Kinder aus dem Dorf blickten mit großen Augen nach oben. Als er Kurts aufforderndes Nicken sah, löste er Schnur um Schnur aus seiner Faust und gab sie den Kindern. Diese rannten nach anfänglicher Angst mit den Ballons über ihren Köpfen, durch die Pferdegasse. Hochgehende Pferde waren die Folge.
Auch die Erwachsenen wollten einen Luftballon und waren enttäuscht, als keine mehr da waren. »Johannes, du weist, wie es geht, wenn du willst, kannst du noch ein paar aufblasen«, sagte Kurt. Johannes war begeistert, konnte er doch so seiner Angebetete imponieren. Wo früher die Pferdekoppel war, drehten sich jetzt die Bratspieße. Kurt mischte sich unter die einfachen Leute. Jessika, Lena und Silke wurden von den männlichen Gästen umlagert. Kristian stand bei Hanna und Albert. »Wann ist eure Hochzeit«, fragte Kristian ihn?«
»Dazu gehören immer zwei.« »Bei so vielen Damen wird doch eine für euch dabei sein.« Kristian sah, wie er zu Silke blickte.
»Daran dürft ihr nicht denken, wir kommen aus einer anderen Welt, keiner würde sein bisheriges Leben aufgeben wollen.«
»Das sehe ich ein, aber es ist schwer.« Kristian blickte auf seine Uhr. »Ich muss mich um das Essen kümmern.« Ein Sprung zur verabredeten Stelle und er war überrascht, wie viel Essen auf ihn wartete. Er nahm mal an, dass es der Chef persönlich war, der dort auf ihn wartete. Dieser erschrak, als Kristian so plötzlich bei ihm auftauchte. Im Hintergrund schauten seine Angestellten zu. »Ihr seid Edra«, stellte er die überflüssige Frage. Kristian nickte. »Ist es unverschämt, wenn ich sie bitte, mich einen Blick auf die Hochzeit werfen zu lassen?« Kristian blickte ihn an. Nein, zu viel verlangt war das nicht, und es war ja glaubte er, so ausgemacht. Kristian wollte sowieso nicht alles auf einmal rüberschaffen. Zwei große Warmhaltetöpfe und der Spender wechselten in eine andere Zeit. Bewusst sprang er hinter die Pferdeställe, wo sie keiner sah. »Geht um den Stall, dann seht ihr die Hochzeit.« Er suchte Hanna, um ihr zu sagen, dass die Kartoffeln schon hier waren. Er winkte, bis Hanna ihn sah. »Du kannst das Essen auftragen lassen, ich hole jetzt den Rest.« Hanna blickte an Kristian vorbei, auf den edlen Spender. »Von ihm kommt das Essen«, erklärte Kristian. »Dann kommt, ich stelle euch das Hochzeitspaar vor.« Sie nahm den verblüfften Mann an die Hand und zog ihn hinter sich her. »Dieser Mann hat das Essen gespendet«, sagte sie zu Ludwig. »Seid unser Gast.« So hatte Kristian sich das nicht vorgestellt. Was soll's, er holte die anderen Töpfe. Schüsseln mit Fleisch vom Spieß standen schon auf den Tischen. Kartoffeln waren noch nicht bekannt und wurden misstrauisch begutachtet, dann aber auf die Teller geschaufelt. Ebenso die Soße und das Fleisch. Lena vergaß ihren Beruf nicht und schoss Foto über Foto. »Wo kommen sie denn her«? fragte Lena, als sie den Spender sah.
»Edra hat mich mitgenommen.« Zum Glück waren Jessika und Silke kaum von den anderen Frauen zu unterscheiden, sonst bestand die Gefahr, dass der Mann Jessika in ihre Welt wieder erkennen könnte. Mit der Zeit kehrte Ruhe ein, weil sich alle zum Essen niederließen. Nach dem Essen wollte das Brautpaar in der Burg die Geschenke begutachten, die Gäste waren auch neugierig. Die Geschenke aus Kristians Zeit fanden besondere Beachtung. Jeder befühlte die weichen Decken. Die Spirituslampe spendete helles Licht. Jessika ging zu Hanna, die eine Decke befühlte. »Zwei der Decken sind für dich und den Grafen.«
»Sie sind von dir?«
»Zwei Stück ja.« Plötzlich gab es hinter ihnen ein Gedränge. Die Gäste machten eine Gasse frei. Hera ging auf das Brautpaar zu. »Unser König und Königin schicken durch mich Grüße an euch.« Ein Raunen ging durch die Anwesenden. Wer konnte von sich behaupten, je von einem Elfen Grüße erhalten zu haben. »Als Zeichen unserer Freundschaft, überbringe ich dieses Geschenk.« Auf seinen geöffneten Händen lag ein kleines Päckchen. Ludwig nahm und öffnete es. Ein funkelnder Stein an einer goldenen Kette. Ludwig nahm die Kette heraus und legte sie Isabel um den Hals. Einen so großen Stein hatte keiner der Anwesenden vorzuweisen.
»Wir danken dem König und seiner Frau für dieses wertvolle Geschenk.« Damit war der offizielle Teil für Hera beendet.
Er kam zu Kristian und begrüßte ihn wie einen alten Freund. »Kannst du bleiben«? fragte dieser. Hera blickte sich um und sagte dann, »ja, ich kann.«
»Hast du Hunger?«
»Ein Stück Braten wäre nicht schlecht.«
»Dann komm.«
»Kristian, warte«, rief Jessika. Lena und Silke im Schlepptau kamen sie auf beide zu. »Hera darf ich vorstellen, das sind Lena und Silke, Freundinnen von Jessika.«
»Es ist mir eine Ehre«, sagte Hera.
»Wir wollten gerade zum Bratspieß gehen.«
»Wir kommen mit«, sagte Lena. Wo sie entlang gingen, verdrehten die Leute ihre Hälse. »Ich sehe, euer Großvater unterhält die Damen«, stellte Hera fest.
»Er zeigt ihnen, wie er Feuer aus seiner Faust zaubern kann.« Großvater sah sie kommen, »meine Damen«, sagte er, »darf ich ihnen Hera, Bruder der Königin aus dem Elfenreich vorstellen.« Die Damen waren vorsichtig, man konnte ja nie wissen. »Bleibst du bis zum Turnier«? fragte Kristian Hera.
»Ja, ich glaube schon.« Der Mann, der die Kurbel des Spießes drehte, wusste nicht, ob er bleiben oder wegrennen sollte.
»Ich beiße nicht«, sagte Hera zu ihm. »Gib mir ein Stück.« Der Mann säbelte ein großes Stück Fleisch herunter und reichte es Hera auf einen Holzteller. Zuschauen macht hungrig und Kristian ließ sich auch ein Stück Fleisch reichen. Die Frauen waren inzwischen weitergegangen.
»Jessika hat mir erzählt, wie gut es ihr bei dir gefallen hat.« »Sie darf gerne noch einmal kommen, und wenn du willst, du auch.« Nach und nach schoben die Gäste ihre Teller weg, dann wurden schon Tische und Bänke beiseitegeschafft, um Platz für das Turnierfeld zu schaffen. Turnier war wohl etwas übertrieben, so viele Kämpfer gab es nicht. Auf Pfosten, die schon in den Boden gerammt waren, wurden Stangen befestigt.
Aus Filmen wusste Kristian, dass auf beide Seiten Ritter mit Stoßlanzen hier gegeneinander entlang reiten würden. Die Regeln wurden festgelegt, größere Verletzungen sollten vermieden werden.
Die ersten Ritter machten sich bereit. Ihre Helme waren verziert ebenso wie ihre Rüstungen. Die vier Meter langen Stoßlanzen sind bunt bemalt, die eiserne Spitze, durch ein aufgeschobenes Krönlein entschärft. Die Pferde, ebenfalls in bunte Tücher gehüllt, tänzelten unruhig. Ein Ritter ritt zum anderen Ende des Platzes, die Stoßlanze im Anschlag. Auf ein Kommando ritten beide, getrennt durch die Stangen in der Mitte, aufeinander zu. Jeder versuchte, den Gegner aus den Sattel zu heben. Die Lanzen trafen zwar ihr Ziel, aber kein Ritter schaffte es, den Gegner zu Fall zu bringen. Ein erneuter Anlauf. Dieses Mal versuchte ein Reiter die Lanze des Gegners, beiseite zu drücken. Der Stoß ging ins Leere und brachte den Ritter ins Wanken, wodurch er vom Pferd herunter fiel. Die Zuschauer klatschten Beifall.
Der Verlierer nahm es gelassen und reichte dem anderen seine Hand. Schon machten sich die nächsten Ritter bereit. Schwarz wie das Pferd war auch der Ritter. Ein Rabe zierte seinen Helm. Da brauchte man nicht lange raten, wer der Ritter war. Der Gegner, kleiner, saß ebenfalls auf einem rabenschwarzen Pferd. Die Bewegungen dieses Pferdes waren um ein Vielfaches schöner, der Kopf erhabener als das Pferd des schwarzen Ritters. Rudolf saß auf seinem besten Pferd und es wurmte ihn sicher, nicht auch solch ein Pferd zu haben. Er war auf dem Weg zur anderen Seite, als er sein Pferd in der Mitte des Turnierplatzes anhielt. »Ihr seid bestimmt ein mutiger Ritter«, sagte er laut, damit es auch alle hörten, zu seinem Gegner. Auf einmal wurde es still. Alle waren gespannt, auf das, was jetzt folgen würde.
»Wir sollten mit der Spielerei aufhören«, sagte der schwarze Ritter, »lasst uns kämpfen, wie es sich für einen Ritter gehört, oder habt ihr Angst?«
»Er will das Pferd«, sagte jemand hinter ihnen.
»Er provoziert seinen Gegner, der, wenn er sein Gesicht nicht verlieren will, das Angebot annehmen muss.« So war es auch. Der kleine Ritter nickte. Die Reiter begaben sich in die Ausgangsposition. Dann kam das Zeichen. Als wenn die Pferde darauf gewartet hätten, rannten sie los. Beide Reiter trafen ihren Gegner. Der kleine Ritter nahm dem Stoß des Gegners durch eine Drehung seines Oberkörpers die Wucht.
Die Lanze rutschte am Brustpanzer ab. Rudolf, der die ganze Kraft in diesen Stoß gelegt hatte, wurde nach vorne geworfen, die Lanze neigte sich, bekam Bodenkontakt und katapultierte den Reiter aus dem Sattel.
Es wurde still, dann applaudierten sie dem kleinen Ritter zu. Der Rabe auf Rudolfs Helm hatte arg gelitten und würde jeden Moment herunter fallen. Wutentbrannt griff Rudolf nach oben, riss das traurige Gebilde von seinem Helm und warf es dem kleinen Ritter entgegen. »Komm herunter du Zwerg, der Kampf ist noch nicht zu Ende.« Eigentlich war der Kampf schon entschieden, ein Ritter auf dem Boden konnte gegen einen berittenen Lanzenträger nicht bestehen. Lass dich nicht darauf ein, dachte Kristian. Er wusste nicht, wem der kleine Ritter etwas beweisen wollte, auf jeden Fall stieg er von seinem Ross. Wieder wurde zum Ärger von Rudolf applaudiert. Die ersten Schläge wurden ausgetauscht. Rudolf, durch sein Visier behindert, riss seinen Helm herunter. Als wenn Kristian es geahnt hätte, kraftmäßig war der kleine Ritter unterlegen. Trotzdem parierte er Rudolfs Schläge mit Bravour, bis er aus dem Gleichgewicht kam und stürzte. Rudolf, der seine Gelegenheit sah, schlug sein Schwert gegen den Kopf des Gegners. Der kleine Ritter ging zu Boden und rührte sich nicht mehr. In Siegespose das Schwert nach oben gestreckt, stolzierte Rudolf um seinen Gegner.
Dieses Mal folgte kein Applaus. Seinen Bediensteten gab Rudolf einen Befehl, worauf diese das Pferd des Besiegten abführten. Hanna als Heilerin, rannte mit anderen zum Besiegten. Der Helm hatte eine Delle, Blut floss aus der Wunde. Zum Glück war es nicht so schlimm, wie es aussah, nachdem man den Helm entfernt hatte. Langsam kam er zu sich. »Mein Pferd?«
»Rabenfels«, murmelte einer. Kristian sah sich um. Johannes stand bei seiner Angebeteten. Kristian ging zu ihm. »Johannes, was soll das bedeuten, wieso bekommt Rudolf das Pferd des Besiegten?«
»Bei den großen Turnieren bekommt der Sieger die Rüstung und das Pferd des Besiegten. Der kleine Ritter hat sich darauf eingelassen, aber nicht jeder Ritter macht von seinem Recht Gebrauch.«
»Darf ich gegen Rudolf antreten«? fragte er.
»Wenn du ihn beleidigst.« Kristian ging zur Seite und holte seinen Stock. Damit betrat er den Turnierplatz.
»Rudolf, Graf von Rabenfels, ihr seid nicht würdig, Ritter genannt zu werden.« Wieder wurde es still. Die Leute reckten ihre Hälse.
»Traut ihr euch, gegen mich anzutreten?« Das konnte er nicht auf sich sitzen lassen.
»Was wollt ihr, Mann unbekannter Herkunft.«
»Da wo ich herkomme, beachtet man die Regeln«, schleuderte Kristian ihm entgegen. Rudolf kam, die Rüstung hatte er schon abgelegt.
»Muss ich Angst vor euch haben, weil ihr einen Stock habt?«
»Wir spielen zu meinen Regeln«, sagte Kristian. »Solltet ihr besiegt werden, bekomme ich euer Pferd, eure Rüstung und das Pferd, welches ihr euch so eben ergaunert habt.«
»Und was wollt ihr dagegen setzen?«
»Solltet ihr gewinnen, lass ich alle eure Fenster verglasen.« Das war ein Einsatz, der mehr Wert war, als zwei Pferde und Rüstung.
»Ihr habt schon verloren«, sagte er siegessicher.
»Ihr seid ein Prahlhans«, entgegnete Kristian, »macht vorher euren Frieden mit Gott.«
»Um mit euch fertig zu werden, brauche ich keinen Gott«, konterte er. Er näherte sich Kristian langsam mit ausgestrecktem Schwert, um dann plötzlich eine Drehbewegung um die eigene Achse zu machen. Kristian leitete den Hieb mit dem Stock ab. Rudolf machte Ausfallschritte und hieb mit dem Schwert durch die Luft, als wollte er sie in Scheiben schneiden. Kristian wehrte einzelne Schläge ab, wich zurück, was Rudolf dazu verleitete, unvorsichtig zu werden. Kristian reizte ihn. »Was ist, seid ihr schon müde, ihr schnauft, als wenn euch eure Kraft verlassen hat.« Darauf erhöhte Rudolf sein Tempo.
»Wenn ihr so weiter macht, geht euch die Puste aus.« Jetzt gab Kristian das Tempo vor und zwang ihn zum Rückzug. Ein Schlag gegen das Schienbein ließ ihn stolpern, Kristian setzte nach und traf ihn am Kopf. Die nächsten Schläge trafen ihn mal mit der einen, dann wieder mit der anderen Seite seines Stocks. Kristian nahm keine Rücksicht, seine Schläge trafen ihn mit voller Wucht. Eine Drehung um sich selbst und Kristian rammte ihm seinen Stockende gegen die Brust. Das nahm Rudolf seine Luft und seine Gegenwehr. Er fiel auf die Knie und war zu keiner Gegenwehr mehr fähig. »Gebt ihr euch geschlagen«? fragte Kristian und hielt das eine Stockende auf ihn gerichtet? Rudolf wusste, wenn Kristian jetzt zuschlug, konnte es sein Ende bedeuten. Er ließ sein Schwert fallen. Dann setzte der Applaus ein. Johannes kam und klopfte Kristian auf die Schulter. »Johannes, kannst du jemand losschicken, der sich um meinen Gewinn kümmert? Wo ist mein Vorkämpfer«? fragte er.
»Er ist in seinem Zelt«, und er zeigte darauf. Kristian hätte es auch so gefunden, da Hanna es gerade verließ.
»Hallo Kristian, du hast gewonnen?« Er nickte.
»Wie geht es ihm?« Schon besser. Auf einer Liege lag der kleine Ritter.
»Ich bin Kristian.«
»Ich heiße Bernhard.«
»Bernhard, ich habe eben euren Widersacher geschlagen und euer Pferd für euch zurückgeholt«, sagte er.
»Wie meint ihr das«? fragte der Ritter.
»Dass das Pferd wieder euch gehört.«
»Das geht nicht. Ich habe es rechtmäßig verloren.«
»Rechtmäßig hattet ihr den Kampf schon vorher gewonnen.«
»Das mag stimmen.«
»Also abgemacht, ihr nehmt euer Pferd zurück, wendet euch an Johannes den Sohn des Grafen.«
»Ich danke euch, kommt uns mal besuchen.«
»Das werden wir«, sagte Kristian und verließ das Zelt. »Das Turnier war abgebrochen worden, nach diesem Zwischenfall, wollte keiner mehr kämpfen. Dafür gab es Gesprächsstoff genug. Hera, wo war er geblieben? Er fand ihn auf einen Gatterzaun sitzend, wie er das Treiben beobachtete.
»Kristian, warum hast du gegen Rudolf gekämpft?«
»Weil ich ihn nicht mag und der kleine Ritter mir leidtat.« »Was ist mit ihm?«
»Er wird schon wieder. Komm, wir schauen mal, wo die Anderen sind.« Das Hochzeitspaar und Hanna saßen an einen der langen Tische. »Kristian, Hera, setzt euch zu uns.«
»Toller Kampf«, sagte Ludwig, »wir sollten unsere Schwerter beiseitelegen und mit dem Stock kämpfen. Nimm dich vor Rudolf in acht, diese Niederlage vor allen Gästen, wird er dir niemals verzeihen. Was hast du mit deinen gewonnenen Pferden vor?«
»Es ist nur noch eins, eins habe ich schon verschenkt.«
»Darf man wissen an wen?«
»An seinen rechtmäßigen Besitzer, Ritter Bernhard.«
»Er hat dir leidgetan«? stellte Isabel fest. Er nickte.
»Und das Pferd von Rudolf?«
»Ich könnte es euch schenken, aber damit würde ich seinen Zorn auf euch lenken.«
Ihm fiel ein, dass der Spender des Essens hier immer noch herumlief. »Habt ihr ihn gesehen?« Auf ihre fragende Blicke sagte Kristian, »den Spender des Essens.« Allgemeines Kopfschütteln.
»Dann werde ich ihn wohl suchen müssen.« »Hera, entschuldige mich einen Augenblick, ich muss den Mann suchen.« Johannes hatte ihn gesehen und gab ihm den entscheidenden Hinweis. Der Mann saß beim Ausschank des Bieres und hatte mehr getrunken, als im guttat. »Ich bringe sie zurück«, sagte Kristian, und ehe er protestieren konnte, war er Zuhause. Morgen früh würde er annehmen, dass er alles nur geträumt hatte. Zurück, suchte er Silke und Jessika. Umgeben von Männern ließen sie sich den Hof machen. Da wollte er nicht stören und ging durch eine Reihe abgestellter Wagen, auf denen die Zelte herbeigeschafft waren. Ein Geräusch hinter ihm, noch im Drehen sah er etwas auf sich zukommen, dann wurde es dunkel. Als er wieder zu sich kam, wusste er nicht, was geschehen war. Er lag in einem Wagen, von Dunkelheit umgeben, und fuhr einem unbekannten Ziel entgegen. Seine Hände waren hinter dem Rücken zusammengebunden. Auf ihm lag eine Last, die ihn fast erdrückte. Hilfe konnte er nicht erwarten und er spürte sein Medaillon nicht. Der Gedankenleser war sicher auch weg. Auch wenn der Entführer nicht wusste, was es mit den Sachen auf sich hatte, er wollte auf Nummer sicher gehen und hatte ihm die Sachen abgenommen. Irgendwann, er hatte das Zeitgefühl verloren, blieb der Wagen stehen, fuhr dann wieder an. Dieses Mal klang es so, als würde der Wagen über Holzbohlen fahren. Eine Zugbrücke kam ihm in den Sinn. Der Wagen hielt wieder. Die Last, die ihn zu erdrücken drohte, wurde entfernt. Das Erste, was er sah, war ein hämisch blickender Mann mit einer Augenbinde. Kristian fiel sofort ein, wo er ihn schon mal gesehen hatte. Dann erkannte er, wo er war. Er war in der Burg Rabenfels. Zwei kräftige Männer hoben ihn aus dem Wagen und stellten ihn auf die Füße.
»Na, Elfenfreund, wo sind deine Freunde.«
»Sie werden kommen«, sagte Kristian. Sie lachten.
»Graf Rudolf, euer Gastgeber, hat ein schönes Plätzchen für euch bereitgestellt.«
Sie führten ihn über eine Holztreppe, die nach oben führte in den Bergfried, und schoben ihn durch eine kleine Tür. Dann ging es wieder herunter. Der Weg hinab war bedeutend länger wie der Weg hinauf. Unten angekommen sah er drei mit Gitter getrennte Zellen. In eine wurde er hineingestoßen. Sie nahmen ihm die Fesseln ab und schlossen die Tür. Noch war das Verlies durch eine Fackel beleuchtet. Er sah sich um. Stroh bedeckte den Boden. Ein Eimer stand in der Ecke. In der äußeren Zelle sah er eine bewegungslose Gestalt auf dem Stroh liegen. Kristian setzte sich auf den Boden und lehnte sich gegen die Wand.
Die Schmach musste Rudolf zu dieser Tat verleitet haben. Kristian dachte an seine Freunde. Was würden sie denken, wo er war? Die Fackel brannte herunter. Dann, es musste Abend sein, kam jemand die Treppe herunter, eine Fackel in der einen und zwei Näpfe in der anderen Hand. »Ich bringe euer Abendessen.« Er schob es unter das Gitter durch.
»Ist Rudolf wieder da«? fragte Kristian.
»Nein,« war die kurze Antwort. Die Fackel wurde in die Halterung gesteckt, der Mann ging nach oben. Jetzt erst regte sich sein Mithäftling. Er schaufelte sein Essen in sich hinein.
»Wer seid ihr«? fragte Kristian.
»Ich bin ein Händler und Jude, David ist mein Name. Ich kam auf die Burg, um meine Waren anzubieten. Graf Rudolf wollte nur die Hälfte des Wertes bezahlen. Als ich nicht darauf einging, verwies er mich aus seine Burg, um mich, als ich außer Sicht war, wieder einzufangen und nach hier unten bringen. Er hofft, aus mir ein Lösegeld pressen zu können. Ich bin aber nicht bereit, eine Lösegeldforderung zu unterschreiben.«
»Wie lange seid ihr schon hier?«
»Ich habe die Tage nicht gezählt.«
»Ich bin Kristian und habe Rudolf im Zweikampf besiegt. Von mir will er kein Lösegeld, seine Rache ist ihm wichtiger. Er will mich hier verfaulen lassen. Euch kann er jetzt auch nicht mehr laufen lassen, ihr könntet erzählen, wo ihr mich getroffen habt.«
Am nächsten Morgen kam Rudolf persönlich zu ihnen herunter. »Ihr habt es aber gemütlich hier, den ganzen Tag auf der faulen Haut liegen.« Als er keine Antwort bekam, zog er etwas aus seine Tasche. »Ich habe euch etwas mitgebracht.« Es war Kristians Medaillon und der Gedankenleser. Er suchte und fand einen Haken gegenüber Kristians Zelle und hing das Medaillon daran. Den Gedankenleser legte er auf einen vorstehenden Stein an der Wand.
»Ich bin mir nicht sicher, ob diese Sachen einen magischen Zweck erfüllen. Deshalb bleiben sie besser außerhalb eurer Reichweite.«
»Jetzt habt ihr schon Angst vor meinem Medaillon. Ihr habt doch auch eine Kette um, sind diese auch magisch?«
»Über euch gibt es zu viele Geschichten, da kann man nicht vorsichtig genug sein.«
»Ihr wisst, dass ihr eines Tages dafür bezahlen müsst«? fragte er. Obwohl Rudolf nicht wusste, dass er ein Ortungsgerät in sich hatte, tat er das einzig richtige. Er versteckte ihn tief unter der Erde und Steinen. Kristian machte sich keine Illusionen, hier würde ihn kein Ortungsgerät erreichen. Sein Blick fiel auf das Medaillon. Rudolf hatte es gesehen und sah sich in seiner Annahme gestärkt, dass das Medaillon wichtig für Kristian war. Kristian versuchte, nicht mehr hinzuschauen. »Ist es euer gekränkter Stolz, weswegen ihr mich entführt habt?«
»Habt ihr schon vergessen, dass ihr mich zur Wiedergutmachung in eines meiner Dörfer gezwungen habt?«
»Das war nicht ich, sondern euer Vater.«
»Das ist dasselbe.« Im Gehen drehte er sich noch einmal um. »Man macht sich Sorgen um euch, weil ihr einfach gegangen seid, ohne euch zu verabschieden.«
»Ihr solltet euch lieber Sorgen machen, wenn man mich hier findet.« Lachend stieg er die Stufen hoch. Mittags brachte der Kerkermeister das Essen. Es war ein Versuch wert. Er sprach ihn an. »Würdet ihr mich einmal nur ganz kurz das Medaillon berühren lassen?«
»Der Graf hat es mir ausdrücklich verboten«, sagte er. Kristian sah, dass der alte Mann zu viel Angst hatte.
»Könnt ihr denn wenigstens eine Nachricht an Falkenhorst schicken, ihr werdet fürstlich belohnt werden.«
»Wenn ich tot bin, nützt mir die Belohnung auch nichts mehr.«
Danach hatte Kristian es aufgegeben, die Tage zu zählen. David war schweigsam und in einer anderen Welt. Ihm würde es bald auch so ergehen.
Irgendwann erinnerte er sich an die Arbeit mit dem FBI.
Was hatte Susan Braun ihm über die Remoteviewer erzählt? Das war sicher nicht viel und er ärgerte sich, dass er nicht weiter nachgefragt hatte. Nur wenig hatte er ihren Gedanken entnommen.
Allein die Tatsache, dass man seinen Körper verlassen konnte, gab ihm Hoffnung, es ihnen gleich zu tun.
Er legte sich ausgestreckt auf das muffige Stroh und entspannte sich so gut es ging.
Schon sehr geschwächt, versuchte er, seinen Gedankenstrom unter Kontrolle und zum Schweigen zu bringen. Plötzliche Stille. Es war schön, keine störenden Gedanken, er vergas seine Gefangenschaft. Nach einer Weile, er wusste nicht wie lange, zuckte sein Körper zusammen und brachte ihn in die Wirklichkeit zurück.
Die Tage vergingen, ohne dass er die Trennung seines Ätherkörpers erreichte. Er hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben, da passierte es. Sein Körper war wie gelähmt. Er bekam Angst, dachte noch, auch gut, endlich ist alles zu Ende, als er an Jessika dachte. Sein Ätherkörper zerrte an ihm, als wollte er auf Reise gehen. Gib ihn frei sagte er sich, lass ihn los. Kaum ausgesprochen, war der Ätherkörper frei, erhob sich schwebend und Kristian sah unter sich seinen physischen Körper ruhen. Bis unter die Decke schwebte sein Ätherkörper und er bekam Angst, gegen die Decke drückt zu werden.
Wie von unsichtbarer Hand geleitet, richtete sich sein Ätherkörper von der waagerechten in die senkrechte Lage. Nicht lange danach, verschwand die Lähmung und er konnte sich frei bewegen. Welch ein erhabenes Gefühl. Er stand neben seinem physischen Körper, blickte auf ihn herab und merkte, wie eine unsichtbare Kraft ihn zu dem vor ihm liegenden Körper zurückzog. Schnell machte er einen Schritt zurück, stand mit dem Rücken gegen das Gitter, als er merkte, dass dieses keinen Widerstand mehr bot und er plötzlich vor seine Zelle stand. Jetzt erst begriff er, dass er die Trennung geschafft hatte und er mit seinem Ätherkörper auf die Reise gehen konnte. Sein Medaillon. Er griff danach, konnte es nicht ergreifen.
Sein Ätherkörper schoss erst langsam, dann schnellerwerdend davon. Kristian versuchte einen Hinweis zu finden, wo er sich befand, sah sich von einem Dämmerlicht umgeben. Zeit und Raum schien hier keine Bedeutung zu haben. Vor ihm ein Tunnel. War es der Gleiche, vor dem er sich schon einmal gefürchtet hatte? Er erinnerte sich, dass er schon einmal vor einem hellen Tunnel gestanden hatte, und zwar in einem Traum. In diesem stand er vor der Entscheidung, hindurchzugehen oder nicht. Eine innere Stimme hatte ihm gesagt, wenn du da jetzt hindurchgehst, stirbt dein physischer Körper, was ihn letztlich davon abgehalten hat, hindurchzugehen. Dieses war schon vor längerer Zeit passiert, er hatte es schon fast vergessen.
Die Geschwindigkeit wurde gestoppt. Der Tunnel sah aus wie eine mit Neonlicht ausgeleuchtete Röhre, die ihr Licht auch an die äußere Oberfläche weiter gab. Abwartend versuchte er zu ergründen, was ihn am Ende erwartete und wie das Ende des Tunnels aussah. Kein Laut drang an seine Ohren. Entgegen der schon gemachten Erfahrung, stellte sich dieses Mal kein Gefühl von Angst und Gefahr ein. »Jessika«, rief er und erwartete einen Widerhall. Nichts. Auf sein Gefühl vertrauend, er hatte so oder so keine andere Wahl, schwebte er näher. Eine Gestalt von unwirklichem Licht umgeben, schwebte auf ihn zu.
»Wer bist du?«
»Ich bin dein Seelenbegleiter.« Kristian schossen die Tränen in die Augen. Er wusste nicht, wie oft er schon vor seiner Entführu